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Jüdisches Volksblatt · 1899-12-22 · 45 (22.12.1899) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
45 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 22. December 1899 Seite 3 die Leiche 5 Liter haben, am Fundorte selbst fand man jedoch kaum 1'/, Liter Blut. Da die Aerzte auf dem Standpunkte standen und noch stehen, dass der Fundort identisch sei mit dem Thatorte, so war die Frage: „W o ist das Blut?" berechtigt. Für diese Frage haben die Gerichtsärzte bei ihrer Einvernahme als Sachverständige eine Erklärung zu geben versucht, die in v o l l st ä n d igem, directem Widerspruche mit einigen Aeußerungen in ihrem neuerlichen Gutachten steht. Bei der Zeugeneinvernahme sagte ein Polnaer Gerichtsarzt auf die Frage des Präsidenten, wieso es komme, dass die Füße der Ermordeten so nach oben gelegen wären, es sei möglich, dass die Füße so gelegt wurden, damit der Rest des Blutes ausfließe. In dem neuerlichen Gutachten aber heißt es an einer Stelle: Herr Masaryk hält sich darüber auf, „wie es möglich sei, daß ein Mensch mit so unterschnittenem Halse, wie es bei Agnes H r u z a der Fall war, nicht einen Athemzug mehr thue!" Er vergisst aber, dass die Agnes H r u z a, wie es aus dem Befund von Angeschwollenheit und Lividität des Gesichtes erhellt, bereits halb erdrosselt, also gewiss in bewusstlosem Zustande, dem Tode schon nahe, unterschnitten wurde, also in einem Moment, wo die Respirationsc e n t r e n schon gelähmt waren.') Mit diesem Zngeständnisse aber haben die Polnaer Aerzte sich selbst geschlagen. Stellen wir uns aus den Standpunkt der Gerichtsärzte und nehmen wir an, dass thatsächlich der Fundort zugleich der Thatort gewesen sei. Die Aerzte finden den Leichnam „angeschnitten", oder „unterschnitten", aber nicht die Menge Blut, die nach diesem Schnitte vorhanden sein müsste. Sie finden den Leichnam aber auch durch die Strangulation im Gesichte geschwollen, ins Bläuliche, livid gefärbt und wissen daher, dass Agnes Hruza in einem Momente „unterschnitten wurde", wo die Respirationscentren schon gelähmt waren. Nun weiß doch jeder Laie, dass ein Körper, wenn er unterschnitten wird, n a ch d e m die Respirationscentren gelähmt find, d. h. also der Tod eingetreten ist,a) nicht mehr das arterielle Blut obgibt, sondern nur mehr das venöse. In diesem Falle sammelt sich vielmehr der weitaus größte Theil des Blutes im rechten Herzen, in der Lunge und in den Baucheingeweiden an. Warum wird denn beim Juden geschachtet? Nach jüdischem Gesetz ist der Genuss von Blut streng untersagt. Auch das Fleisch des Thieres muss also vollständig ausgeblutet sein. Wird nun der Hals des in seiner Respirationsthätigkeit nicht verhinderten Thieres unterschnitten, so wird eben durch die Athmung auch das arterielle Blut beinahe bis auf den letzten Tropfen aus dem Körper getrieben. Das Thier e r ft i cf t nicht, sondern verblutet sich. Denn der Schächterschnitt lähmt niemals die Respirationscentren, Dasselbe ist selbstverständlich auch beim menschlichen Körper der Fall. Das alles aber mussten die Polnaer G e r i ch t s ä r z t e wissen. Es war also ihre erste Pflicht, bei der Obduction nachzusehen, ob das arterielle Blut im Leichnam vorhanden sei oder nicht. Trotzdem ist in dem ganzen Gutachten der Blutbefund im Leichnam nicht mit einem Worte erwähnt, weder in positiver noch in negativer Beziehung. Und trotzdem hat es einer der beiden Gerichtsärzte gewagt, seine Meinungsäußerung dahin abzugeben, dass