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Jüdisches Volksblatt · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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G Erscheint jeden Freitag <»,■---4 ÄLdnrtion: VII1/1, Schlichelgaffe 11. EHrechstunden: An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vormittags; an Sonntagen von 11 btS 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdische« VoNSblatt, Wien, VII,|1. Vrschtverdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitte» wir uns dringend. — Mannseridte werben nicht zurimgeftevt. Postsparcasten-Conto 817037. In dos Abonnement kann man täglich eintretcn. *-----4 r / y ~ * a unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Prefsrommisston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes, Haasenstein & Vogler, Rudolf Moste. A. Oppelik, M. Pozsonyi, «. Schalek in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditione» im Auslände. , Einzel-Nummer in Wien IS Heller. >. .. —- Administration: VIII/ Abormem« Für Wien ». Oesterreich-Ungar» sammt Francoziistellung. Ganzjährig.Kr. 8.— Halbjährig.„ 4.— Vierteljährig ... 2.~ -- 1, Schlöstrlgasso 11. «ntspreid: Für das gesammte Sluölaud sammt Francoziistellung. Gi.nzjährig.Kr. Halbjährig ....... „ Vierteljährig.. 2.2»^ Ur. 3 Wien- 19. Iiimrer 1900. II. Jahrgang. Die Polen hüben und drüben. Im preußischen Abgeordnetenhause hat es diese Woche eine Polendebatte gegeben. Es handelte sich um das Schulwesen in der Provinz Posen, und der Abgeordnete I a z d z e w s k i hat sich in einer großen Rede beklagt über die „unparitätische Behandlung" der Polen. Er wendete sich gegen den Abgeordneten S a l t l e x und sagte, er verstehe es nicht, wie ein nationalliberaler, also ein liberaler Abgeordneter die Hand dazu bieten könne, ein Volk mit einer Jahrhunderte alten Cultur zu unterdrücken. Wir Juden begreifen diese Entrüstung. Wir fühlen, wir haben es gekostet und kosten es noch am eigenen Leibe. Wir fühlen auch mit anderen unterdrückten Völkern mit. In unserer Bibel ist uns gesagt: „Liebet den Fremden, denn auch Ihr seit Fremde gewesen im Lande Aegypten." Und unser großer Lehrer H i l l e l hat als einzige Grundlehre der jüdischen Religion den Satz aufgestellt: „Was D i r unlieb ist, das füge auch einem anderen nicht zu." Und wer weiß besser, was es heißt, unter Fremden zu leben, wer noch hat je soviel gelitten unter „unparitätischer Behandlung", wie wir Juden? Wir verstehen sehr wohl, unterdrückte Nationalgefühle zu bedauern! Denn unsere Nationalgefühle sind immer und überall unterdrückt. Das aber, was uns zu empören geeignet ist, ist der Umstand, dass eine Nation, die einerseits klagt und protestiert gegen ihre nationale Unterdrückung, auf der anderen Seite, wo sie die Herrschaft hat, selbst nationale Gefühle unterdrückt. Man braucht ja nur von Berlin nach Lemberg zu gehen, vom preußischen Abgeordnetenhause nach dem g a l i z i s ch e n Landtage, um das zu spüren und zn empfinden. Könnte denn nicht jeder jüdische LandtagsA-bgeordnete in Lemberg dieselbe I a z d z e w s k i's ch e Rede in Bezug auf die unparitätische Behandlung der Juden in Galizien halten? Und könnte denn der nicht gleichfalls ausführen, er verstehe nicht, wie eine Nation, die selbst anderswo unterdrückt ist, die Hand dazu bieten könne, ein Volk mit einer Jahrtausende alten Cultur zu unterdrücken? Könnten wir den Polen nicht zurufen: Verfolge nicht andere Nationen, denn eine verfolgte Nation bist auch Du in anderen Ländern! Oder dürften wir sie vielleicht an den Satz H i l l e l s erinnern : Was Dir