Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 5. Jänner 1900 Seite 3 (Jüdin). Au Beginn des heurigen Schuljahres bewarb sich ein Mischer Kaufmann um Aufnahme feines Kindes in den czechischen Kindergarten, seine Bitte wurde jedoch abgewiesen mit der Bemerkung, dass jüdische Kinder in denselben nicht ausgenommen werden. Der muthmaßliche Artikelschreiber oder jedenfalls der geistige Inspirator desselben, der noch bis vor kurzem selbst hyperdeutsch war und noch jetzt dem vielgeschmähten deutschen Casino als Mitglied angehört, hat Plötzlich sein slavophileS Herz entdeckt und ist bestrebt, diese seine jetzige Gesinnung aus jede mögliche Weise auch den anderen jüdischen Gemeindemitgliedern einzuslößen. Abgesehen davon, dass es nicht jedermann gegeben ist, seine innere Gesinnung nach dem jemaligen Winde zu wenden, ist es hier allgemein bekannt, dass das ehrgeizige Streben dieses Mannes nur darauf gerichtet ist, mit Hilfe der Juden und mit Zuhilfenahme Ihres geschätzten Blattes bei den knapp bevorstehenden Wahlen in den christlichen Gemeinde-Ausschuss ein Mandat zu ergattern — nachdem er bei den jüdischen Gemeindewahlen leer ausgegangen ist— was nur allzu klar und offen aus dem vorletzten Absätze des Artikels hervorgeht. Der pathetische Zuruf, „uns dem Judenthum zuzuwenden", muthet einen von dieser Seite geradezu tragikomisch an. Gewiss sind wir der festen und aufrichtigsten Ueberzeugung, dass nur in der vollsten und innigsten Zuwendung zum Judenthum das Heil unseres Volkes und seine Zukunft zu suchen ist. Nun erlauben wir uns die Frage: Bekundet man seine Zuwendung zum Judenthum etwa dadurch, dass man am heiligsten Abend des Jahres, am heiligen Kol-Nidre-Abend, zur Empörung der Inden und zur Belustigung der Christen statt in denTempel ins böhmische Theater geht? Oder etwa dadurch, dass man im Kreise der erbittertsten czechischen Judenfeinde der Stadt ein stimmt in deren Gekläffe und Beschimpfung der Juden und des Judenthums und in ihrer Gegenwart alles, was den Juden heilig ist, verhöhnt uud verspottet? Wahrlich, angesichts solcher Bertheidiger und Beschützer drängt sich uns unwillkürlich das alte Wort auf die Lippen: „Gott schütze uns vor unseren Freunden, vor unseren Feinden werden wir uns selbst schützen!" Ad vocem Seelsorger wollen wir bemerken, dass derselbe über den Borwurf der Deutschthümelei und über die anderen niedrigen Angriffe hoch erhaben ist, und es unbestritten einzig und allein sein Verdienst ist, wenn jetzt in unserer Gemeinde, in Schule und Haus echt jüdisches Leben pulsiert und ein wahrhaft jüdisch-nationaler Geist in den Herzen der Alten wieder erwacht, in die Herzen der Jugend eingepflanzt worden ist, wofür ihm von berufener Seite wiederholt Anerkennung gezollt wurde und allgemeine Liebe und Wertschätzung entgegengebracht wird. Schließlich will ich nicht unerwähnt lassen, dass die Vertreter unserer Cultusgemeinde sich ihrer schweren Pflicht und hohen Aufgabe voll und ganz bewusst sind und überall und zu jeder Zeit thatkräftig für ihre Glaubensbrüder eintreten, die allgemeinen und religiösen Interessen unserer Gemeinde ohne jeden Hintergedanken, in selbstloser und aufopferungsvoller Weise zu wahren bestrebt sind, was sich am besten in den letzten schweren Tagen gezeigt hat. Genehmigen Sie, Herr Redacteur, für die Veröffentlichung oblger Zeilen, die den Ausdruck der Stimmung der hiesigen