Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 Wien, Freitag «Indisches Volksblatt 12. Jänner 1900 Seile f> jüdischen Lebens constante Repertoirestücke bilden. Und ist es schon widerlich genug, dass das jüdische Auditorium d e m o r a 1 i s i e r t und charakterlos genug ist, diesen pöbelhaften Ergüssen korrupten Assimilantenthums Beifall zu brüllen, so ist diese Thatsache umso beschämender, als man bei nahezu keiner christlichenVolkssängergesellschaft diese schmählichen Auswüchse trifft. Mit d ies er ArtKnnst, die uns Budapest beschert hat, muss Re st gemacht werden. Wir werden diese Chantants der Reihe nach hernehmen und nicht früher Ruhe geben, bis diese Uebelstände abgestellt sind. Der Anfang soll mit den „Nestroy- Sälen" gemacht werden, nachdem schon eine völlig einwandfreie Stimme aus dem Publicum selbst dagegen aufgetreten ist. In diesem Etablistement tvird das vorerwähnte Element vor allem durch einen Herrn Fletschmaun repräsentiert. Vorerst soll uoch bemerkt werden: Die Direction wird sehr g u t daran thuu, die Strophe ans dem Couplet des Herrn Burg, die von beut jüdischen Militäristen handelt, zu inhibieren, llitb mm zu Herr» F l e i s ch m a n n. Zuerst erblickt man ihn in einer Posse: „Im Heiratsbureau". Ort der Handlung selbstverständlich — Budapest. Gegen diese Posse ist an sich nicht viel einzuwendeu. Und so lange Herr Fleischm a n n die Grenzen der erlaubten Caricatur in Wort und Geste nicht überschreitet, mag derjenige, der Geschmack an ihm findet, ihm auch Beifall spenden! Das geht uns nichts an. Daun aber tritt Herr F l e i s ch m a n » allein ans. Da singt er ein Couplet: „Der koschere Pur imball". Herr F l e i s ch m a n n erzählt einem „verehrten Publicum", wie der „ganze G ä n s l e r st a l l" zum „P u r i m b a l l" augerückt kommt. Die einzelnen Personen dieses „G ä n s l e r st a l l e s" — gemeint sind damit die Geflügelhändler jüdischer Abstammung — führt Herr Fleisch inann carikiert vor. Man mag aus dieser Probe auf den Inhalt des Couplets schlichen. Das ganze ist einfach eine Schweinerei. Noch widerlicher tvird die Sache durch die ekelhafte Art, wie Herr F l e i s ch m a n n, ein langer, hagerer Mensch, die dicken Bäuche und krummen Beine, die sogenannten I ud e n g e si ch t e r und I u d e n g e st e n darznstellen sucht. In diesen Stellungen bildet Herr F l e i s ch m a n n ein würdiges Pendant zu den Caricatnreu des berüchtigten „Kikeriki", und so manchem mag die Vermuthung kommen, dass die Zeichner des „Kikeriki" in den „Nestroy-Sälen" ihr Atelier anfgeschlagen haben. Sodann sieht man Herrn F l e i s ch m a n n in der Posse: „Die Familie Bernstein in Ostende" wieder; zuerst erzählt uns dieser Herr v. Bernstein in seinem ekelhaft carikierten Judendeutsch, dass ihm alles auf der Welt gleichgiltig sei, nur nicht — Geld. Deshalb habe er auch geheiratet. Dabei gesteht er zugleich, dass das vierte Kind seiner Ehe aus einem — Seebade stamme. Und feine Frau Gemahlin, Mutter von vier erwachsenen Töchtern, lässt das sofort begreiflich erscheinen, indem sie gesteht, auch diesmal wieder in den Schwiuimmeister verliebt zu sein. — So geht das' fort. Das Heiligfte und Beste, was wir Juden haben, unser Familienleben, muss man auf diese Weise verhöhnt, beschmutzt, in den Koth gezerrt sehen. Der Cynismus, der in diesen Borträgen liegt, ist einfach unbeschreiblich. Man spürt förmlich den Pesthauch, der über dem Sumpfe, genannt Budapest, liegt, daraus aufsteigen und hat als Jude alle Mühe, sich der giftigen Keiuie zu erwehren. Wahrlich! Wenn ein uur mäßig gebildeter Arier, der doch von Juden und Jndenthum