Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 5 Wien, Freilag Jüdisches Volksblatt 2. Februar 1900 Seite 3 für fünf Herren, mit 20 fl. für d i e übrigen sieben, bestimmt worden. Die Lehrer beantworteten diese »Eröffnung" damit, dass sie erstens die erhaltene Entschädigung zusammenlegten und zu gleichen Theilen auf th eilten, und dass sie zweitens gestern eine Eingabe an den Vorstand richteten, siewären gezwungen, rnsolange dem Curse fern zu bleiben, als dieCultusgemeindeihrenVerpslichtungen den Lehrern gegenüber nicht Nachkomme. Die also gemaßregelten jüdischen Unterlehrer haben die feste Ueberzengung dass der Vicepräsident Herr Doctor G. K o h n an diesen Machinationen unschuldig sei. dass vielmehr gerade Herr Dr. K o h n — vielleicht als der einzige -— sich voll und ganz für die Lehrer einfetzte. Sie nehmen ferner keinen Anstand zu erklären, dass ihnen das Fernbleiben vom Curse in Anschauung der Person des Herrn Prof. B i ch l e r leid thut, da Herr Professor B i ch! e r durch seine überaus liebenswürdige, zuvorkommende Hal uug, durch sein warmherziges, offenes Eintreten für die Lehrer und nicht zumindest durch feine geistvollen, interessanten Vorträge sich die Sympathien der Lehrer im vollsten Maße erworben hat. » 4- Wir können dieser rein fachlichen, authentischen Darstellung nur wenige Worte hinzufügen. Die Lage dieser Armen ist geradezu schrecklich. Die meisten von ihnen sind verheiratet, Familienväter, müssen mit einem Monatsgehalts von 50 fl. ohne jede Zulage leben, mit dem entsetzlichen Gefühle, dass jedes Vorrücken, trotz der besten Qualification, trotz aller Prüfungen, einfach ausgeschlossen ist, insolange die Christlich-Socialen im Rat'hhause herrschen. Mit dem ihnen zugesicherten Stipendium haben die Unterlehrer als Deckung des Wohnungszinses gerechnet, und nun? — die Badje ist soweit gekommen, dass zwei der Herren geradezu in Gefahr sind, delogiert zu werden oder mit der Familie zu — hungern. Vielleicht werden unsere S t a m m e s g e n o s s e n m e h r Pf l i ch t g e fü h l und Einsicht haben als derVorstand der Wiener C u l t u s g e m e i n d e, der 'in einer solchen Angelegenheit für eine Summe von sage 7 20 fl. keine Deckung hat, bei einem Budget, das mehrere hunderttausend Gulden umfasst. Inland. Wien. (Eine Versammlung.) Unter dem Vorsitze des Herrn G ew i tsch fand am 29. v. M. im „Cas6 Orient", II., Praterstraße, eine von circa 200 Personen besuchte zionistische Versammlung statt. Herr Bernhardt als Referent schilderte in drastischer Weise die Lage der Juden in Oesterreich, kritisierte die großen und reichen Juden, welche weder Gefühl noch Herz für die armen Juden haben. Er erblicke den gefährlichsten Gegner im Renegatemhum, im getaiiften Juden, und schließt mit einem Appell an die Versammlung, der zionistischen Bewegung sich anzuschließen, weil dieselbe die einzige Lösung der Jndenfrage sei. Herr Löbel, der jetzt von einer Palästina-Reise znrückgekehrt ist, verstand es, in packenden Worten Land imb Leute zu schildern, und besprach ausführlich die dortigen Colvnisativns- und Schuleinrichtungeu, sowie Haiidelsiirid Gewerbeverhältmsse. Herr Dr. W i n a r s ki ans Russland trat lebhaft für den Zionismus ein. Hierauf nahm Herr Isidor Bauch, Ausschussmitglied des „Jüdischen Bvlksver eines", das Wort, und hob in einer glänzenden Rede unter anbaltendem Beifalle die Leistungen, Verdienste, Tendenzen und Bestrebungen des „Jüdlscheil Vvlksvereines" hervor, mahnte zur Einigkeit und gemeiniamem Vorgehen, da es an momentaner Hilfe uvththut und die Gegenwart von jedem wahren Gefühls¬ und Rativnaljuden die nörhige Aufmerksirmkeit fordert. Der Vorsitzende Herr Gewitsch billigte vollinhaltlich die vorzüglichen sachlichen