Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1899-11-17 · 40 (17.11.1899) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
40 (17.11.1899)
Date
1899-11-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2432763-2432764-2432804--0353-2433915
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 10 Wien, Freitag1 Jüdisches Volksblatt 17. November 1809 Seite 8 cs nun officieJle Antisemiten, dann nationale und endlich die Antisemiten mit dem Mäntelchen. Zn den letzteren gehören insbesondere die Herren „internationalen, interkonfessionellen Socialdcmokraten" und die Herren von der — liberalen Seite. Ter Führer der „Internationalen", der übrigens ohne die Juden wohl kaum ein Volksvertreter geworden wäre, hielt es für überflüssig, in seiner Rede, in der er an allen Parteien herumnörgelte, ohne den moäus emendandi zu erwähnen, irgend ein Wort für die ruchlosen Judenhetzen zu verwenden. Die „liberalen" Phrasenhelden hingegen schlugen — wie wir aus ziemlich authentischer Quelle erfahren — eine Communication mit der „Freien Deutschen Vereinigung" aus, da diesem Verbände drei Juden angehören. Uud wir wählen die Candidaten dieser Secte! Was sollen wir auch thnn? Sich der Wahl enthalten? Das würde eine Stärkung des programmatischen Gegners bedeuten! Uud da gilt nun der Grundsatz: „Von zwei Nebeln wähle das kleinere!" — Und so werden wir allerorts gezwungen, moralisch genöthigt, Männer einer Partei zu wählen, die sich zu den Interessen der Juden ganz und gar passiv verhält, wenn nicht activ in üblem Sinn! Warum sollen wir also nicht wenigstens dort, wo wir die Macht haben, eigene Candidaten wählen, wirklich jüdische, freiheitliche, unerschrockene Männer wählen, die nur die nationalen Rechte unseres Volkes verfechten, die von keiner Strömung abhängen, wenn nicht von der jüdischen. Sollten sich keine würdigen Vertreter finden in unserer Mitte? Sollten sich nicht Politiker in der Mitte eines Volkes finden, dem die Führer fremder Nationen entsprungen sind, dem Beaconsfield und Montefiore angehörten?! Nicht nur unsere Männer sollen wir in die Körperschaften entsenden, wir sollen auch streben, die nationale Curie zu erringen, so dass wir 6—10 Kämpfer des jüdischen Volkes in das Parlament entsenden können; was einige unerschrockene Stimmen durchzusetzen vermögen, haben uns unsere aufrichtigsten Feinde, die Deursch-Nationalen, gezeigt. — Ich sehe schon saure Mienen und höre die Worte: Ghetto, Absonderung! Ja, Volksgenossen, wir müssen uns absondern, auf eigene Füße stellen! Denn fremde Thüren sind uns versperrt oder schließen sich vor unseren Augen. Jetzt heißt es, auf den Grundsatz vertrauen, den schon vor Jahrtausenden ein geistreicher Römer aufgestellt: Goncordiaparvae res crescunt, discordia maximae dilabuntur! Beda Renhöl. Inland. Wien. (Christlich-sociale Bildung.) Der „Wiener Volksbyte", Verblödnngsorgan für den XVI. Bezirk, bringt eine Kritik über: „D e r K a u f m a n n v o n V e n e d i g" v o n G r i l l p a r z e r, das vor wenigen Wochen im Stadttheater zum erstenmale aufgeführt wurde. Das Blatt spricht dem Theater den Dank aus für die Aufführung eines der besten Stücke unseres heimischen Dichters, der einen Juden in seiner ganzen Unart gezeigt habe. Dies, sowie noch einiges Erbauliche zu lesen im christlich-socialen „Wiener Bolksbote" Nummer 21, Seite 5. Prag. (Zu den Demonstrationen.) Selten ist wohl je ein schamloseres und niederträchtigeres Doppelspiel von Parteien getrieben worden als jetzt von den czechischcn. Die Pressorgane der „freisinnigen" jungczechischen Partei, in der heute noch einige getaufte Juden sitzen, haben an der gemeinen Hetze, die mit dem Polnaer