Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1900-01-26 · 4 (26.1.1900) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
4 (26.1.1900)
Date
1900-01-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2432811-2432815--0418-2434025
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt S6. Jänner 1900 Seite 3 war durch lauge Jahre Armenarzt in der Brigittenau und als solcher ein Muster aufopfernder Pflichterfüllung. Er war aber den Armen nicht nur Arzt, er war auch ein mitleidiger Helfer in der Noth, und zahlreiche seiner Patienten hat er noch mit Geld unterstützt. Die Armen des Bezirkes verehrten Dr. Weiß als ihren Wohlthäter und die nach Hunderten zählenden Leidtragenden, welche dem Sarge folgten, gaben Zeugnis von der ungewöhnlichen Beliebtheit des Verstorbenen. Dr. Weiß hat das 52. Lebensjahr erreicht. Den russischtürkischen Feldzug machte er als Oberarzt auf türkischer Seite mit und im Feldzuge des Jahres 1800 wurde Dr. Weiß für sein tapferes Verhalten ausgezeichnet. Im Trauerhause erschien der Vorstand des Brigitteuauer Tempelvereines und Vertreter anderer Bezirke. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Templer würdigte die vielfachen Verdienste und Vorzüge des Verblichenen als Arzt und Menschenfreund, der oft arme Patienten aus Eigenem initerstützte, und auf den Gottesacker hielt der ehrwürdige Herr Rabbiner Dr. Schmidt dem allzu früh Abberufenen einen warmen Nachruf, ebenso nahm Amtscollege Dr. R o s e n t h a l herzergreifenden Abschied. Ein Bruder des Verstorbenen ist Oberrabbiner in Gran und war derselbe auch anwesend. Prag. (Socialdemokratische Juden.) Am 21. d. M. fand hier eine vertrauliche Versammlung von Handelsangestellten zu dem Zwecke, sich als eiue Section des „I ü d i s ch e n Bvlksvereiues" zu constituieren, statt. Dieses Bestreben ist jedoch nicht nach dem Geschmncke der jüdisch-socialdemokratischeu Heißsporne dieser Beschäfliguugskategorie, weshalb sich dieselben auch alle Mühe gaben, die Constituiernug zu vereiteln. Sie haben diese Absicht vorläufig auch erreicht. Aber nicht diese Thatsache ist es, die der weiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll, sondern der Hergang derselben. Es wäre zu wünschen gewesen, dass dieser Versammlung unsere Rabbinen, unsere Lehrer rc. beigewohnt hätten, um zu ersehen, welche Verheerungen in der jüdischen Jugend die unverantwortlich nachlässige Erfüllung ihrer Pflichten angerichtet hat. Unsere g r i m m i g st e n G e g n e r treten gegen u n s n i ch t so r ü ck s i ch t s l o s auf, wie es d i e s e I n d e n thaten. Eigenschaften, die der verbissenste Feind unseres Volkes uns zu seinen! Aergeruisse als Tugend anrühmen muss, sprechen uns die Bethörten in ihrem Wahne ab, sie treten gegen ihre angestammte Religion, gegen ihre Geschichte, gegen alles, was jüdisch ist, mit einem derartigen Eifer auf, dass es den für die Zukunft des jüdischen Volkes Besorgten schaudern macht, wenn er sich sagen muss, diese Leute sollen Männer, sollen Familienväter einer künftigen Generation werden. Wie stark, wie unbehindert durften Irrlehren diesen Juden gepredigt werden, um sie voll und ganz für sich zu gewinnen. Wieviel Großes, Bedeutendes hätte diese Jugend für ihre eigene jüdische Sache leisten können, hätte« unsere berufenen F a c t o r e n es wenigstens versucht, sich in diesen Kreisen Gehör zic verschaffen. Aber das war und ist bis jetzt unter der Würde dieser Factoren, die in dem Wahne leben, wenn sie am Samstag predigen oder dem armen Juden ein Almosen zuwerfen, hätten sie ihre Pflicht gethan. Diese socialdemokratischen Juden haben in ihren mit Verve