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Jüdisches Volksblatt · 1899-12-15 · 44 (15.12.1899) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
44 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4*1 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 15. December 1899 Seite 3 die Stadt seufzt unter dem Drucke der Umlagen; durch ein einsichtsvolles Benehmen der Inden würde für eine kleine Stadt von 4000 Einwohnern eine jährliche Auslage von 30.000 fl. erspart werden können. Man wende nicht ein, dass die deutschen Christen auch eine Schule brauchen. Es gibt keine deutschen Christen hi-r; die wenigen, deren einzelne Familienmitglieder deutsch erzogen sind, haben sich im wohlverstandenen, eigenen Interesse mit dem Slaventhnm ganz gut abgefimdei,, indem der eine Brnder deutsch, der andere slavisch ist, der Vater slavisch, der Sohn deutsch, indem der Familienvater ein Führer der deutschen Bewegung bei der Wahl ist, die Schwiegermutter die Vollmacht den Slaven gibt und kurz, indem sie ja untereinander im Connttbium leben. Weiß denn der Jude nicht, dass im Augenblicke des Streites er von der deutschen Minderheit, von der er bisher liebevoll umfasst wurde, um die Geldnuterstütznug zur Ermöglichung der gesellschaftlichen Existenz einer deutschen Partei zu bieten, sofort den Czechen als Beute vorgeworfen wird, damit der Deutsche ganz ruhig und friedlich die Vernichtung des Inden ansehen könne? Hat sich in Hradisch, hat sich in Hvlleschan, hat sich überhaupt an irgeudemem Orte slavischer Excesse eine deutsche Bruderhand gerührt, um den an Leib und Leben und Vermögen bedrohten jüdische» Commilitvnen auch nur durch ein Wort, geschweige denn durch eine That zu schützen? Und die Umkehrung des Satzes : Wurde das Fenster eines deutschen Christen eingeschtagen'? Letzteres deshalb nicht, weil der Betreffende ganz wohl gemusst hat, Beziehungen mit seinen slavischen Mitbewohnern zu erhalten. Die christlichen „deutschen" Einwohner unserer Stadt sind zum größten Theile Mitglieder des deutschen und des böhmischen Geselligkeitsvereines, sie unterstützen, wenn nicht öffentlich, so doch im Geheimen, den czechischen Verein und sonstige czechische Zwecke, und thun sie es nicht, so wird es ihnen gerne verziehen, weil es ihre Brüder oder sonstigen Verwandten thun. — Die Juden dagegen halten nvch wie vor stramm am Deutschthnm fest, halten inr Casino das „Deutsche Blatt" und die „Ostdeutsche Rundschau", in welcher ihnen die Menscheueigenschaft abgesprvchen wird, feiern Abschiedsfeste prononciert antisemitischer Jünglinge, sind Mitglieder des Deutschen Schulvereines und werden in dieser Eigenschaft geführt von ihrem zionistischen Seelsorger. Ad vocem Seelsorger wird strenge darauf geachtet, dass ja kein Schäflein der deutschen Wacht verloren geht, indem es etwa in der czechischen Schule räudig gemacht würde. Und nun zum Schlüsse unsere vereheliche Gemeindevertretung. Während das Dach in Hellen Flammen brennt, wird beschlossen, den Fußboden zu wichsen. Da wir nicht auf Brot haben, da uns der wirtschaftliche Boycott auf den Nacken tritt, haben wir, um unserer christlichen Bevölkerung unseren Wohlstand zu bezeugen, beschlossen, den ohnehin modernen Ansprüchen gar nicht entsprechenden Tempel mit einem Aufwande von 10.000 fl. unproductiv, d. h. ohne nennenswerte Vermehrung der Sitzplätze, zu renovieren, und um diese für unsere ärmlichen Verhältnisse — unser gesummtes Jahresbudget au directru Einnahmen beträgt an 3000 fl. — bedeutende Anslage an Zinsen und Amortisation zu decken, wurde beschlossen, für den hebräischen Unterricht an der Volksschule ein Schulgeld einzufnhren, run dadurch den klarsten Beweis der völligen Unkenntnis unseres verehrlichen Ausschusses auch nur des alltäglichen Morgengebetes: „. . . und der Unterricht der Thora über alles" zu erbringen. Für diese Frage hat allerdings unser Seelsorgeamt kein