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Jüdisches Volksblatt · 1899-11-24 · 41 (24.11.1899) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
41 (24.11.1899)
Date
1899-11-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 Wien, Freitag Jüdisches Volksblati Seite 3 24. November 1893 sich Voraussagen; mit Aussicht auf Erfolg. In verschiedenen mährischen Bezirken sind ezcchische Bürgeriueistertage abgehoben worden, in denen neben der Einstellung der Geschäfte im übertragenen Wirkungskreise die stricte Befolgung des bekannten „Svuj k svermi“ beschlossen wurde. Nachdem in den slavischen Landgemeinden Mährens die fremdnationalen Handels- und Gewerbetreibenden fast ausschließlich Inden sind, so bedeutet dieser geplante Boycott in erster Linie wirtschaftliche Vernichtung des das Land bewohnenden zahlreichen jüdischen Mittelstandes und in zweiter Linie schwerste wirtschaftliche Schädigung der Handel- und Gewerbetreibenden in slavischen und gemischtsprachigen Städten. Die Zustande werden für eine li..,ge Zeit sehr traurige sein. Wer die ticmicjc czechische Schnl-;u.;ciib kennt, wird dem beipflichtkN. Wenn erst einmal diese Glnerativn herangewachsen ist, wird etwas in praktischem Antisemitismus geleistet werden. Der jüdische Mittelstand in Mähren umb direct Proletarisiert werden, nicht ans allgemein socialen, sondern ans nationalen ltnb confessionellen Motiven. Zum Zwecke einer Abwehr müssen wir in erster Linie nach den Urschen dieses Niederganges forschen. Diese Ursachen liegen dnrchans nicht im instinctiven Jndenhasse allein. Der hat natürlich, durch verschiedene Mittel künstlich genährt, seine volle Schuldigkeit gclhan. Äon Polna noch Holleschau führt e>.n ganz direeter Weg. Aber doch hätte es nie so weit kommen witssen, nie härte selbst Poltia eine solche Verwüstung im Gemülhe des Volkes hervorgebracht, hätten wir nicht selbst den ezcchischen nationalen Antisemiten eine mächtige Waffe in die Hand gedrückt: „Die Inden sind die Verbündeten Eurer Unterdrücker, sie verleugnen ihr Judenthnm, um Deutsche zu sein." dem Erwachen und gar Ueberschäurnen des Nationalbewusstseins unter den mährischen Slaven war der wirtschaftliche Ruin der slavische Gegenden bewohnenden Inden decretiert. Tenn Jude u n d Deutscher, das war des Hassenswerten zu viel. Selbst wo die Juden gerade nicht deutsch wählten, in überwiegend slavischen Städten und in den Landgemeinden, loarell sie doch durchaus Deutsche, und Juden faetisch nur der Confessivn nach. Das Eintreten der Juden fürs Dentschthum war eine der Hauptursachen für das Entstehen des aggressiven czechischen Antisemitismus. Heute allerdings, und hier sind die Hollejchauer Vorgänge mit inbegriffen, ist er sich Selbstzweck geworden, dank der Polnaer Affaire, die insbesondere die czechisch-clericalen Blätter für ihre Zwecke ausnützten, dabei ans den felsenfesten Grund des latenten, allgemeinen Judenhasses baicend. Was wird da den gläubigen Lesern alles ansgetischt! Und czechischer „Freisinn" und Clericalismns ziehen an demselben, aus Niedertracht und Lüge gewebten Stricke. Für den czechischen „Freisinn" war der Antisemitismus die letzte und einzige Rettung seiner Mandate, 'bie von den Radicalen arg bedroht waren. Um von dem großen Fiasco der jungczechischeil Politik abzulenken, ließen deren „freisinnige" Abgeordnete die czechischen Antisemiten gerne gewähren und öffneten ihre Organe willig dem Ritualmorde. Präpariert war die Menge für Polna schon durch die antisemitische Auffassung der Dreyfns-Affaire. Zwischen Jungczechen und Czechisch- Clericalen besteht heute kein Gegensatz mehr. An der Leiche der „geschlichteten" Hruza haben sie den