Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 40 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. November 1899 Nr. 40 l I reichischen Politik sagt, ist vollständig richtig und bis aufs I-Tüpfelchen zu unterschreiben. Es deckt sich vollkommen mit der Forderung der Jüdisch-Nationalen, die Juden mögen von allen Parteien und Nationen sich lösen und auf der Basis ihres eigenen Volksthums eine selbständige politische Partei bilden, ein Gedanke, der ja nicht ganz neu ist, sondern zum Theil schon seinerzeit vom Grafen T a a s f e propagiert wurde. Der conerete Vorschlag, den Herr Dr. Pollach behufs Durchführung dieses Gedankens macht, ist der: Es sei ein jüdisches E x e c ü t i v - C o m i t e zu bilden, welches die Juden den Behörden gegenüber vertritt, antisemitische Lügen mit Berichtigungen und Berichtigungsklagen verfolgt und für alle die Linie des politischen Verhaltens bestimmt. Was mir vor allem an diesem Vorschlag auffällt, ist das. dass dieses Executiv-Comite eine rein äußerliche Arbeit zu leisten hätte, ausschließlich gegen den Antisemitismus gerichtet. Nun ist gewiss kein Zweifel, dass eine Abwehr-Action in großem Maßstabe empstndlich mangelt. Aber ist das alles? Haben wir nicht ebensoviel, ja vielleicht noch mehr innere Arbeit zu verrichten? Arbeit, die aus der Erkenntnis entspringt, dass wir ein Volk sind, das seiner eigenen Cultur bedarf, wenn es nicht immer in diesem unwürdigen Zustande weiterleben will? Culturelle, sociale, wirtschaftliche Arbeit? Die Arbeit des Executiv-Comitös nach dem Vorschläge Dr. Pollachs wäre ein Abweichen von unserem Programm, insoferne es in den Worten gipfelt: N i ch t n u r gegen d e n A n t i f e m i t i s m u s, sondern auch für u n § Jude n. Es wäre ja nach dieser Richtung hin sehr viel zu bemerken. Aber ich will jetzt davon absehen und mich der praktischen Seite des Vorschlages zuwenden. Da will es mir nun scheinen, als ob Herr Doctor P o l l a ch einen Sprung in seiner Entwicklung gemacht hätte. Was ist ein Executiv-Comite? Das ausführende und leitende Organ einer großen Organisation. Jede Partei hat ihre Executive, aber sie hat auch ihre Parteiorganisationen. Für ein jüdisches Executiv-Comite mangeln heute alle Bedingungen. Ist eine jüdische Partei vorhanden? Nein! Gibt es jüdiich-politische Parteiorganisationen, Vertrauensmänner, Parteitage, welche die Executive wählen könnten? Wer soll heute das Executiv- Coniile bilden? Nehmen wir an, es würden die fünf größten Gemeinden Oesterreichs — Wien. Brünn, Prag. Krakau, Lemberg — aus ihren bezüglichen Vorständen eine Executive bilden. Es sei davon ganz abgesehen, dass unsere Cultusgemeinden sich statutengemäß nicht mit Politik beschäftigen dürfen! Ich will nur folgende Fragen aufwerfen: Was könnte diese Executive erreichen? Und wer würde ihr folgen? Man wird zugeben: Ein selbstständiges Auftreten der Juden kann und wird nur dann Erfolg haben, wenn die Judenschaft — ähnlich wie die Socialdemokratie — eine einheitlich geschlossene Masse, mit einheitlichem Programme und einheitlichen Zielen ist. Wenn es so weit ist, dass die Juden sich sagen: Es ist gleichgiltig, ob wir deutsch oder polnisch oder czechisch sprechen, unserem Denken und Fühlen nach sind wir Söhnchen hebräisch; das Bewusstsein einer großen Schuld verlasst ihn nicht. Der übernächste Tag ist ein Sabbath. Da pflegen sich die jüdischen Frauen vor dem Tempelgange bei der Schächtersgattin einzufiuden. Es wird ja nicht gekocht, und