Verständnis, weil es ihm ja gleichgiltig sein kann, ob ein mehr oder minder bemittelter Vater von mehreren Kindern einzusetzen, die darin bestand, dass er zuvörderst den Menschen und Politiker Heine nach bestem Wissen und Gewissen — besudelte, unr dann mit der Motivierung zu schließen, dass man „ein Denkmal des großen Dichters Heine mit Freuden und ohne Vorurtheil begrüßen könne", denn-„die ganze Romantik ke n n e n i ch t 8 K a t h o l i s ch - I n n i g er e s, a l S d ieW allsah r t nach Kevelaar" .. . Supienti sut! Das „M a inze r Journal", ein ultramontanes Organ im Grohherzoglhum Hessen, das stets in keuscher Entrüstung sich gegen die Anschuldigmig wehrte, als ob es mit dem Antisemitismus liebäugle, ließ sich folgendermaßen vernehmen: „Wir protestieren gegen die Errichtung eines Heine- Denkmals in unserer Vaterstadt mit Rücksicht auf die Notorielät von Hernes Frivolität, Religionshass und seiner Verachtung des Dentschthums. Die Frivolität der Heine'schen Poesien ist ja sattsain bekannt, sie ist ja bereits auch in diesen Spalten gebärend gekennzeichnet worden. Wir würden das Auge des Lesers beleidigen, wollten wir hier nur eine kleine Blutenlese seiner die nackte Sinnlichkeit verberrlicheuden Dichtungen wiedergeben. Selten wohl hat ein deutscher Dichter — wenn Heine überhaupt diesen Namen v e r d l e lt t — in schaiuloserer Weise den niedrigen Leidenschaften geschmeichelt und frivolere Scherze in das erhabene Gewand der Dichtung gekleidet. Seiil Hass gegen das Ehristentvum, den der j ü d i > ch o Dichter allenthalben in theilweisen blasphemischen Aeußerungen bekundet, ist geradezu teufltsch." Es hieße, sich im Schmrltze baden, wollte mau länger bei diesem bornierten Gewäsche verweilen. Hier hat man es offenbar mit der rohesten Form pvl'tisch-einseitiger Verbohrtheit zu thun, die sich glücklicherweise selbst den Garaus macht. Weitaus bedauerlicher ist es aber, wenn sich ein Organ des Judenthnms, die bekauilte orthodoxe Wochenschrift „D e r I s r a e l i t", a u s a u g e n s ch e i n l i ch e r F u r ch t v o r d e in A n r i s e in i t i S in u s, zu folgenden, mehr als indolenten Auslassungen Hinreißen lässt: »Alan kamt ein leidenschaftlicher Verehrer der Heine-Muse sein und dermoch gegen duffes Denkmal sich erklären. Solange es sich darum handelte, dasselbe in Düsseldorf aujzurichten, ließ sich dagegen nichts entwenden. Niemand hatte das Recht, der Stadl Düsseldorf, wenn sie auf diese Welse an die Thatsache erinnern wollte/ dass in Ihren Mauern der Dichter Heilte das Licht der Welt erblickte, daraus einen Vorwurf zu machen. Sobald aber die Frage des Heine-Denkmals aus dem localen Rahmen heraustritt; lventt es sich darum hnlldelt, das in Düsseldorf infolge der bekannten Qnertreibereiell uillnöglich gervordene Monument nach Mainz zu verlegen und so aus einern localen Denkmal ein nationales zu machen, so muss man aus nationalen und a l l- 30 fl. und darüber jährlich dafür zahlen muss, dass dem Kinde das Nothwendigste und darunter jüdische Sittenlehre und hebräisches Wissen beigebracht werde — wenn nur nach wie vor die jüdische Jugend deutsch aus ewig, nicht czechisch lernt. Hier soll abgethan werden die fadenscheinige Einwendung, dass es den Juden nicht besser gehe, wenn sie sich den Czechen in die Arme werfen. Wo in aller Welt hat ein ernster Jude behauptet, die Inden mögen sich mit Haut und Haaren den Czechen überantworten? Von der Erkenntnis der Nothwendigkeit der Beherrschung der Sprache als Mittels des Gedankenansdruckes mit denjenigen Leuten, unter denen und von denen man lebt, bis zur Aufhebung der eigenen Nation ist bei den Juden ein umso weiterer Weg, als ja, wie oben gezeigt, durch die Einführung des Schulgeldes für hebräischen Unterricht etwa die hebräische Sprache als Verkehrssprache der Juden in absehbarer Zeit nicht dienlich sein wird und als bis zur Rückkehr ins gelobte Land vorderhand der