Ausführun gen des Herrn Bauch und erklärte dahin zu wirken, eine vollkommene Verständigung mit dem „Jüdischen V o l k s v e r e i n" herbeiz u führen, um in wirtschaftlichen und politischen Fragen gemeinsam vorzugehen. Nachdem sich noch einige Redner an der Debatte betheiligten, schloss die Versammlung um 12 Uhr nacht-. BrÜtttt. (Etwas für den getauften Juden D r. Stransky.) Ju einem Artikel über die Verstäudigungsaction zwischen Deutschen und Czechen nannte das hiesige c^echisch'christlische Blatt, Organ drs Bischofs Baue r, den Dr. P a c a k als Führer der mährischen Czechen. Das Organ des Dr. Stransky, die „Lrdowe Noviuy", antwortete in gereiztem und anzüglichem Tone, dass doch bekanntermaßen Dr. Stransky der Führer der Czechen sei, 'worauf die prompte Antwort erfolgte, es sei wohl richtig, dass Doctor Stransky einen gewissen Einfluss habe, aber er dürfe sich doch nicht einbilden, als grtaufter Jude etwa wirklich als Führer des christlichen czechischen Volkes betrachtet zu werde«. — Ein deutlicher Wink mit dem Zauupfahl. Nur schade, dass die Czechen sich noch immer diesen s—-anderen Patron gefallen »affen. Es ist wahrhaftig unsäglich ekelhaft, mitansehen zu müssen, wie dieser Streber, der heute noch zwei jüdische Brüder hat, in seinem Organ den Antisemitismus predigt. Für solch einen Menschen, der leider doch nur ein Jude bleibt, müssen dann wir alle büßen. Prag. (Die nationale Bewegung. — Englische Missionäre.) Ein eigenthümliches Bild bietet heute dem eingeweihten Beobachter die noch vor fünf Monaten starre, unbewegliche Masse der jüdischen Bevölkerung Prags. Diese 35.000 Inden, welche Prag sammt Vororten bewohnen, gaben so selten ein Lebenszeichen von sich, dass es den Fernstehenden bedünken mochte, es gebe ihrer hier gar keine, oder wenn es schon dem so sei, so müsse alles, aber auch alles zum besten bestellt sein. Und doch, wie sieht es in Wirklichkeit aus? Das beweist das jetzt sich entwickelnde Leben in allen jüdischen Bereinen. Eine Versammlung jagt die andere, alles ist bestrebt, das Versäumte nachzuholen. Es wirft sich gewiss die Frage auf: Wer bewirkte diese Bewegung? Es ist das Jnslebentreten eines Vereines, bei dessen vor ca. 5 Monaten stattgefundener Eonstituierung so mancher unserer Großen nasenrümpfend fragte: Wo sind die Entrepreneurs? Und siehe, binnen kurzem wurden die einen gezwungen, sich eine a.rerkannte (?) Große aus Wien zu verschreiben, damit dieselbe hier dieselben Dienste leiste, wie sie einst Bileam dem Balak leisten sollte. Die anderen jedoch arrangieren eine Versammlung nach der anderen, in denen man den Zuhörern sehr dringend ans Herz legt, ja recht nalional, und zwar czechischnational, zu sein, denn darin liege das Heil der Judenschaft Böhmens. Es fühlen nämlich alle drei Lager, auch das soeialdemokratische, soweit sie jüdische Gefolgschaft haben, die Anziehungskraft des „I ü bischen Volksvereines", der nebst seinen zionistischen Zielen auch die Erziehung der Juden im jüdischnationalen Sinne sichzur Aufgabe gemacht. Unsere Stadt hatte gewiss im Zeiträume von fünf Jahren nicht soviele jüdische Versammlungen wie in diesem laufenden Winter. Wenn alle^diese Versammlungen etwas Gleichartiges an sich haben, nämlich die Angriffe auf die Zionisten und die Abwehr derselben, so gleicht doch eine einzige allen diesen in keiner Weise. Es ist ein größeres Zimmer in der evangelischen Schule. Am Katheder steht ein junger hübscher Mann, welcher zu einer aus ca. 150 Personen bestehenden Zuhörerschaft spricht. Wenn wir diese Zuhörerschaft mustern, so finden wir außer einer Nonne und einigen ausgesprochen arischen Gesichtern 90% Juden, denn diese wurden eingeladen. Was hören wir? Von Liebe zum Judenthum, wieder Herr