man hat Zeit zu.u Plaudern. Roth sitzt in seiner Stube und presst sich die Schläfen in Heller Verzweiflung. Wie soll er heule drüben andächtig vorbeten? Wohl zehnmal hat ec schon den säuberlich geputzten Schabbesrock vom Nagel geholt und ihn wieder hingebäugt. Schließlich muss er aber doch hinüber. Von seinen Gewissensbissen gequält, will er eilends das Zimmer passieren, in dem feine Gattin mit den Gästen plaudert. Sie eilt freudig auf ihn zu und hält ihm eine Schüssel mit Fleisch hin. Löwy habe es hinubergeschickt und wünsche, es möge allen recht gut schmecken. Roth führt beim Anblicke der Schüssel zusammen und wendet den Kops weg. Er weiß ja, dass das Fleisch nicht koscher ist und hätte es nimmermehr bei sich geduldet. Er vergisst in seiner Erregung, dass noch andere zugegen sind und befiehlt schreiend seinem bestürzten Weibe, das Fleisch aus dem Hause zu schaffen. Dann eilt er fort. Das Unglück aber war geschehen. Die Scene wurde noch am selben Samstag eifrig besprochen, und es gehörte nicht viel Combinationsgabe dazu, den Zusammenhang heranszufinden. Man war über die Unzuverlässigkeit des Schächters entrüstet, und alle, die von dem Fleische genossen hatten, kasteiten sich. Nicht lange, so erfuhr auch der Rabbiner des Kreises davon und sah sich veranlasst, dem Vorbeter in N. traft seines Anites das Schächten für alle Zukunft zu verbieten. Der Pächter aber erklärte, ein derart bemakelter Mann dürfe nicht mehr die Würde eines Vorbeters bekleiden. Roth musste also fort. Er wanderte ins nahe Städtchen. Was sollte er nun anfangen? Zu physischer Arbeit war er nie erzogen worden. Auch hatte er, der Fromme, Gottesfürchtige, seit jener Stunde viel zu viel gelitten, als dass er sich zu einer neuen Lebensweise hätte aufraffen können. Das nimnier weichende Bewusstsein, seine Schuld noch lange nicht abgebüßt zu haben, das trübsinnige Abwarten verdienter Schicksalsschläge verjetzte ihn itt den trostlosen Zustand kraftloser Apathie und willenloser Unthütigkeit. Die kleine, ghettokranke Gestalt sank immer mehr in sich zusammen. So ward er schließlich der „Hajchcl-Noth" von heute. Bor jenem kleine!! Hänschen also bleibt er gewvhnheitsgemäß lange stehen, bevor er in die Stadt zurnckkehrt. Sonntag früh kann inan ihm wieder in der Judeiigasse begegnen: „Ich wollt' Sie gebeten haben Juden. Und wenn es so weit ist, dass Excesse in Neu- Sandec oder Holleschau die Wiener jüdische Masse auf die Ringstraße treiben. Und dieser Conformität müsste auch die Executive entsprechen. Wie aber steht es heule? Der Wiener Cultusvorstand ist, soweit er überhaupt eine politische Gesinnung hat, alt-liberal. Der Brünner und Prager sind deutsch-fortschrittlich, also ohne jeden Einfluss auf die czechisch-jüdischen Gemeinden. Und die Krakauer und Lemberger „Großen" polnisch-conservativ, während das jüdische Volk Galiziens entweder jüdisch-national oder socialdemokratisch ist. So liegen die Verhältnisse in Wahrheit. Jeder Unbefangene wird zugeben, dass ein jüdisches Executiv-Comite aus diesen verlotterten Verhältnissen heraus ein klägliches Fiasco erleiden müsste. Ich meine demnach, dass der Vorschlag Herrn Dr. P o l l a ch s insofern verfrüht erscheint, als demselben die geeignete Basis zur Durchführung fehlt. Wichtiger wären meinem Ermessen nach geeignete Vorschläge zur Durchführung der ersten Organisation, die geeignet erschiene nicht nur nach außen hin kräftig aufzutreten, sondern auch bei uns reinen Tisch zu machen, und alle