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Jüdisches Volksblatt · 1899-11-17 · 40 (17.11.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
40 (17.11.1899)
Date
1899-11-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Krdartivn: \ 111/1, Schlvürlgaste 11. Eprcchstnnde»» r An WochcntalM von 4 bis £ Uhr nachm ittans; an Sonntage» von 10 bis IS Ubr vormittags, oostai-resie: Indisches VottSblatt, Wien, Vlllji. Ves,5iwe> drn wegen verdateter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten lvir uns dringend. — Mannscripte werde« »licht znriickgesteNt. Bostsvarcasten-Coitto S470!I7. In daS Slboiinement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitng unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prrfsrvmlnil Kon. Inserate übernehmen die Finnen: I. Daunebcrg, M. TuleS, Haascnstein & Bögler, Rudolf Mossc, A. Lppclik, M. Pozsonyi,?I. Schale! in Wien, ferner alle Annonccn-Expeditionen im Auslande. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. JHtnmni|'U'aJ.ion: YIII/1, Schlö^elgajse *1. Älbonnementspreis: Fiir Wien n. Oesterreich-Ungarn sammt Franeoznstelluiig. Ganzjährig.fl. 4.— Halb>ährig.st. 54.— Vierteljährig.fl. 1.— Aür das gesannute Llnsland sainmt Franeoznstelluiig. Ganzjäbrig . Halbjährig . Vierteljährig fl. 4.80 fl. 2.25 fl. 1.15 Ur. 40 Wien, 17. Uovemver 1899. L. Jahrgang. Die „Union". Verflossenen Dienstag hielt die „O e st e r re i ch i s chisraelitische Union" eine Vereinsversammlung ab, in der ein Referat über die L a g e der ö st e r r e i ch is ch e n I u d e n s ch a f t erstattet wurde. Es würde uns selbstverständlich in normalen Zeitläuften nicht einfallen, uns mit der „Union", diesem armseligen Neste des österreichischen Alt-Liberalismus, zu beschäftigen. Es ist immerhin keine angenehme Arbeit, einem sterbenden Lebewesen den letzten Todesstoß zu versetzen. Aber heute, wo die arge Bedrängnis beit politisch noch nicht reifen Theil der Judenschaft auf jede Phrase wie auf ein Messiaswort hören lässt, wird diese unangenehme Arbeit zur grausamen Pflicht. Die letzte Versammlung der „Union" hat gezeigt, dass jedes Verzögern, möge es dem altjüdischen Rufe nach Friede oder einem achselzuckenden Mitleid entspringen, geradezu ein Verbrechen wäre, begangen an der geistigen und materiellen Wohlfahrt des jüdischen Volkes in Oesterreich. Die „Union" hat in ihrer Versammlung. folgende Resolution angenommen: „Die „Oesterreichisch-israelitische Union" protestiert auf das entschiedenste gegen das entweder kenntnislose oder politischfraudnlose Zusammenwerfen aller Juden als social nicht unterschiedene Classe und die Bezeichnung aller mährischen und böhmischen Juden als Ausbeuter, wie sie vom Abgeordneten Berner gewagt worden ist. Wir missbilligen die Gleichgiltigkeit, welche die reichen jüdischen Classen in dem allen Juden aufgedrungenen Kampfe bisher bewiesen haben, wir erklären aber auch als Vertretung der untersten jüdischen und Mittelclasse, deren wirtschaftliche Interessen mit jenen der reichen Juden keineswegs solidarisch sind, unbeirrt von der Haltung der letzteren den Kampf gegen die Feinde des Jndenthums mit aller Kraft forlsetzen zu wollen." Diese Resolution enthält in sich einen lächerlich e n W i d e r s p r u ch, e i n e u n g e h e u r e F r i v o l it ä t und eine offenkundige Unwahrheit. Das ganze Machwerk aber ist ein treues Ebenbild jenes Geistes, der sich einst die Führung über die Judenschaft usurpierte und sich nun mit allen Mitteln an diese Herrschaft anklammert. Der lächerliche Widerspruch der Resolution, wie ihn wirklich nur ein liberales Gehirn gebären kann, liegt in dem Proteste „gegen das Zusammenwersen aller Juden als social nicht