Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 8 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 23. Februar 1000 Nr. 8 geringen Grade von Selbstbewusstsein, damit den Lenten wenigstens ein Christ hie und da die Achtung entgegenbringt, die sie bei den Inden längst eingebüßt haben. Interessanter ist das famose Heiratsgesnch, das man neulich in der freisinnigen „Vossischen Zeitung" und im jüdischen „Berliner Tageblatt" von Rudolf Masse lesen konnte. Dieses Unicum lautet: „Hiesiger israelitischer Kaufmann, Ende 30, mit bedentendeni Einkommen, in jeder Hinsicht einwandfreie Persönlichkeit, möchte zwecks Heirat Dame von nicht über 24 kennen lernen. Vermögen von circa 100 Mille erwünscht, doch wird bei sonstiger Convenierung ans dieser Ziffer keine conditio sine qua non gemacht. Unerlässliche Bedingungen sind jedoch: Hervorragende Herzens- und Geistesbildung, liebenswürdiger, heiterer Charakter, nicht jüdisches Aeußere, tadellose Familie." Er will also ein hübsches, junges, durchaus gebildetes, steinreiches, liebenswürdiges, heiteres Mädchen von tadelloser Familie. Mehr kann man nicht verlangen, selbst wenn man eine „in jeder Hinsicht einwandfreie Persönlichkeit" ist. Im übrigen kann man auch hierüber noch anderer Meinung sein. So macht z. B. der „Kladderadatsch" zu dieser Annonce die Bemerkung: „Eine nette Sorte von Geschmeiß gehört zu den Kunden der Tante Voss." Selbst dieses Blatt, das von Christen redigiert wird und noch niemals philosometische Empfindungen hatte, ist empört über die unerhörte Roheit. Woraus deduciert ein verkommenes Subject das Recht, seine Nation öffentlich zu verhöhnen? Wiederum ein feines Beispiel, wo ein Jude glaubt, sich etwas herausnebmen zu dürfen, was man bei einem Antisemiten als Frechheit zurückweisen würde. Geschmeiß! — Möge sich d i e Welt mit ihm abfiuden, der es sich zu assimilieren wünscht. Für uns Juden hat der Fall hauptsächlich eine symptomatische Bedeutung. Wir lernen unter anderem daraus, dass ein Mitglied des Repräsentanten-Collegiums der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland in seiner Zeitung wegen einer handvoll Nickelmünzen eine schamlose Verhöhnung seiner „Religionsgemeinschaft" gestattet. Dabei sei als Curiosum erwähnt, dass diese Gesellschaft im polnischen Inden die Ursache des Antisemitismus sieht. Ferner drängt sich uns die Frage auf: Warum will ein entjudeter Jude (Synonymon: Entmenschter Mensch) nicht direct eine christliche Frau beglücken? Fürchtet er, dass die christlichen Damen ein feineres Gefühl für das Einwandfreie eines Charakters besitzen? Oder hält er sich trotz seiner Vorzüge noch nicht reif für das Arierthum? Genug davon! Hoffentlich werden wir die Schmarotzer bald los, die sich noch immer an das Judenthum klammern, weil sie keinen anderen Nährboden finden. Wir setzen in den modernen jüdischen Geist das Vertrauen, dass er, wie einst Karl der Große, die Böcke von den Schafen scheiden wird, die unwissenden Protzen von den bescheidenen Söhnen des Volkes. Kehila Kadischa Prag. Prag, im Februar. Das Entstehen der Prager jüdischen Gemeinde und mit ihr so mancher in Böhmen lässt sich geschichtlich auf das Ende des 9. Jahrhunderts zurückführen. Denn am Ende des 10. war sie schon so bedeutend, dass sie Gelder,die von St. AdalbertzumLoskauf von Sclaven gesammelt worden, liefern konnte. Wenn bemerkt wird, dass es nicht in so reichlichem Maße geschah, wie sich» der heilige Bischof wünschte, so lässt sich daran ermessen, dass die Gemeinde schon so ansehnlich war, dass sie sich getrauen konnte, gegen unmäßige