Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1900-03-09 · 10 (9.3.1900) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2432763-2432811-2432821--0461-2434086
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wien, Freitag Jüdisches Voiksblatt 9. März 1900 Seite 3 Nr. 10 Allgemein kulturelle Fragen müssen die Inden nnterstntzcn, aber praktisch, von ihrem nationalen Standpunkte ans benrtheilen. Hüten jedoch müssen sich die Juden, in jedem Programme allsogleich das Endziel zu suchen und es als Hauptsache aufzustellcn; darin besteht die Realpolitik nicht, dass sie mit den praktischen Erfolgen beginnt. Eine gesunde Realpolitik sucht das Volk i m K a m p f e und durch den Kampf zu stärken, und die Stärke im Kampfe ist an sich schon ein großer Erfolg solch einer Politik. Jede Position muss ein Sprungbrett für weitere Erfolge sein. Ist und bleibt der Zionismus das Ideal der jüdischen Volksbewegung, so ist die „Jüdische Vvlkspartei" die Vertreterin der praktischen Realpolitik. Das Ideal mag jeder nach seiner eigenen Enkpfindung vor sich sehen; in der Verfolgung der realen Politik muss das Judenthum einig Vorgehen. Es muss sich organisieren, in den Ländern als Partei, in der ganzen Welt als Religionsgemeinschaft, als Volk! Mit der Summe des Talentes, über welche das Judenthum verfügt, muss und wird die Arbeit gelingen! Besonders, wenn alle znsammengehen, als treue Sohne des jüdischen Volkes! Dass sich an den Vortrag des Herrn Rappaport eine sehr anregende Debatte knüpfte, war ein directer Erfolg der wirklich überzeugenden Rhetorik des Vortragenden; dass der Vorsitzende des Vereines, Dr. W e i s l, von dieser Rede einen Ausgangspunkt nahm für eine weitere engere Annäherung der beiden Gruppen, die er, die Herr Rappaport präsentieren, das ist ein bedeutsamer Schritt auf dem Wege der Organisation des Judenthums, für welchen die sichtliche, tiefe Ueberzeugnug des Vortragenden das Verdienst in Anspruch nehmen kann. Angesichts dieses praktischen Erfolges hat die an den Vortrag angeknüpfte Declaration verschiedener persönlicher Standpunkte keine festzuhaltende größere Bedeutung. In der Debatte sprachen die Herren Sofer, Bernhardt, Dr. Werner, Groß und Braunstein. Prag. (V e r s a m m l u n g.) Den Schluss einer ganzen Serie jüdischer Versammlungen bildete jene des „Indischen Volksvereines", welche am 28. Februar abgehalten wurde. Dieselbe tvar in jeder Beziehung gelungen. Der Vorsitzende wies m den einleitenden Worten darauf hin, dass nun, obwohl »tan hier die Volksbewegung, Zionismus genamrt, bisher ignorierte, sich alle Juden, m welchem Lager sie sich auch befinden mögen, genöthigt sehen, zu ihm Stellung zu nehmen. Als erster Redner ergriff das Wort Herr Wertheimer, der den Scandal „Araten" behandelte. In packenden Worten setzte er auseinander, wie die jüdische Gleichberechtigung eigentlich, in der Nähe besehen, ausschaut. Denke man sich den Fall umgekehrt, welcher „Sturm von Entrüstung" würde ganz Oesterreich, ja Europa, durchbrausen, wie viele Juden würden Gut und Leben zu beklagen haben? So aber beweinen bloß die Eltern ihr Kind und die Inden ihre Rechtlosigkeit, sonst schweigt das Rechtsgefühl aller maßgebenden Factoren. Hernach sprach Herr L u r j e, der die Impertinenz der „Narodni Listy" nach Verdienst würdigte, die es iit ihrer bodenlosen Verworfenheit nicht verschmähte, den „protestantischen" Ritualmord in Holland mit der Spitzmarke: „Eine blutdürstige jüdische Secte" zu versehen. Ein derartiges Blatt ist der Dolmetsch einer ganzen Nation, die nach Gleichberechtigung ruft! Wie tief, wie beklagenswert tief sank das Niveau des öffentlichen Gewissens und der