Mord durch ganz Oesterreich betrieben wurde, redlich theilgenommen. Sie, welche die einflussreichsten sind, sind vor allem schuldig an den blutigen Vorfällen in Holleschau und Wsetin. Im Abgeordnetenhause aber lässt diese feige Bande erklären, dass sie nach wie vor auf dem „freisinnigen" Standpunkte stehe. Und nun, nachdem das Volk zur Genüge verhetzt, lenken auch die Pressorgane ein. So schreiben die „Rias Narodu“ : „Diese Ausschreitungen, bei denen.die Fensterscheiben der „israelitischen Mitbürger" zerschlagen werden, setzen die Bedeutung der Demonstrationen herab und alle intelligenten Elemente sollten darum überall dahinwirken, dass alle öffentlichen Kundgebungen in den eines civilisierten Volkes würdigen Grenzen bleiben". Das ist natürlich an dieselbe Intelligenz gerichtet, die moralisch und handgreiflich die Excesse leitete. Weiters bemerkt dasselbe Blatt zu den Studentendemonfirationeu gegen Professor M a s a r y k: „Diese Demonstrationen erinnern lebhaft an die Zeiten, in denen die Studentenschaft dem Professor M a s a r y k Ehren bereitete und anderen Professoren ihr Missfallen zum Ansdrucke brachten. Wie wir aber damals die Demonstrationen gegen die anderen Professoren verurtheilten, so müssen wir dieselben auch heute, wo sie gegen den einstigen Liebling der Studentenschaft gerichtet sind, verurtheilen". O, wie schlau diese Herren sind! Gegen Lie zerschlagenen Fensterscheiben, gegen die Demonstrationen degen M a s a r y k tritt man auf, aber gegen den Antisemitismns? Gott bewahre, der ist ja gesund. Prag. (A s s i m i l a n t e n - M o r a!.) Die moralische Versumpfung, die schmachvolle Verlotterung, die uns die Assimilation beschert, hat bei uns eine ihrer schönsten Früchte gezeitigt. Im H o f b i e r b r a u haus spielt eine Chantant- Truppe eine Posse mit dem Titel: „Das zukünftige Palästina", iu der die jüdisch-nationale Idee und der Gedanke der Colonisation Palästinas mit den gemeinsten Witzen in den Kvth gezerrt wird, zum Gaudium der zahlreich versammelten Assimilativnsjuden und Antisemiten. Um die Sache noch drastischer und widriger zu machen, bedient man sich des jüdisch-deutschen Jargons. Wohl haben vorige Woche jüdisch-nationale Studenten versucht, diesem ekelhaften Schauspiel ein Ende zu machen, indem sie eine Vorstellung zu sprengen versuchten. Aber leider waren ihrer zu wenig. Und einen zweiten Versuch wagen die Studenten nicht, weil der größte Theil von ihnen ganz in den Händen des „Vereins zur Pflege jüdischer Angelegenheiten" ist — und eine offene Auflehnung gegen diese Assi'milatevnssrucht mit dem Verluste ihrer Veneficien zu bezahlen hätte. So wird denn das Schaustück weiter anfgeführt, und unsere Asfimilationsjnden haben nach wie vor Gelegenheit, sich im eigenem Kothe zu wälzen. Eger. (Die neuen Bundesgenossen der Jude n.) Wenn man unseren Deutschnationalen glauben will, macht die sogenannte „Verjudung" inimer größere Fortschritte. Jetzt ist sogar schon — man Höne und staune— die „Deutsche Volkspartei" verjudet. Dieselbe „Deutsche Volk-Partei", die, wenigstens in Böhmen, seit ihrem Entstehen einträchtig, Hand in Hand mit der Schönercr-Partei arbeitete. So behaupten es die „Egerer Nachrichten", und wenn die es sogen, muss es wohl wahr sein. Sie präludieren den Vertrauensmänner-Tag der deutschnationalen Partei Böhmens, der in Komotan demnächst znsamnlentreten soll, mit der Entdeckung, dass „die Deutsche Volkspartei mit den Juden, Juden-Liberalen, Juden-Socialdemokraten und Clericalen zusammenarbeite". Höher geht wohl dentschnationaler Blödsinn nicht mehr. Saaz. (Galizische Wahlen.) Unsere Deutschnationalen rasen. Bei der Wahlmännerwahl des