Gemeindemitglieder wiedergeben, meinen besten Dank, mit welchem ich zeichne in vorzüglicher Hochachtung Ein wahrer Jüdisch-Nationaler. Wien. (Aus dem Cultusvorstände.) Verflossenen Dienstag fand eine öffentliche Plenarsitzung des Cultusvorstandes statt. Die Oeffentlichkeit war durch acht leere Sessel, welche die sogenannte Gallerte bilden, würdig vertreten. Auf der Tagesordnung stand die Wahl des Präsiden en, der beiden Vicepräsidenten, sowie der Sectionsobmänner. Anwesend waren 21 Herren. Zum Präsidenten der Gemeinde wurde abermals Herr kaiserlicher Rath K l i n g e r mit E i n st i m m i g k e i t gewählt. Vor der Wahl der Sectionsobmänner beantragt C.-V. P o l l a k, es sei die Sitzung zum Zwecke einer Wahlbesprechung zu unterbrechen. Ohne irgend jemandem nahetreten zu wollen, halte er es doch für nothwendig, dass einmal neue Männer als Sectionsobmänner gewählt würden. Es müsse doch frisches Leben in die Sache kommen. V.-P. Dr. Stern unterbricht die Sitzung auf 10 Minuten. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl entwickelt sich ein kleiner Wahlkampf, natürlich ohne jede Folge. Es sitzt eben alles noch zu fest. Die alten Sectionsobmänner und Stellvertreter wurden wiedergewählt. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl der beiden Vicepräsidenten entfielen auf C.-V. Dr. S t e r n 18, auf C.-V. Dr. Cohn 19 Stimmen. Nach Schluss der Sitzung begaben sich die beiden Vicepräsidenten zum Präsidenten, um demselben über Auftrag des Vorstandes das Wahlergebnis mitzutheilen und ihn um Annahme der Wahl zu bitten. Eine Episode, die ein drastisches Bild der Verhältnisse im Vorstande wiedergibt, darf nicht unerwähnt bleiben. Vor der Wahl der Sectionsobmänner fragt C.-V. R e i t l i n g e r, ob man jetzt die Obmänner oder das Vertretercollegium wähle. Bekanntlich concentriert sich das Dertretercollegium aus den Obmännern. So genau kennt ein erwählter Vertreter der Gemeinde das Statut der Gemeinde. Ung.-Hradisch. (W a h l.) Der am 28. December 1899 abgehaltene Wahlconvent der jüdisch-akademischen Ferial v er bi ndu ng „Ach iw ah" ergab folgendes Resultat: cand. med. Moritz Schmitz, Präses, stud. jur. Arthur Winter, Bieepräses, stud. jur. Arthur Schön, Schriftführer. Zuschriften für die „Achiwah" find nur an den Bicepräses Arthur Winter, Ung.-Hradisch, zu richten. Troppau. (DieBerluste desDeutschthums in Mähren.) Unter diesem Titel brachte zu Neujahr das „Mährische Tagblatt" einen Artikel, in dem es einen Rückblick auf die Entwicklung des Czechenthums in Mähren wirft und die Städte aufzählt, die den Deutschen schon verloren giengen und noch verloren gehen werden. Was das „Mährische Tagblatt" da sagt, ist ja im großen und ganzen richtig, hat auch mit uns Juden wenig oder nichts zu thun. Bodenlos frech aber ist es, wenn die Herren Deutschnationalen diese Verluste den Juden in die Schuhe schieben wollen. So spricht unsere schurkische „Deutsche Wehr": „Das liberale Blatt vergisst aber zu erwähnen, wen die Hauptschuld an diesen Verlusten trifft. Jn Proßnitz, Gaya, Wischau waren es „bekanntlich" die Juden, die offen in das ezechische Lager übergiengen. In den übrigen Städten thoten sie es im Stillen." Niemals ist eine schamlosere Lüge erfunden worden, als die Mär von dem Verrathe der Juden. Herr Schimanek, der Schriftleiter dieses Jdiotenblattes, möge doch nur nach P r o ß n i tz gehen und versuchen, einmal