Vortragende sich als Philosemit von reinstem Wasser zu erkennen gibt. Er anerkennt die Auserwähltheit des jüdischen Volkes, dessen große Vergangenheit von allen Menschen anzuerkennen ist; er wirft ihnen vor, sich von ihrem Gotte, von ihrem Gesetze entfernt zu haben, er sagt und fragt mit Nachdruck: Sind denn dies noch Juden? Er eitiert aus ernem Buche, das angeblich der Talmud ist — Einsicht in dasselbe hat keiner von lässt sich darüber nicht mehr streiten, dass der Moment des Sterbens viel Anziehendes in sich birgt. In diesein Momente flammt so hell die Menschenseele ans, um dann ganz zu erlöschen, tu Ruhe aufzugehen. Es klingt paradox, aber es ist wahr, dass! der Künstler gerade im Sterben viel Leben finden kann. Allein Antokolski erfasst den Sokrates in einem Augenblicke nach seinem Tode, in dem der Mensch wie der Marmor eine todte | Masse bilden, die in geringem Maße nur das „Schaffen" des Künstlers hervortreten lassen und uns nicht zum künstlerischen > „Mitschaffe: " anregen können.! All diese Züge seiner Künstlerphysiognomie, all diese mit- > wirkenden Elemente seiner Künstlerseele machen es begreiflich,! dass Antokolski intiner mehr vom Urchristenthum und seiner Botj schaft sich angezogen fühlt, denn gerade der Christus des Evan-1 geliums hat in ferner Leidensgeschichte mit der Geschichte des! Judenthnms imb dem Leben Anwkolskls soviel Verwandtes. Allein! Antokolski kommt doch ans der „Fremde", er siec.t doch alles mit; anderen Augen, und von anerzogenen Borurtheilen frei, bleibt er doch in allen seinen christlichen Werken der Außenstehende, der Kritiker, j der Realist. Sein „Curistus vor seinem Volksgerichte" weicht so! merkwürdig von dem gewöhnllichen Typus und hat soviel kritische; Wahrheit und historisches Leben in sich. Ihm ist Crirrstus der - Reformator, der sich dem Unverstände entgegenstellt. Er steht vor seinem Volke, für das er sich geopfert, in einem langen, morgenländischen Gewände (nicht römische Toga), seine Hände sind mit Lederriemen an den Leib gebunden, sein Kops ist bedeckt (sic!) und; aus seinem Hebrüergesichle malt sich Verbitterung. Jeder Zug; desselben erzählt uns nicht von Märtyrerdemrrth und Arriopierrrng, sondern von elegischer, realistisch dargestellter Tragik seines Lebens, j Ee hat Christus aus dem Himmel wieder ans die Erde gebracht, ohne etwas von den Idealen fernes Wesens arrizrrgeben. Der Kampf und die Leiden halnrr die Seele des Künstlers gcläntert, er hat sich in die Leiden fügen gelernt. Das Chrrstenthrrnr gab ihm im Leben, was der Too dem Menschen am Ende des Daseins erst schenkt: Frieden, FAX, heißt das himmlische Zauberwort, bas den Chaos seiner Seele beivälligl, seinen Schmerz stillt und die Stürme! seiner Seele beschwört.! Wie Antokolski nicht nur im Entwürfe, sondern auch in ' der Ausführung, im einzelnen als der große Künstler sich bewährt, zeigt uns sein „Mädchen aus der anderen Welt". Soeben ist es ans den finsteren Katakomben hervorgestiegen, wo es seine Jugendjahre verlebt, um den Tauben, die es umgeben, liebevoll Körner arrszustreuen. Eingefallen ist das Gesicht, abgemagert der Leib; die christliche Märtyrerin hal ihr Leben für das Himmelreich geopfert und während die Tauben die Körner ariffangen oder nach den Fliegen haschen, die sich auf ihrem Gewände bewegen, erhebt sie ihre Augen zum Himmel und betet. In der Hand hält sie die Tafel mit der Aufschrift: FAX. Aus derr sinsteril Katakomben rvar AntokolskiS Kunst hervorgegarrgen; rvie das abgemagerte Mädchen, das Fleisch kasteiend und das sinnliche Leben verrveinend, fand sie ihr Ideal im symbolisch Seelischen, religiös Ethischen, melancholisch Traurigen nicht auf Erden sorrderu rrrr Himmelreiche. Fraglich bleibt es jedenfalls, ob die