jene unserer Machthaber zu ssntfernen, die unsere selbstständige Entwicklung hemmen. L. 8. Vom Tage. »Jüdisches Volk" im Parlament. Die Jndendebatte im Abgeordnetenhause ist gestern beendet worden. Der Tiefstand des österreichischen Parlamentarismus ist durch nichts besser gekennzeichnet, als durch die Thatsache, dass das Abgeordnetenhaus für die Erörterung der Jndenfrage keinen anderen Gesichtspunkt finden konnte als den des — Ritualmordes. Zum Schlüsse haben die Inden gesprochen : Dr. S t r a n ch e r, Hofrath Kar eis, Dr. Byk. Sie sagten, was sie sagen konnten. Wir halten es überflüssig, über die Reden der jüdischen Abgeordneten viele Worte zu verlieren. Nur aus die Rede des Abgeordneten Dr. S t r a u ch e r wollen wir zurückkommen. Dr. Strauch er hat im Parlamente von einem jüdischen Volke gesprochen. Er hat allein den Muth gehabt, die Inden Oesterreichs als Volk zu bezeichnen und für die Rechte und die Ehre seines Volkes einzutreten. Dafür muss man dem Abgeordneten Dr. Strancher Dank wissen. Umsomehr, als ein Zwischenruf des christlich-socialen Abgeordneten Bieloh l a w e k deutlich zeigt, wie die Sache sein würde, wenn wir Inden eine Anzahl jüdisch-volklicher Vertreter im Hause hätten. B i e l o h l a w e k sagte : „Vor Ihnen (gemeint ist Doctor Strancher) haben wir ja alle Achtung, dass Sie als Jude die Sache der Inden vertreten." Nun sind wir zwar auch der Ansicht, dass uns die Achtung eines Herrn Bielohlawek ganz Wurst sein kann. Aber es sind ja nicht alle Antisemiten B i e l o h l a w e k s. Und dieses Zwischenruf zeigt nur, wie anders die gebildeten Antisemiten von mns denken würden, wenn wir thatsächlich jüdische Volksvertreter im Abgeordnetenhause hätten. Deutsch-jüdische Roheit. Die Prager „Gemeindezeitun g", Organ der deutsch-jüdischen Casinopartei, beehrt uns in ihrer letzten Nummer wieder mit einer Erwiderung. Die Hiebe, die wir dem ehrenwerten Assimilanten- Blättchen versetzt, scheinen gut getroffen zu haben. Das Blatt widmet uns heute schon beinahe eine ganze Spalte. Wir finden diese Verschwendung von Tinte und Druckerschioärze, die sich das Blatt leistet, als einen ganz überflüssigen Idealismus. Was die Herren zu sagen, Pardon zu schimpfen haben, Hütten sie ganz gut mit etwas mehr Sparsamkeit verrichten können. Es wäre zwar nicht gescheiter, aber doch weniger dumm herausgekommen. Es gibt doch immerhin auch in der Dummheit eine Abstufung. Aber vielleicht strebt das Casino-Blättchen nach der höchsten, oder richtiger tiefsten Stufe dieser Graduation, sozusagen nach der Palme der Dummheit. Dann halten wir es allerdings für unsere Bürgerpflicht, die Herren in ihrem Siegesläufe nicht aufznhalten. Deshalb halten wir es auch für ganz verfehlt, den Quatsch des Casino-Blattes einer Kritik zu unterziehen. Nur ans zwei Dinge soll hier kurz zurnckgekonnuen werden. Dieses Spiegelbild von „Präger Narretei" sagt, wir hätten die Czechen in Schutz genommen und waren besorgt um die Schwächung der czechischen Parteien. Das ist ganz einfach eine infame E n t st e l l n n g. Wir haben uns bloß gegen die blödsinnige deutsch-assimilatorische Politik, die das Casino- Blatt betreibt, gewendet, mit der Begründung, dass uns die Deutschen ebenso hassen wie die Czechen. Siehe Eger, Saaz rc. Wir Juden haben weder von Deutschen noch von Czechen etwas zu erwarten. Und nmt zu dem anderen. Wir erklärten, dass wir, falls das czechisch-jüdische Tagblatt neuerdings deutsche Assiinilanten-Politik treiben