unterschiedene Classe" und in dem Versprechen, „den Kampf gegen die Feinde des Judenthums mit aller Kraft fortsetzen zu wollen". Zum besseren Verständnis sei bemerkt, dass der Referent der „Union" erklärte, dass die Interessen des jüdischen und nichtjüdischen Bürgerthums, des jüdischen und nichtjüdischen Proletariats gleiche seien, dass es keine vernünftigere Politik gebe, als die der Classeninteressen. Wenn das wahr ist, dann ist es unbegreiflich, wofür die „Union" kämpfen will. Für das Judenthum? Was ist das : Judenthum? Jüdische Religion? Die jüdische Religion als solche wird von keiner Seite angegriffen. 'Alle scheinbaren Angriffe auf sie sind doch nur zu dem Zwecke erhoben, um zu beweisen, wie schlecht die Juden seien. Das weiß ja jedes Kind. Alle Angriffe richten sich gegen das jüdische Volk oder gegen die Rasse, kurz, gegen die gesellschaftliche Gemeinschaft der Juden. Wenn aber diese Gemeinschaft in Classen zerfällt und die „Union" auf dem Standpunkte steht, sie anerkenne lediglich die Classengemeinschaft und die Classenpolitik, wie kommt sie dann dazu, den Kampf für alle Classen zu führen? Ja, wenn die Interessen der jüdischen Classen dieselben sind, wie die der nichtjüdischen — woher denn dann überhaupt der Antisemitismus, der doch in der christlichen Bourgeoisie ebenso herrscht, wie in dem kleinbürgerlichen Bauernstände und dem landwirtschaftlichen, sogar schon industriellen Proletariat? Ja, hat denn in diesem Falle nicht die „Arbeiter-Zeitung" reckst, wenn sie behauptet, dass die Socialdemokratie durch die socialistische Organisation der jüdischen Proletarier Galiziens weit mehr für den Zusammenbruch des Antisemitismus wirke als diese Herrn? Wozu dann der Kampf und für wen? Die ungeheure Frivolität der Resolution liegt darin, dass dieselbe in einer Zeit, in der unser n at lvnales F r e i h e i t s i n t e r e s s e, zugleich ein wirtschaftliches ist, das jüdische Volk nothwendig zusammenschweißen muss und wird, dieses Freiheitsinteresse leugnet und angebliche Classenunterschiede unter den Juden hervorheben und verschärfen will, um vielleicht auf diesen: Wege eine Linderung des Antisemitismus herbeizuführen. Diese neue, hinterhältige Wendung in der Politi? der Union ist deutlich gekennzeichnet durch den Protest „gegen das Zusammenwerfen der Juden als social nicht unterschiedene Classe . .. wie sie vom Abgeordneten Berner gewagt wurde". Denn wer die mährischen und böhmischen Verhältnisse kennt, der iveiß auch, wie die Rede des Abgeordneten Berner zu verstehen ist. Dieser getaufte Jude hat sich nicht deshalb so schamlos prostituiert, weil er die Thatsachen als solche aufzählte, sondern darum, weil er die Ursachen dieser Thatsachen verschwieg. Weil er verschwieg, dass die Juden Mährens gezwungen wurden und werden, sich mitschuldig zu machen an der Unterdrückung der Czechen. Gezwungen durch die brutale Politik der Deutsch-Liberalen im Landesausschusse, in den deutschen Geldinstituten, und ferner gezwungen durch den mährisch-jüdischen Landesmassa- Fonds, der von den Deutsch-Liberalen als politisches Machtmittel benützt wird. Darum ist dieser Protest der Union, weil auf gemachten Prämissen aufbauend, ein offenes Buch, in dem zu lesen ist: Der antisemitische Kampf soll ausschließlich auf den Rücken des jüdischen Mittel st an des und Proletariats gewälztund dor tauch ausgefochten werden. Die offenkundige Unwahrheit aber ist darin zu suchen, dass die Union sich als Vertreterin der jüdischen untersten und Mittelclasse aufwirft. Die Union ist die Vertreterin jenes Kreises der Juden, der einst die Juden zwang, dem volksfeindlichsten Liberalismus Frohndienste zu leisten,^ der die Wahlen in die Wiener