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Jüdisches Volksblatt · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 19. Jänner 1900 Nr. 3 IN muren, die Historiker befragt und alles Mögliche gethan. Liese haben nun gefunden, dass all diese Geschichten „niederträchtige Lügen" sind — ein Ausdruck, den Herr Deckert nicht verwinden kann — ja noch mehr, sie haben zutage gefördert, dass, abgesehen von der Fälschung der Acten und Thatsachen, die meist von Congenialen eines Anton Löw vorgenommen wurden, abgesehen davon, dass nach genauem Studium all dieser Fälle dem unbefangenen Leser nur ein Eindruck bleibt, nämlich unbeschreiblicher Ekel und tiefste Verachtung vor jenem verlotterten Gesindel, das gegen Unschuldige und tugendhafte Menschen solche Anschuldigungen zum Zwecke der Befriedigung ihres verthierten Hasses — allerdings bekleidet mit dem schwarzen Mantel der „Liebe" — vorzubringen vermag, dass, abgesehen von dem allen, nicht bloß die Juden das Volk sind, bei welchem derlei Zauber aus religionsgesetzlichen Gründen ganz ausgeschlossen ist, sondern dass Aehnliches, wenn nicht gerade solches, bei vielen Völkern Europas lange Zeiten hindurch geschehen ist. Diese Ueberzeugung gibt ein Blick in irgendeine Zeitschrift für Folkloristik. Aber da dem doch so ist, da diese Ungläubigen die abscheuliche Gewohnheit haben, der Wahrheit nachzuspüren, musste Deckert „wenigstens den einen Fall (von Trient) als historisch sich hinstellen." Und das war der Grund, weshalb die Broschüre erschien. Er konnte umsomehr sich dieser Aufgabe unterziehen, als er doch sicher darauf rechen konnte, dass all diejenigen, für welche diese historische Arbeit berechnet ist, sicher sich nicht umsehen werden und vielleicht gar erfahreir, dass auch hier, wie immer und überall, die Unschuld der Juden sich erwies, dass der damalige Papst das Verlangen, den Knaben heiligzusprechen, mit einer ernsten Rüge abwies rc rc. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, Herrn Deckert zuliebe, den genugsam erörterten Fall zu recapitulieren. Lassen wir Herrn Deckert weiter sprechen. Er sagt: „Warum gerade ich dagegen auftrat? I ch fühlte mich zu dieser Arbeit verpflichtet, weil ich durch das Studium der Prvcessacten des heiligen Simon von Trient, die sich in der k. k. Statthaltereibibliothek zu Innsbruck befinden, in der Lage war, diesen Beweis mit größerer Sicherheit zu führen, als andere." Also jetzt wissen wir's. Doch, weil wir nun mal Juden sind, möchten wir in unserer nationalen Eigenthümlichkeit w eiterfragen! „Warum studierte gerade i ch die Prvcessacten dieses Falles? Warum studierte ich nicht andere Acten? Warum studierte ich nicht die Acten, welche die Aufklärung über den furchtbaren Justizmord bringen? Warum schrieb ich darüber nicht Broschüren? Ja, warum führte ich in meiner „historisch-wissenschaftlichen" Untersuchung dieses Resultat des Falles nicht an, ohne welches er nur ein Torso bleibt? Warum? — Nun eben, weil ich der Pfarrer Deckert bin!" — Wer zeigen will, dass er was vertragen kann, der lese das Folgende und — bleibe ernst. „Es ist doch nur eine „historische Controverse" zwischen mir und einem Rabbiner; sollte sie verboten sein, weil es etwa Juden und Judenknechten unangenehm ist? Weil sie das Licht der historischen Wahrheit scheuen? Der Inhalt der Broschüre ist historisch — rein historisch!" Wer lacht da?? Die „Wissenschaftlichkeit", namentlich die quälende Sorge um die „historische