Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 8 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 8 Wion, Freitag Jüdisches Volksblatt 23. Februar 1000 Seite 3 gegen den des anderen sorgfältig abgewogen werden muss, da ist in der Praxis oft ein Factor allein ausschlaggebend und wirkt entscheidend allein durch sich selbst, durch sein eigenes Gewicht. So ist denn auch die Frage, was ein Volk zusammenhält, in der Praxis längst entschieden. Es ist die gemeinsame Noth, die das stärkste Band der Volksgemeinschaft bildet. Wer eine Judennoth als solche anerkennt, der hat damit auch das stärkste Argument für die Existenz eines jüdischen Volkes, einer jüdischen Nationalität ausgesprochen. Wer hingegen die Existenz einer besonderen Judennoth in Zweifel zieht, der mag allerdings die Frage, ob die Juden ein Volk für sich bilden, als eine offene behandeln. So schreiend die Judennoth auch ist, so schwer dieselbe auf der weitaus überwiegenden Mehrheit der Juden lastet, eine allgemeine Anerkennung der Thatsache, dass eine Judennoth besteht, werden wir — darüber dürfen wir uns nicht täuschen — nicht erzielen. Es gehört eben schon eine gewisse geistige Kraft dazu, um die Wirklichkeit als solche zu erkennen und sich vor jeder Entstellung derselben zu bewahren. Nur zu oft sehen wir das wirkliche Leben wie durch geschliffene Gläser verzerrt oder wie durch farbige Gläser verfärbt. Gar oft verfälschen unsere eigenen Wünsche und Hoffnungen unsere Wahrnehmung und täuschen uns über die uns peinlichen Seiten des wirklichen Lebens hinweg. Aber das ist ein schwerer Fehler, der sich bitter rächt, wenn man nicht den Muth besitzt, die Wirklichkeit in ihrer völligen Nacktheit mit allen ihren düsteren und uns peinlichen Seiten zu erkennen. Wir können durch eine solche Selbsttäuschung das Unbehagen und den Schmerz, den uns die Einsicht in unsere eigene schlimme Lage verursacht, wohl ausschieben, aber keineswegs ersparen. Im Gegentheile, je früher wir das Uebel erkennen, umso leichter die Abwehr, während, wenn wir die Erkenntnis aufschieben, das Nebel inzwischen wächst und dessen Abwehr umso schwieriger wird. Darum ist die nothwendige Grundlage und unerlässliche Voraussetzung jeder gesunden Wirtschaft, jeder richtigen Politik die wahre Erkenntnis der Wirklichkei!, das Fernhalten von Täuschungen und Einbildungen. Erkennen wir Juden aber einmal unsere wirkliche Lage, sind wir uns klar über all die Gefahren, die uns bedrohen, sehen wir alle die Hemmnisse, die man uns bereitet, die unsere und unserer Kinder Existenz zu vernichten berechnet sind, lassen wir uns durch schöne Worte und süßliche Phrasen über die wahren Gesinnungen, die man gegen uns hegt, nicht täuschen, dann wird uns auch die Solidarität unserer Interessen von selbst einleuchten, dann werden wir uns unserer Zusammengehörigkeit bewusst werden, werden uns als besonderes Volksganzes, als eine Einheit fühlen, die nur durch ihre Geschlossenheit und ihre Organisation sich die Gewähr ihres Bestandes schaffen, sich zur Geltung bringen kann. Nur wenn wir selbst uns als eigenes Volk fühlen, werden wir die Kraft aufbringen, uns selbst zu helfen; solange wir uns selbst als Glieder einer anderen großen .Gemeinschaft betrachten, die von uns nichts wissen will, von der wir aber trotzdem Hilfe erwarten, verschwenden wir unsere Kräfte im Dienste anderer, statt dieselben zur Selbsthilfe zu concentriereu. Unsere Gegner betrachten uns als einheitliches Volk und wissen uns stets als Ganzes zu treffen. Solange wir selbst uns nicht als Volksganzes betrachten, solange sind wir den Angriffen unserer Gegner preisgegeben und stehen denselben macht- und wehrlos gegenüber. Nur im Bewusstsein dessen, dass