durchaus hellenische Bildhauerkunst nicht eher im irdischen Reiche gedeiht als im spiritualrstisch-astetischen, jüdisch-christlichen Himmel. Die Künstler des Christenthums wenigstens wandten sich mehr der Malerei zu. — Za dieser Ancrlyse der Antokvlskr'schen Kunst regt uns ein durchaus moderner und sachlicher, hebräischer Essay über diesen Künstler von D. Maggid*) an. Der Verfasser, der selbst Künstler ist, hat sich nicht allein dadurch ein Bedienst erworben, dass er u n s Antokolski zurückgibt, sondern auch dadurch, dass er die hebräischen Leser in das Gebiet der Kunst überhaupt einführt. — Antokolski hatte als jüdischer Künstler sein ganzes Leben hindurch gegen zwei Gruppen von Gegnern zu kämpfen. Die erste erkannte in ihm den Künstler, aber leugnete das „Jüdische" in ihm. Diese Gruppe kann durch die jüdischen Züge feiner Kunstphysiognomie und die nationalen Elemente seiner Seele überführt werden. Die andere leugnete wegen des Attributes „jüdisch" den Künstler in ihm. Sie erinnert lebhaft an derr Abbö der srarrzösischerr Anekdote, der sich antidynastisch geberden wollte und das Dasein Gottes leugnete, um nur dem Könige das Attribut „von Gottes Gnaden" zu rauben. Diese Gruppe ist nut einem menschlichen Fehler behaftet dessen Heilung rvrr derr Göttern überlassen müssen, wenn auch selbst diese — nach einem bekannten Worte — gegen denselben vergeblich kämpfen. Loschitz, im Jänner 1900. *) „P ros. M. A. A n t o k o l s k i", eine kurze Beschreibung seines Lebens und seiner Werke von D. Maggrd, Warschau, als Beilage für die Abonnenten der „Hazefirah." den Anwesenden genommen — wie anthropologisch derselbe die Gottheit lehre, er ermahnte sie, jüdisch und nur jüdisch zu sein, auf dieser Grundlage lasse sich die Judenfrage lösen. Er eitiert aus der letzten Predigt des Herrn Dr. Fischer den Satz: Es gehe der Ruf durchs Land, alles wäre verjudet, das Völkerleber, die Volkswirtschaft, die Finanzen, Fabrieation und Gewerbe, alles, alles, nur der Jude sei entjudet. Er führt weiter aus, die Bibel sei die Grundlage des Judenthums, auf diesen seinen Ausgangspunkt möge es zurückkehren, es möge auf diesen Boden seinen alten Gott suchen, und es werde ihn finden, den Gott des Rechtes, der jedes Abweichen von seinen Gesetzen straft nnd gestraft hat. Wird Israel diesen Weg zurückfinden, dann ist die Grundlage der Lösung die Jndenfrage gegeben, denn dann erst wird es den Jesaras Cap. 6l, Vers 1 verstehen, dann erst kann es auch die Trinität verstehen. Und viele der Anwesenden verstanden, aber auch alle Nrchtanwefenden sollten verstehen! Von Prag, vom jüdischen Prag wollen so wenige wissen, in Wien, Frankfurt, Berlin u. s. rv. will man von ihm nichts wissen! Aber in London hat die Missionsgesellschaft von den Prager Juden erfahren, sie hat erfahren, dass hier eine gute Ernte zu machen wäre, und sie hat einerr ihrer tüchtigsten Redner hierher gesandt, rrm zu fischen. Und hätte nicht eine andere Bervegung von den wankenden Juden Besitz genommen, die Ernte wäre gar zu reichlich ausgefallen. Ohne Erfolg wird dieser Cxcrrrs jedoch nicht bleiben. Das Feld ist durch die unverantwortlich lange Vernachlässigung gar zu gut vorbereitet worden. Saaz. (Ein I ud' IN u f s 's sein.) Unser Spießerblatt, die Ihnen wohlbekannte »Nationale Zeitung", ist über den Kohlenarberler-Strike ein rvemg in Verlegenheit gerathen. Bekanntlich sind ja die wenigsten Grubenbesitzer Juden, ja im westböhmischen Revier befinden sich unter ihnen eiuige bekannte Deutschnationale. Das weiß natürlich die „Nationale", aber — sagen darf sie 's nicht. Darum sucht sie mit Macht nach den Juden, die den Strike verschuldet haben. Die staunende Mitwelt — allerdings nur in Saaz und Umgebung — hört von b-'r weifen „Nationalen", dass an dem Strike eigentlich die Juden — Petschek und W e i n m a n n schuld seien. W-.r kennen die angeblichen Machinationen dieser beiden Kohlenhändler nicht. Es fällt uns natürlich auch nicht ein. irgendwie für diese beiden einzntreten. Haben sie irgend etwas angestellt, so mögen sie nur angenagrlt werden. Aber bezeichnend ist es für die Bildung und Wahrheitsliebe unserer „Nationalen", dass sie einerseits die Ursache dieses Ru'senkampfes zwischen Capital uud Arbeit in zwei ephemeren Zwischenhändlern sucht, dass sie andererseits auch nicht ein Wort über Herrn Witt gen st ein zu sagen hat. Lemberg. (Gewerbegerichts-Wahlen.) Unsere Stadt ist genlütylich, das muss ihr der Neid lassen. Da prallen nicht die Leidenschaften auseinander wie anderwärts, und wenw sich mitunter eine kräftigere Bewegung geltend macht, so lässt mau ihr ganz einfach freien Lauf. Wir wollen es an einemtypischen Beispiele illustrieren. Es sollten hier die Assessoren für das neu creierte Gewerbegericht gewählt werden. Wahlversammlungen, Vorwahlen, Candidatenreden und dergleichen Kundgebungen diverser Parteien haben selbstverständlich nicht stattgefunden; wozu auch? Plötzlich bedeckten überlebensgroße Placate die Fa^adeu der Häuser. Der Verein „Jednosc" fordert alle Gesinnungsgenossen auf. wie ein Mann nur bewährte Candidaten zu wählen und vor jenen Elementen auf der Hut zu sein, die erklärte Feinde des Vaterlandes, der katholischen Kirche, mithin auch arge Feinde der Wähler sind. Punctum, Pause, Streusand! Eine Entgegnung auf diesen famosen Aufruf war nicht um eine Krone zu haben. Endlich kam der Wahltag. Ein rothes Placat wurde sichtbar. Die Arbeiterpartei hat das Wort. Ohne Ziererei, objectiv und amtsstilgcmäß werden die Candidateu für alle Gruppen vorgeschlagen. Neunzig Percent echte, unverfälschte Arier, zehn Percent Semiten, letztere wohl als Garnierung. Nebenbei bemerkt, machen hier die Inden den dritten Tbeil der Bevölkerung aus. Nun kam wieder der Verein „Jednosc" aufs Tapet. Er verkündet kurz und bündig : „Juden und Judeukuechte reißen unsere Placate herunter! Aufgepasst! Wir sind in Gefahr!" Jedes Wort ein Keulenschlag! Bel der Wahl siegte die Liste der Arbeiterpartei. Nun sind zwei Momente noch erwähnenswert. Die Juden als solche fanden es für gut, sich diesen Wahlen gegenüber indifferent zu verhalten, und das ist unseres Erachtens eben nicht gut. Noch drastischer ist der Umstand, dass die judenfeindlichen Placate des Vereines „Jednosc" zumeist au den Farben solcher Häuser angebracht worden sind, deren Eigenthümer Juden sind und das Recht zum Placatieren dem betieffe.tbcn Unternehmer gratis eingerünmt haben. Das ist sogar mehr als nicht gut, das ist traurig. d. Berlin. (A dermal s ein S ch ä ch tv e r bv t in Aussicht.) Ans Aachen schreibt man der „Rheinisch- Westfälischen Zeitung": „Bereits vor Jahresfrist wurde bei dem städt. Schlachthaus Ausschuss angeregt, ein Ortsstatnt zu erlassen, welchcs die ans dem städt. Schlachthofe vorzunehmenden Schächtnngeu nach Möglichkeit einschrünkeu sollte. Die Stadtverordneten Versammlung beschloss jedoch, einstweilen von einem derartigen Vorgehen Abstand zu nehmen nnd durch anderweitige Verordnungen und ergänzende Vorschriften den beim Schächten hin und wieder vorkommenden Thiei qualereien (?) ein Ende zu machen. Wenn sich diese Verordnungen auch durchwegs bewährt haben, so ist es doch fraglich, ob nicht in absehbarer Zeit ein Ortsstatut der obenerwähnten Art zur Rvthwendigkeit werden wird, da die vorgenommeuen Schächtnngen zu der Zahl der jüdischen B vülkeruug in keinem Verhältnis steht. Bel Ochsen beträgt der Percentiatz der geschachteten Thiere ca. 20%, bei Rindern schwankte derselbe je nach dem Lebend-