Wahrheit" werden wir fortan an Herrn Deckert zur Genüge schätzen, wie wir aber seinem Jesuitismns die gerechte Würdigung angedeihen lassen könnten, ist für uns eine ungelöste Frage. Wahrlich, wir kennen die Moral jener Herren, deren Sittencodex die Regel enthält: „Gewissensscrupel verachte man", wir wissen, was jene an Menschenliebe geleistet haben, denen einst Prinz Eugen, der edle Rirter, der Türkenhasser, zugernfen : „Eure Moral ist schlechter, als die der Türken!" Trotz alledem können diese Herren noch in Deckert ihren Meister sehen, der sich nicht bloß machte ihn ruhelos. Er gedachte seines frommen Vaters und der noch frömmeren Mutter, und erinnerte sich, dass ihm einst im Cheder (jüdische Schule) gelehrt wurde, die Eltern eines Convertiten fänden im Himmel ihres Kindes wegen keine Ruhe. . . „Genug der Jahre mildem Leibe, mit der vergänglichen Hülle verbracht, man muss schon auch ein bisschen für die unsterbliche Seele sorgen", begann er zu denken, „genug gelebt auf dieser Welt, man muss endlich doch in jene Welt eintreten." Und Filkoff wurde ein ganz anderer, sperrte sich tagelang in seinem Zimmer ein und weinte. Denn nur die stummen Wände seines Zimmers können seine Thränen sehen, sein Jammern hören. Die Gasse darf davon nichts erfahren, denn selbst die Taufe zu bereuen, ist in Russland strafbar, und gar eine etwaige Rückkehr zum Judenthum, die wird mit Verschickung nach Sibirien geahndet. So vergiengen einige Jahre, während welchen Tilkoffs Qualen von Tag zu Tag größer wurden. Sein ohnehin geringes Capital verminderte sich und seine Körperschwäche steigerte sich immer mehr. Nur die Gewissensbisse wurden immer stärker, von Monat zu Monat, von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde. Die Reue überwältigte ihn und das Geheimhalten derselben erschütterte seine Nerven und zerrüttete seine Gesundheit. Wie verrückt saß er einsam in seinem Zimmer und wie ein Schatten bewegte er sich in den Gassen Odessas, bis er endlich einen festen Entschluss fasste. „Komme es wie es will, ich muss wieder Jude werden. Ich will Ollam Habbah haben." Und da dies in Russland unmöglich war, beschloss er, sich ins Ausland', nach Oesterreich, wo der Neligionswechsel gestattet ist, zu begeben, um dort, sobald er die russische Grenze übertreten hätte, sich sogleich zu dem Rabbiner des ersten österreichischen Grenzortes zu begeben und von demselben in den Schoß des Judenthums wieder ausgenommen zu werden. Schon der Entschluss brachte ihm theilweise Beruhigung und er gieng mit unentwegter Energie an die Ausführung seines Beschlusses. Wer Filkoff nicht bei Bethätigung desselben gesehen, der hat noch nie willensstarke Energie bei Lösung einer sich selbst von den „Geständnissen" jener Unglücklichen zu reden unterfängt, sondern von den „Aussagen der überführten jüdischen Mörder, die von ihnen angesichts des Todes eidlich bestätigt wurden", spricht. Male man sich mit nur einiger Phantasie die Schrecken der heiligen Hermandad als Hintergrund zu diesem Satze aus und frage sich, was Deckert kann? Wie mehrfach bewiesen, ist die Broschüre nur eine religiöse Controverse, eine rein historische Arbeit. Ihre Beziehung zu Juden und Judenthum in der Gegenwart wird ganz in Abrede gestellt; denn unsere Juden — er weiß zwar, wie er oben sagte, nicht, was darunter zu verstehen ist — aber gleichviel, unsere Juden, jedenfalls die, welche der Herr Staatsanwalt zu schützen hat, liebt Herr Deckert