wir ein Volk für uns bilden, werden wir uns so organisieren, dass wir die nöthige Widerstandskraft nach außen und die unerlässliche Festigkeit im Innern erlangen, um unsere eigene Existenz zu sichern und allen Gefahren trotzen zu können. Nur unsere eigene Organisation, darauf aufgebaut, dass wir ein Volk für uns selbst sind, auf sich selbst gestellt und lediglich auf die eigene Kraft angewiesen, kann uns vor Untergang retten und uns undunseren Kindern eine menschenwürdige Existenz verbürgen. Den Weg einer solchen Organisation müssen wir betreten, unbekümmert um unsere Gegner im eigenen Lager, die sich noch nicht zur Erkenntnis der nackten Wirklichkeit durchgearbeitet haben oder noch nicht das sociale Gefühl in sich entwickelt haben, dass sie, wenn sie selbst nicht leiden, doch die Leiden ihrer Brüder mitfühlen. Wir müssen diesen Weg auch rüstig weiter verfolgen, unbekümmert um die so billigen Vorwürfe des Egoismus, des Mangels an Patriotismus, des „Staates im Staate" u. s. w., wie wir Juden sie zu hören gewohnt sind. Denn wenn wir selbst uns nicht helfen, Hilst uns niemand, und dem Vaterlande, sowie dem Gemeinwohle können wir weit besser dienen, wenn wir selbst kräftig und tüchtig dastehen, als wenn wir, wie es unsere Compatrioten wünschen, wirtschaftlich geschwächt und sittlich gesunken sind. Wir wissen sehr wohl, dass man uns gebeugt und gedehmüthigt viel lieber sieht, mir wissen aber auch, dass wir, ausrechtstehend und schaffensfroh, weit nützlichere Glieder der Menschheit und des Vaterlandes sind. Dr. K.d. Inland. Wien. (D e r 70. Geburtstag eines jüdischen Gelehrten.) Am 11. Mürz d. I. begeht Herr Marcus W e i ß m a u n - C h a i e s, welcher in der jüdischen Gelehrtenwelt allgemein unter der populären Abbreviatur bekannt ist, seinen 70jähcigen Jubeltag. Wer dieser „Moach" ist, brauchen wir wohl jenen nicht erst zu sagen, die in unserer Zeit auch nur eine flüchtige Bekanntschaft mit dem Entwicklungsgänge der hebräischen, speciell der poetischen Literatur unseres Jahrhunderts gemacht haben. Es ist weit über ein ba.bi-s Jahrhundert her, dass der Name „W e i ß m a n n - C h a i e s" am Horizonte der jüdischen Schriftstellerei erschienen und seitdem zn den glänzendsten zählt, welche als mnstergiltige Vertreter des classischen Stiles in den Annalen der hebräischen Dichtung bleibend verzeichnet werden. „Moachs" Arbeiten, welche sich in zahllosen, der Förderung der heiligen Sprache gewidmeten fachwissenschaftlichen Zeit- und Sammelschristen zerstreut vorfinden, bilden schon numerisch eine ganze Legion; sie werden aber alle auch hinsichtlich ihres Inhaltes und des Gesammteindrnckes durch seine selbständigen Werke übertroffen, worunter ganz besonders jener alphabetisch geordnete Band „Dibre Chachamim ve-chidocham" an erster Stelle zu nennen ist. Der hier in Wien, II., Zwerggasse 5 in stiller Bescheidenheit und so anspruchslos lebende Gelehrte, welcher sich nie vorgedrängt hat und einzig und allein auf dem weitverzweigten Gebiete der jüdischen Gelehrsamkeit sein ganzes Menichenolter hindurch thätig war, verdient daher mit Recht die öffentliche Anerkennung und Ehrung, die wir hiermit seiner geistreichen Feder, als auch seinem vorzüglichen Charakter zollen, den er stets in der dreifachen Eigenschaft, als Mensch, Jude und armer Gelehrter, zu bethätigen gewusst hat. Wir wünschen dem verdienten Jubilar aus vollem Herzen Glück und Segen bis au die äußerste Grenze des Lebens! — ss— Wien. (A n s d e r P l e tt a r s i tz u n g d e s C u l tu svorstandes vom 20. Februar 1000.) An Spenden sind eingelaufen: Von Herrn Moritz Engel de Janosi ans Anlass des 80. Geburtstages des Herrn Adolf Engel de I a n o s i für das Siechenhans