land- und forstwirtschaftlichen Bezirksvereines für den Landesculturratb sind die Deutschfortschrittlichen durchgedrungen. Natürlich wird dieses Ergebnis den Inden in die Schuhe geschoben. Warum? Weil bei den Wahlen auch fünfzehn — sage fünfzehn — Juden gewählt. Nach dem Dafürhalten unserer offenbar geisteskranken Antisemiten hätten die Juden gar antisemitisch wählen sollen! Weshalb auch nicht? Diese ehrenfesten Deutschnationalen würden sich wahrhaftig nicht genieren, auch jüdische Stimmen anzunehmen. Weil das Wahlergebnis nicht nach ihrem Geschmacke war, suchen sie nun die Wahlen mit allen möglichen Vorwänden und Lügen als gefälscht hinzustellen und nennen sie in ihrem Blättchen „galizische Wahlen". Wenn diese Herren von galizischen Wahlen sprechen, so mögen sie sich vor Augen halten, dass solche nur dort stattfinden können, wo galizische Zustände herrschen. Und galizische Zustände in Böhmen eingesührt zu haben, das ist allerdings das Verdienst der Deutschnationalen. Ausland Die Auswanderung der Juden aus Rumänien. Rumänien ist ein sonderbares Land. Man findet dort die unmöglichsten Gegensätze: äußerlich alle Anzeichen der modernen Cultur und Civilisation, und im Grnnde die größte Unbidung und orientalische Wildheit; formell die denkbarst freieste Verfassung, und thatsächlich die uneingeschränkteste Willkür. Das Sonderbarste aber in diesem sonderbaren Lande ist, dass es Antisemiten hat, welche durchaus den Inden nicht erlauben wollen, aus dem Lande zu ziehen. Dabei schworen aber bis vor kurzem auch diese Antisemiten auf den Wahlspruch ihrer Genossen im Westen, dem berühmt gewordenen: „Inden 'raus!" Die ökonomische Krisis, welche infolge der politischen und ökonomischen Lotterwirtschaft Rumänien in diesem Jahre wie kein anderes Land heimgesucht hat, traf die politisch rechtlose jüdische Bevölkerung dvppelt. Verdrängt aus allen öffentlichen Aemtern und freien Berufen (außer dem ärztlichen), bilden die Juden Rumäniens zum ungeheuer großen Theile das gewerbliche und industrielle Proletariat der Städte, und diesem müssen der Geldmangel und die Consumtionskrisis am meisten fühlbar werden. Bei einer Bevölkerung von circa 5(4 Millionen hat Rumänien nach den übertriebensten Schätzungen eine halbe Million Juden. Das Verhältnis, wie man sieht, ist nicht so groß, wie die Antisemiten behaupten, und begründet umsoweniger deren Ausspruch, die politisch gleichberechtigten Juden würden die Rumänen unter der Wucht ihrer nationalen Macht erdrücken, als ja bei den gleichen Verhältnissen in anderen Ländern, wo die herrschende Nationalität lauge nicht so compact ist wie die rumänische, dies nicht der Fall war. Die örtliche Verkheilung der jüdischen Bevölkerung ist allerdings eine solche, dass sie in gewissen Theilen die Mehrheit bildet. So hauptsächlich in den Städten der nördlichen Moldau. Aber wer trägt denn die Schuld daran? Auch nur die rumänischen Antisemiten, welche seinerzeit das berüchtigte Gesetz erließen, wonach den Juden der Spirituosen- und Weinschank in den Landgemeinden verboten wurde. Es war das ein harter Schlag, welcher tausenden von Juden versetzt wurde. Sie flüchteten alle nach den Städten, uud da die meisten jüdischen Schankwirte in der Moldau vorhanden waren, wuchs die jüdische Bevölkerung der dortigen Städte in dem Maße, als diejenige der Dörfer abnahm. Der größte Theil dieser gewaltsam in die Städte zusammengepferchten Juden war arm, und nur der allergeringste Theil hatte soviel ans dem wirtschaftlichen Zusamnenbruche retten können, als riöthig war, um irgend ein neues Geschäft beginnen zu können. Dafür haben aber die Antisemiten die Genugthuung, die bäuerische Bevölkerung