weniger ideal veranlagte und weniger mit materiellen Gütern versehene, daher nicht solange sich mit dem Warten begnügende Jude doch sozusagen auch gerne leben möchte. Bei solcher Sachlage ist es kein Wunder, dass die unmittelbar bevorstehenden Wahlen in die Stadtgemeindevertretung unsere Judenschaft, die an Anzahl und Steuerkraft bei auch nur einigem jüdischen Selbstbewusstsein ein bedeutender Factor wäre, gänzlich zügellos zerklüftet und sonach einflusslos antreffeu, dass sich keine Hand rührt, um der Jndenschaft eine entsprechende Vertretung in der Stadtgemeinde zu beschaffen, welche in wahrscheinlich nicht ausbleibenden zukünftigen schweren Zeiten und an geeigneter Stelle das Wort für die Juden führen könnte. Unsere gegenwärtigen „Macher" trauen sich nicht anznfangen, theils weil sie innerlich ihre Unfähigkeit und Unbedeutendheit und ihr mangelndes Bedürfnis, der Allgemeinheit zu dienen, erkennen, theils, wenn ihnen durch Obiges geschmeichelt sein sollte, weil sie besorgen, dass nicht sie selbst, sondern andere die Vertreter der Judenschaft würden, wofür sie sich aber gar nicht interessieren. Wenn die Leser diese lose hingeworfenen Notizen mit Wohlwollen aufnehmen werden, dieselben entsprechend verarbeiten und verdauen werden, so wollen wir ihnen mit Weiterem dienen. Wien. (DieAudienz des R a b bi n er s Doctor Kisch beim Kaiser.) In den allgemeinen Audienzen wurde am 11. d. unter anderen der Rabbiner der Prager israelitischen Cnltusgemeinde, Dr. Alexander K i s ch, vom Kaiser empfangen. Dr. Kisch war gekommen, um dem Monarchen für die Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone den Dank zu sage«. Ueber den Verlauf, den die Audienz nahm, wird übereinstimmend berichtet: Als der Rabbiner, der seinen Ornat trug, ins Audienzzimmer eingetreten war, bat er den Kaiser um die Erlaubnis, das Haupt bedecken und den von der mosaischen Religion vorgeschriebenen Segen sprechen zu dürfen. Der Kaiser ertheilte die Erlaubnis, und der Rabbiner sprach, zuerst in deutscher, dann in hebräischer Sprache die Worte: „Der göttlichen Majestät Abglanz und reichster Segen ruhe stets auf dem Haupte Eurer Majestät." Der Kaiser dankte, und Dr. K i s ch sprach seinen Dank für die Auszeichnung aus, worauf der Monarch erwiderte:■ „Ich stabe Sie sehr gerne ausgezeichnet, denn Ich kenne Ihre Loyalität und Ihre Verdienste, namentlich um die Prager Garnison." Dr. Kisch sagte nun: „Diesen Dank empfinden meine Glaubensgenossen in meinem engeren Vaterlande Böhmen in diesen schweren ■ m}fmrnmaammaaanomnmaumo gemeinen Gesichtsp unkten zu der Frage Stellung nehmen. Und da kann unter sachlich urtheilenden und nüchtern denkenden Leuten das übereinstimmende Urtheil nur dahin gehen, dass es nicht rathsam ist, den Plan der Mainzer Commission zu verwirklichen. Die Eigenart Heines, die näheren Unfftände seines Lebens, die gänzliche Unbekanntschaft des Volkes mit seinem eigenllichen Wesen, mit seiner Bedeutung und seinen mannigfaltigen Schicksalen — das spricht gegen dieses Project. Aber es spricht anderes dagegen. Schon sind die A n t i s e m i t e n und de^Mgintermänner, die Conservativen vom Schlage der „Kren^^W^g", emsig bei der Arbeit, ans dieser Affaire neues V e r heMrn g s m a t e r i a l zu schlagen, indem sie behaupten, dass Heine nur deshalb ein Denkmal haben sollte, weil er ein Jude gewesen. Hauptsächlich, weil er Jude gewesen, ist es ihm in Düsseldorf verweigert worden — dadurch gewinnt die Sachdarstellung einen A «schein (!!!) von Berechtigung. Die „Kreuzzeitung" droht bereits mit einer Verschärfung und Vertiefung des Antisemitismus für den Fall, dass in Mainz das Denkmal aufgestellt werde, und wenn auch kein Anlass vorläge, vor einer solchen Drohung zurückzuweichen, falls es sich um eine »virkliche Ehrensache des gebildeten Deutschland handeln würde, so ist doch auch kein Grund vorhanden, u n n ü tz e ru n d t h ö r i ch t e