Kr. 500. Bon Herrn Herrn Wilhelm Steiner aus Anlass des Ablebens seiner Tochter Gertrnde für Arme Kr. 200. Von Herrn Dr. Joses Neugröschl für den Waisenverein Kronen 50. Von Herrn Dr. Leopold Kohn für einen Stiftungsbewerber als Gratiale Kr. 40. Von Herrn Dr. Alfred S t e r n für die Spitals- Aushilfseasse Kr. 20. Von Frau Fanny B a u e r für das Siechenhans Kr. 20. Von Frau Nina L e v n für den Frauen verein Kr. 20. Bon Frau Regina A r n st e i n für das Waisenhaus Kr. 10. Von Lisa voit C. für arme Juden Kr. 10. Kon I- S. für Arme Kr. 10. Herr Moriz Edler von Kuffner und Frau Katharina Oppenheim, geborene Edle von Kuffner, errichten zum Andenken an ihre selige Mutter Frau Rvsatie Edle von Kuffner mit dem Betrage von Kronen 3600 zwei Stiftungsplätze in dem zu errichtenden Sicchenhanse und ein Stiftnngsbett im neuen Pavillon des Spitales der israelitischen Cultusgemeinde. Im Einlaufe befindet sich eine Zuschrift des Herrn Moriz Ritter v. B o r k e n a u, mit welcher derselbe erklärt, für das Siechenhans einen jährlichen Beitrag von Kr. 100 zu leisten. Den Spendern wird der Dank votiert. Bei Anwesenheit der laut § 16 des Statutes vorgeschriebenen Anzahl von Vorstandsmitgliedern referiert namens der I. und IV. Section Herr Ober-Ingenieur v. Mises über die Herstellung eines den Verhältnissen . vollkommen entsprechenden rituellen Bades auf einem hierzu bereits in Aussicht genommenen passenden Grunde, und werden die Sectionsanträge nach einer längeren Debatte, an welcher sich die Mehrzahl der Vorstandsmitglieder betheiligt, zum Beschlüsse erhoben. Zur Verleihung gelangen nach dem Referate des Herrn Dr. Steiner ein Platz der Dr. Ignaz Lernberger'schen Heiratsausstattnngs-Stlftung per Kr. 278. Weiters die David Neumann'sche Verwandten-Stiftung im Gesammtbetrage von Kr. 416 an 27 Parteien. Ferner gelangen zur Verleihung nach dem Referate des Herrn Ober-Ingenieur v. Mises: die Josef Spitzer'sche Stiftung für des Ernährers beraubte jüdische Familien im Gesammtbetrage von Kr. 252 an vier Petentinnen. Die Ignaz Banm'sche Armenstiftung im Betrage von Kr. 440 an zehn Petenten, endlich die Dr. Max Friedländer'sche Ausstattungs-Stiftung im Betrage von Kr. 120 an ein armes Mädchen. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung um 9 Uhr abends geschlossen. Linz. (C u l t n s g e m ei n d e - W a h l e n.) Bei der am 18. Februar l. I. vorgenommenen Vorstandswahl in der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde wurden folgende Würdenträger gewählt : Herr Ignaz Hahn als Vorsteher, Herr Sigmund Kafka als Vorsteher-Stellvertreter. Als Vorstandsmitglieder die Herren: Max Bruder, Heinrich Freund, Markus F ü r n b e r g, Dr. Jakob Kaiser, Sigmund N o s s a l, Elias P o l l a k, Benedikt Schwager, Albert S t e r n s ch e i n, Bernhard T a u s s i g, Jonas T r e i ch l i n g e r. Als Ersatzmänner die Herren : Josef F e i t l e r, Eduard Stein, Jngenienr Salomon Stern. Als Vertrauensmänner die Herren: Josef Klein, Samuel Ni o st n y, Alois Spitz. Budapest. (Die A f f a l r e E g a n.) Bekanntlich hat vor kurzem ein ungarisches Regierungsorgan in der Provinz eine Rede gehalten, in welcher er in auffällig scharfer Weise sich über die jüdische Einwanderung und über die Juden überhaupt aussprach. Die gesammte Presse Ungarns nahm Stellung zn dieser Rede und die Art, wie das ungarische Negierungsorgan, der „Pester Lloyd" zu dieser Angelegenheit Stellung nimmt, ist lehrreich für uns. Der „Lloyd" fragt, ob Ungarn sich den Luxus eines periodischen oder localen Rückfalles in das Hepp- Hcpp gestatten könne, und antwortet darauf: „Wer diese Fragen verneint — und wir sind überzeugt, dass die erdrückende Mehrheit des ungarischen