vvrgetragenen Ideen, trotzdem sie es leugnen, den jüdischen und nur den jüdischen Charakterzug unwillkürlich zu erkennen gegeben. Ist der Fehler dieser Jugend hier gegeißelt worden, darf die Hoffnung dennoch nicht aufgegeben werden, dass es besser werden wird, wie es den Herren in dieser Versammlung auch gesagt wurde. Sie werden schon in unser Lager getrieben werden, wenn sie es nicht vorziehen, jetzt selber zu kommen. Denn die Socialdemokraten sind schließlich doch auch Deutsche und Czechen. Ein Vorwurf, den sie den Juden machten — und dieser ist leider allzu gerechtfertigt, und diesen möge jeder jüdische Chef gar sehr beherzigen — ist der, dass die Chefs nicht mehr wie früher den jüdischen Angestellten vorziehen, sondern im Gegentheile ihn womöglich zu entfernen trachten. Sie ziehen es vor, einen christlichen A n g e st e l l t e n aufzunehmen, damit man nicht meine, dass der K o h n ein Jude sei. Er hat n i ch t j ü d i s ch e Diener. Durch diese Praxis sind diese Juden, ob Chef, ob Diener, sehr beuachtheiligt. Der erstere erzieht sich eine Concurrenz, die, selbstständig geworden, ihn nicht auf dem gleichen Boden bekämpft und bekämpfen kann, sondern ihn auf Grund der verschiedenen Rassenzugehörigkeit niederringt. Der zweite! Was soll der beginnen? Der jüdische Chef nimmt ihn nicht, trotzdem er Jude ist, der christliche aber, weil er Jude ist. Dieser Punkt gibt zu denken, Ihr Herren Geschäftsinhaber, Ihr großen Juden! Bodenbach. (Ein Beitrag zur Illustration der Baron Hirsch-Stiftung.) Wir erhalten von geschätzter, vollständig vertrauenswürdiger Seite nachstehende Zuschrift : Sehr geehrter Herr Redacteur! Vielleicht verwerten Sie diese nachfolgende Notiz: Vor einem Jahre brachte ein hierorts wohuender Familienvater von acht Kindern ein Gesuch um Gewährung eines Darlehens bei der Stiftung ein, welches von dern Gemeiudevorstande und dem Rabbinate wärmsteus unterstützt wurde, weil der Arme durch neue behördliche Erlässe, sowie durch den latenten uno offenen Antisemitismus um sein kärglich Brot gekommen und sich mit einem rasch gewährten Darlehen wieder auf die Beine helfen konnte. A ch t T a g e n a ch E i n r e i ch n n g des Gesuches kam aus Prag eine diesbezügliche Anfrage, die auch prornptest und in günstigem Sinne erledigt wurde. Der arme Mann war glücklich und voller Hoffnung. Nun ist f a st ein Jahr vergangen, e r h a t n o ch keine A n t w o r t. Das kann doch nicht in den Intentionen des edlen Stifters gelegen sein, dass man die Armen in Hangen und Bangen schwebender Pein recht lange zappeln laffe, um dann eventuell einen abweislichen Bescheid zu geben. Besteht das Bureau nun einmal, dann muss es auch seinen Zweck erfüllen und, wenn es helfen kann, rasch helfen. Bis dat qui cito dat. Bei der jetzt gehandhabten Weise ist der Bestand des Bureaus unzuverlässlich und illusorisch. F. Saaz. (SB t e e s mit dem Boycott derIuden a u s s i e h t.) Es ist eigentlich heiter, mitanzusehen, in welch verwickelten Widersprüchen unsere geehrten Deutschnationalen sich bewegen, ttm den Boycott gegen unsere jüdischen Gewerbetreibenden und Geschäftsleute durchzuführen, bedienen sich die Herren bekanntlich aller Mittel. Es ist gar nichts zu schlecht. Die Juden sind Schwindler, Pleitemacher, führen Pofelware rc. Umso erheiternder ist es, wenn die Deutschuationalen selbst einmal zugcbeu müssen, dass die Juden nicht nur geschäftstüchtiger, sondern auch arbeitsamer sind wie die Herren Deutschen. Einen drastischen Beleg dazu veröffentlichen unsere „S. Nachrichten". Unter dem Titel: „Kauft nur bei Deutschen" schreiben sie: „Seit dem großartigen Aufschwunge, den die