r w e i s e den» Judenhasse neue Nahrung z u z u s ü h r e n, ans bloßer Rechthaberei." Diese gewiss durch nichts zu entschuldigende Taktik der orthodoxen Wochenschrift scheint aber auch in einem anderen Momente als in dem der Feigheit verborgen zu sein. „Der Israelit" war offenbar — im diametralen Verhältnisse zu den antisencitischen Journalen — von der tiefsinnigen Erwägung ausnegangen, dass Heine, der Getaufte, eigentlich doch gar nicht dem Jndenthum angehöre. Wozu also für den Christen Heine „unnützer- und thörichterweise dem Judenhasse neue Nahrung" Zufuhren? Ebenso merkwürdig als unglaublich ist es aber, dass auch ein großer Theil, selbst des gebildeten Judenthnms an dem Jrrthum krankt, dass jeder getaufte Jude — natürlich auch Heine — eine Renegat der Jndenheit sein müsse. Bei Heine trifft dies sicherlich am allerwenigsten zu. Seine Taufe (1825) war und ist nichts anderes, als eine leere Formalität, zu der ihn die stürmische Hast seiner Jugend, bitterste Noth, verderbliche Einflüsse und die damals für das Jndenthum besonders tristen Zeitverhältnisse getrieben hatten. Aus seinen eigenen Geständnissen gieng es aufs deutlichste hervor, dass er im innersten seiner Seele der Nation des Judenthnms nach wie vor angehörte — sprach er doch*) die Hoffnung aus, „sich jetzt mehr *) Vgl. die Vorrede in Prof. Elsters Heine-Ausgabe (Seite 42, 43.) Tagen mit mir, da die Gnade Eurer Majestät allein ihnen Trost bietet." Der Kaiser erwiderte darauf: „Ja, Ihre Glaubensgenossen haben jetzt schwere Tage, aber es ist schon besser geworden." „Ja, sie haben schwere Tage, Majestät," sagte Dr. Kisch, und der Kaiser fuhr fort: „I ch bin sehr empört über d i e s e R o h e i t e n>" Der Monarch wiederholte dann das Wort: „über diese Rohheiten". Dr. Kisch bat um die Erlaubnis, diese gnädigen Worte seinen Glaubensgenossen mitthcilen zu dürfen, und der Kaiser sagte zu ihm : „Ich bitte, thun Sie da s." Damit war die Audienz beendet. Wien. (B r i g i t t e n a u e r T e m p e l v e r e i n.) In der am 29. November d. I. stattgehabten Generalversammlung wurden bei den Ergänzungswahlen von den ansscheidenden Vorstandsmitgliedern Herr Hermann E l t b o g e n und Herr David Spitz wieder- und die Herren Dr. Hermann Deutsch, Adolf Schreiber und Josef Wünsch neugewählt. Der Vorstand constituierte sich in der am 0. d. M. erfolgten Sitzung folgendermaßen : Obmann : Hermann E l t b o g e n; Obmann- Stellvertreter : Dr. Ernst R o s e n t h a l; Cassier : Heinrich Weiner; Schriftführer: Dr. Max W e i ß e n st e i n; Schriftführer-Stellvertreter: David Pvllatschek; Controlore: Dr. Herm. Deutsch, Josef Wünsch; Bethans-Cvmmissäre: Adolf Feuer, Jakob Kohn, Glaser; Bethaus-Berwalter: Jacob G v l d n e r, Adolf Schreiber, David Spitz. Brünn. (Ein Stück Zeitgeschichte.) Wie nicht nur in Frankreich, sondern auch bei uns in Oesterreich dem Antisemitismus infolge einer besonderen Ironie des Schicksals gerade durch jüdisches Geld auf die schwankenden Beine geholfen wird, davon kann ein Vorfall Zeugnis ablegen, der sich vor nicht allzu langer Zeit auf dem ehemals dem Baron Hirsch gehörigen, nunmehr in den Besitz s e i n e s Adoptivsohnes übergegangenen Herrschaftsgute Eichhorn- Bit i s ch k a bei Brünn abgespielt hat: Es ist gerade Jagdzeit und der neugebackene Schlossherr ist darauf bedacht, mit Hilfe einer auserlesenen Jagdgesellschaft einen Theil der ihm so unverhofft in den Schoß gefallenen Millionen auf die beste und angenehmste Art durchzubringen. Diese gute Stimmung will von einem in Brünn sesshaften, waschechten Arier ausgenützt werden. Er als Vater mehrerer Kinder möchte einem seiner Sprösslinge das von der nunmehr verstorbenen Baronin Hirsch für leidende Kinder zu einem Aufenthalte im Süden bestimmte Beneficium, wie in früheren Jahren, so auch heuer erwirken. Wie erstaunt ist er aber, von dem Secretär des neuen Schlossherrn zu vernehmen, dass für