Moral! Laktef Wilna blickte durch das Fenster in das Stübchen' und als er Esther so stehen sah in dem hübschen Kleide und der prächtigen Pelzjacke, da dachte er: Was für ein schönes Mädchen, und so brav, und klug, und reinen Herzens, warum soll sie nicht finden einen Mann? Sie aber lächelte und sprach: „Tate, wer soll mich nehmen, die keinen Groschen hat?" „Weißt Du was," flüsterte Tobia, „Du sollst versuchen Dein Glück, Esterka, und am Schuschan-Pnrim legen eilte Schlinge." „Warum nicht," rief Esther lachend, „ich will gehen auf die Straße und tvill legen einem Manne eine Schlinge, aber wert» ein Alter schreitet über die Schlinge und fängt sich, oder einer, der einen Buckel hat?" Sie lachte und lachend riss sie sich drei ihrer glänzenden schwarzen Haare aus und knüpfte sie zu einer Schlinge, während ihre rothen Lippen kabbalistische Worte murmelten, mtd Laktef Wilna sah die Schlinge knüpfen und lachte mid dachte: „Warte nur, Du sollst den losesten Vogel der ganzen Khille (Gemeinde) fangen in Deiner Schlinge." Und als Esther vorsichtig atls dem Hause trat, tvar Haman von seinen Stelzen herabgestiegcn, hatte Hut und Gewand und Nase seinem Freunde übergeben, und in dem Augenblicke, wo sie die Schlinge gelegt hatte mtd sich scheu iu das Hausthor znrückzvg, kam Laktef Wilna daher, schritt über die Schlinge himveg mtd war gefangen, und Esther mit ihut, denn er erhaschte sie im Hansthvre, schlug die kräftigen Arme um die schlanke, bebende Gestalt und küsste sie auf die rothen Lippen. Sie machte sich lvs und floh die Treppe hinan. Am nächsten Morgen beklagte Fruit Zuckerspitz ihre Kazabaika und Veigelstock seinen Kaftan und der Trödler seine Stiefel, und Laktef Wilna erschieti und klärte alles auf. — „Ich habe genommen Ihre Kazabaika ntid habe sie gegeben einem armett Mädchen," sprach er zu der schönen Kokette, „und sie glaubt, dass der Prophet Elias sie hat beschenkt, aber Sie sollen die Kazabaika tvieder haben." „Nein! nein!" rief die Schöne, „sie tvar so nicht mehr ganz neu. Sie haben gethan ein gutes Werk für tuich und mein Mann soll mir kaufen eine neue." Und genau so ergieng es ihm bei den anderen, demt einen Armett beschenkett, ist für den gläubigen Jttden stets nur eine Freude. An demselben Vormittage erschien aber der alte Wilna bei Tvbia Fischthran und hielt bei ihm für seinen Sohn um Esther an. Nach Herrn M.-U.-Dr. K o h n, der in ausführlicher Weise die Idee des Zionismus erläuterte und die Meinungen bedeutender Personen über denselben citierte, ergriff Herr Jur.-Dr. Singer als Contra-Redner das Wort in czechischer Sprache. Durch anderthalb Stunden mühte er sich ab, den Juden alles das, was selbst ihre Feinde ihnen, widerwillig zwar, lassen müffen, abzusprechen, sogar ihre Nasen, die, wie er behauptet, nicht jüdisch seien. Wahrend dieser Rede bewies der „Jüdische Volksvcrein", dass er allen Richtungen Redefreiheit gestatte; denn trotzdem diese Rede in vielen Beziehungen einer Obstructionsrede glich, wurde selbe mit Geduld und ohne Widerspruch an gehört. Nun aber kant ein Arier, Redactenr L a n g n e r des „Czas", der zufällig anwesend war, zum Worte und zerstörte das künstliche Gebäude des Vorredners mit einigen kurzen Sätzen. Er führte unter anderem au, der Jude erwecke solange Misstrauen, insolange er sich anderen Nationen anzubiedern bestrebt sei; sobald er sich aber auf seine Nation zurückziehen wird, wird er nicht gezwungen feilt, je nach Bedarf eine neue zu annectieren. Jedermann wird dann wissen, woran er mit ihm ist; der Jude wird zwar keine Brüder finden, dafür aber Freunde, die ihn achten und schätzen werden als wahrhaften Mann und Bürger. So sprach ein C h