deutschuationale, judengegnerische Bewegung in unserem engereu Heimatslande genommen, seitdem die Ueberzeuguug von der wirtschaftlichen und sittlichen Gefährlichkeit des Judenthums alle Kreise unseres Volkes zu durchdringen begonnen hat und seitdem man das Svuj k svemu die Herren Czechen am eigenen Leibe fühlen lässt, ist dieser Ruf nicht verstummt, wird er in der Presse wie in Versammlungen immer wieder erhoben, und wir haben damit auch bereits recht ansehnliche Erfolge erzielt. Ja, wie denn aber — wurde uns schon oft entgegengehalten — wenn ich das, was ich brauche, beim stammesverwandten Kanfmanne einfach nicht erhalte? Und zwar nicht vielleicht wegen des Unvermögens des Kaufmannes, sondern wegen seiner Bequemlichkeit, oder weil er nicht das Geschäftstalent des Juden entwickelt? So wird uns ein Fall mitgetheilr, wo ein deutscher Bauer beim christlichen Eisenhändler ein landwirtschaftliches Geräth, dessen er dringend bedurfte, weil ihm seines zerbrochen war, nicht erhalten konnte, weil es angeblich „selten abgeht", während es der jüdische stets auf Lager hat? Oder wie daun, Wenn der chriftliche G l a s e r rn e i st e r eine von ihm selbst bezogene Ware nicht repariert, weil dabei „nicht viel zu verdienen ist", während es der jüdische sofort t h u t? Müssen da weniger weit denkende Leute nicht geradezu verleitet werden, etwaige künftige Neuauschaffuugen beim Juden zu beziehen? Das sind nur 2 Beispiele von thatfächlichen Vorkommnissen, die wir beliebig vermehren könnten." Bedarf es da noch eines weiteren Commentars? Das wird aber natürlich das Gesindel nicht abhalten, demnächst wieder über den „jüdischen Schwindler und Blutsauger" herzufallen. Ein armer Glasermeister und ein — Blutsauger. So nimmt sich das „Edelvolk", in der Nähe betrachtet, aus. Mattau. (Aus der Cultnsgemeind e.) Die hiesige Cultusgemeinde steht unter bewährter, zielbewusster Leitung; deshalb prosperiert dieselbe und weist in jeder Beziehung Fortschritte auf. Während andere Cultusgemeinden Böhmens ihre confessionellen Schulen „gehorchend dem Drange, nicht dem eigenen Triebe", auflvsten, gedeiht die hiesige israelitische zweiclassige, mit dem Oeffentlichkeitsrechte versehene Volksschule und weist im heurigen Jahre eine höhere Schülerzahl aus, als im verflossenen. Unser Gottesdienst erfreut und erhebt das Herz und Gemüth jedes Tempelbesuchers. Ein vorzüglicher Chor, geleitet von dem unermüdlichen Dirigenten Herrn M.-U.-Dr. Nathan Reiser, unterstützt unseren künstlerisch ausgebildeten Obercantor Herrn Leo K o r n i tz e r in jeder Weise; auch die Predigten des Rabbiners Herrn Dr. M. L. Wolf tragen nicht wenig zur Hebung der Andacht bei. Deshalb ist's kein Wunder, dass unser Tempel immer von Andächtigen gefüllt ist. Die Chewra-Kadischa zählt laut ihres letzten Berichtes 65 wirkliche und zwei Ehrenmitglieder : zu letzteren gehört Herr Juwelier L i p p m a n n K o h n e r in Wien. Das Vermögen der Chewra beträgt gegenwärtig 17.868 K 94 h; als Obmann derselben fungiert Herr S. I. Kr aus köpf. Die Geselligkeit blüht unter unseren Glaubensgenossen, weil sie bereits 16 Jahre einen israelitischen Geselligkeitsverein besitzen, der ihnen vollkommen Ersatz bietet für das „Beiseitegeschoben.verden in anderen Vereinen". Unlängst veranstaltete der genannte Verein wieder in seinem Stammlocale, dem kaiserlichen Gasthause „zur Rose", einen seiner herrlichen Unterhaltungsabende. Die Productionen der stimmbegabten Damen B r u m m e l, I a n o v s k y, K r a u s k o p f, Siecher und Wolf, die komischen Scenen der Herren Fleischer, K a tz, Dr. Reiser, Steiner, Wedeles und insbesondere das