christlich, sei es als seine Nächsten oder als seine Feinde. Allenfalls ihnen will er kein Haar krümmen. Doch man kann nicht für seine Natur! Ungewollt zeigt er selbst im Nahmen dieser prächtigen Bertheidigungsrede sein Pferdefüßchen — der Schriftgelehrte Schneider würde sagen, sein koscheres Chaserfüßchen — und ruft aus: „Ja, aber das Blut! Ja, das Blut! „Selbstverständlich „historisch"! Um unsere I u d e n s ch a f t, wie gesagt, handelt es sich bei Deckert nicht; ebensowenig wie etwa in der Bibel, die der fromme Herr dem Staatsanwalte gleichfalls zur Confiscativn empfiehlt, falls sich unsere Juden getroffen fühlen sollten wegen des vielen Argen, das da über sie ausgesagt ist! Aber so geht es; hätte diese Bibel nicht Semiten zu Verfassern — wer weiß! — so aber, gegen diese geht man ja bekanntlich nicht vor. „Ich behaupte auch," sagt Deckert weiter, „so paradox dies klingen mag, durch den historischen Beweis, den ich in der Broschüre geführt habe, werde das Judenthum nicht im geringsten geschädigt oder herabgewürdigt. Die Juden können ohneweiters zugeben: Ja, vor 425 Jahren mögen die Juden von Trient ein Christenkind gemartert und sein Blut zu abergläubischen Zwecken gebraucht haben; aber sie können auch mit Recht sagen: W a s geht das uns an? Wir verabscheuen mit Euch diese greuliche That. Aber, so könnten sie hiuzufügen, haben sich nicht Eure heidnischen Vorfahren ähnlicher Greuelthaten schuldig gemacht, und ist nicht auch die Geschichte christlicher Völker von blutigen Opfern des Fanatismus, des religiösen und politischen, befleckt?" Oje, und wie! Und wie vieles könnten wir noch h i n z u f ü g e n? Z. B.: Ist es Fanatismus oder bestialischer Hass, wenn man „niederträchtige Lügen" erfindet, sich ihrer bedient und Liebe zu üben vorgibt? Ist es die Superiorität der arischen Rasse, die sich darin bekundet, dass sie uns nicht begangene Sünden nicht verzeihen kann, weil sie stets neue Verbrechen an uns begehen will? rc. rc. Doch nun noch einmal zurück zu D e ck e r t. Und diesmal müssen wir ihm vollends recht geben. Er fragt: „Ja, die meisten antisemitischen Bücher und Broschüren, welche in Oesterreich, Deutschland, in Frankreich und sonstwo erscheinen und über die Ritualmordfrage sich verbreiten, behandeln den Fall Simons von Trient in demselben Sinne, wie meine Broschüre, nur begreiflicherweise (!) nicht so gründlich. Warum wird nur meine Broschüre confisciert?" Das mögen sich diejenigen gesagt sein lassen, die es angeht. Dr. R. Feld. Aus unserem Parlamente. Das Parlament ist todt, es lebe die Delegation, so rufen jetzt die antisemitischen Volksvertreter. Und sie haben recht! Der freundliche Saal des Herrenhauses, in dem die öftergestellten Aufgabe gesehen. Wie neubelebt, wurde seine Haltung stramm, die Beine streckten sich und trugen den aufgerichteten Körper schnell dahin. Es gelang ihm, sich einen Reisepass ins Ausland, was bekanntlich in Russland mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, zu verschaffen. Er engagierte einen jungen Juden, der ihn auf der Reise bis zur Grenze begleiten solle, verkaufte alles entbehrliche Hausgeräthe und verpackte das Uebrige in einen großen Koffer. So war er reisefertig. Da aber spielte ihm das Schicksal einen Streich. In der Nacht, welche dem Tage der geplanten Abreise vorangieng, erkrankte er plötzlich und der herbeigerufene Arzt verbot die Abreise: „Sie müssen sich erst einige Zeit erholen, da sie sonst die Grenze