Cultusgemeinde beherrscht, dessen Volksseindlichkeit in den Statuten der Cultusgemeinde am crassesten zum Ausdrucke kommt. In ' jenen Statuten, welche das Wahlrecht nur Jenem ^uben gewähren, der durch n: i n d e st e n s d r e i I a h r e eine Steuer von zehn Gulden geleistet hat. Die Resolution zeigt die ganze Rückständigkeit des Denkens, welche die Leitung der. Union beherrscht. Diese Gesellschaft hat nur ein Ideal: Die Abwehr des Antisemitismus durch eine äußere Gegenaction. Für das jüdische Volk hat sie nichts zu leisten und zu schaffen. Denn sie kennt kein jüdisches Volk und will es auch nicht kennen. Hier liegt die tiefe Kluft, welche die modernen, freiheitlich gesinnten Jüdisch-Volklichen von den aus den Aussterbe-Etat gesetzten jüdischen Liberalen trennt. Die jüdisch-volkliche Organisation aller arbeitenden Schichten unseres Volkes wird durch die damit in Verbindung stehende Renaissance der jüdischen Cultur und durch das Eintreten des jüdischen Volkes in die moderne Culturentwicklung für den inneren Zusammenbruch des Antisemitismus mehr leisten, als alle äußerlichen Abwehr- Actionen der Welt je leisten könnten. Oesterreich und die Juden. Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrte Redaction! Ihre Aufforderung, mich zu dem Artikel Herrn Dr. Pollachs: „Oesterreich und die Juden" zu äußern, komme ich mit umso größerem Vergnügen nach, als ich ja sehe, dass unsere Parole: „Juden Oesterreichs, organisiert Euch!" in immer weiteren Kreisen Verständnis findet und bereits in das Stadium der Discussion concreter Vorschläge getreten ist. Was Herr Dr. P 0 l l a ch über die Stellung der Juden in der öfter- Seine Schuld. (Aus dem slovakischen Judenleben.) „Ich wollt' Sie gebeten haben, ob se mer nicht mechten gebeil e Brot zum essen, oder e Hemed zum anzieh'n!" Das ist die stereotype Phrase, die er vor jeder Thüre der Judengasse eintönig herleiert. Freitag abends entbietet er beim Tempeleingang sein stets entlohntes „Gut Schabbes". Seine rvthgeränderten, hervorgnellenden, triefenden Angen starren recht stumpfsinnig vor sich hin und kümmern sich so ganz und gar nicht um die Gassenbuben, die ibm „Haschel- Roth" Nachrufen. Man hat ihn schon jahrelang nichts anderes reden gehört, als „Ich wollt' Sie gebeten baben . . . und „Gut Schabbes". Selbst das Danken für Almosen hat er sich schon geraume Zeit abgewöhnt. Das runzelige Gesicht mit den gesenkten Mundwinkeln und cmporgezogenen Augenlidern hat stets denselben blödsinnigen Ausdruck. Nur einmal wöchentlich verbreitet sich über die starrigen Züge ein wohliges Schmunzeln. Sabbath, Punkt 11 Uhr vormittags, kann man ihn nämlich ails dem Städtchen nach seinem nahen Heimatsdorfe Pilgern sehen, wo er ein warmes Mittagmahl bekommt. Hat er das Stück übriggebliebene Kugel behaglich verzehrt, versäumt er es nie, einen Nnndgang durchs Dorf anzutreten, bevor er in die Stadt znrückynmpelt. ES scheint, als ob so mancher Punkt doch noch Erinnerungen in dem umnebelten Hirne erwecken würde. Da steht ja, von den großen Höfen und den käfigartigen Lehmhütten der Bireschen (Knechte) umgeben, das prächtige Hans des Pächters. Das ist der Großjude im Dorf, der Fürst, von dessen Gnade die vier übrigen armseligen Judenfamilien abhängen. Zrvei Familienväter handeln mit Brantwein. Wehe ihnen, wenn ein Biresch einmal am Montag wegen Trunkenheit arbeitsunfähig ist. Dann entzieht ihnen der „Wohlthäter" für ihre „Rücksichtslosigkeit und llndankbarkeit" den Credit, und sie können den mageren Ranzen packen. Der dritte ist der Fleischhauer. Wenn er einmal beim Pächter ein Stück Vieh kauft, muss der es schuldig bleiben, ist also auch in seiner Hand. Und dass der vierte, der Vorbeter