vielleicht die Füße übereinander gelegt worden seien, um den Rest des Blutes ausfließen zu lassen. Oder sollte den Polnaer Gerichtsärzten die Weisheit von den gelähmten Respirationscentren erst jetzt gekommen sein? Wir haben übrigens sofort nach Beendigung des Kuttenberger Processes auf diese — gelinde gesagt — Merkwürdigkeiten des ärztlichen Beweisverfahrens hingewiesen "). Was aber damals bloß Vermuthung war, ist durch das Geständuis der Polnaer Aerzte zur Gewissheit geworden. Diese beiden „Sachverständigen" haben nach dem Blute im Leichname der Agnes Hruza nicht gesucht, weil sie entweder nicht wusste n, wie die wissenschaftliche Obduction vorzunehmen sei, oder weil sie der Ansicht waren, es sei nicht noth wendig, nach dem Blute zu suchen, da dies ja von den Juden aufgefangen worden sei. Jnl einen Falle hat man eine Obduction Stümpern und nicht S a ch v e r st ü n d i g e n anvertraut, im anderen Falle standen die Aerzte schon bei der Obduction, wie später bei der Einvernahme unter d e r S u g g e st i o n des Ritualmordmärchens. Ob so oder so: Auf jeden Fall ist nunmehr die vollständige Unzulänglichkeit dieses ärztlichen Gutachtens dargethari, und das unbedingte Resultat muss sein: Die Revision des Polnaer Processes. Wien. (Eine Leichenverwechslung im städtischen B e r s v r g n n g s h a n s e.) Unter dieser Spihmarke brachte das „Jll. Wr. Extrabl." v. 16. d. Nt. einen Bericht über die vor einigen Tagen stattgesundene Verwechslung zweier Verstorbenen, von denen einer der mosaischen, der andere der katholischen Konfession angehörte. Es wurde nämlich die katholische Leiche nach mosaischer Güte in Lumen gehüllt und auf der isr. ') Deutsches Volksblatt vom 14. d. M., Seite 16. ') Ei>l Mensch, dessen Respirationsthätigkeit gelähmt ist, ist nicht „dem Tode nahe", sondern ist s ch v u tobt. Auch daS ist ein innerer Widerspruch in dem neueil Gutachten. Siehe Nummer M des „Jüdischen Volksblatt". Zum ärztlichen Neweisversahren, von Dr. S. Kornfeld, einer. Prinlarilis der niähr. Landvsirreuanstalt. Abtheilung des Centralfriedhofes nach Beendigung des religiösen Cermoniells begraben, während der jüdische Leichnam nach katholischer Sittte anfgebahrt wurde. Erst die Verwandten des Katholiken, die znm Leichenbegängnisse im Versorgungshause erschienen, constatierten eine fremde Leiche im offenen Sarge . . . So peinlich ein solcher Vorfall im allgemeinen ist, ebenso betrübend zeugt derselbe von der, fast möchte nian Gewissenlosigkeit sagen, nt 11 der d i e Beamten der isr. C u l t u S g e m e t,n b c ihre Pflicht erfüllen. Ist so wenig Unterschied zwischen einer israelitischen und einer kaiholischen Leiche, dass eine Verwechslung so ohne weiteres stattfinden konnte? Hat denn die bei uns Israeliten übliche Leichenwaschung in dem vorliegenden Falle auch wirklich stattgefunden? Und findet sie in ähnlichen Fällen überhaupt statt? Wie, wenn die kath. Leiche nicht durch einen Zufall agnosciert worden tväre? Und wieviele Pfründner werden sang- und klanglos begraben. So sieht es bei uns mit dem Judenthum aus, au dessen Spitze die gegenwärtige Cultusleitung steht. Prag. (Zur Rabbiner wähl in Schütten Hofe n.) Wer daran noch zweifeln wollte, dass dem jüdischen Geiste in diesen letzten Jahren eine gar gewaltige Förderung zutheil geworden, den muss die Art der Ausschreibung des Rabbinerconcurses in der verehr!. Gemeinde zu Schüttenhofen in Böhmen auch die letzten Bedenken benehmen. Man hat sich lange darüber die Köpfe zerbrochen, was und