unlieb ist, thu' auch einem zweiten nicht? Ja, dort klagen über Verfolgungen und hier s e l b st verfolgen, das ist nicht nur nicht logisch, sondern auch un k l u g. Der Weg zum Seelenheil. (Zwei Geschichte n.) I. In einem kleinen, finsteren Dachstübchen in Odessa liegt ein alter, kranker Mann nnd Ströme von Thränen entfließen seinen Augen. Unten auf der Gasse pocht und kocht das wimmelnde Stadtleben; nach allen Richtungen wogt die Menscheriflut, Tramway, Fiaker, Einspänner, Kaleschen und Equipagen kreuzen mit Geräusch und Gepolter die Straßen. Oben aber herrscht Todtenstille und Grabesruhe. Das Zimmerchen wird durch die blinden Scheiben des kleinen Fensterleins ganz ungenügend beleuchtet und nur einige matte Strahlen lassen das einfache Holzbett, in welchem der alte Kranke liegt, erkennen. Neben dem Bette befindet sich ein altersschwaches Tischchen, und auf demselben stehen Medicinfläschchen, Pillenschachteln und Tiegel verschiedener Größe und Gestalt. Dem Bette gegenüber steht ein großer Koffer, reisefertig mit Stricken umwunden, darauf sitzt ein magerer, ärmlich gekleideter junger Mann. Der Alte im Bette ächzt und stöhnt von Zeit zu Zeit auf, während der hagere, auf dem Koffer sitzende junge Mensch schlummernd nickt; ist er doch an das Aechzen gewöhnt, kennt er doch diese Leidensgeschichte. Und wahrlich, die Geschichte ist sehr, sehr traurig, hochtragisch. Man braucht nur das blasse Gesicht des alten, kranken Mannes anzusehen, seine langen, grauen Haare, den großen, weißen Bart, der wild, ungekämmt und ungeschoren auf der Bettdecke liegt, die tief in den Höhlen liegenden, matten Augen, die leblos ins Leere starren, die eingefallenen Wangen mit den runenhaft durchfurchten Stirnfalten zu betrachten, und man weiß, dass der Mann unsäglich leidet. Ja, nicht bloß die schmerzhafte Natur seiner gefährlichen Krankheit quält und plagt den Mann; ein marterndes Und dass es den Juden in Galizien schlechter geht, als den Polen in der Provinz Posen, wird selbst Jazdzewski zugeben müssen. Wir wollen ganz absehen von der materiellen Lage der Juden Galiziens. Wir wollen nicht sprechen von der systematischen ökonomischen Unterdrückung, welche seitens des Landtages und des Landesausschusses seit Jahren gegen die Juden betrieben wird. Dass durch Verordnungen und gewisse Unternehmungen den Juden der letzte Bissen Brot aus dem Munde gerissen wird. Wir wollen hier nur die nationale Unterdrückung ins Auge fassen, die Leiden, welche die Juden als Nation in Galizien zu leiden haben. Wie steht es denn mit den jüdischen Schulen in Galizien, weil hier gerade vom Schulwesen gesprochen wird? Werden die denn nicht von den Behörden gezwungen, polnisch und nur polnisch zu sein? Schulen, die mit jüdischem Gelde gegründet nnd erhalten werden, sind genöthigt, sich zu polonifieren bis zur Vergessenheit an Juden und Judenthum. Wir wollen hier, nicht Details aufzählen. Unsere Leser kennen sie sehr gut. Aber die Rede Jazdzewskis hat uns auf diese Betrachtungen geführt. Einige Rechtsgelehrte vertheidigen die Todesstrafe mit folgendem Motiv: „Jemand, der einen Mord begeht, musste doch im Principe annehmen, dass Morden erlaubt ist. So ist es auch dem Gerichte ihm gegenüber erlaubt, das Princip auszuüben und ihn zu tödten." Sollte dieser logische Schluss auch hier dienen, dann müsste ein Volk, welches andere verfolgt, sich selbst auch die Verfolgung gefallen lassen und stillschweigend hinnehmen, ohne zu protestieren. Aber wir als Juden ,saß"."^.