Bruderknss getauscht und eine Partei unterstützt heute die andere in dem Bestreben die mährischen Juden zu vernichten. Da dieselben fast ausschließlich slavische oder gemischtsprachige Gegenden bewohnen, kann man heute ohne Uebertreibnug sagen: Der jüdische Mittelstand' in Mähren steht pvr einer wirtschaftlichen Katastrophe, die in kurzer Zeit über ihn hereinbrechen wird. Die letzten Ereignisse haben auf die österreichischen Juden verschiedene Wirkungen ausgeübt. Ein kleiner Theil steht diesen Ereignissen mit stumpfer Resignation gegenüber. Ein großer zweiter Theil gedenkt mit dem billigen Tröste: „Es wird schon besser werden" der alte zu bleiben, und ein dritter, vielleicht der größte Theil, denkt an ernstliche Abwehr und kommt hierbei zu der Erkenntnis, dass diese Abwehr am besten von einer Gesammtvrganisation der Juden ans geschieht. Ueber die Richtigkeit und den Wert der Organisationsidee ist kein vernünftiger Jude mehr im Zweifel. Für die niährischen Juden speciell lautet doch das erste Erfordernis für eine wirksamme Abwehr: Vollständige politische Neutralität, um de mH a s s e ke ine n en e N ahrung zuzuf ühren. Nehmen wir einmal an, dass eine jüdische Organisation seit dreißig Jahren, vor dem Erwachen der czechischen Nation, bestanden hätte. Was hätte dies zur Folge gehabt? Die Czechen Hütten eine Nation vor Augen gehabt, die bei dem absoluten Mangel an Expansionsbestrebungen ihr nie gefährlich werden konnte. Der czechische Antisemitismus wäre bei der religiösen Veranlagung speciell der mährischen Slaven nicht über das normale Maß hinaus gewachsen. Für den heutigen Antisemitismus wären auch gar nicht die Handhaben da gewesen. Denn einestheils hätte der Hinweis auf die nationale Feindschaft gemangelt, und die confessionellen Motive betreffend, hätte eine bestellende ernstliche jüdische Organisation die Erledigung der aufgeworfenen Ritualmordfrage von staatswegen wohl ohne viel Mühe erreicht. Und wie sind die Thatsachen beschaffen? Das Volk sah die Mehrzahl der Juden die größten Opfer für das Dentschthum bringen. Es sah jeden vorwärtsstrebenden, modernen Juden sich vom Judenthnm abwenden. Alles, was es an den Juden sah, war erborgt, nichts an ihnen eigenes Volksthum. Die Geringschätzung des Judenthums wurde von uns gezüchtet! Eine Generation von Juden wuchs heran, die die Geschichte ihres Volkes nicht kennt, die Sprache ihrer Väter nicht stammeln kann und ihrer erhabenen Religion verständnislos gegenübersteht. Sie wuchs heran, aber man hat sie auch heranwachsen lassen. Klar und deutlich steht es heute jedem Juden, der sehen w i l l, vor Augen: Wir sind ins Unglück g e k o m m e n, n> e i l wir vom Judenthum gelassen haben! Und ebenso klar und deutlich steht es vor den Augen eines jeden ernsten Juden: Für die Juden das Judenthum! Hier liegt der Schwerpunkt der ganzen Orgamsationssrage. Die Organisation soll nicht der Abwehr wegen geschaffen werden, sondern die Abwehr soll der erste Schrit zur Organisation sein. Die Organisation ist ein Werk, für die Zukunft, für die Dauer bestimmt. Sie ist Selbstzweck. Sie bedeutet den ersten Athemzug der zu neuem Leben erwachten jüdischen Nation in Oesterreich. Und deshalb muss sie auch alles in sich einschließen, was den Begriff einer lebenden Nativ» bildet. Sie muss eine politische, sociale und vor allein e n l t n r e l l e sein. Nur Böswillige und Unverständige werden behanvten, dass das mit eiueul ehrlichen österreichischen Patriotismus unveccinbar ist. Die bestehenden jüdischen Institutionen, insoweit sie der Ausdruck des Jndenthums sind, sind der Ausdruck des bisherigen, von der Mehrzahl der Inden im Prineip cmfgcgcbenen Systems der