wer eigentlich an dem immer mehr um sich greifenden religiösen Jndifferentismus Schuld trage. Man hat diese und jene Vorschläge und Anträge in Versammlungen und Berathungen gemacht. Es hatte alles nur einen scheinbaren Erfolg. Dem verehrl. Vorstande der jüdischen Gemeinde in der oben genannten Stadt ist es endlich gelungen, den tieferen Ursachen dieses allgemeinen Uebels auf den Grund zu kommen: Die Schuld liegt einzig und allein an dem — Rabbiner. Was taugt uns, so sagten sich jene um das Wohl des ihnen anvertrauten Judenthums besorgten Männer, ein Rabbiner, der wohl in seinen Talmudfolianten überall zuhause, der in der rabbinischen Literatur gut beschlagen ist, der den Ruf eines Gelehrten, eines Forschers besitzt, wenn er nicht ein schöner Mann ist? Wie sollte der ein Ohr für seine mahnenden Worte finden, der nicht zugleich auch das Auge zu fesseln vermag? Und wenn die alten Römer den Satz wagen durften: „Mens sana in corpore sano“, so dürfen die jüdischen Gemeindeväter von Schüttenhofen den Ausspruch hinstellen: „Ein schöner Geist in einem schönen Körper." — Und dieser ebenso originellen wie unanfechtbaren Erwägung folgte alsbald der Beschluss, der einen lauten und freudigen Wiederhall in den Herzen des weiblichen Theiles der jüdischen Bevölkerung zu Schüttenhofen fand, dem auszuschreibenden Concurse folgende Clausel beizufügen: Gesuche mit Beischluss der Photographie zu richten an rc. So scheinbar untergeordneter Natur diese Neueinführung auch sein mag, dem Tieferblickenden eröffnet sie eine herrliche Perspective, dazu bestimmt, dem Judenthum neue, ungeahnte Wege zu zeigen und namentlich das gesunkene religiöse Gefühl zu frischer Begeisterung entflammen zu lassen. Und all diesen Ruhm darf der verehrl. Gemeindevorstand von Schüttenhosen für sich allein in Anspruch nehmen, der mit diesem Schritte zugleich in die Reihen der Vorkämpfer für Erweiterung der Frauenrechte unbewusst tritt. — Denn hatte schon früher nicht gar zu selten die Frau des Vorstandes bei der Wahl des Rabbiners ein Wörtchen mitzureden, so ist jetzt vollends die schicksalsschwere Entscheidung ihren Händen allein überlassen. Und wer anderer als die Frau wäre berufen, in puncto Männerschönheit das berufenste Urtheil zu fällen? Mutier taceat in ecclessia“, diesem alten Grundsätze hat in der jüdischen Gemeinde zu Schüttenhofen das letzte Stündchen geschlagen. — An Euch, Ihr stellensuchenden jungen Rabbiner aber, ergeht hiermit die ernste Mahnung, Euch eines erhöhten Verbrauches an Schnurrbartbinden, Bartwichsen und diversen Pomaden zu befleißen. Weg mit dem alten gelehrten Kram, weg mit aller überflüssigen Gelehrsamkeit, benützet die kostbare Zeit in besserer Weise zur Pflege Eures Körpers, wie Eurer Leiblichkeit überhaupt, damit Ihr dereinst Gunst findet in den Augen der Vorstandsgattin und all ihrer Mitschwestern. Ernes. Gger. (Norbert Jahn, der K u n st k r i t i k e r.) Die Welt kennt Herrn Norbert Jahn noch nicht — und das ist schade. Denn Norbert Jahn kann zwar nicht deutsch schreiben, aber umso besser schimpfen. Auch besitzt Norbert Jahn einen unverwüstlichen Humor, der zwar nicht in ihm lebt, aber doch bewirkt, dass andere lachen. Nämlich, wenn die Herrn Jahn lesen. Denn wenn Herr Jahn nicht wäre, würden zwar die ,E g e r e r N a ch r i ch t e n", m denen er—; zu Buß' gesagt — schreibt, um nichts gescheiter, aber doch minder lächerlich sein. Und für uns Inden in diesem bösen! Winkel wäre das thatsächlich eine schwere Einbuße. Jüngsthin leistete sich