ehrlich den Thatsachen ins Gesicht zu blicken. Man wird ihm die jüdischen Geschäfte zeigen können, die unter dem Drucke des „svuj k svemu“ zugrunde giengen, weil ihre Inhaber so dumm waren, auf die Ehre und Anständigkeit der Deutschen zu bauen. Man wird ihm ziffermäßig nachrechnen können, von wessen Geld das „Deutsche Haus" erbaut ist. Er möge doch nur die beiden Juden, die noch bis vor kurzem Vertranensmänner der liberalen Partei waren, fragen, was dieselben vor ungefähr drei Jahren einem jüdisch-nationalen Sendboten zur Antwort gaben. Er möge aber auch fragen, wie deutsche Arier in P r o ß n i tz und Olmütz den Juden ihre Treue vergalten. Und er wird erfahren, dass auch dort wie überall die Juden gesellschaftlich boycottiert, gemieden, brüskiert, verhöhnt und verspottet wurden. Als Stinrmvieh sollten die Juden den Herren Deutschen recht sein, aber als Menschen sollten sie Parias sein. So steht die Sache in Wahrheit, und alles andere ist einfach gemeine Lüge. Prag. (Zur jüdisch-nationalen Bewegung.) Endlich! — möchte man am liebsten ausrusen. Auch in unserer Stadt beginnt sich's zu regen. Unser „Jüdischer Bolksverein", der so lange den gesunden Schlaf der — Ungerechten schlief, gibt Lebenszeichen von sich. Vorige Woche hielt der Volksverein im „Hotel Robitschek" einen Discusiionsabend ab, der ziemlich stark besucht war. Auch aus anderen Städten waren Gesinnungsgenoffen herbeigeeilt, so aus R a k o n i tz, K o l i n rc. Es ist selbstverständlich, dass bei dem Thema: „Die Lage der Juden" und den vom nationalen Standpunkte aus gezogenen Consequenzen sich die Debatte an manchen Stellen äußerst erregt gestaltete. Aber wir können ruhig sagen, dass wir unsere deutschen und czechischen Gegner auf der ganzen Linie geschlagen haben. Hoffentlich wird der Bolksverein auf der nun einmal eingeschlagenen Bahn auch tüchtig weiterschreiten. Demnächst soll übrigens auch ein großer, jüdisch-nationaler Geselligkeitsverein ins Leben gerufen werden. Diese rege Thätigkeit ist vor allem dem neuen Präsidenten des Volksvereines, Herrn Ph. L e w e n h a r t, zu danken. Eger. (Zur Wahl Jros.) Vorige Woche bat bei uns die Ergänzungswahl für den Landtag stattgefunden. Die Teutschnationalen hatten selbstverständlich Jro ausgestellt. Als Candidat der Czechen, für den übrigens auch die Christlich- Socialen stimmten, entpuppte sich in letzter Stunde Doctor U t s ch i k. Wie nicht anders zu erwarten, wurde Jro gewählt, aber mit einer für Eger geradezu minimalen Majorität. Er erhielt 598 Stimmen. Dr. U t s ch i k 4-61. Lehrreich aber ist das Verhältnis der Juden zur Wahl. Wir haben in Eger volle 200 Stimmen. Ein Theil der Juden verhielt sich neutral, der andere stimmte für Dr. Utschik. Nun lässt sich nicht leugnen, dass die Stimmenabgabe für Dr. Utschik weder politisch noch national besonders klug war. Das heißt ganz einfach, vom Regen in die Traufe kommen. Aber ein anderes Moment kommt in Betracht. Wären alle Juden zur Wahl gegangen, so wäre die Majorität Jros noch bedeutend geringer geworden. Geschlossen und unter einem Commando bilden unsere 200 Stimmen eine sehr respectable Macht. Nun denke man sich — und die Möglichkeit ist ja nicht ausgeschlossen, im Gegentheil sogar wahrscheinlich — eine neu aufstrebende Partei, die mit den Deutschnationalen in den Wahlkampf tritt. Man denke sich ferner diese Partei nicht nur in Eger, sondern in ganz