sollte, den Herren die Kövse waschen wollten. Darauf sagt dieses Schmutzblatt wörtlich: „V v r e i it e r g l e i ch e n P r o c e d n r a n d e n polnischen Judenköpfen, die ihren Sitz im „Jüdische n B v l k s b l a t t" haben, werden wir uns... a u s leicht begreiflichen Gründen hüte u." Diese u ns ä g l i ch e R o h e i t, diese w l d r i g e, g e Nl e l n e Besch i m p f ll n g der g e s a m m t e n g a l i z i s ch e n Indens ch a f t verdient angenagelt zu werden. So weit haben diese ehrlosen, niedrigen Gesellen ihr „Deutschthnm" getrieben, dass sie die Nedactivn eines jüdisch-nationnleil Blattes so wie w a s ch e ch t e Antisemiten: Polnische Juden! beschimpfen und eine solch ekelhafte, niederträchtige Schweinerei hinzufügen. Wir fühlen als Jüdisch-Vvlkliche die Beleidigung, welche der galizischen Judenschaft von diesem Geschäftsnnternehnlen jüdischen Liberalismus zugefügt wurde, mit, trotzdem wir sagen könnten, dass die Redaction des „Jüdischen Volksblatt" ans m ä h r i s ch e n Inden besteht. Wir hoffen, dass unsere galizischen Gesinnnngenossen und deren Presse die richtige Antwort auf diese lumpige Assiiililanten-Gemeinheit finden werden. Im Kampfe sollst Du Dein Recht finden. Fast zwei Jahrtausende kämpft der jüdische Stamm fiir seine Menschenrechte, und noch immer hat er dieselben nichr erreicht. WaS Börne im Jahre 1819 in seiner Schrift „Für die Inden" bemerkt: „Es wird mit der schamlosesten Heuchele' gegen die Juden zuwerke gegangen, es werden lügnerische Behauptungen mit solcher Keckheit geführt, dass selbst Gutgesinnte dadurch getäuscht werden, weil sie nicht glauben können, datS man sie so plump betrügen wolle", das könnte ebenso gut im Jahre 1899 geschrieben sein. Darum ist es aber auch, mit Börne zu sprechen, nothweudig, die Bösewichter zu entlarven und ihnen ins Angesicht zu leuchten. Denn besser ist's, dass „die Fackel der Wahrheit als die der Mordbrennerei die Nacht erhelle". Die erbärmliche und nichtswürdige Lüge des Ritualmordes ist mit einer solchen Schamlosigkeit durch Wort, Bild und Schrift in die weitesten Kreise verbreitet worden, dass selbst intelligentere Kreise zu zweifeln beginnen, ob es denn nicht doch vielleicht eine jüdische Secte gebe, bei welcher dieser Aberglaube vorhanden wäre. Hier möchten wir nun vor allem auf ein Wort des bekannten Schriftstellers Heinrich Zschokke, Verfassers der „Stunden der Andacht" Hinweisen, welcher in einer seiner Novellen (Aarau 1836) Bd. 4, S. 123 bemerkt: „Unter Christen und Mohammedanern sind entstanden und entstehen noch neue Glaubensparteien. Aber man wird unter den Inden von keinen neuen Secten und Glanbensspaltungen hören. Die gebildeteren Juden sind nur, was die Aufgeklärten unter den Christen." Der orthodoxe Jude gehört keiner anderen Secte an wie der reformierte Jude. Nur die Karäer, eine im 8. Jahrhundert entstandene Secte, bilden eine eigene Glanbenspartei, indem sie die mündliche Ueberlieferung negieren. Selbst die Kabbalisten, welche zur selben Zeit im Judenthum anstraten tote die christlichen Mystiker, kann man nicht als eigene Secte betrachten. Wo soll demnach jene jüdische Secte zu finden sein, welche den Aberglauben des Ritnalmordes hätte? Die Sache liegt leider nur allzu klar am Tage. Nationale Antisemiten wollen sich den Anschein der Aufgeklärtheit und Bildung geben, darum geben sie, um den Schein der Objectivitüt zu wahren, zu, dass die Juden selbst keinen Ritualmvrd kennen, es sei aber nicht