Wachsfiguren-Cabinet, das Herr Bjehavy vorführte, ernteten einen Beifallssturm. Die Krone des Abends gehört aber unstreitig unserem Obercantor Herrn Körnitz er für seine mit großer Innigkeit und Wärme vorgetragenen Lieder. Der namhafte Reinertrag des gemüthlichen Abendes kommt armen israelitischen Schulkindern zugute. Troppau. (Zur Illustration der „c u ltUrbild e n d e n" R a s s e.) Montag den 22. d. hat vor dem hiesigen Landesals Schwurgerichte die erste diesjährige Schwurgerichtsperiode begonnen, für die folgende Straffälle in Aussicht genommen sind: Montag den 22. d. gegen die Dienstknechte Eduard K ru pitz, 26 Jahre alt, Karl G ö b e l, 22 Jahre alt, Josef Czischet, 22 Jahre alt, sämmtliche aus S ch w a n s d o r f, wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit und der versuchten N o t h z u ch t. — Dienstag den 23. d. gegen Josef Foltyn, 29 Jahre alt, Taglöhner und Bergarbeiter aus K i jo Witz, wegen eines an einer 67 Jahre alten Frau begangenen Sittlichkeitsverbrechens. — Mittwoch den 24. d. um 9 Uhr vormittags gegen Johann Kinzel, 54 Jahre alt, Taglvhuer ans Neu-Erbersdorf. zuletzt in Arbeit in Olbersdvrf, wegen eines Sittlichkeitsverbrechens, begangen au einem Mädchen unter 14 Jahren; nachmittags 3 Uhr gegen Emanuel I a tz e k, 24 Jahre alt, Taglöhuer in Katharein, wegen Verbrechens der Brandlegung, begangen an den Eheleuten Josef und Katharine Hübel in Katharein. — Donnerstag den 25. d. gegen den 32jährigen Tischlergehilfen Josef Bauer ans Ramsau, welcher verdächtig ist, dass er Ende October v. I. bei Ramsau an Johann Kolb einen Mord verübt habe. — Commentar überflüssig. Ausland Berlin. („I u d e u p a ck" vor G e r i ch t") Der deutschthümlerische Dicnstmann N e n m a n n, ein großer Antisemit vor dem Herrn, hausierte in den Gassen Berlins mit antisemitischen „Bücheln" herum, wobei er weidlich über die Juden schimpfte. „Judenpack" und dergleichen Ausdrücke wechselten in reizvoller Abwechslung. Einige vorbeigehende Inden zeigten dies bei Gericht an. Das Landgericht als erste Instanz sprach den Geklagten frei. Der Staatsanwalt jedoch recnrrierte gegen das freisprecheude Urtheil und die Angelegenheit kam vor die Berufnngskammer. Der Staatsanwalt beantragte, den lieben Herrn mit einem Monate Staatsversorgung, vulgo Arrest, zu bedenken. Mit Rücksicht auf die geringe Bildung des Geklagten wurden dem Geklagten mildernde Umstände zuerkannt und derselbe bloß zu einer Woche Arrest vernrtheilt. Das wird ibn wohl für die Zukunft abhalten, fciucti Expectorationen auf der Gasse Luft zu machen. Paris. (I u d e n t ö ch t e r und I u d e n g e l d lieben auch Antisemite n.) Vor kurzem fand in Paris eine charakteristische Trauung statt. Graf M u n heiratete eine reiche Jüdin. Dass Jüdinnen gerne in den Kreisen des Adels sich „einkaufen" und arme christliche Grafen heiraten, ist bereits nichts Neues mehr. Aber dieser arme Graf ist ein Anhänger des Herzogs von Orleans, das heißt eines ausgesprochenen Antisemiten. Dafür ist seine Frau Gemahlin die Tochter der gewissen „jüdischen" Madama P o r g e s, welche bekanntlich 100.000 Francs dem Herzog von Orleans einzig zum Zwecke der antisemitischen Propaganda zur Verfügung stellte. — „Lug und Trug auf einen Zug." Paris. (Eine jüdische Bibliothek für i Arb eit er.) Hier in Paris wohnen gegen 5000 jüdische Arbeiter aus Russland. Sie schlossen sich in einem Vereine zusanlmen und gründeten eine jüdische Bibliothek mit einem geräumigen Lesesaale, wohin auch Nichtmitgliedern des Vereines der Eintritt und die Benützung der Bibliothek und des Lesesaales freigegeben ist. Das dürfte, so ist die allgemeine