Assimilation und Negierung einer jüdischen Nation. Deswegen kann unsere Organisation nicht an die Cultnsgemeinden angeschlossen werden. Der Wirkungskreis der Enltnsgerneinden wird der bisherige bleiben: Rein administrative Verwaltung. Die richtigere Bezeichnung wäre Tempelgemeindcn. Die Organisation, die uns vorschwebt, muss e-st ans dem Nichts geschaffen werden. Mann für Manu müssen wir erst ein jüdisches Volk anwerben, das sich zu einer großen Organisation mit politischen! und culturelleni Programme, mit Execntiv-Comite n. s. tu. znsammenschließt. Es sollten in den jüdischen Gemeinden Vertrauensmänner gesucht werden, die nach jeder Richtung hin unabhängig sind und die Achtung aller anständigen Elemente genießen. Es würden ihrer genug zu finden sein, um die Agitation mit Aussicht ans Erfolg beginnen zu können. Die Verhältnisse waren für eine solche Agitation noch nie so günstig wie jetzt. Und noch etwas anderes benöthigen wir: Geld! Es muss ein Fonds geschaffen werden, um solchen jüdischen Machthabern, die ihre wirtichaflliche Ueberlegenheit benützen, mn sich um jeden Preis an der Macht zu erhalten, wirksam entgegenzuarbeiten. Die jüdische Organisation wird ein schwieriges Werk sein und viele und ernste Arbeit erfordern. Aber eine Beruhigung können ihre Führer mit ans den Weg nehmen : Die jüdische Inge n d st e h t h i n t e r i h n e n! Seliochaiir. Wien. (Z u r Polnaer A f f a i r e.) Das Schmutzblatt ans der Joscphsgasse, genannt „Deutsches Volksblatt", bringt in seinem gestrigen Morgenblatte die Nachricht, dass Mutter und Bruder der ermordeten Agnes Hruza gegen Herrn Richard Rappaport, sowie gegen das „Wiener Tagblatt" die Verleumdungsklage überreicht hätten. Wir sehen der Austragung dieser Klage mit dem gebürenden Humor entgegen und danken dem „Deutschen Vvlksblatt" für die heitere Viertelstunde, die es uns bereitet. Brünn. (Was Du nicht willst, das m a n D i r t h u e . . .) Das Bibelwort geht in Erfüllung. Die Geschichte rächt sich immer und die Missetharen der Völker finden früher oder später immer ihre Vergeltung. Das Dentschthum in Mähren hat einen Schlag erlitten. Die Stadt L i t t a u ist bei der letzthin vorgenommenen Wahl in czechische Hände übergegangen. Der dritte Wahlkörper hat zu seinen Vertretern Czechen erwählt. Nun geht uns Juden das gewiss nichts an, weil wir Jüdischvolkliche dem nationalen Kampfe zwischen Deutschen und Czechen principiell vollkommen neutral gegenüberstehen. Wir erwähnen die Angelegenheit auch nur deshalb, weil ein deutschnationales Blatt sich anlässlich dieser empfindlichen Schlappe zu folgenden Lamentationen hinreißen lässt: „ . . Das Losungswort „svuj k svemu“ war in Scene gesetzt, es wurde wie ein Evangelium gepredigt: Du darfst nicht bei Deutschen kaufen, und möge ihre Ware noch so gut sein, Du darfst sie nicht unterstützen, und mögen sie engelsrvnim sein. D u m n s s t ihreGesellschaft meiden, nicht w i e A u s s ä tz i g e, sondern wie P e st k r a n k e!" Das Blatt, das so jammert, ist ein dentschnationales Blatt, das gar nichts dagegen hat, wenn diese verruchte Taktik gegen Juden insceniert wird. Ah! Spüren diese Herren endlich einmal am eigenen Leibe, was das zu bedeuten hat: Geschäftlicher und gesellschaftlicher Boycott? Man kann ihnen diese Lehre von Herzen gönnen und nur wünschen, dass dergleichen sich noch öfters ereigne. Vielleicht würde das Wirkung haben. Prag. (Z u d e n S t u d e n t e n d e m o n st r a t i o n e n.) Professor M a s a r y k wird kommenden Montag seine Vorlesungen an der Universität wieder aufnehmen. Zur Verhütung weiterer Demonstrationen hat der akademische Senat beschlossen, dass der Einlass in den Saal