Herr Norbert Jahn zum Heine-Jubiläum eine Heine-Beschimpfung. Der Streit uni Heines Gebiirtstag ist Herrn Jahn eine jüdische Schwindelei, von Heine nur zu den» Kwecke iilseeniert, um die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken. Sonst weiß Herr Jahn von Heine nur soviel zu berichten, dass Heine ein Sch . . . n gewesen sei. Er zieht zu diesem Behufe die gesummte Erotik Heines als Beweis heran. Herr Jahn scheint diese Seite Heines ganz gründlich studiert zu haben. Es muss da wohl eine besondere Anziehungskraft gewirkt haben! — Und dergleichen macht in „Cnltnr' und .„Fortschritt", Saaz. (Boycott der Juden.) Der „Briefkastenmann" unserer „Nationalen Zeitung" scheint den Herren Antisemiten nicht vertrauenswürdig und wirksam genug zu sein, den Boycott gegen die Inden, der jetzt immer mehr um sich greift, durchznführen. Wenigstens veröffentlicht die letzte Nummer unseres Galizier-Blaties eine Zuschrift, die in beweglichen Worten die Aufforderung enthält, die Weihnachtsgeschenke nur bei „Deutschen" zn kaufen. Aber der geehrte Einsender gibt sich da eine kleine Bloße. Er fragt nämlich, ob es recht sei, „wegen einiger Kreuzer Ersparnisse" die nationale Sache so zn schädigen. Da liegt nämlich der Hund begraben. Denn — gerade heraus gesagt — warum gehr man znm Juden? Weil es beim Juden nicht nur billiger, sondern auch besser ist. Und das komm: wieder daher, weil oer Jude tüchtiger und bescheidener in seiner Lebensführung ist. Wären unsere Tentschnationalen ehrlich, dann müsste es ihnen nur recht sein, dass das Volk beim Einkäufe erspart und nicht ansgebentet wird. Denn der am wenigsten im Geschäfte ausbeutet, das ist gerade der Jllde. Das wissen die Herren selbst am besten, daher auch ihr bewegliches Klagen. Lcitmeritz. (I u d e n r e i n.) Wieder hat die deutschnationale Sache einen großen „Sieg" errungen und wieder haben unsere deutschnationalen Bruder mosaischer Eonsession einen gelinden Fußtritt erhalten. In S ch ö n l i n d e tagte unlängst die Hauptversammlung des XV. Turngaues der Deutschen Turnerschaft. Auf der Tagesordnung stand auch die Berathung über die „Mitgliederausnahme." Wer die Entwicklung der „Deutschen Turnerschaft" und auch des „Deutschen Schulvereines" kennt, der weiß was das zu bedeuten hat. Es wurde auch mit überwiegender Majorität beschlossen, 137Stimmen gegen 47,von nun ab nur mehr„Deutsche arischer Abkunft" aufzunehmen. Es bleibt nur noch zu warten übrig, was nunmehr die „Deutschen semitischer Abkunft" in der Deutschen Turnerschaft anfangen werden. Ob die noch so viel Menschenwürde und Selbstbewusstsein aufbringen werden, diese Provokation mit dem sofortigen Austritte zu beantworten? Mähr.-Weißkirchen. (A s s i m i l a n t e n - M u t h.) Man schreibt uns: Eine lustige Geschichte, die aber doch auch wieder traurig ist, kann ich Ihnen nicht vorenthalten. Kurz nach der Rede des Abg. Berner versuchte ein hiesiger Jude, der mehr Jude als Deutscher ist, die Enltusgemeiuden unseres Kreises zu bewegen, ein offenes Schreiben an Herrn Berner zu richten, das die schamlosen Angriffe dieses Abgeordneten abwehren sollte. Sein Ansinnen wurde zurückgewiesen, u. zw. mit der Begründung, dass es besser sei, nicht noch mehr Lärm zn machen. Man müsse in — Frieden auskommen. Dieser Brief, den die „Neue Freie Presse" hätte veröffentlichen sollen, hat folgenden Wortlaut: Offenes Schreiben an den Herrn Reichsrath s- Abgeordneten Berner. Geehrter Herr Abgeordneter! Wir pflegten Ihre Reden gerne zu lesen, weil sie ein