r i st. Prag. (D e r „C z a s" u u d die „N a r o b tt i L i ft y".) In seiner letzten Nummer schreibt der „Czas": Die jungczechische Partei bewarb sich bei der letzten Wahl Professor Czelakovskys um die Stimmen der Juden. Wir haben davon Kenntnis, und die Wahrheit dieses Factums bestätigen attch die „Radikalui Listy" (B a x a s Organ). Sie bewarb sich um die Judenstimtnen, und zunt großen Theile erhielt sie sie auch. Wir wartetett aus eine ähnliche Gelegenheit, damit wir im gegeben ctt Falle gewisse Aufklärungen geben könnten. Als in unserem Blatte auch jüdische Inserate erschienen, hörtett wir die Vortvürfe, dass wir inconsequent seien. Den „Narodni Listy" hätten wir vorgeworfen, dass sie jüdische Inserate veröffentlichen, und flugs nehmen wir sie selbst auf. — Nun, heute begreift man vielleicht, welcher Unterschied zwischen uns und den Jungezechen, hauptsächlich den „Narodni Listy", besteht. Der Unterschied, dass „Narodni Listy" eine antisemitische Beilage („Sipy") erhalten, dass sie selbst von Zeit zu Zeit — wie bei den Prager Excessen — auf die Juden zuhauen, dass es eine Freude ist, aber sobald die politische Nothwendigkeit cintritt, sind ihnen die Juden willkommen, werden die Juden anfgesricht: Samiel, hilf! Und immer werden die Judetr von der höchsten nationalen Instanz begrüßt, nämlich von der Administration der „Narodtti Listy", welche jüdische Firmen mit Insertions-Anträgen (selbst deutschen) überschwemmt. Glaubt jedoch nicht, dass die Partei besser ist als ihr Organ. Rie Jungczecheupartei hat in ihren Füttfer-Organisationen eine Reihe einflussreicher jüdischer Capacitäten. Wenn mancher unter diesen denn doch Ehre im Leibe fühlt und sich von den Organen der eigenen Partei nicht stoßen lassen will, schnell eilt Dr. Skarda ans die Brandstätte löschen: „Sehr geehrter Herr! Unsere Partei hat in der religiösen Frage schon so viel Enunciationen gethan, dass Ihnen klar sein muss, dass ihr die Freiheit des religiösen Bekenntnisses nicht bloß Phrase ist, sondert! ein wirkliches Princip . . . Wenn Sie sich auf diesen oder jenen Zeitungsartikel beklagen, bedenken Sie, dass manchmal wirklich eine solche Situation ist, dass der Schreiber, von Zorn ergriffen, einen Ansdruck gebraucht, den er in ruhiger Stimmung nicht gebrauchen würde. Herr Dr. Za lud, der treu in unserer Partei arbeitet, kann Sie belehren, dass der verschrieene Brzezuovsky kein Antisemit im Wiener Sinne ist und dass er nur Israeliten rügt, die unter uns wohnen und es mit den Deutschen halten. Arbcckmt Sie weiter eifrig für unsere Sache, und ich wünsche Ihrem Bemühen bas beste Gelingen." — Wenn's noch ärger ist, muss selbst der verschrieene Brzezuovsky auf die Spritze aufsetzen und zu löschen ausfahren. Er bittet dann, dass man ihm die Ausdrücke über die Prager Juden nicht verarge. Er entschuldigt sich, dass er nur gegen die deutschelnden Juden spreche, den böhmischen Inden sei er kein Feind. Und darin beruht die Falschheit, dieses Doppelspiel mit den Juden, auf tvelches wir stets hingewiesen habett. In der Zeit der Noch — Israelite, Freund, Czeche; in Zeiten mancher Ausschreitungen. in Zeiten der Volkserregungen, in Zeiten des P o l n a c v Mordes — I u d, Volksfeind, Volksa u s s a u g e r! Bis unsere Leser und jene, die uns Jnconsequenz vorgeworfen, bemerken werden, dass wir nach Umständen den Juden schmeicheln und ihre Fehler verdecken, nach Umständen sie an den Pranger stellen und auf sie Hetzen, dann erst können sie uns in einen Korb mit der juugczechischen Partei und ihrem Organ werfen. Wir tverden dann überwiesen und beschämt dastehen. Bis zu der Zeit jedoch fordern wir, und wir haben ein Recht