Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 36 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. :m Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. Oelober 1890 Seile 8 einer anderen Nichtiuig rücksichtlich des wahren Thäters im Zuge seien. Ein Theilnehmcr aus der Versammlung, Herr Tr. Fuchs, erklärte, dass die Sache in ziveim.il 24-Stunden erledigt sein iverde. Mvnkaq, den 19., brachte das „Deutsche Volksbl alt" suchende Nachricht : .Harrsdurchsuchrrug bei der Mutter der Ngues Hruzr?. t>inl 15. d. M. wurde nämlich in dem nächst Polna gelegenen Orte Klcin-Beznitz im Wohn Hause der ö v it ] o, einem mit Stroh ciobccUcn Bauernhause, eine Hausdurchsuchung vorgenonuuen. ' TaS Ergebnis derselben mar selbstverständlich ein völlig resultatlosed, obgleich die Wände in den Zimmern, die mit Kalk' getüncht waren, abgekraht wurden, obgleich der Fußboden ausgerissen und in dein Erdreiche nach ge suche worden nun*. Es wurden die Strohsäcke und alle Truhen entleert und zum Schlüsse ein Messer saisiert, das zum Schweineschlachten verwendet wurde. Ein Hausdurchsuchung wurde auch beim Bruder der Ermordeten Johann H r uz a, der sich in Sellentz befindet, vorgenommen, bei dein sich seine Schwester Marie zum Besuche aufhält. Dort saisierte die Gerichtscomnnssion Handschuhe und den Rosenkranz, den die Mutter Hr uz a, die bei der Hausdurchsuchung zugegen war, immer bei sich trug. Stach dein Tode der AgiieS H r'u'z a wurden die Kleider der Ermordeten (selbstverständlich nur jene, welche AgueS H ru z a aui Tage ihrer Ermordung nicht getragen hatte) von der Mutter ihrer zweiten Tochter'geschenkt. In dem Besitze der Schwester wurden nun zwei Röcke der Agnes Hruza gesunden, und auch diese wurden mit Beschlag belegt! Nachdem die Commission diese Effecten mit Beschlag belegt hatte, entfernte sich dieselbe. Verhaftungen wurden nicht vörgenominen, obgleich auch diese nicht sonderlich überrascht hatten. Die Bevölkerung von Polna befindet sich infolge dieser unerhörten Judendenunciation in der denkbar größten Erregung und Bürgermeister S ad il soll bereits erklärt haben, dass er angesichts dieser Judendenunciation, welche die gesarninte Bevölkerung des Ezaslauer Kreises erregt, kehre Verantwortung für die Aufrechterhaltung.der Ruhe übernehmen könne. Nach Polna dürfte heute Gendarmerieverstärkung abgehen. In der schürkischen Einleitung, die das Schmutzblatt dieser Nachricht vovansschickt, sagt es, bezugnehniend auf die erwähnte Versammlung: „Wir haben gleich damals, als dieses wahnsinnige Gerücht (!) auftauchte, erklärt, dass dasselbe nur auf Grund einer uiiter große Ni Hochdrucke abgegebeire Den nn ci ation des W i en e r I n d e n t ki u m s erfolgt sein kann." Das ist eine gemeine Lüge des „Deutschen Volks blatt". Das „Deutsche Volksblatt" hat diese Erklärung — von der ekelhaften Gemeinheit ihres Inhaltes abgesehen — nicht nur nicht abgegeben, sondern noch bis Sonntag die Wahrheit der von Herrn Richard Rappaport mitgetheilten Thatsache bestritten. Am Mittwoch brachte das „Deutsche Volksblatt" ein Telegramm des ehrenwerten Bürgermeister von Polna, Sadil, in welchem rnndwegs alles geleugnet wird. Als die Erklärung des Herrn R ap p ap or t im „Wiener Tagblatt" erschien, jubelte es förmlich und schrie, alles sei nur Lügenmanöver der Wiener Inden. Einen Tag später forderte es förmlich schwelgend v.