Forderungen sich zu wehren. Das ist historisch. Weiter dürfte es allgemein als feststehend gelten, dass die erste Einwanderung der Juden nach Böhmen von Deutschland geschah; nichts ist irriger als das. Denn dass die ersten, sich sesshaft machenden Juden keine Deutschen waren, sondern von Byzanz den Weg über Bulgarien, Pannonien, Großmähren bis Böhmen nahmen, kann als feststehend angenommen werden. Dieser Weg hat bloß jetzt den Anschein des Unwahrscheinlichen. Die Slavenapostel Cyrill und M e t h u d legten ebenfalls circa in derselben Zeitperiode denselben Weg zurück. Des weiteren ist es gewiss bekannt, dass der im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts lebende Mose von T a ch a n, dann der Verfasser des „Or Surua" u. v. a. Erklärungen zum Talmud schrieben, worin sie für schwierige Ausdrücke böhmische Worte benütztrn. Das beweist zweierlei: erstens verstanden sie besser böhmisch als deutsch und schrieben auch für ein solches Publicum; wären aber die Juden aus Deutschland eingewandert, wäre so etwas nicht möglich. Erst in den folgenden, für die deutschen Juden so schweren Zeiten kamen sie als Flüchtlinge nach Böhmen, wo sie Aufnahme fanden und deshalb Nachzügler sich in solcher Zahl einstellten, dass sie nach und nach den Einheimischen majorisierten, bis endlich der altgesessene Jude so ziemlich verschwand. Die jüdische Gemeiode machte als solche schwere Zeiten mit, wie alle Gemeinden am Kontinente; so am 8. Peßachabend des Jahres 1389, dann im Jahre 1421 und so viele andere. Sie brachte es aber auch in folgenden Zeiten zu hoher Blüte, so dass sie am Ende des 17. Jahrhunderts tonangebend für den größten Theil der Judenschaft in Europa galt. Dann kam eine Zeit des Niederganges, bis sie 1748 ein schwerer Schlag traf. Es wurde am Hofe der großen Kaiserin geglaubt, die böhmischen Juden, und besonders die Prager hätten den B a y e r begünstigt und ihm in allem Vorschub geleistet. Sie wurden ausgewiesen und wanderten thatsächlich auch aus. Nach kurzer Zeit wurden sie jedoch infolge einer Eingabe der Prager Stddtgemeinde, in welcher dieselbe anführt, „weil Handel und Wandel stockt", zurückgerufen, von Kaiser Josef wurde ihnen das Deutsche aufoctroyiert und Hesekiel Landau war es, der, als er von einem Fenster aus die neue deutsche Nvrmalschule einweihen sah. die Hände zusammenschlng und rief: „Jetzt cst's ums Judenthum geschehen!" So kam das Jahr 1848, es wirkte überall belebend, nirgends jedoch so evochal wie im Prager Ghetto und dessen Appendix, dem an Prag hart anstoßenden Orte Lieben. Eine Unmaffe bis jetzt gebundener .Kräfte wurde frei und rang nach Betätigung, Männer wie K u r a n d a, L. A. Frank l, L ä m l, Z d e k a u e r, Dr. R a n d n i tz zeigen bloß die verschiedensten Richtungen, in welche sich die freigewordenen Talente Bahn brachen. Wie eine Flut ergossen sich die Juden in alle ihnen zugänglich gemachten Sphären; wie viele dabei dem Judenthum entfremdet wurden, wie viele ihm den Rücken kehrten, das entzieht sich einer auch nur annähernden Berechnung; so manche Größe im gegnerischen Lager hat ihren Ursprung im Prager Ghetto. Die darauffolgenden fünf Jahrzehnte haben ihren eigenartigen Einfluss auf die Entwicklung der Juden genommen. Am Anfänge der Fünfzigerjahreu wurden kurz nacheinander zwei Notablenversammlungen unter der Aegide der k. k. Statthalterei abgehalten, welche die jüdischen Verhältnisse ordnen sollten; die Protokolle derselben wären für die jetzigen Leiter der Gemeinde ein dankbares Studium; die gefassten Beschlüsse wurden jedoch nicht durchgeführt. — In