nttr kennt, was er davon hört und sieht, diesen Borträgen beiwohnt, dann ist es beinahe begreiflich, wenn er Antisemit wird. Man muss sich fragen: Hat denn die Direction keinen Einfluss auf das Repertoire? Oder meint sie, in den Productionetl des Herrn F l e i s ch m a n n etwas besonders Zugkräftiges zu erblicken? In dies em Falle täuscht sie sich. Uebrigens kann das uns ja gleichgiltig sein. Wir meinen nur: Wenn Herr Fleischmann schon nichts anderes hat, als seine C ar i ca tur en, dann möge er sich ettvas anderes dazu atlssuchen, als Juden und Judenthu m. Wir m e i n e it das nicht nur, sondern fordern e s. Wien ist zu derlei Dingen nicht der geeignetste Ort. Zeit und Verhältnisse verbieten das. Diese Forderung ist billig und umso leichter durchznführeu, als sie in den „N e str o h - S äle n" selbst als Thatsache erscheint. Da sind zwei Duettisten, die Herren Glinger und L i e b e l. Auch diese Herren carikieren. Aber der Inhalt ihrer Vorträge ist dem allgemeinen Leben entnommen und ihre Carikaturen sind eher Satiren, nicht frivol und aufdringlich ansgesührt, und gerade deshalb vorzüglich. Und selbst dort, wo diese Herren der Modcmanie nachgeben und — es ist ein eiuzigesmal in all ihren Vorträgen — das Judeuthema berühren, thuu sie es mit Anstand, und es ist nichts Anstößiges dabei. Das zahlende Publicum unterhält sich bei diesen.Herreir ausgezeichnet und viel besser als bei Herrn Fleisch manu, trotz aller C l a q n e. Wenn es also bei diesen geht, warum nicht auch bei Herrn F l e is ch m a n n? Wir hoffen, dass die Direction der „Restroy-Säle" die gerügten Uebelstände mit möglichster Beschleunigung abstellen und es nicht auf weiteres Eingreifen ankoistmen lassen wird. Inland. Wien. (Seltsame Wirkung d e r K r o n e nwährung.) Wir erhalten von dem Obmanne eines Vereines, der in unserer Parteiorganisation steht, folgendes Schreiben: Geehrter Herr Redacteur! Wie Ihnen ja bekannt ist, veranstaltet unser Verein, der eitler der größten jüdischen Unterstützungsvereine ist, alljährlich im Winter ein Fest, dessen Reinerträgnis dem Unterstützunqsfondes des Vereines zugeführt wird. Anlässlich dieses Festes versenden wir an bekannte jüdische Wohlthäter Ehrenkarten, für die uns bislang regelmäßig ein gewisser Betrag i n Gulden zukam. Heuer zeigte sich nun kitte nterkwürdige Erscheinung. Sämmtliche Beträge, die utts bislang zukommen, hatten wohl dieselbe Höhe wie früher, aber st a t t in G u l d e n in Kronen. Sollte dieKronenwährnng d i e F o l g e h a b e n, die W o h l t h ä t i g k e i t unserer wohlhabenden S t a m m e s g e u o f f e n auf dieHälfte z u r e d u-- cieren? Die geehrten Wohlthäter wissen doch ebenso aut, wie wir, dass etwa die Preise von Holzkohle oder Rohmaterialien keineswegs um die Hälfte reduciert, sondern im Gegentheil nur theurer wurden! Wir hoffen, dass diese einmalige Veröffentlichung in Ihrem geschätzten Blatte genügen wird, um diese Sache einfür allemal ins richtige Geleise zu bringen. Das Gegentheil wäre doch wahrhaftig für beide Theile zu beschämend. Genehmigen Sie, geehrter Herr Redacteur, n. s. w. S. Innsbruck. (Clerlcale Heuchele i.j Wie weit die Clericalen ihre Heuchelei treiben können, wenn es sich um ihre eigene Haut handelt, kann man ans einem Artikel unserer „Neuen Tiroler Stimmen" ersehen. Dieses Blatt nimmt für die — Juden Partei, weil gleichzeitig auch Katholiken — angeblich — leiden. Allerdings in Bulgarien. Das Blatt schreibt: „Der bulgarische Fremdenhass ist schon bis zur c o n f e s s i o u e l l e u Unduldsamkeit gediehen, und zwar gleich nach zwei Richtungen hin. Die bulgarische Presse