^ der Leitung des „I ü d i s ch e n V o l k s v e r e i n", dieselbe möge bekanntgeben, was es mit den zweimal 24 Stunden des Dr. Fuchs auf sich habe. Dazu haben wir nur so im Vorübergehen zu bemerken: Herr Dr. Fuchs ist weder Mitglied des „Jüdischen Volksverein", noch steht er mit der Vereinsleitung in irgendeiner wie immer gearteten Beziehung. Herr D r. Fuchs hat seine Mitt h e i l u tl g, ohne dass überhaupt ein Berfa m m l u n g s t h e i l n e h m e r etwas davon wusste, abgegeben, d i e B e r e i n s l e i t n n g hat mit dieser Erklärung n i ch t s, aber schon gar n i ch t s z u t h u n. Noch am Sonntag, einen Tag früher, gröhlte das „Deutsche Volksblatt" vor Wonne, als es das Dementi der „Wiener Allgemeinen Zeitung" abdrnckte und daraus folgerte, dass Judenthmn und Judenprefse nunmehr den Rückzug anträten. Wären diese Kerle bei all ihrer Schlechtigkeit nicht gar so dumm, so hätte ihnen dieses Dementi mehr als zu denken gegeben. Da stand nämlich zu lesen, dass der Ku tt enb erger Staats a n w alt Swoboda-Sch neider einett m e h r m o n a t l i ch e n Urlaub a n t r e t e. Warum wohl der Herr Staatsanwalt plötzlich „auf Reisen" geht? Aus Gesundheitsrücksichten etwa! Das „Deutsche Volksblatt" wird sich die Antwort schon sebst geben können. In dieser oberwähnten Einleitung heißt es weiter: ...dass ungeachtet des Selbsigestürrdinsses des e i n st i m m i g d e s M o r d e s schuldig b e f n u d e n e n Juden H ü l s n e r der Process die Verurtheilung eines Unschuldigen zur Folge gehabt hätte. Das „Deutsche Volks blatt" lügt wieder. Das Selbstgeständriis Hülsners ist eine Lüge. Es ist nicht wahr, dass Hülsner die That oder die Theilnahme an derselben eingestanden habe. Der Inhalt der von Hülsner abgegebenen Erklärung lautet: Zwei Inden, Wasserm aii n n n d Erd m a n n, hätten ihn nach eine m Mädchen gefragt. Er habe ihnen daranf die Hruza gezeigt. Was die beiden dann mit dem Mädchen a n g e f a n g e n hätten, w i s s e er nicht, er habe so n st nichts mit der Sache zu thn n gehabt. Ueber die Umstände aber, unter denen dieses „Geständnis" abge—legt wurde, flüstert man sich die ungeheuerlichsten Dinge z u. Wir werden auf diese Dinge noch einmal zu sprechen kommen. Aber wir können sagen: Wenn sich das bewahrheitet, dann ist Oesterreichs Name mit Schmach und Schande bedeckt. Und das kann Oesterreich seiner gottgesegrretett Antisemitenbande zu verdanken haben, nute x deren Terrorismus s i ch schon ö st e r r e i ch i s ch e Beamte beugen sollen. So schwer es ttns wird, müsseil wir dennoch über das bisherige Resultat der aufgenommenen Untersuchung Schweigen beobachten. Nnr ein paar Worte wollen wir noch der Hetzclique aus der Josefsgasse sagen. Das „Deutsche Volksblatt" meint, dass dass Ergebnis der Hausdurchsuchung vollständig resultatlos verlaufen sei. Zu merkwürdig! Und trotzdem hat es das Gericht für nothwendig befunden, einige Gegenstände mit Beschlag zu belegen, d a r u n t c r H a n d s ch n h e n n d N o s c uk r a n z. Wie ist uns? Hat man denn nicht während der ganze n U n t e v s it ch n n g k r a m p f h a f t it a ch drei G egen si ä n d e n g e s n ch t, d i e bei der e r-! m 0 v b> c t c u l'i g u e s .H r n z a n i ch t o c f u n d e it w u v d c n | — eine m?. a