nicht lebend erreichen werden." Und so liegt der Arme schon seit Wochen im Bette; liegt und küsst immer wieder Zizzis und Tefilin. Aber er muss sie versteckt halteu. Er fürchtet eine Denunciation. Man soll nicht erfahren, was er macht. Vergebens versichert ihm sein Reisebegleiter, der inzwischen sein Krankenwärter geworden ist, dass niemand von dem, was vorgeht, auch nur die entfernteste Ahnung habe, vergebens dringt der Arzt darauf, er solle ruhig sein. Alles ist umsonst. Jedes Geräusch vor seiner Thüre jagt ihm Schrecken ein, macht ihn erbeben. In jedem Eintretenden wittert und fürchtet er einen Spion, seine Nerven kommen nicht zur Ruhe, die Augen werden matt und das Herz immer mehr erregt .... Auch ich strengte mich vergeblich an, den Bejammernswerten zu beruhigen. Mein eifriges Zusprechen brachte nur die Wirkung hervor, dass er in heftiges Weinen ausbrach. „Ich bin verloren!" stieß er schluchzend hervor, „verloren von beiden Welten!. . . Ich will nur erleben, über die Grenze zu kommen und dort, dort zu sterben, ich soll wenigstens dort zu „K e w er Ii ssruel" (zu Grabe auf einem jüdischen Friedhof) kommen. . . ." Mir traten Thränen in die Augen. * * * * reichische Delegation tagt, ladet förmlich zur traulichen Unterhaltung ettt, und die deutschen Helden der famosen, mit „Hintansetzung aller trennenden Grundsätze" geschlossenen Gemeinbürgschaft sorgen dafür, dass der antisemitische Kitzel den auf den gepolsterten Bänken wohlig hingestreckten Gliedern der Herren Delegierten nicht fehle. Nicht nur unser alter Freund Schneider hat sich bemüht, den Antisemitismus in der Delegation heimisch zu machen, auch der Abgeordnete der Volkspartei Dr. L e m i s ch sah sich veranlasst, einige Proben seiner Gesinnungstüchtigkeit zu geben. Denn was ein rechter deutscher Mann und Abgeordneter ist, kann keinen Juden leiden und muss seiner Abneigung gegen alles Semitische Ausdruck verleihen. Nun hat die Deutsche Volkspartei zwar den Antisemitismus auf ihre Fahne geschrieben, aber sie liebt die großen Scenen nicht, denn sie ist eine Partei der Bildung und der deutschen Professoren und will durch lärmendes Treiben sich nicht die Wege versperren, die zur Ministerbank führen. Unb wenn auch in qualvollen Stunden dem Munde des Professors Pommer der bange Ruf sich entringt: „Wo ist das Blut der Hruza", so weiß doch der Abgeordnete L e m i s ch, der als gebildeter Mann an Ritualmärchen nicht glaubt, den Principien seiner Partei besser gerecht zu werden und den Juden in aller Stille etwas am Zeuge zu flicken. Still und doch gut, wie es sich eben für einen Volksvertreter ziemt, der sich von den jüdischen Correspondenten der deutschen Provinzblätter gelobt sehen will. „Wenn wir dann zuhause sind, lieber jüdischer Freund Journalist, dann will ich Dir im Vertrauen sagen, dass ich es ja nicht so böse meine, wie ich's sage, und Du wirst mir doch glauben?" Dieser Herr Abgeordnete, der seiner jungen Jahre halber in der Delegation die Würde eines Schriftführers bekleidet, hat bei der Berathung des Heereserfordernisses mit vieler Mühe unb großer Noth eine Rede vom Stapel gelassen, in der er von allem sprach, was sein Herz bedrückt, vom Grimme der Deutschen über die „2ci6«-Asfaire, von den schlechten Umgangsformen mancher Osficiere, von den Gemüseconserven und vielem anderen, und meinte, die Gemüseconserven seien so schlecht, weil sie meistens von den Angehörigen der „interessanten Nation" hergestellt