betreibt die Hetze gegen die I n d en, die bulgarische orthodoxe Geistlichkeit die Hetze gegen die Katholiken." Da sind also doch einmal Juden und Katholiken gleichgestellt. Trotzdem aber kann man jeden Sonntag, wahrscheinlich in ganz Oesterreich, Predigten gegen die Juden hören, in Wien ebenso, wie bei uns in Innsbruck. Das ist natürlich keine „confessionelle Unduldsamkeit". Prag« (Jüdische V o l k s v 11 f a m m (u n ß.) Eine große unb würdige Protestversammlung haben die Inden Prags am 8. d. M. im Saale der Productenbörse veranstaltet. In Massen strömten die Theilnehmer lange vor dem angesagten Beginn in den Saal, welcher bei Eröffnung der Versammlung derart überfüllt war, dass der Eintritt weiteren Besuchern nicht mehr gestattet werden konnte und viele Hunderte vergebens Einlass begehrten. Die Versammlung war zn dem Zwecke einberufen worden, um den in der letzten Zeit gegen das Jndenthum erhobenen Anmürfen im allgemeinen — und den in der letzten Landtagssitzung gegen unser Volk von einem kleinen Politiker, dafür aber größeren M . . . Helden speciell erhobenen Anklagen die gebürende Antwort zu geben. Wenn auch diese Versammlung die Antisemiten nicht belehrt hat - - diese Herren können oder wollen nicht lernen — so hat sie doch gezeigt, dass alle Jaden ohne Unterschied der Parteistellung sich auf gemeinsamem, ausschließlich jüdischem Boden behufs Vertheidigung ihrer Rechte und ihrer Ehre vereinigen können. Es ist an der Zeit, dass sich die Juden endlich auf eigene Füße stellen und nicht bei verschiedenen Nationen als ungern gesehene Hospitanten auftreten. Nachstehend der Bericht: Unter den Anwesenden bemerkte man den Landtagsabgeordneten Herrn Dr. Z a l u d , Dr. N e u m ark, Rabbiner in Nakonitz, mehrere hiesige Advocaten, Aerzte, zahlreiche Nniversitätshörer, Kaufieute u. s. w. Als landesfürstlicher Commissär war* Herr Pvlizeiconcipift Her m u t h erschienen Unter dem Vorsitze der Herren Lebenhart und Stein wurde die von mehreren hunderten von Herren und Damen besuchte Versammlung präcise um 8 Uhr eröffnet. Als erster Redner ergriff Herr Handlsschullehrer Jacob Wertheimer das Wort. Er sagre unter anderem: „1600 Jahre! Welch' ein unermesslich langer Zeitraum in der Geschichte der Menschen! Viele große und stolze Völker sind von der Erdoberfläche verschwunden, andere wieder änderten ihren Wohnsitz, Staaten würben vernichtet, nen entstandene Nationen sind groß und mächtig geworden, Religionen wurden gestiftet und ihretwegen wurden blutige Kriege geführt. Und zwischen all' diesen mächtigen, man möchte sagen, welterschütternden Evolutionen ragt ein Fels wie aus Granit gebaut empor, der allen ihn im Weltsturme des Drängens und Werdens umspülenden Wogen Trotz bietet, der nicht zu verderben, nicht zu vernichten ist. Und dieser eherne, vieltausendjährige, von brausenden Stürmen umbrandete Fels, das ist das Volk Israels, das sind wir Juden." Der Redner warf nun einen! Rückblick aus die Geschichte der Jubelt, auf die Entwicklung dieses Volkes, auf die schweren Drangsale, die sie in blutigen Bersolgungskämpsen erleiden mtlssten, hob hervor, dass die Juden, wiewohl sie sich stets bemüht hatten, mit ihren Mitbürgern in Frieden zn leben und nützliche Mitglieder des Staate? zn sein, doch bis heute nicht eine durchgreifende Gleichstellung mir anderen vollberechtigten Staatsbürgern erreichen konnten, machte die furchtbaren Beschuldigungen namhaft, die gegen dieses schwer bedrückte Volk seit Jahrtausenden erhoben werden und die seine Unterdrückung gerechtfertigt erscheinen lassen sollen, und fuhr dann fort: „Durch Thatsachen hat man diese