nur wirklichen Hörern M a s a r y k s, die sich als solche legitimieren können, zu gestatten sein. Gegen die Führer der Demonstrationen ist eine Disciplinaruntersuchung eingeleitet worden. Saaz. (B r i e f k a st e n - P o l i t i k.) Die niederträchtige Kampfesweise der Deutschnationalen gegen die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden spürt man am allerheftigsten zu den Weihnachten. Die deutschnationalen Blätter, ebenso feig wie schlecht, wenden die alt-neue Taktik an, die Christen, welche bei Inden kaufen, im Briefkasten anzunageln, da sie den offenen Boycott nicht wagen. So bringt unser ehrenwertes deutschnationales Blatt eine Notiz des Inhaltes, man möge die Weihnachtseinkäufe bei den christlichen Geschäftsleuten decken. Es thäte ihnen (dem Blatte) leid, dem Briefkastenmann einen größeren Raum in den nächsten Nummern des Blattes freizulaffen. Wahrhaftig! Das Blatt hat nicht unrecht, wenn es von galizischen Zuständen in Deutschböhmen spricht. Leipa. (Deutschnationale Gemeinheit.) Der Anstrich von Bildung und Civilisation, den sich die Deutschnationalen in der Hauptstadt zu geben wiffen. verschwindet bei diesen Leuten in der Provinz wie Schnee unter der Sonne, wenn es sich um eine wirkliche Culturfrage handelt. Da zeigen sie ihr wahres Gesicht, und das ist wahrlich um nichts zu unterscheiden von denk der gehassten „Römling e". Schurkeri hier wie dort, gepaart mit bodenloser Dmnniheit und abgrnndticser Frechheit. Wir wissen in unserer Stadt wieder ein kleines Lied von deutscher Bildung und Gesittung zu singen. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, besitzt unsere Stadt ein jüdisches S t n d e n t e n h e i in, das unter der Leitung unseres verehrten Rabbiners Dr. Wiesen steht. Vor einiger Zeit brachte das „Leitmeritzer Wochenblatt" über dieses Studentenheim folgende Notiz: ..Ans dein hiesigen (Leipaer) Stildentenheim wurde ein junges Dienstmädchen in das .Krankenhaus gebracht. Dasselbe soll vorn Starrkrämpfe befallen worden sein npd konnte trotz ärztlicher Hilfe nicht zürn Bewusstsein gebracht werden; es mussten deshalb Prager Professoren zu dem Mädchen gerufen werden. D i e U r f a ch e soll auf j ü d i s ch e M a ch e n s cha f t e n zur ückzuführen sein." In Wahrheit verhält sich die Sache folgendermaßen: Das zweite Dienstmädchen des Studentenheims hatte sich mit dem erwähnten einen dummen Witz gemacht. Es hatte sich mit einern weißen Leintuch bekleidet und war dem anderen Mädchen als „Geist" erschienen, worauf dieses einen kleinen Nervenschok vor Schreck bekommen harte. Das denrschnationale Blatt aber führt sofort die Ursache ans „jüdische Machenschaften" zurück und zeigt grinsend vor schmutziger Lumperei den Polnaer Pferdefuß. TropPmr. (A n t i s e m i t i s ch e Fälsch» ir g e n.j Man schreibt uns ans Troppan unter dem 22. d. M.: Die jüdisch-vvlklichen Bestrebungen setzen unsere Deutschnationalen in Verlegenheit. Sie wissen nicht, ans welche Art sie diesen Juden, die doch nur das wollen, was sie, die Deutschnationalen, so stürmisch verlangen, beikommen sollen. Um aber den verhassten Juden eins am Zeug zu flicken, schlagen sie jetzt eine neue Taktik ein. Sie identificieren die Jüdisch-volklichen mit der Soeialdemokratie und entblöden sich nicht, zu den gemeinsten Fälschung e n Zuflucht zu nehmen, um den Berveis für ihre freche Dummheit zu geben. So geht jetzt durch mehrere deutschnationale Blätter, vor allem durch unsere „Deutsche Wehr", die Meldung, dass der socialdemokratische Führer Dr. E l l e n b o g e n Präsident des „Jüdischen Volks- Verein" sei, und dass Ihr Blatt, das „Jüdische Volksblatt", die Liebe dieses soeialdemokratischen