diesem Jahrzehnte bevölkerten die Juden in ganz bedeutendem Maße jenes Prag, welches außerhalb der Grenzen der Jndenstadt lag. In den Sechzigerjahren machte sich die noch jetzt andauernde Einwanderung vom flachen Lande bemerkbar, mit dem Unterschiede jedoch, dass in diesem Jahrzehnte das Deutschthum unter ihnen noch so stark war, dass es die böhmisch sprechende Landbevölkerung germanisierte. Hier sind auch die Anfänge der plutokratischen Absonderung zu suchen. Bis dahin lebten sie untereinander, miteinander fühlend; von jetzt ab kommen die gutsituierten Reichen weniger mit Inden als mit anderen höheren, außerhalb des Judenthums stehenden Kreise in Berührung. Als Ersatz wurde den Inden eine ganze Masse von W o h lt h ä t i g k e i t s v e r e i u e n gegründet, die den Contact der assimilierenden Inden äußerlich andenten sollten. Man glaubte, es genüge, diese Anstalten reichlich zu dotieren, um seiner Pflicht als Jude in jeder Hinsicht zu entsprechen. In den Siebzigerjahren wurde der Zufluss der Landbevölkerung immer größer, das Deutschlhum der Inden war nicht nnchr stark genug, die böhmisch sprechenden und fühlenden Inden zu überschreien. Es bildete sich em anfangs kaum merklicher Ansatz c z e ch i s ch e r Inden, zudem bildeten sich die damaligen politischen Verhältnisse zu einer Niederlage für die Inden aus. Mit der Abnahme und dem Niedergange der dominierenden Stellung der Deutschen in Prag haben auch die dentschthümelnden jüdischen Kreise an Einfluss eingebüßt und zogen sich missmuthig zurück, ohne jedoch das Deutschthum abzulegen oder einen Rückhalt im Judenthum zu suchen. Die leitenden Männer verschlossen sich dem Gange der Dinge, hofften immer auf Besserung und verloren so den Contact mit dem Gros der jüdischen Bevölkerung. In dieses Jahrzehnt fällt auch der Börsenschwindel, der in den jüdischen Kreisen ganz gewaltige Verheerungen anrichtete. Ganz unähnlich den vorhergehenden Jahrzehnten gestaltete sich das achte. Die Landbevölkerung gab der Anziehungskraft, welche große Städte ausüben, nach, strömte in die Stadt und spaltete unwillkürlich das Judenthum in Deutsche und Czechen. Hätten die Machthaber beizeiten in mäßige Bahnen eingelenkt, wäre dieser bedauerlichen Eventualität vorgebeugt worden. Sie thaten es aber nicht, und so kam es endlich zum offenen Zwiespalte, dem die Gründung einer Synagoge mit böhmischem G o t t e s d i e n st e zu verdanken ist. Auch sonst zeigte die jüdische Bevölkerung nach allen Richtungen sich abzweigende Rcsse und Parteiungen. Der religiösen Indolenz wurde freie Bahn gelassen; die Synagogen entleerten sich nach und nach, bis auf einige wenige Ausnahmen, die mit den Außenstehenden nichts Gemeinschaftliches haben wollen, ja dieselben sogar als vollgiltige Juden nicht gelten lassen wollten. Der Religionsunterricht wurde arg vernachlässigt, kurz, es arbeitete alles darauf hin, den Juden zu entjuden. Die Repräsentanz wurde zu einer Clique. Die Wahlen glichen einfachen Cooptionen, die Scheidung der Parteien und der Classen wurde vollständig. Und nun kam in dieses Chaos im Anfänge der Neunzigerjahre der A n t i s e m i t i s m u s. In dieses Chaos, das nach außen ein homogener Körper zu sein schien. Von den Deutschen, wie auch von den Czechen tvurde der Jude rasch abgeschüttelt; was Wunder, dass der anstrebeude, nach Geltung ringende Socialismns h i e r die meisten Proselyteu machte. So segelt das Judenthum Prags, in drei sich gegenseitig befehdende Lager getheilt, in die folgenschweren Reichsrathswahlen des Jahres 1897. Die czechischen Juden konnten — ob sie es wollten? — es nicht verhindern, dass ein ausgesprocheuer Antisemit dieser Masse von Juden als Candidat aufgestellt wurde. Alle zusammenfinden konnten sie sich nicht, um einen Zählcandidaten aufzustelleu, und es geschah, was geschehen musste. Die Juden wählten, weil sie nicht anders konnten, bis auf wenige Ausnahmen, die jedoch nicht mehr jüdisch sind und sein können, s o c i a l i st i s ch. Und hier liegt der Keim und auch die Erklärung für die Novemberstürme und die Judenexcesse 1897. Das war die verspätete Eruption eines lange hingehaltenen Vergeltungsbestrebens. Von dieser Zeit an ist der roheste Antisemitismus in Böhmen an der Tagesordnung, feiert auch, wie anderswo, die wildesten Orgien und ist dem Volke so tief eingeprägt, dass es der nichtigsten Ursache oder auch nur des geriugsten Scheingrundes bedarf, um seine schauerlichsten Triumphe zu feiern. Und die Juden? Auf diese Frage sei reassnmiereud geantwortet. Die Juden, in der Verfassuug, in der sie sich heute in Prag befinden, können nichts ihun und thun auch nichts, denn sie theilen sich außer in die oben geschilderten Parteien noch in gesellschaftlicher oder, besser gesagt, socialer Beziehung in ganz abgesonderte Kasten. Es besteht hier ein jüdisches Adelscasino, die B. B., dann eine envas minder gut qualisiclerte Gesellschaft, hernach die mittlere und endlich die arme. Es ließe sich eine interessante Statistik aufstelleu, wieviel tausend Juden im letzten Jahrzehnt prvletarisiert wurden. Hunderte von Judenfamilien in der Jvsefsstadt und in der Galligasse wurden expropriiert, die sich früher, wenn auch karg, so doch ernährten. Denn das Bestreben ist augenfällig, den Inden volksivirtschafklich zugrunde zu richten; und dieses Ziel ist beinahe erreicht, zum Theile sogar durch das Nichteingreffeu der jüdischen Factvren. Die jüdischen Wohllhätigkeitsinstitute besitzen in ihrer Gesammtheit mehr als eine Million Kronen. Diese werden zumeist in einer nicht geeigneten Weise nützlich gemacht. Zn einer Action in großem Stile, die den armen Inden fei» Almosen, aber eine Möglichkeit, sich zu ernähren, bieten würde, können sich diese Herren nicht aufraffen. Ihnen sind die wahren Bedürfnisse derselben unbekannt, sie behandeln den armen Juden als Bettler und er ist es auch leider geworden. Wie viel könnte mit dieser Masse Intelligenz, Capital, Kraft, welches die Prager Juden als Ganzes darstellen, für die große jüdische Sache geleistet werden, wenn die Kraft organisiert und einem Ziele zugeführt würde! Ist das möglich? Gewiss. Nur muss der richtige Weg eingeschlagen werden. Die hiesigen Verhältnisse sind sv verwickelt, dass es dem Uneingeweihten nicht möglich ist, sie zu verstehen. Deshalb ist es die unmaßgebliche Meinung des Schreibers dieser Zeilen, dass die jüdische Presse allerorten sich dieser Prager Sache mehr annehmen muss. Mau darf diesen Factor, den Prag für die große jüdische Sache birgt, nicht wie bisher unbeachtet lassen. Es ist ein grober Fehler geschehen, diesen Factor nicht in Rechnung zu ziehen oder ihn links liegen zu lassen. Deshalb müssen diese jüdischen Verhältnisse zu einem stehenden Thema in der jüdischen Presse werden. Wenn dieser Aufsatz der Anfang zu einer unverbindlichen Discussion ist, so wäre der Zweck dieser Zeilen erfüllt. Vom Tage. (Berganis Special-Telegramm.) Der Gerichtssaal, der jo manches Dunkle enthüllt, hat dieser Tage auch hiiieingeleuchtet in die Uutiefen der Vergani'scheu Redactionsstube. Der Polnaer Schächter, den das „Deutsche Bolksblatt" seinerzeit der Autheilnahme am Morde der Hrnza