Beschuldigungen nie zn begründen vermocht; im besten Falle wurde ab und zu eine verdatnmenswerte That eines Juden, eines Anstvurfes dieses Stammes und der Menschheit überhaupt, triumphierend herausgehoben tmd allen Gesetzen des richtigen Denkens zuwider kühn verallgemeinert" Der Redner kam nun auf das Märchen vom Blntrituale zu sprechen und warf die Frage auf, wie sich die von allen Seiten bedrängten Juden dieser Anfeindungen erwehren könnten. „Rur dadurch" — fuhr er fort — „dass Sie wie eilt Mann für Ihre Menschenrechte eintreten und mit Muth für die Freiheit und Ehre Ihrer Brüder den Kampf ausnehuten. Wir können stolz darauf sein, dass wir als die ersten vor die breite Oeffentlichkeit treten und uns heute hier zu einer jüdischen Protestversammlung eingefunden haben. Protestversammlung — das ist ein Novunt in der Geschichte der Juden Prags und Böhmens überhaupt. Als die Juden in der neueren und nettesten Zeit in so unerhörter Weise angegriffen lvurdeu, cu hofften Sie auf einen Rückhalt an den politisch befreundete:- Parteien. Aber der Antisemitismus gewann Boden unter den Ezechen, wie unter den Deutschen. Mit utnso größerer Dan< barkeit und Freude sog da unser Ohr jene erhabenen und hochherzigen Worte unseres allverehrten und allgeliebten Landesherr:: ein, die er einem Juden gegenüber gebrauchte und die uns in der allgemeinell Finsternis wie ein milder und belebender Tlrab! erschienen. Und da wir nun eingesehcn haben, dass die Znden auf ihre eigenen Kräfte angewiesen sind, haben lvir, o.e wir nichts anderes als unser Recht ivotterl, uns in ciu:v Protestversammlung zusammengefunden, um dieses uns zukommende Recht vor dem Forum der Oeffentlichkeit zu fordern." Redner ergieng sich in feine» weiteren Ausführungen eingehend über die Hülsner-Affaire mit allen ihren abscheulichen Beglei t - erscheinungen, den gehässigen Agitationen, dem .Klirren der Fettster, den Plünderungen, und schloss sodann mit den Worten: „Wir »vollen fest allf denSieg lmserer gerechtenSache hoffen.Wer ein wahres menftfr liches Herz hat und für unser unglückliches Volk fiihlt, der kärnpfe mit uns zum Heile der Juden und dadurch auch zum Wohle der gesammten menschlichen Gesellschaft." (Stürmischer Beifall.) Sodann ertheilte der Vorsitzende dem Herrt» Stein das Wort. (?r brachte in czechischer Sprache seine Beschwerden vor und tvurd« wiederholt durch stürmische „Vyborue!“-• und „Bravo!"-Rufe unterbrochen. Erbittert bis ins Tiefimterste, sagte er, trete ich als Kläger auf gegen »rnsere Gegner. Als Mensch, Ezeche und JuLr erhebe ich die schwere Anklage gegen die Sündiger gegen die heiligsten Güter der Menschbeit. Redner wirft einen Riickblick auf die Ereignisse des Jahres 1897, bespricht die Ritualmord- Verleumdung und schließt mit dem Ausdrucke der Hoffnung, dass die gerechte Sache siegen »verde. Hierauf wurde folgende Resolution einstimmig »mb mit langandanerndem Bei falle angenommen: „Die am 8. Jänner 1900 im Saale der Productenbörse versammelten Juden protestiereil namens ihrer Glaubens-und Stammesgenoffen 1. gegen das seit Jahrhunderten gründlich tviderlegte, von gewissenlosen rmd unlautere Zwecke verfolgertden Hetzern imnter von neuem wiederholte Märchen vom Ritalmorde. Sie protestiert 2. gegen den Missbrarcch der Presse und der immunen Tribut,e, die zun, Wohle der Menschheit ins Leben gerufen wurde, insoweit sie jetzt zum Hetzen gegen eines der ältesten Culturvölker missbraucht tvird. Sie protestiert 3. gegen die Verdächtigung, dass die Juden irgendein Verbrechen zu vertuschen bestrebt sind. Sie protestiert i. gegen bewusst lügenhafte Behauptungen, die ihre