höchst eigenhändigst ansbeute» zn können, und sie thnn dies in einer Weise, welche nichts zu wünschen übrig lässt. Den Beweis für diese Behauptung liefert die osficielle Statistik, welche besagt, dass seit Erlass des Gesetzes die Zahl der Alkoholiker im steten Steigen begriffen ist uud die Fälschung der Getränke in höchster Blute steht. Diese rettende That der Antisemiten war der erste ökonomische Schlag, welcher den Juden Rumäniens versetzt wurde. Es sollte sich aber bei einer anderen Gelegenheit zeigen, welch verheerende Wirkungen solche antisemitische Maßregeln ansüben. Einige Jahre nach Erlass des oben ermähnten Gesetzes wurde ein zweites zustande gebracht, welches unter dem Vorwände, dass mail dem Unwesen des Hausiererthums steuern müsse, der jüdischen Bevölkerung einen noch stärkeren Schlag versetzte. Tausende jüdischer Familienväter, welche burd) das Hausieren sich und die ihrigen kümmerlich ernährten, blieben brotlos. Diesmal war die von bcn Antisemiten erwartete -Wirkung wirklich eine großartige. Einerseits war die Zahl der durch daö zweite Gesetz betroffenen eine viel größere als diejenige der seinerzeit ans den Dörfern vertriebenen Schankwirte, andererseits aber konnten sich letztere noch nach den Städten flüchten, um irgenv eine Beschäftigung z,l suchen und zuweilen auch zn finden, aber den armen Hausierern blieb nur ein Weg offen wenn sie nicht Hungers sterben wollten: das Answandern nach fremden Ländern. Die Antisemiten jubelten. Endlich sollten sie wenigstens einen Theil der vielgeschmähten Inden los werden, und mit ganz besonderem Behagen verzeichneten ihre Organe täglich die immer länger werdenden Listen der jüdischen Emigranten. Tausende rumänischer Juden, hauptsächlich aus der nördlichen Moldau, verließen das Land und wendeten sich zum allergrößten Theile nach Amerika. Die Hausierer, welche am neuen Continente lohnende Beschäftigung fanden, denen dazu die ungewohnte Freiheit außerordentlich behagte, ließen auch ihre Verwandten zu sich kommen. So wurde die Auswanderung eine allgemeine: es verließen nicht mehr nur brotlos gewordene Hausierer das Land, sondern auch Handwerker, Fabriksarbeiter und sogar Studenten und Hochschulabsolventen. Jetzt begannen erst die Antisemiten zu merken, welches Unheil sie angerichtet hatten. Aber die Emigrationslust hatte schon zu sehr um sich gegriffen. Während das Land die Juden los wurde, bildeten dieselben in New-Aork eine Colonie, welche zu den arbeitsamsten, nüchternsten und zu den der politischen Corruption unzugänglichsten zählte. In den Städten der Moldau aber begann der Arbeitslohn zu steigen, während der Handel, welchem so viele Consumenten verloren giengen, daniederlag und eine große Krisis durchzumachen hatte. Die Antisemiten wurden höflicher, ja sie forderten sogar, dass man dem Unwesen der Emigration steuern solle, und waren froh, als die Emigrationswuth sich zn legen begann und die übriggebliebenen Juden den Entschluss kundthaten, weiter im Lande verbleiben zu wollen. Beinahe zwei Jahrzehnte sind nun seit dem eben geschilderten Proceffe verstrichen. Die Wirkungen der Emigration waren für das Land verhängnisvoll. Die Moldau, hauptsächlich die nördliche, ist ruiniert. Die Bevölkerungsziffer ist überall gesunken. Von welcher Bedeutung das ist, erkennt man, wenn man bedenkt, dass in Rumänien das Dichtigkeitsverhältnis der Bevölkerung 41 pro Quadratkilometer ergibt, und dass der jetzige Cultusminister Tache Ion escu, übrigens der einzige Mann im jetzigen Ministerium, welcher der Judenfrage Verständnis entgegenbringt, in einem vor kurzem veröffentlichten Interview die unzureichende Bevölkerung mit als Ursache des