beschuldigt hatte, klagte Vergani, respective dessen verantwortlicheu Tintenkuli. Natürlich wusste die ganze Redactiou nichts von dem Eiulangen des seiuerzeitigen „Special-Telegrammes", und die Klage kam somit nur wegen Vernachlässigung der pflichtgemäße» Obsorge vor das Bezirksgericht. Dort ließ nun der Vertreter des Klägers, Dr. F i a l a, vom Richter constatieren, dass au dem betreffenden Tage, an welchem das „Telegramm" ins „Deutsche Volksblatt" kam, weder in P o l n a, noch in d e s s e n Umgebung ein Telegramm oder ein Expressbriesaufgegeben worden sei. Da sich btr Haderlump, der das Special-Telegramm — offenbar in der Redactiou — angefertigt hatte, nicht meldete, wurde der verantwortliche Redacteur des „Deutschen Volksblatt" — ein Herr Ruhsam vertritt jetzt diesen ehrenvollen Posten — zu 300 fl. Strafe verurtheilt. Natürlich geniert den Besitzer des Antisemitenhofes solch eine Kleinigkeit nicht; die 300 Flörl hat ihm das Geschäft mit Polna zehnfach, hundertfach hereingebracht. Und an der Ehre schaden ja solche Strafen nicht. Im Gcgentheile, einige solcher Strafen eröffnen dem Großsiegelerbrecher von Mühldorf die Anwartschaft auf den Bürgermeisterseffel. Denn solche „findige" Köpfe kann man in der christlich-socialen Partei brauchen! Sind wir Juden ein Bott? Man wird auf die Frage, ob wir Juden ein Volk sind, sehr verschiedene Antworten hören. Ein großer Theil der Juden wüsste überhaupt nicht auf diese Frage zu antworten, weil er sich niemals über dieselbe klar geworden, niemals über dieselbe nachgedacht hat. Von den übrigen würde ein Theil dieselbe ebenso entschieden verneinen, wie der andere Theil sie bejahen würde. Wollte man nun eine nähere Begründung der geäußerten Ansicht hören, so würde man auf beiden Seiten auf die verschiedenartigsten Meinungen stoßen. Die einen würden das Hauptgewicht auf die gemnnsame Ab st am mun g, auf die Zugehörigkeit zu derselben Rasse legen; andere würden wieder mehr die gemeinsame, in den Tiefen des Geistes und des Gemüthes liegende Wurzel der gesammten Welt- und Lebensanschauung betonen. Von mancher Seite würde die Gemeinsamkeit sowohl der sittlichen wie aud> der materiellen Interessen als besonders entscheidend hervorgehoben werden. Von Seiten der Gegner einer jüdischen Volksgemeinschaft würde wieder die gemeinsame Sprache, die Gemeinsamkeit des Culturlebens oder das territoriale Zusammenwohnen als unerlässliches Merkmal für die Zugehörigkeit zu einem Volke hingestellt werden. Aus den verschiedenartigen Ansichten, die zutage treten, sobald unsere Frage aufgeworfen wird, ist zu ersehen, dass eine „wissenschaftliche" Beantwortung derselben eine äußerst schwierige ist. Der Begründer der Völkerpsychologie, Professor L a z a r u s, ist denn auch in seinem Vortrage: „Was heißt national?", in welchem er speciell die Frage untersuchte, ob wir Juden ein Volk für uns bilden, zu dem Ergebnisse gekommen, dass der Culturmensch sich s e l b st seine Rationalität b e st i m m t, dass er sich zu einem Volke rechnet. Es ist also eine active Thätigkeit, ein Act des freien Willens, durch den der Culturmensch seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgemeinschaft sich selbst bestimmt; von seinem eigenen Ermessen hängt es ab, welchem Kriterium der Zusammengehörigkeit er den größeren Wert beilegt, welches er als entscheidend ansieht. Im praktischen Leben gestalten sich die Dinge freilich von selbst ganz anders, als sie von rein theoretischen Gesichtspunkten aus erscheinen. Wo theoretisch mehrere Argumente mit emanbev streiten und der Wert des einen