altehrwürdige Religion besudeln und jeden einzelnen von ihnen in seinetn rein tnenschlichen Gefühle kränken. Sie protestiert 5. gegen die Beeinträchtigutig ihrer Freizügigkeit, gegen die Einschränkung ihrer Existenzberechtigung, gegen die Bedrohung an Gut und Leben und sie protestiert 6. dagegen, dass die Judenschaft in ihrer Gesantmtheir zum Sündenbock gemacht wird für alle Folgen der in Oesterreich scharf zugespitzten wirtschaftlichen, tmtionalen und policischm Gegensätze." Nach Verlesung der Resolution schloss der Vorsitzende die Versammlmlg. Dieselbe nahm, bis auf einen kleinen, durch das etwas geräuschvollere corporative Erscheinen eines Vereines hervorgerufenen Zwischenfall, einen ungestörten Verlauf. Die obige Protestkundgebung wird an verschiedenen Stellen Prags und des Landes, die demnächst werden bekanntgegeben werden, zur Unterschrift aufliegen, um sodann dem Landtage vorgelegt zu werden. Saaz. (Deutsche Geschäftspolit ik.) Das Weihnachtsgeschäft scheint unsere ehrenwerten dentschnationalen Geschäftsleute nicht sehr befriedigt zn haben. Wenigstens bring: unser geschätztes Schmutzblättchen, die „Nationale Zeitung", dir bei nnS das „Deutsche Bolksblatt" vertritt, unter dem 9. dieses Monats einen Artikel: „Das Geschäftstalent der Jude n", der trotz der Phrasendrescherei doch nichts anderes ist als sine neuerliche Aufforderung zuni Boycott der jüdischer- Geschäftsleute. Wenn die Deutschnationalen der Hauptstadt anfattgen gelehrt zu thun, so kommt gewöhnlich eine Dummheit heraus. Wenn das aber Provinzialisten thun, dann strotzt das nur so von Trottelei und Blödsinn. Jtr dem erwähnten Artikel bemüht sich die „Nationale" nachzuweisen, das sämmtliche jüdische Geschäftsleute nur Schleudergeschäfte haben und lediglich Schleuderware führen, nur zu dem Zwecke, itm Pleite machen zu können. Was soll man zu solchen Ausbrüchen der Trottelei sagen? Uebrigens ist eine Antwort ganz überflüssig. Man muss nur den Schlusssatz des Artikels lesen, »in zu wissen, was er bezweckt. Da heißt es: „Bor allen Dingen muss man den Frauen das Unsittliche und Unanständige begreiflich machen, das darin liegt, in j ü d i s ch e n Schleudergeschäften zu kaufen. Bei unreellen Schleuderverkäufen sollte ntan nicht nur die Schlender-Händler, sondern auch die Käufer der Schleuderwaren in Strafe nehmet!." Na, jetzt werden die Frauen doch die Augst bekommen, die ihnen ansonsten die Pfaffen einflößen. Reichenberg (Bon unsere» D e u t s ch n a t i on a (e n.) Unser Kreis ist, wie ja allgemein bekannt, durch und durch deutschnational. Aber während sonst zumeist Kleinbürgerthnm tmd Bauernstand den Anhang der Deutschnationalen bilden, sind es bei uns die reichen Fabrikanten, die sozusagen das Rückgrat der Partei darstetten. Dieser merkwürdige Umstand fördert natürlich die heitersten Erscheinungen zutage. Die Partei'ist antisemitisch, also müssen es auch die Parteiblätter sein. Ueberall geht es ja auch gattz gut, nur nicht bei uns. Denn da sind ja auch einige Inden Fabrikanten. Die „Reichenberger Bolkszeitung", das einzige deuischnationalr Tagblatt Böhmens, das bei uns erscheint, hilft sich nun, indem sie für den Antisemitismus in — Deutschland Propaganda, macht. So brachte sie erst vor einigen Tagen wieder eitlen Artikel: „Zur Iud en fr a ge im Deutschen Reich e", in d-m sie mit deutlicher Anspielung auf Oesterreich meint, es bedürfe nur des Eingreifens einiger tüchtiger, hervorragender Männer, um die antisemitische Bewegung in Deutschland auch politisch wieder aufflammen zn lassen. — Tief beschämend aber ist die Haltung der Inden zu dieser Ausschreitung. Man weiß