wirtschaftlichen Niederganges anführte. Jassy, früher eine vorzügliche, reiche Handelsstadt, ist ein lächerliches Nest geworden, in welchem die allergrößte Armut und das herzzereißendste Elend herrschen. Ebenso sieht es in den anderen Städten der Moldau aus. Es ist ein Jammer! Alle Opfer, welche der Staat zur Gutmachung des Schadens bringt, sind vergeblich! Als ob einer der schönsten und früher reichsten Länderstriche Rumäniens endgiltig zum Absterben verurtheilt wäre. Dies alles ist keine Uebertreibung. Es reicht kaum an die Wirklichkeit heran! In den Städten bilden die jüdischen Handwerker und Fabrikarbeiter das traurigste Proletariat auf Gottes Erden, in den Dörfern haust ein ausgemergeltes, vom Bojaren aufs äußerste ausgebeutetes Bauernthum, welches nur in einigen Provinzen des gesegneten Russland seinesgleichen findet. So sieht das Bild der Bevölkerung in der nördlichen Moldau aus. Es erscheint nur noch düsterer, wenn man bedenkt, dass die Juden rechtlos, jeder Willkür ausgesetzt sind. Das gilt allgemein, denn die paar reichen oder anscheinend reichen Juden bilden einen so geringen Theil der gesammten jüdischen Bevölkerung, dass sie umso weniger in Betracht kommen können, als ja ein Theil von ihnen — man weiß um welchen Preis — die politische Gleichberechtigung erlangt und auch mit ihren unglücklichen Mitbrüdern nichts zu thnn haben wollen. Man kann sich nun leicht denken, welches Unglück die anfangs erwähnte, jetzt in Rumänien herrschende Krisis über die Juden gebracht hat. Das Elend hat seine äußerste Grenze erreicht. Die rumänischen Politiker — dieselben sind alle Antisemiten — befürchten jetzt eine Empörung der rumänischen Bevölkerung, und um dieselbe abzuleiten, wird eine antisemitische Hetze veranstaltet unter den Auspicien einer hochlöblichen Polizei. Die Juden sind also nicht nur vom Hunger bedroht, sondern auch von der Gefahr einer Ueberrumpelung durch den rumänischen Pöbel. Ist es nun ein Wunder, dass die jüdische Bevölkerung unter diesen Umständen geneigt ist, auch nach einem Strohalm als Mittel zur Rettung zu greisen, und gutwillig sich zu jedem Experimente hergibt? Soll es uns wundern, dass die armen verhungerten, verfolgten, jüdischen Arbeiter, sich bereit erklären, den Platz der aus ihrem Vaterlande flüchtigen Armenier in Türkisch-Kleinasien auszufüllen, obwohl sie genau wissen, dass sie sich der fanatischen Wuth der zurückgebliebenen Christen anssetzen? Soll es uns wundern, wenn sie leichten Herzens ein Land verlassen, das ihnen zwar lieb ist, ihnen aber weder Brot noch menschliche Behandlung bietet — um nach Cypern, Constantinopel, Amerika oder Afrika oder Palästina auszuwandern? Abermals grassiert unter der jüdischen Bevölkerung Rumäniens der Allswanderungstrieb, und abermals ist es die nördliche Moldau — dieses Ostend Rumäniens — welches das allergrößte Coutingent der Auswanderer liefert. Die Antisemiten aber wollen zwar gerne eine Hetz' haben, doch zum zweitenuiale bezahlen möchten sie dieselbe nicht. S o h a t d e n n d i e Negierung, da sie direct das A n s w a n d e r n niemandem Verbieten k a n n, a n g e o r d n e t, dass die verschiedenen Polizeibehörden keine R e i s e p ä a s s e mehr a n s f o l g e n. Diese T h a t suche wird ll ll s von vorzüglich informierter Seite g e m e l d e t. Also d i e s e l b e n A n t i s e m i t e n, w e l ch e so fürchterlich „Inden nach Palästina!" gebrüllt haben, wollen jetzt dieselben Inden mit Gewalt zur nckh alten. Und wir müssen abermals betonen: es sind nicht etwa reiche Juden, welche, indem sie answandern, in Rumänien erworbenes Geld mitnehmen, sondern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.