werden. Nun hat zwar der Kriegsminister erklärt, dass die betreffenden Conserven recht gut sind, aber — ein deutscher Abgeordneter wie Dr. L e m i s ch muss den Juden für alles Schlechte auf Gottes Erdboden verantwortlich machen, und nachdem der Recke aus dem Kärntnerlande seinem Unmuthe über die bösen Juden Luft gemacht, die den armen Söhnen des Volkes, die ihrer Dienstpflicht obliegen, schlechte Nahrung liefern, sucht er sich für die Qualen, die sein patriotisches Gewissen leidet, dadurch zu entschädigen, dass er den Juden eine neue Steuer aufbürden will, und während er früher der Frau Wahrheit bloß aus dem Wege gegangen, schlägt er ihr nun ins Gesicht. Er verkündet den aufhorchenden Delegierten und den Vertretern des Kriegsministeriums, dass die Juden verhältnismäßig viel zu wenig zur Blutsteuer beitragen. Deshalb müssen bei der Einführung einer „Wehrsteuer" die Angehörigen dieser Nation entsprechend geschröpft werden. Nun, Herr Dr. L e m i s ch, das war wieder eine jener Lügen, die man sich ungestraft leisten kann, wenn man nicht Gefahr läuft, sofort berichtigt zu werden. Es ist ja eine allbekannte Thatsache, dass die Juden in Oesterreich percentuell dem Staate ebenso viel Soldaten stellen, wie jede andere Nation, ganz abgesehen davon, dass sogar einzelne Juden es zu hohen Würden in der Armee gebracht haben, und mancher den Generalsrock nur deshalb nicht erhielt, weil er sich nicht zur Taufe bequemen wollte. Wie die Juden jederzeit, wenn es galt, für die Freiheit irgendeines Volkes, in dessen Mitte sie leben, zu kämpfen, Heldenmuth und Todesverachtung bewiesen, davon weiß die Kriegsgeschichte vieler europäischer Völker zu erzähle». Herr Dr. L e m i s ch thäte gut. Einige Tage später besserte sich sein Zustand derart, dass der Arzt ihm den Antritt der heißersehnten Reise gestattete. Er ließ sich das nicht zweimal sagen und trat die Reise mit dem nächsten Bahnzuge an. Wir begleiteten ihn zum Bahnhofe, und es war hochinteressant, sein ganzes Gehaben, während er ins Coupe getragen.wurde, zu beobachten. Seine Augen leuchteten, die Lippen umspielte ein Lächeln, und auf dem Gesichte lag das Gefühl der Glückseligkeit ausdrucksvoll ausgebreitet. In jedem Worte seines Abschiedes von uns konnte man sein frohes Hoffen erkennen. Das Abfahrtszeichen wurde gegeben, wir verließen den Perron, und der Zug setzte sich in Bewegung. * * * Drei Tage später wurden wir von seinem Reisebegleiter verabredetermaßen ausgesucht, der uns folgenden Bericht erstattete: „Den ganzen Weg über war der Alte munter und gut gelaunt. Auf der letzten Grenzstation, bevor wir die Grenze passieren sollten, wurde ihm plötzlich so schlecht, dass der Bahnarzt schleunigst herbeigeholt werden musste. Dieser ordnete seine sofortige Auswaggonierung an. Schnell nahm ich ihm Tallis und Tefillin weg und hängte ihm das Kreuz an. Ein Geistlicher war bald zur Stelle, der Todtengebete nach russischem Ritus recitierte, während welcher der Unglückliche den Geist aushauchte. Am christlichen Friedhofe wurde er zu Grabe gebracht.... O! Wenn es nur noch 5 Minuten gedauert hätte, er wäre drüben gewesen, hätte in Gegenwart des „Widde" (Schuldbekenntnis) gesagt und wäre auf einem jüdischen Friedhofe bestattet worden. Um 5 Minuten zu früh ist er gestorben, und das hat alle seine Hoffnungen zerstört." Schicksal! Warum diese Ironie? (Eine zweite Geschichte folgt.) R. A. Brandes.

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