Böhmen, ja ganz Oesterreich. Und ferner, dass sämmtl i ch e Stimmen der Juden, nicht nur in Eger, sondern in ganz Oesterreich einer Centralleitung für das ganze Reich gehorchen. Welche Macht wären wir, wie oft könnten wir das Zünglein au der Wagschale sein! Und welche Erfolge könnten wir erzielen! Aber so — Es wird einem wahrlich schwer ums Herz, wenn man sieht, wie selbst brutale Ziffern unsere Stammesgenossen noch immer nicht klug machen wollen. Ausland Berlin. (Eine interessante Debatte.) In der letzten Sitzung der Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinde hat sich eine interessante Debatte entwickelt. Gegenstand derselben war der Antrag des Professors Lew in, der dahin gieng, den Vorstand zu ersuchen, im kommenden Jahre in jeder der unter der Verwaltung der Gemeinde stehenden Synagogen je 200 und in den übrigen Gotteshäusern je 100 Plätze nicht zu vermieten und dieselben armen Gemeindemitgliedern gratis zur Verfügung zu stellen. Von Seiten des Vorstandes wurde gegen diesen Antrag sehr scharf gesprochen. Die Sitzung währte bis Mitternacht und wurde unterbrochen, ohne dass rin Beschluss gefasst würden wäre. Paris. (P r e i s v e r t h e i l u n g.) Die Akademie der Medicin in Paris hat in ihrer Jahressitzung folgende Preise an unsere Glaubensgenoffen vertheilt: Den Preis von Argenteuil im Betrage von 1500 Francs an Dr. Wassermann, den Preis Capuron (1000 Francs) an die Doctoren Sega! und Weinberg in Paris, den Preis Deportes (1000 Frcs.) an Dr. S ch o u l l, Chefarzt des französischen Hospitals in Tunis, endlich den Preis Lavorie im Betrage von 500 Francs an Dr. Weinberg. London. (Die Juden und der Krieg.) Das ganze öffentliche Jnteresie wird hier begreiflicherweise von dem Kriege gegen Transvaal beherrscht. Zu dem Schmerze über das Waffenunglück gesellt sich die Traner über die furchtbaren Verluste an Menschenleben. Abermals haben auch zahlreiche jüdische Soldaten Blutsteuer entrichtet. Den bisherigen Meldungen zufolge fielen, beziehungsweise wurden verwundet: in der Schlacht am Modder River: <E. Hyman, R. Lawen, I. Lyons und G. Frank; bei Ladysmith: R. M o r r i s und A. Lewis; bei Kimberley: I. Leiser und D. Adler; bei Nicholson: I. L a w; bei Belmont: I. Lew ins. Wie lebhaft auch die aus Russland und Oesterreich eingewanderten naturalisierten Juden für ihr Adoptivvaterland empfinden, bewies eine Versammlung derselben, welche auf Einladung des Sir Samuel Montag» im Arbeiterclub stattfand. Die Ansprache des Sir M o n t a g u weckte kolossale Begeisterung, welche in unausgesetzten Hochrufen auf die Königin, Oberst G o l d s m i t rc. und in dem Ergebnisse der Sammlung für die Verwundeten sich kundgab. Trotzdem die 3000 Anwesenden durchgehends aus der schwer um ihr Brot ringenden Arbeiterclasse sich znsammensetzten, wurden 1000 Mark gespendet. Petersburg. (Adoptierungsrecht.) Von Seiten des Justizministeriums ist dem Senate eine an und für sich wichtige Frage, die aber auch für viele tausende unserer Glaubensbrüder von größter Bedeutung werden kann, unterbreitet worden, deren Lösung mit großer Spannung entgegengesehen wird. Die Frage lautet: „Sind die Rechte eines jüdischen Bürgers auch auf dessen Adoptivkinder übertragbar?" Sollte der Senat diese Frage zugunsten der Juden entscheiden, dann würde vielen Juden, denen der Aufenthalt im Innern Russlands verboten ist, durch Adoptierung von einem das