flottes Mundwerk besitzen. Und daun mussten wir uns sagen, dass wir Deutsche und Juden von Olmütz, Leipnik, Weißkirchen, Meseritsch, Neutltschein, Ostrau ja auch — mit Respcct zu melden — Ihre Wähler waren. Es soll nicht wieder Vorkommen. Ihre jüngste Rede in der Jnterpellationsdebatte Holleschau—Wsetin entreißt uns fast das Urtheil: „Kein Talent und kein Charakter." Unglaublich! Der Exjude und Volksbeglücker findet auch nicht einen warmen Ton für die Leiden seiner Exglaubensbrüder. Hingegen trieft seine Rede von Mitgefühl für ihre Peiniger und Plünderer. „Du gleichst dem Geiste, den Du begreifst." — Sie halten den Juden als Provokace vor, dass sie sich dem deutschen Lager anschließen, aus welchem auf sie geschimpft wird, anstatt den Czechen, welche sie bombardieren und plündern. Merkwürdig, Ihr Socialdemokraten zerreißt Euch doch sonst das — Mund für die Wahlfreiheit des letzten Genossen, und nur der Jnde soll nicht seiner Ueberzeuguug folgen dürfen? Es wird Ihnen, Herr Abgeordneter, nicht einleuchten, dass wir nicht unsere Nationalität flugs wie ein Sommerröckchen abstreifen können? Freilich wird einmal, sobald die Juden sich commass eren werden, die Frage auftauchen, wieviel Grund sie haben, sich für die Deutschen drangsalieren zu lassen. Die Negierung, welche dazu eingesetzt war, die unmöglichen Sprachenverordnungen aufznheben, kann für die daraus entstandenen Wallungen der Volksseele nicht haftbar gemacht werden. Sie hatte ja noch gar nicht Zeit gehabt, zn solchen Nachwirkungen ihrer Vorgänger Stellung zu nehmen. Wenn zerstört, geplündert und obendrein gemeutert wird, dann gehen die Gewehre auch ohne Ordre aus Wien los. Das ist wohl nach jahrelanger, gesetzwidriger Duldung der professionellen Semitenhetze in Schrift und Rede noch das wenigste, was eine aufrechte Staatsgewalt für uns Juden thnn kann, wenn sie uns endlich gegen offenen Aufruhr mit den vorgesehenen Machtmitteln schützt. Wir haben sicherlich kein Wohlgefallen an den Menschenopfern. Doch wenn die Politiker, die Hetzer nicht Ernst gesehen hätten, so hätte der Pöbel noch lange weiter gerast. Auf wem die Blutschuld lastet, wissen Sie so gut wie wir. Die Wiener Antisemiterci zeugte die czechlsche, beide mit einander zeugten Knttenberg. Knttenberg hinwiederum und der zwerschwänzige Vaclav, welcher gewöhnt war, dass man ihm alle faulen Fische nachgab, zeugten nnt Naturnvthwendigkert H o l l e s ch a u. Man könnte ja mit Euch Socialdemokrateu sympathisieren, wenn Ihr nicht (vielleicht Daszynski ausgenommen) so einseitig, in abgeleierte Dvctrinen verbohrt, in Classenhass verrannt wäret. Anstalt Euch zu einer wirkenden Idee aufzuschwingen, seid auch Ihr, wie so vieles in Oesterreich, von der Antrsemitensenche inficiert, und balgt Erich im Staube mit Czechen und Antisemiten um ein paar Seelen. Wir schulden Ihnen, Herr Abgeordneter, nur noch die Anerkennnirg, dass Sie das Spottivort „Judcnsoci" glänzend widerlegt haben. Berlin. (T r a u e r n a ch r i ch t.) Im 56. Lebensjahre verschied hier der königliche Comerzienrath Julius I s a a e. Sciil Wirken innerhalb der hiesige» Gemeinde, wie auch außerhalb derselben, wenn es sich um allgemeine jüdische Interessen handelt, ist zn gut bekannt, als dass es noch wendig wäre, hier sich des Weiteren darüber zn verbreiten. Sämmtliche Blätter, jüdische m>d nichtjüdische, widmen dem Dahingegailgenen einen warmen Nachruf, erfreute er sich doch bei Lebzeiten großer Popularität.

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