Volkes und seiner führenden Elasten sie ganz entschieden verneint —, der hat das priiicipiis obsta sehr wohl zu beachten. Schon darum, weil in unserer Nachbarschaft, im gebenedeiten Oesterreich, der antisemitische Cannibalismns ärger wüthet als irgendwo in der Well und wir den minder entwickelten Theil unserer Bevölkerung gegen das Contagium zn bewahren haben. Ja, die ernsten und besonnenen Männer hierzulande müssen umso sorgfältiger auf der Hut sein, als gerade durch die an sich uotifouuneu berechtigte Ruthenenaction eine gewisse „Judensrage" künstlich gezüchtet wird. Man beklagt sich über den Wucher, der die Ruthenen angeblich ruiniert, und üblichermaßen bringt man diese wirtschaftliche Misare mit den Juden in Verbindung. Nun weiß man ja ans Erfahrung, dass der Wucher keine Eonsession hat; aber angenommen, dass jüdische Wucherer sich in jenen Gegenden besonders bemerkbar machen — warum wendet man, wenn man die Beweise hierfür in Händen hat, nicht von Fall zn Fall das Gesetz in seiner ganzen Strenge, an und warum lässt man individuell Schonung walten, wo sie nicht am Platze ist, und revanchiert sich durch Mastenverleumdung, die gar nicht scharf genug gebrandmarkt werden kann? Man beklagt sich ferner über die Einwanderung galizischer Juden, und sicherlich kann das scharenweise Einströmen jüdischen Proletariats nicht erwünscht sein, aber nicht weil es Juden sind, sondern weil es eben Proletariat ist. Nun, so schaffe man ein Gesetz gegen die Einwanderung erwerbloser Leute; je früher, desto bester, aber man lege den Leuten das Handwerk, die im Namen der Nnthenenrettung den inneren Bürgerfriedcn Ungarns untergraben. Je concreter die Sache gefasst wird, desto strenger muss mit den exponierten Negierungsorganen, wenn sie überdies in einem exponierten Gebiete thätig sind, ins Gericht gegangen werden. Der Ackerbauminister halt Herrn Egan ein Belobungsdecret ansgestellt, und wir wollen Herrn'Dr. Darünyi mehr Glauben schenken, als denjenigen, die nicht erst seit heute und gestern die Bethätigung desselben Regierungsbetrauten entschieden abfällig beurtheilen, obwohl die neueste Leistung dieses Herrn den letzteren recht zu geben scheint. Allem seine Verdienste um die ruthenische Bevölkerung, falls solche wirklich vorhanden sind, würden vollständig paralysiert, wenn sie von der Propagierung der Judenfresterei begleitet wären. Ungarn hat gar kein Bedürfnis nach Luegers, Schneiders und Gregorigs; dieses Gesindel mit seinen Tendenzen h a t O e st e r r e i ch nicht nur z u m G e s p ö 11 c der civilisierten Welt, sondern auch so siech und elend g e in a ch t, d a s s e s u n t e r d e n E r s ch ü t t e r u n g e n der inneren Rümpfe aus den Fugen zu gehen droht. Die Zusammenschließung der Kräfte ist dem Lande Lebensbedingnng — die Nation hat ja wahrlich genug des Auseinanderstrebeuden zu überwinden. Nun freilich, die Egans sind an und für sich zu unbedeutend, uin auch nur als Caricaturen van Volksverderbern und Landverwüstern figurieren zu können; aber sie wachsen zur Bedeutung empor, wenn sie als berufene Ausleger der Regierungspolilik auf der Bühne erscheinen. Entweder wird nun der authentische Text, den Herr Dr. Darünyi eingefordert hat, den Beweis erbringen, dass die Mittheilungen der Blätter über die Rede nicht etwa bloß bezüglich einzelner Ausdrücke, sondern was das Wesen, die Tendenz derselben betrifft, falsch waren, dann werden wir die ersten sein, die Herrn Eg an das Unrecht abbitten. Oder der authentische Text wird darthun, dass die Publicationen der Presse authentisch waren, dann wird der Minister d i e s e n Bevollmächtigten unverzüglich und in unzweideutiger Weise von sich a b s ch ü t t e l n müssen. In diesem