ausgeschlossen, dass es eine jüdische Secte gebe, welche diesen Aberglauben hätte. Für uns Juden bleibt da kein anderes Mittel, als den Kampf ums Recht aufznnehmen. Wir dürfen nicht ruhen, als bis — wir stimmen hier Baron d'Elvcrt zu — die Sache usque ad finem untersucht wird. Zwar ist es eine Schande für das aufgeklärt sein sollende 19. Jahrhundert, dass man über den Ritnalmord noch ein Wort verlieren sollte; da aber die Massen durch diese erbärmliche Lüge vergiftet worden sind, so ist es unsere Pflicht zu verlangen, dass die Behörden alle Maßregeln ergreifen muffen, um die Schändlichkeit der Blutlüge anfzudecken. Die Behörde möge sich an den Papst an die theologischen Facultäten u. s. iv. wenden; hat sich dann das Resultat, das nicht zweifelhaft sein kann, ergeben, dann muss auch in das Strafgesetz a u s d r ü ck l i ch ausgenommen werden, dass die B l u t b e s ch u l d igu n g in Wort, Bild und Schrift als schweres Verbrechen zu best rasen ist. Kann ein größeres Verbrechen an unserer Religion begangen werden, wie ditrch die Insinuation der Blutbeschnldigung? Deshalb dürfen wir in diesem Kampfe, welcher unserem Heiligsten, unserer Religion gilt, nicht ermatten, bis uns Gerechtigkeit zntheil wird. Der berühmte Rechtslehrer Jhering bemerkte in seiner herrlichen Schrift „Der Kampf ums Recht" in Bezug auf die Figur des Juden Shylock im Shakespear'schen „Kaufmann von Beiledig": „Wer kann sich des Gefühls erwdhren. dass mit ihm das Recht Venedigs gebeugt worden ist, dass es nicht der Jude Shylvck ist, der von dannen schleicht, sondern die typische Figur des Inden im Mittelalter, jenes Parias der Gesellschaft, der vergebens nach Recht schrie? Die gewaltige Tragik seines Schicksals beruht rticht darauf, dass ihm das Recht versagt wird, sondern darauf, dass er, ein Jude des Mittelalters, den Glauben au das Recht hat — mau möchte sagen, gleich als wäre er ein Christ! — einen felsenfesten Glauben an das Recht, den nichts beirren kann und den der Richter selber nährt; bis dann wie ein Donnerschlag die Katastrophe über ihn hereinbricht, die ihn aus seinem Wahne reißt und ihn belehrt, dass er nichts ist als der geächtete Jude des Mittelalters, dem man sein Recht gibt, indem man ihn darum betrügt." Auch wir Juden der Neuzeit habetl den Glauben an das Recht, den nichts beirren kann, auch wir Inden der Neuzeit können nicht glauben, dass das Strafgesetz denjenigen Straflosigkeit znsichert, welche durch Verbreitung der nichtswürdigen Blutlüge zu Feindseligkeiten gegen die jüdische Religivnsgeilvsseilschaft aneifern. Darum dürfen wir nicht anshören für unser Recht zu kämpfen, hoffend, dass uns nicht das tragische Los treffen werde, den Glauben an das Recht zu verlieren. Brüx. Dr. Adolf Bia ch. Hochgeehrte Nedactivn! Ein Artikel Ihrer letzten Nummer über die Landtags- Wahlen in Galizien hat mich angeregt, Sie um die Aufnahme der folgenden kurzen, politischen Skizze zu bitten: Dass wir Juden keiner politischen Gemeinschaft Oesterreichs willkomittene Mitglieder sind, steht über jedem Zweifel. Ich sage ausdrücklich „politischen Gemeinschaft"; denn dort, wo „hergehalten" werden muss, wie in Wohlthätigkeits-, Unterstütznngs- und dergleichen Vereinen, werden wir ganz gerne beigezvgen, in sofern wir nur „herhalten" können. Aber in der Politik, wo es gilt, das Renommee der Partei aufrecht zu erhallen, sieht mau überall in dem Jubelt den frechen Eindringling, den Mundhelden, der vor eigenen Thüren kehren sollte. Da gibt