dazu, dass tvir als ein gerechtes Blatt angesehen werden, das in der jüdischen wie in der christlichen Frage sich gleichmäßig verhält, d. h. rücksichtslos, ob Capacität oder Nichtcapacität. Warum „Nar. Listy" in den Sipy wegen jüdischen Inseraten Hetzen, darin ist eine besondere Klugheit. Damit wir's mit der Schaufel geben, sie wollen, dass wir dumm blieben. So lange tvir jüdische Inserate tticht annahmen, haben sie uns int Leben hierfür nicht belobt. Als sie jedoch vernahnten, der „Czas" werde ein Tagesblatt werden, erschraken sie, die Juden könnten sich besinnen und zu uns mit Inseraten gehen, ihnen den Nucken weisend. Deshalb verdient der „Czas" den Pranger, darum sind die jüdischen Inserate im „Czas" eine Bestechung. Darum soll „Czas" ans die jüdischen Inserate verzichten, damit sie selbst an ihnen zehren und einen jährlichen Reinnutzen von 80.000 fl. oder wenigstens 77.000 fl. haben können! Saaz. (Teutonische S ch w e i n e r e i e tt.) Ein Sturm der Etttrüstnng hat sich diese Woche in unserer Stadt erhoben, nicht nur unter den Inden allein, sondent auch unter allen anständigen, selbst deutschnationalen Bürgern der Stadt. Wir haben hier alle Stufen deutscher Cultur und Bildung kennen gelernt, von der rüdesten Beschimpfung bis zum Fenstereinschlagen. Aber was sich die „Nationale Zeitung" in ihrer letzten Nummer leistet, das übersteigt alle Grenzen der schamlosesten Gemeinheit. In einem Artikel, der sich „C h r ist l ich e I n d e n - A m nt e n" betitelt, wagt es ein elender Scribler, das Heiligthnm, das selbst unseren ärgsten Gegnern Scheu und Respect eiuflößt, auf das schmutzigste zn besudeln: unser Femilienleben. Der Artikel, von dem ich nicht einmal sprechet! filmt, ohne vor Ekel einen Gallengeschmack auf die Zunge zu bekommen, wettert gegen Ammen, die sich in jüdische Dienste begeben. Das ist natürlich der Deckmantel. Hauptsache ist Besudelung und Beschimpfung. Ich will eitrige Stellen ans diesent lumpigen Gewäsch citieren; vielleicht werden unsere „deutschen Stammesgenossen mosaischer Confession" doch endlich erkennen, was sie sich von den Deutschen zn erwarten haben. Z. B.: „Kommt es doch bisweilen vor, dass junge Ammen selbst für alte, abgelebte Juden zur Anffrischnng ihres matten Blutes gesucht werden." Nachdem der Artikel nvch frech zu „beweisen" sucht, dass es eigentlich mit der Keuschheit mtter den jüdischen Frauen nicht weit her ist, schließt er: „Schon im Alterthunt war das Hcbräervolk wegen seiner orieutalischeu Geilheit berüchtigt, dessen Stammväter huldigten der Vieltveiberei. hatten Kebsweiber und Sclaviuneit, und selbst die „frvmmen", mächtigen und weisen Judenkönige David und Salomo» besaßen einen mit bunderteu Weibern wohlbesetzten Harem, der einem türkischen Sultan alle Ehre tnacheu würde." Derlei gemeinen Insulten ist man schutzlos preisgegeben, und trotzdem ist die Prager „Gemeinde-Zeitung" noch ittmter deutschliberal, und trotzdem halten Juden mit ihrem Gelde das Casino ttvch immer aufrecht. 0 sancta simplicitas! Gger. (D e u t s chnation a le Freiheitsbegriffe.) Unsere Deutsch-Nationalen sind bekanntlich Freiheitshelden. Sie kämpfen unentwegt gegen Pfaffenthttm und Finsternis —nur bei den Juden hört bekanntlich jedes Recht auf. Die Logik des deutsch - uatioualen Spießerthums ist ja zu bekannt, um darüber viel Worte zu verlieren. Aber in welch seltsame Conflicte diese Begriffe beit Deutsch-Nationalismus bringt, das beweist der Fall Araten. Unsere „Egerer Nachrichten" bringen einen flammenden Artikel gegen die brutale Klostergewalt und für den — Juden Araten. In dem Artikel heißt es : „Wehe aber, wenn im Volke der Glaube an die unparteiische