-Du V e r f o lg t e r. v erfolge ni ch t. Pfarrer Deiterts Wissenschaftlichkeit. Pfarrer D e ck e r t hat sich wieder eine Rede geleistet. Bekanntlich antwortete dieser „wissenschaftliche" Verfechter des Antisemitismus auf die Protestkundgebung der Wiener Judenschaft in der Polna-Sache mit einer Broschüre, betitelt: „Das Martyrium des heil. Simon von Drient". Diese doch sicherlich „objectiv und streng wissenschaftliche historische" Arbeit fand aber nicht ganz die verdiente Anerkennung der Staatsanwaltschaft, welche der gewiss eigenartigen Ansicht war, eine Beschlagnehmung dieser Broschüre sei ein bald zu verwindender Verlust für die Wissenschaft. Und siehe, sie that also. Pfarrer D e ck e r t jedoch ließ es sich nicht nehmen, vor dem Erkenntnissenate des Landesgerichtes, an den er sich beschwerdeführend Seelenleiden steigert seine Pein ins Ungeheure, die sich durch fieberhafte Bewegungen bei jedem Geräusche vor seiner Zimmerthüre kundgibt. Das fiel mir gleich auf, als ich mit einem feiner Bekannten das Zimmer betrat. „Erschreckt nicht, Herr Filkoff," rief ihm mein Führer zu, „der ist ein Jude, einer meiner Freunde." Einige Minuten lang starrte der Alte mich an, beruhigte sich nach und nach. „A Jüd, a Jüd!" murmelte er erst still vor sich hin. Unmittelbar darauf schrie es förmlich freudig aus ihm heraus: „A Jüd! Schuloim aleichem!" Und unter der rothen Decke, mit welcher er „bis zum Kopfe" zugedeckt war, zog er einen alten, schmutzigen jüdischen Gebetsmantel", „Talis" genannt, und ein paar ebenso alte und ebenso schmutzige „Tefilin" hervor und begann abwechselnd, bald die „Zizzis" des Talis. bald die Tefilin inbrünstig, mit vollem Eifer, mit voller Ergebenheit zu küssen. Förmlich verblüfft stand ich da und konnte kein Auge von ihm ab wenden. In den matten Augen entzündeten sich sprühende Funken, die Stirnfalten klemmten sich aneinander und schließlich drückte er Zizzis und Tefilin mit solcher Vehemenz an seine bebende Lippen, als ob er beabsichtige seinen letzten Athemzug in sie auszuhauchen. Das eben wollte ich mit eigenen Augen sehen, denn die Geschichte davon war mir bekannt. Mein alter Freund hatte sie mir erzählt gehabt, bevor er mich zu dem alten Manne hingeführt. Die Geschichte ist traurig, sehr traurig: Herr Filkoff war einst ein reicher Kaufmann in einer Grenzstadt Russlands. War es der Neid, den das rasche Aufblühen des jungen Kaufmannes zu einer grundlosen Denunciation veranlasste, oder „way etwas daran"; genug, er wurde in eine Schmuggelgeschichte verwickelt, wandte, Verständis für seine „wissenschaftliche" Thätigkeit zu fordern in Form einer Rede, die an Jesnitismus von wenigem, was Antisemiten sich in ähnlichen Lagen geleistet haben, übertroffen wird. Es verlohnt sich, ein klein wenig bei den Kraftstellen dieser Rede zu verweilen. Pfarrer D e ck e r t stellt sich, im Gegensätze zu den Herren Schwer, Schneider rc., die zwar auf diesem Gebiete durchaus nicht zu unterschätzen sind, auf den „wissenschaftlichen" Standpunkt, und da findet er denn, dass seine Broschüre, der doch auch Arbeiten mit ganz gegentheiligem Resultate gegenüberstehen, eben eine religöse Contro- Verse berühre. Und natürlich geht das den Staat gar nichts an. Zu Feindseligkeiten gegen die jüdische Religio nsgesellschaft verleitet zu haben, diesen Anwurf des erstrichterlichen Urtheiles wird doch niemand etwa ernst nehmen, wenn man bedenkt, dass der Verfasser dieser historischen Untersuchung eitel Lieb' und Seligkeit jederzeit verkündet, wenn man weiters nicht übersieht, dass gerade der Zeitpunkt der Polna-Anfregung doch nur die sichere Gewähr für den richtigen Hintergrund einer objectiven Darstellung des