und Schächter, der von zwei kleinen Dorfgemeinden erhalten wird, vom reichen Gutspächter gänzlich abhängt, ist selbstverständlich. Haschel-Roth pflegt stets einen scheuen Blick zu den blanken Fenstern hinüberzuwerfen und eilends vorüberzugehen. Vor jenem kleinen Hänschen aber mit dem Strohdach bleibt der blödsinnige Bettler stets lange stehen, bevor er zur Stadt zurückkehrt. Hier drinnen wohnte nämlich Haschel-Roth einst selbst als frommer, wenn auch mitunter darbender „Schochet", und drüben, in dem von der Dorfjugend beschmutzten Bethause mit den blinden Scheiben, hat er sich manchen Jaumkipur als wohlbestallter Vorbeter heiser gesungen. Ja, damals war Haschel-Roth noch nicht der schnorrende Idiot von heute. Er hatte Weib und Kind und galt für den frömmsten Juden der Gegend. War Schmalhans Küchenmeister und zupfte die Frau ihren über den heiligen Büchern hockenden Gemahl verzweifelt am Rocke, so sagte er stets: „Gott wed helfen." Holte man ihn dann zufällig zum Schächten ab, so hatte „Gott geholfen". Immer aber war die fromme Prophezeiung nicht von Erfolg gekrönt, und einst dauerte die böse Periode, in der man die Frau den Dornenweg znm Pächter zurücklegen lässt — er hat aber immer gerade Auszahlungen und kann diesmal „leider" nicht borgen — bereits vier Wochen lang. Als sich aber die Situation soweit zugespitzt hatte, dass das Weinen seines Kindes und das Knurren seines eigenen Mag-ns die hohe Stimme der Propheten, zu denen er Zuflucht »ahm, bereits übertönten, hat doch wieder „Gott geholfen". Ein jüdischer Fleischer ließ sich nämlich im Dorfe nieder und hoffte hier sein Auskommen zu finden, da man auch in den umliegenden Ortschaften das Fleisch aus der Stadt holen musste. Roth sprach an diesem Tage sein Mußafgebet andächtiger als je. Jetzt wird ja sein Verdienst um Bedeutendes größer werden. Richtig holte ihn des nächsten Morgens Löwy — so hieß der neue Dorfbewohner — zum Schächten ab. Der Pächter hatte ihm gegen Ratenzahlung ein Kalb zugelassen. Er hofft, das Fleisch werde raschen Absatz finden, falls das Vieh koscher sei. Wenn nicht, bleibe ihm das ganze Fleisch überm Hals, er könne dann deur Pächter nicht zahlen und werde sicherlich im Dorfe nicht weiter bestehen können. Dann sei er ein verlorener Mann. Roth begreift nicht, worauf Löwy hinaus will und merkt nicht, wie beklommen er spricht. Er wird aber immer deutlicher. Es liege in Roths eigenem Interesse, ihn nicht zu ruinieren. Jetzt begreift der Schächter. Er ist entrüstet, erklärt, seine Pflicht thnn zu wollen, und schneidet seinem Begleiter jedes weitere Wort ab. Als sie aber unmittelbar vor der Entscheidung standen, die „Nicht koscher" lauten sollte, Löwys zitternde, feuchte Hand die seine berührte und die flehenden, kummervollen Blicke sein Auge trafen, fasste ihn ein inniges Mitleid. Er dachte daran, dass von seinem nächsten Worte vielleicht Löwys Existenz abhängt. Er denkt an seine Familie, der er jetzt bessere Lebensbedingungen zu schaffen gehofft batte. Das sollte sich nun nicht erfüllen, weil die Lunge ein ganz, ganz kleinwenig an der Rippe angewachsen ist; sonst kein Fehler ... Und dieser Makel lässt 'ich doch mit einem kleinen Ruck gut machen ... Er führt instinctiv mit der bebenden Hand einen zackigen Schnitt. Sein Athem fliegt und das „Koscher" kommt leise und gepresst, wie das Geständnis eines zerknirschten Verbrechers über seine Lippen. Mechanisch steckte er das vom Löwy bereit gehaltene Schachtgeld ein, auf das er sich früher so gefreut hatte, und eilte nachhause. Um seine Ruhe aber ist es geschehen. Umsonst liest er laut im Talmud, umsonst lernt er stundenlang mit seinem

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