Meinung, viel dazu beitragen, die Arbeiterkreise dem Judenthum inniger einzuverleiben. London. (JüdischeSeeleute der englischen Kriegsflotte.) Bekanntlich befinden sich in den Reihen der englischen Landarmee in Südafrika viele Juden. Viele einfache Soldaten, aber auch genug jüdische Officiere. In den Berichten der Gefallenen und Verwundeten, welche von den Tagesblättern von Zeit zu Zeit veröffentlicht werden, begegnet man nicht wenigen Juden. Jetzt erfährt die Welt, dass auch bei der Kriegsflotte viele Juden dienen. Bisher behaupteten die antisemitischen Zeitschriften, in der englischen Marine befänden sich keine, aber schon gar keine Juden, und nun veröffentlicht „Jewish Chronicle" die Namen der jüdischen Matrosen, welche sich auf den Schiffen vorfinden, und beinahe alle Londoner Blätter bestätigen anerkennend die Tapferkeit der jüdischen Soldaten zu Land und zu Wasser, von denen so mancher geradezu Heldenthaten verrichtet. Petersburg. (Juden b e i m Militär.) Wie russische Blätter melden, soll die Regierung sich mit der Absicht trägem die Erlaubnis zu ertheilen, jüdische verdiente Soldaten zu Unter- Officieren zu ernennen. Bis zum Jahre 1885 hatten bekantlich die jüdischen Soldaten dieses Recht, das ihnen aber seit damals entzogen worden war. Und nun sollen sie dieses Recht zurückbekommen. Odessa. (Hungersnoth in Bessarabien.) Von der Provinz Bessarabien (Russland) wird berichtet, dass dort Heuer Misswachs war; die Ernte war daher nur dürftig. Demzufolge herrscht in der Provinz Hungersnoth. Die Bauern, die nichts zu beißen haben, besitzen auch keine Wertsachen, die sie veräußern könnten. Aus diesem Grunde geht es den Juden dieser Provinz sehr schlecht. — In Ackermann ist die Roth der jüdischen Einwohner dieser russischen Provinz so groß, dass der Gouverneur derselben sich persönlich beim Minister dahin verwendete, ihm zu gestatten, 4000 Rubel vom Koscherfleisch-Ertrage (dieser Betrag soll bekannntlich nur für allgemeine Zwecke der Juden Verwendung finden) unter die armen Juden zur Vertheilung bringen. Der „W o s ch o d" hat bei dem Rabbiner von Ackermann angefragt, wieviele Juden dort eigentlich hilfsbedürftig sind, worauf der Rabbiner telegraphisch antwortete, es sind iin Kreise Ackermann allein gegen 300 jüdische Familien, die Hunger leiden. — Geldsaunnlungen für diese am Hungertuche Nagenden werden veranstaltet. Sofia. (Der Antisemitismus in Bulgarien) wird von Tag zu Tag größer, stärker und ausgebreiteter. Unlängst fand in Burgas eine große antisemitische Versammlung statt, in welcher beschlossen wurde, an die Negierung mit dem Ansnchen heranzutreten, dem folgenden Begehren Gesetzeskraft zu verschaffen, und zwar: 1. Fremden Juden ist das Betreten ^bulgarischen Bodens verboten. 3. Ein Jude darf weder Güter kaufen noch Häuser bauen. 3. In den bulgarischen Städten dürfen Juden keine Geschäfte betreiben. 4. Die bulgarische Bank dürfe einem Juden kein Geld borgen. Ueberdies sollen alle Juden, vom 10. Lebensjahre angefangen, eine besondere Kopfsteuer entrichten. Man glaubt nicht, dass die Regierung diesen Forderungen Gehör schenken werde. Bukarest. (Neue V e r f o l g u n g e n.) Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat an die General-Directionen der Bahnen ein Decret ergehen lassen, wonach ihnen aufgetragen wird, jeden „fremden" (d. h. „jüdischen") Functionär an der Bahn durch einen Rumänen bis zum 15. Jänner l. I. zu ersetzen. Chicago. (Ein großer Fehler füreinen Juden, wenn er — dieSabbatruhe heilig hält!) Ein Geschehnis ruft hier allgemeine Sensation hervor. Es wohnt hier

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.