Martyriums des heil. Simon von Trient bieten sollte. Und wie geradezu lächerlich wäre es, darin „etwas" erblicken zu sollen, da es sich doch ganz im Gegensätze wie beim Trienter „Fall" in Polna um eine Jungfrau handelte. Na also! — Doch nun ein Argument, das sogar Anton L ö w alle Ehre gemacht haben würde: Wie kann ich die „jüdische Neligionsgesellschaft" beschimpft und herabgewürdigt haben, wenn weder ich, noch das Gesetz, noch der Herr Staatsanwalt, ja wenn niemand weiß, was unter der jüdischen Religionsgesellschaft zn verstehen ist? Sind's die alten Inden oder die österreichischen, die Orthodoxen oder Reformjuden?? Furchtbar schlau. Aber Herr Pfarrer D e ck e r t wird insolange auf eine wissenschaftliche Unterscheidung dieser Judensorten verzichten müssen, als auch er in seiner „Thätigkeit" wie bisher d i e Juden als solche und fern von aller separatistischen Engherzigkeit seine christliche Liebe fühlen lässt. Wer ihm mit dem Hinweise auf die ketzerischen Protestanten käme, die in ihren Unterschieden zwischen den orthodoxen und liberalen Lutheranern, wobei es sich um nichts Geringeres als um Annahme oder Leugnung aller Dogmen handelt, weit größere Differenzen aufweisen, als zwischen orthodoxen und Reformjuden denkbar sind, und doch von keinem Vernünftigen für anderes als Protestanten gehalten werden, der hätte eben keinen Sinn für die „Wissenschaftlichkeit" dieses Herrn. Ja, diese eben ist es, für welche Deckert voll und ganz eintritt. Es steht ja bitterfaul um die Ritualmordgeschichten. Da haben nun diese Leute, denen Mechanicus Schneider nicht maßgebend ist, jeden Fall untersucht, die Acten zur Hand ge- und er lief Gefahr, nicht nur sein ganzes Vermögen zu verlieren, sondern überdies nach Sibirien verschickt zu werden. Sein Advocat rieth ihm, sich taufen zu lassen, da laut den Gesetzen, die damals — es war zur Zeit Kaiser Nicolaus des Ersten — in Russland herrschten, die Taufe jeden Angeklagten gleichsam als einen neuen Menschen erscheinen ließ der für sein Leben und Weben vor der Taufe nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte. Filkoff befolgte diesen Rath. Nachdem er sich von seiner Frau nach jüdischem Ritus geschieden hatte, taufte er sich und übersiedelte nach Odessa. Nun begann für ihn ein neues Leben. Von niemandem gekannt, gab er sich als Stockrusse aus und verkehrte nur mit Strenggläubigen. Da sein in Odessa etabliertes Geschäft gut gieng, „gönnte" er sich das Leben. Die Tage dem Geschäfte, die Nächte dem Vergnügen gewidmet, verbrachte er eine Reihe von Jahren. Er lebte *in die Welt" hinein und vergaß ganz auf seine Jugendzeit, auf seine jüdische Abstammung. Er machte alles mit, und nur zu einem konnte er sich nicht entschließen: Zur Ehe. Heiraten wollte er nicht. So flössen die Jahre dahin. Eine Generation war inzwischen entstanden und verschwunden und Filkoff war alt geworden. Auch mit seinem Geschäfte gieng es bergab. Er war der Coneurrenz nicht mehr gewachsen, erlitt durch Falliments große Verluste und konnte nur noch kleine Trümmer seines ehemaligen großen Vermögens retten, mit denen er sich ins Privatleben zurückzog. Einsam und traurig saß er im öden Heim und unwillkürlich tauchten Erinnerungen an seine Jugendzeit, an seine Taufe in ihm auf, die immer peinlicher, quälender für ihm wurden. Er fieng an, an das Leben im „Jenseits" zu denken, an „Olam Habbah" (das Paradies, den Lohn für gute Thaten), an das Gehenom (die Hölle) mit seinen Scharen von Malachei- Chabala (quälenden Teufeln) und das erwachte Gewissen ii!

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