Führers zu „seinem jüdischen Volke" rühmend hervorgehoben habe. Mit solch plumpen, schäbigen Lügen, deren Unwahrheit auf der Hand liegt, arbeiten diese patentierten Verbreiter deutscher Edelenltur. Budapest. (Subvention einer jüdischen Mittelschule.) Im Budget des Unterrichtsministeriums findet sich auch ein Posten von sechzehntansendKronen als Subvention für die jüdische Mittelschule in Bäg-Ujhely. Dieser Posten wurde vom Parlamente genehmigt. Was wohl die Herren Schneider und Consorten dazu sagen mögen? Pest. (Baronin Hirsch-Stiftung.) Wie bekannt hat die Baronin Hirsch einen Betrag von zwei Millionen Francs zn der Errichtung einer Darlehensstiftung für arme jüdische Gewerbetreibende Ungarns testamentarisch vermacht. Dem Abgeordneten A. Neu mann kam nun dieser Tage vom Ministerium die Verständigung zu, dass der Constituierung der Ve waltung nichts im Wege stehe. Die Delegierten der provisorischen Verwaltung hielten darauf eine Sitzung ab, in der beschlossen wurde, die nöthigen Schritte zur Herausgabe des erwähnten Betrages mit aller Beschleunigung durchzuführen. Ausland Petersburg. (Zur Affaire Polna.) Die Agitation infolge der Polnaer Geschichte fand hier nur schwaches Echo. Außer der „Nowoje Wremja", dem ausgesprochenen Antisemitenblatte, verhält sich die ganze russische Presse dieser Angelegenheit gegenüber sehr reserviert; viele von den Zeitungen stellen sich sogar im günstigen Sinne zu derselben. In den letzten Tagen hat die „Nowoje Wremja "einen Genossen in dem deutschgeschriebenen „St. Petersburger evangelischen Sonntagsblatte" gefunden, welches Blatt von einem gewissen Pastor B a r t o l d i herausgegeben wird. In den in den jüngsten Tagen erschienenen Nummern hält der Pastor den Juden eine Predigt, in welcher er sie auffordert, doch endlich die Wahrheit einzugestehen, dass sie wirklich Christenblut zu rituellen Zwecken benöthigen, da es schon nicht mehr weiter hilft, solch eclatante Thatsache abzuleugnen. Interessant ist seine Hinzufügung: „Ich bitte, mich nicht zu den Feinden der Juden zu zählen. Ich bin kein Antisemit. Ich liebe sogar die Juden. Aber die Liebe kann nicht Facten leugnen, die gegen sie sprechen." In den hiesigen Journalistenkreisen erfreut sich der liebe Pastor schon lange des Rufes eines „protestantischen Jesuiten". Bukarest. (Weitere Emigrationen.) Die Emigration der Juden nimmt immer mehr überhand. Außer vielen Auswanderern nach Amerika und Canada haben sich 1000 jnnge Leute beim englischen Gesandten gemeldet. Sie wollen in das englische Militär eingereiht werden, das nach Südafrika in den Krieg zieht. Das unter der Bedingung, dass England sie nach dem Kriege auf der Insel Cypern ansiedeln werde. Andere wendeten sich in einer Petition an den Sultan mit der Bitte, ihnen zu gestatten, sich in Armenien anzusiedeln. Die hiesigen jüdischen Zeitungen suchen die Emigrationswuth zum Stillstände zu bringen und weisen auf die Gefahren solcher planloser „Nur fort-Bestrebungen" hin. Aber die Bewegung zum Answandern „wohin immer" ist stärker als alle Vernunftgründe und lässt sich nicht mehr Halt gebieten. Sofia. (Antisemitismus in Bulgarien.!' Vorige Woche hat der Minister des Innern, Radoslawof . eine Deputation der hiesigen jüdischen Cultusgemeinde untec Führung der Herren L e w i und B u k o s empfangen, welche gegen ein vor kurzem gegriindetes Antisemitenblatt Klage führte, das durch Verleumdungen, erdichtete und entstellto Schauergeschichten Hass gegen die Juden zu erregen sucht un die Brandfackel der Feindseligkeit in die Bevölkerung schleudert. Der Minister, welcher den Ausführungen aufmerksames Gehör

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