Wahlrecht genießenden Juden der Aufenthalt daselbst ermöglicht. Wohl stellt das allgemeine Gesetz den Adoptivsohn dem ehelichen vollkommen gleich; ob nun dieses allgemeine Gesetz auch in Bezug auf Juden Anwendung finden wird, steht allerdings noch in Frage. Wilna. Die Wilnaer Kaufmannschaft hat den Beschluss gefasst, in Wilna eine Handelsschule zu eröffnen, um der lernlustigen Jugend, welcher der Eintritt in die Mittelnnd Hochschulen durch die bestehenden Ausnahmsgesetze erschwert wird, die Möglichkeit zu bieten, ihr Studium fortzusetzen. Zu diesem Zwecke wurde durch Beiträge seitens der jüdischen Kaufleute der Betrag von 14.000 Rubel gesammelt. Der Cultusminister hat die erforderliche Conceffion ertheilt, mit der Bedingung jedoch, dass sämmtliche Kosten der Anstalt ausschließlich von der Wilnaer Kaufmannschaft bestritten werden sollen. In Würdigung des Umstandes, dass das nöthige Geld fast ausschließlich von jüdischen Kaufleuten aufgebracht wird, bat der Minister gestattet, dass in die zu eröffnende Handelsschule 50 Percent jüdischer Schüler ausgenommen werden dürfen. Es ist dies der erste Fall, wo ein so großer Percentsatz jüdischer Süler in eine Mittelschule Aufnahme findet. Es ist noch jedermann in frischer Erinnerung, dass in Kiew der vom Minister zur Aufnahme in eine ausschließlich von jüdischem Gelbe gegründete Schule bewilligte Percentsatz der jüdischen Schüler mit 5 Percent bestimmt wurde. Es ist nun begreiflich, wie hocherfreut die jüdische Bevölkerung in Wilna über diesen Ministerialerlass ist. Man setzt große Hoffnungen auf diese Anstalt, und es werden weitere Spenden gesammelt, um tüchtige Lehrkräfte herauzuziehen und den Lernenden eine möglichst gediegene Ausbildung gewähren zu können. Bukarest. (Zur Lage der Juden.) Man schreibt uns: . . . Hier in Rumänien sind gar keine Aussichten, keine Hoffnungen vorhanden, dass die Lage der hiesigen Juden sich bessern könnte. Das sagen große Staatsmänner, das sagen auch die Männer der Intelligenz des Landes. Unlängst hat Professor Xenopel, Rector der Jassyer Universität, in einer öffentlichen Rede ausgeführt, dass den Juden nur dann geholfen werden kaun, wenn sie sich taufen und ganz unter den Rumänen aufgehen. Leider wird dieser Rath von vielen befolgt. Großen Eindruck machte es hier, als die Taufe des berühmten Philologen Schoneanu und des Dr. Glücksmann aus Jassy vor sich gieng. Vorige Woche geschah das, — Ja, ja! Das Volk emigriert, wohin immer, die Intelligenz tauft sich. — Das ist die Lage der Juden hierzulande. Algier. (Vom algerischen H am a n.) Es wird uns berichtet, dass der Untersuchungsrichter in der Affaire „Regis und Genossen" die Untersuchung gegen Max Regis und zehn seiner Begleiter abgeschlossen hat. Dieselbe lautet auf Verweisung vor das Correctionsgericht wegen Gewaltsamkeit, Rebellion und Mordversuch auf Beamte. Siebzehn Spießgesellen von Regis sind ans der Untersuchung frei erkannt und demnach aus der Haft entlassen worden. Ecclesia militans. Es ist leider eine betrübende Erscheinung, dass wir Juden bei allen mit Recht oder Unrecht gerühmten Vorzügen unseres Geistes in politischer Hinsicht noch immer in Kinderschuhen herumgehen. Wie wäre es sonst möglich, dass wir in dem gegenwärtig auf der ganzen Linie gegen uns geführten Kampfe uns vielfach so unbeholfen benehmen und bei der Wahl der Mittel zur Abwehr häufig das Unrichtige auffinden.