Falle mag Herr E g a n zu den Kühen und der Milchwirtschaft, von denen seine Öffentliche Thätigkeit ihren Ausgang nahm, zurückkehren. Dort möge er dann den Kühen seine Weisheit eingeben, und wenn deren Milch davon sauer wird, so schadet das nur ihm allein." Berlin. (Ein jubi läum sreich er M a nn) ist Herr David Ludwig Keßler: er feiert, was wohl zu den Seltenheiten gehören dürfte, innerhalb Jahresfrist vier Jubiläen in körperlicher und geistiger Rüstigkeit, und zwar: 1. am Samstag den 12. Februar seinen 80. Geburtstag; 2. am 25. Juni d. I. seine goldene Hochzeit; 3. am 18. September d. I. sein 50jähriges Bürgerjubiläum als Bürger von Berlin (sein Bürgerbrief ist ausgestellt am 18. September 1850); 4. den 29. Jänner 1901 sein 50jähr. Meisterjnbiläum als Uhrmacher (sein Meisterbrief ist von der Berliner Uhrmacher-Innung ausgestellt am 29. Jänner 1851). Herr Keßler hat in seinem Leben sich stets der Hochachtung aller erfreut, die ihn kannten, und war sein ganzes Leben in des Wortes wahrster Bedeutung ein echter Jude. Breslau. (Beleidigung der jüdischen Religions-Genossenschaft.) Die hiesige Strafkammer verurtheilte den bekannten Naturprediger und Schriftsteller Johannes Guttzeit aus Loschwitz bei Dresden wegen Beschimpfung der jüdischen Religions-Genostenschaft durch einen im hiesigen Freireligiösen Verein über das Alte Testament in Beziehung auf Bildung und Sittlichkeit gehaltenen Vortrag zu drei Monaten Gefängnis. Frankfurt. (Eine I u d e n p e t i t i o n.) Biel Aufsehen machte in Hessen eine Petition, welche von der jüdischen Bevölkerung des Großherzogthums Hessen an die zweite Kammer gerichtet worden ist. In dieser Petition wird darüber Beschwerde geführt, dass die Juden Hessens der Gleichheit vor dem Gesetze und der Gleichberechtigung mit den Bekennern anderen Glaubens entbehren. So oft jüdische Bewerber sich zu der Bekleidung der Stellung eines Richters oder Staatsanwaltes meldeten, seien sie, auch wenn sie nach jeder Richtung hin einwandfrei waren, in ständiger Uebung unberücksichtigt gelassen worden, es erfolgte dagegen die Anstellung, sobald die Bewerber die Religion gewechselt hatten. Anlässlich in der jüngsten Zeit vorgekommener Falle, in welchen unwidersprochen Bewerber von der Anstellung znrückgewiesen wurden, weil sie Juden waren und bleiben wollten, hatten sich die Juden Hessens bereits zu einer Petition an die Ständekammer entschlossen, als eine Gerichtsverhandlung dem verantwortlichen Leiter des Justizministeriums Gelegenheit zn einer eidlichen Programmerklärung gab. Derselbe glaubte, von einem Zustande sprechen zu können, „über den die zunächst hierzu Berufenen sich nicht beklagt hätten". Allerdings seien die hessischen Juden so vertrauensselig gewesen, von den Leitern der Justiz vor allem Gerechtigkeit auch ohne laute Klage zu erwarten. Aber eine Generation jüdischer Aspiranten nach der anderen habe sich den Regierungen zur Uebernahme von Staatsämtern zur Verfügung gestellt mit dem einzigen Ergebnisse, dass der Glanbenswechsel um äußerer Bortheile willen belohnt, das Festhalten an dem ererbten Glauben bestraft würde. Gegen eine derartige Verwirrung sittlicher Begriffe nlüsse Verwahrung eingelegt werden. Diese PraxtS der Negierung gebe der antisemitischen Agitation Nahrung und Rückhalt, sie bilde eine ständige Gefahr für das sittliche linb vaterländische Empfinden des gesammten hessischen Volkes. Darum fordern die Juden Hessens i h r R e ch t, das fünfzig Jahre ungerechter Znrücksetznng nicht aufheben konnten; sie hoffen, dass die Landstände mit Entschiedenheit dafür eiutveteu werden, dass die Verfassung für die Juden nicht ein todter Buchstabe bleibe, sondern zu lebendiger Anwendung gelange.