ihn, als Juden, wenig Ausischt verhanden wäre, das Gewünschte zu erlangen. Umsonst versucht er es, eine solch schmachvolle Anschuldigung mit dem Tone gerechtester Entrüstung, der ihm zur Verfügung steht, zurückzuweisen, er vermag nun einmal die vorgefasste Meinung des misstrauisch gewordenen Secretärs, den die schwarzen Haare, wie die etwas jüdisch aussehende Nase des Bittstellers immer mehr darin bestärken, einen Juden vor sich zu haben, nicht umznstoßen. Da, int letzten Augenblicke erinnert er sich zu seinem Glücke, einen Taufschein seines Kindes zu sich gesteckt zu haben. Diesen zieht er mm aus der Rocktasche, und siehe da! Das Argument wirkt Wunder und er darf in dem gehobenen Bewusstsein das Schloss verlassen, dass ihm nicht nur seine Ehrenrettung gelungen sei, sondern dass er auch die Gesundheit seines Sprösslings, weniger dem Judengelde, als vielmehr seinem Arierthum werde zu verdanken haben. Eines. Leipnik. (V o r t r a g.) Am Sabbath-Chanuka hielt hier über mehrmalige Aufforderung seitens des Cnltusvorstehers Herrn Abraham Haas der durch seine jüdisch-wissenschaftlichen Vorträge bekannte emer. Rabbiner Dr. S. K u l k a einen Vortrag über die jüdische Wissenschaft und die Judenverfolgungen!!■■■! n1!—pjmpk—ngi—tb—aap—mamaM—MMMuBtMBW als zuvor seiner unterdrückten Stammesgenossen annehmen zu können, er wollte, die Religion preisgebend, den semitischen Brüdern treu angehörig bleiben und ihre Sache in Wort und Schrift vertreten. „Er schalt in erbitterten Versen auf die, welche der gemeinsamen Sache abtrünnig wurden, und gestand sich nach einiger Zeit in knirschendem Unmuthe, dass.es ihm seit der Taufe nicht besser ergangen, dass der unter schweren Gewissensbissen ansgeführte Schritt vergeblich gewesen sei." Und wenn man ihn an der Hand seiner Werke psychologisch beurtheilt, wird es immer mehr zur Klarheit, dass das Factum der Tarife wie ein ewig quälendes Gespenst seine Seele umschwirrte. Ein impulsiver, spontaner Trieb zur Verarbeitung rein jüdischer Stoffe wird gleichsam zur Gewissensfrage seines Lebens und den Fluch der armen, allen Esther Wolf: „Nicht gedacht soll seiner werden!" vermag er nie und nimmer zu vergessen. Schmerzlich ist er sich dessen bewusst, dass die Juden ihn für einen Abtrünnigen hielten, und er weiß, dass er auch kein Recht auf irgendeine Zuflucht zur Christenheit begehren könne — sie, die es ja am deutlichsten suhlen musste, dass er mit seinem Herzen niemals ihr angehörte. . . So erzittert wenige Jahre vor seinem Tode diese unendlich wehmuthsvolle Klage — ein wahrhaft tragischer Niederschlag seiner sterbensmüden Seele: „Keine Messe wird man singen, Keinen Kndisch wird man sagen. Nichts gesagt und nichts gesungen Wird an meinen Sterbetagen ..." Möge das Pharisäer-, Philister- und Muckerthum über Heine, den Dichter, Menschen und Politiker wie immer denken: sie werden die Thatsache nie und nimmer aus der Welt schaffen, dass Heine als Dichter ein Auserkorener, als Mensch gütig und edel gewesen ist. Und wenn irgendein politisches Ideal ihn beseelte, so war es das der i n n i g e n V e r b r ü d e r un g der ganzen Menschheit. Seine besondere Vorliebe für das Judenthum, dem er entspross, hat Heine nie gehindert, ein ganzer Deutscher und ein ganzer Mensch zu sein. Und weil er eben die Menschheit in seine große Seele schloss, musste er sich am innigsten dorthin gezogen fühlen, wo deren bedrücktester Theil, das Jndenthum, zu suchen ist. Der Umstand der Taufe aber pflanzte in ihm das bittere Bewusstsein, von Juden und der übrigen Menschheit, für die er zeitlebens kämpfte, als Mensch aufgegeben zu sein. . . So bleibt uns nur noch der Trost, dass Gestalten von der epochalen, Generationen überdauernden Bedeutung Heines zu allen Zeiten bei dem geistigen Pöbel im Frack, in Kutte oder Kittel auf den heftigsten Widerstand gestoßen haben.

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