und blinde Justitia nänzlich schwinden sollte, wenn sich dem einfachen Manne die Ueberzcugung aufdrängt: es i st u nw a h r, wie es im Staatsgruudgesetze heißt, dass vor dem Gesetze jeder Staatsbürger gleich ist." Man muss sich diese Worte der deutschnationalsteu aller ttationalen Zeitungen Nordböhmens wohl merken. Es wird sich Gelegenheit geben, den Herren ihre eigenen Worte unter die Nase zu reiben, wenn es sich wieder einmal um einen Ausfall gegen die Juden handelt. Wir sind leider hier gar nicht davon überzeugt, dass diese Erkenntnis den Herren bleibeu werde, wie ja der schamlose Antrag der Schönerer-Gruppe auf Beschränkung des Zulasses jüdischer Universitätshörer bewiesen hat, der von den „Nachrichten" mit höchster Freude begrüßt wurde. Recht für alle, nur nicht für Juden! Das sind deutsch-nationale Freiheitsbegriffe. Königgrätz. (Das Ende des N ach oder R i t u a l m o r d - M ä r ch e n s.) Im December vorigen Jahres wurde bekanntlich in Nachod das bei dem Papierhändler Emanuel K o h tt bedienstete Dienstmädchen Marie C z e r w i n k a vermisst. Die noch durch die früheren antisemitischen Excesse aufgeregte Bevölkerung erklärte sich das Verschwinden des Mädchens durch einen Rititalmord, und die Situation in Nachod tonrde so bedrohlich, dass siebzig Gendarmen dahin beordert werden mussten und ein Bataillon Infanterie in Königgrätz vier Tage hindurch marschbereit gehalten wurde. Als kurz nach Neujahr eine Hausdttrchsuchung bei Kohn stattfand und dieser verhaftet wttrde, stieg die Aufregung aufs höchste. Den Bemühungen der Behörde gelang es, den Leichnam des Mädchens aufzufinden, und die gerichtliche Commission stellte nun fest, dass die Czerwinka durch Selbstmord geendet hatte. Jetzt klärten sich alle jene Umstände, welche die Bevölkerung so erhitzt hatten, rasch auf. Insbesondere erwiesen sich die Blutflecken an dem Bette des Mädchens als Günseblnt. Kohn, welcher auf Grund der eidlichen Aussage des Häuslers Mathias Cejp aus Opocno verhaftet worden war, wurde selbstverständlich in Freiheit gesetzt. Cejp hatte beeidet, er habe in der Nacht gesehen, wie mehrere Männer vor dem H a tt f e Kohns einen Leichnam, welcher in einen Sack gehüllt war, aus dem Fenster her ab ließen. Dieser Mensch hatte bereits nach dem ersten Auftauchett der falschett Gerüchte einen Erpreffungsversuch an Kohn verübt. Nunmehr, da sich die vollständige Unwahrheit von Cejps Aussagen heransgestellt hat, wird sich dieser vor einem Erkenntnissenate des hiesigen Kreisgerichtes wegen falschen Eides und Irreführung der Behörden ztt verantworten haben. Ausland Berlin. (Antisemitische Landwirte.) Jtn Bnnde der Landwirte grassiert jetzt, nach einem authentischen Berichte über die letzte große Heerschau, „der antisemitische Geist so urkräftig, dass auch der schärfste Gegner des Judenthums seine Helle Freude daran haben konnte. Weil die antisemitische Partei sich in einem Gährnngsprocesse befindet und man den Antisemitismus schon total vernichtet glaubte, während man mächtige Fürsten in goldene Ketten geschlagen nnd ganze Staatsmaschinerien an den bekannten, nur helläugigen Leuten sichtbaren Fäden dirigiert, da erhebt diese „Schmach des Jahrhunderts", der Antisemitisutus, in diesett wohlgefügten Bauernorganisationen frech sein Haupt." Dass der Bttnd der Landtvirte seine Agitatioitsmittel fast ausschließlich der antisemitischen Rüstkammer entlehnt, wurde iit einer späteren antisemitischen Versammlung von dem jetzt im Dienste des Bundes der Landwirte stehenden Agitator Kreutz mit einem gewissen Stolze hervorgehoben: „Der Antisemitismus, rühmte er. breite sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.