s ch e n t n ch e, d e n H a n d s ch n h e n n n d j d c nt R v ]’ c u f r a n z e'? Sollten die gefiindcnen Har.dscbnhe j aub der Rvsenkrarz vielleicht gar die des ermmdetcn Mädchens H>!11? lind sollte das Taschentuch vielleicht gar ein „Tuchs" j sein, das die Agnes Hruza an dem Tage, au dem sie an-! ge Ick ich ermordet. in Polna gekauft haben soll? Und sollte! vielleicht gar dieses „Tuchl" sich auch gesunden haben'?! Das „Dcnlschc Lnlkslckcckl", das doch immer so gut > lnitcfticl;tot ist, tund uns vielleicht auch darüber Auskunft geben! Viue Irncipcltaiion über die Polna-Hetze. Die Abgeordneten Tr. B y k, Dr. 9! a p o p o r t und Genossen haben felgende Interpellation an dcn I u st i z m i n i st e r eingebracht: „In den letzten Monaten wird in ganz Oesterreich die ebenso falsche als f u rcht fta v c B c s ch u l d i g u n g snstematisch und zielbewusst verbreitet, dass die Juden z,l ihren rituellen Zwecken Ehristenblnt bedürfen. Die äußere Veranlassung zu dieser Bewegung gab der Strasprocess, welcher jüngst beim Kreisgerichte in K u t t e n b e r g wegen des an Anna .H r u z a in Polna verübten Mordes stattfand. Der zufällige Umstand, dass ein Jude dieses Verbrechens angellagt war, dessen Schuld oder Nichtschuld ausschließlich der Entscheidung der cornpetenten Gerichte anheinisällt, so dass diese Frage für die Gefertigten außer Betracht kommt, wurde von voreingenommener und den Juden offenbar feindseliger Seite dazu missbraucht, um i n d i e s e n g a n z e n S t r a f p r o c e s s v o nt 31 it b c g i n tt e der Unters u ch ung bis zur H a u p t v e r h a n b l u n g die S u g g e st i o n d e s R i t u a l m o r d e s hineinz utragen. Bei der Hauptverhandlung vor dem Geschwornengerichte stand der ö f f e n t l r ch e Ankläger, dieser Vertreter des Staates, der öffentlichen Moral und des G e s e tz e s, im B a n n k r e i s e d i e s e r B e s ch u t b U gung, und er sprach in seinem Schlussvortrage, wenn auch mit v e r m e i n t l i ch e r Vorsicht, doch mit gemeingefährlicher Deutlichkeit von dem „bekannten Motive" des Mordes, worin die directeste Bestätigung der Blutbeschuldigung lag. Auch der Vorsitzende dieser Hauptverhandlung fand kein Wort der A b w e i s u n g ^gegen jene Parteienvertreter, welche das Blutmärchen in der öffentlichen Gerichtsverhandlung vor einer erregten Menge fructific irrten. Nur durch dieses Verhalten der Justizorgane, welche direct oder indirect das rituelle Motiv der That bestätigen, trotzdem der Strasprocess, außer der aprioristischen Suggestion keinen e r n st l i ch e n Anhaltspunkt, geschweige denn eine Erhärtung hierfür ergab, gewann die eingangs erwähnte Beschuldigung einen breiten Nährboden und den falschen Schein der Berechtigung. Diese thatsächlich grundfalsche und ungeheuerlich e B l u t b e s ch u l d i g u g ist in jeder Beziehung geeignet, die anerkannte und rechtlich gleichgestellte jüdische Religionsgenosfenschaft in i h r e n h e i.l i g st en Gefühlen zu verletzen und dieselbe dem Hasse und der Verachtung preiszugeben. Die hiudernislose Verbreitung dieser Beschuldigung kann leicht von den verheerendsten Folgen begleitet sein, denn die, welche zn ihren religiösen Zwecken des Blutes unschuldiger Mensch enopfer bedürfen würden, könnten durch kein Gesetz und keine Gewalt geschützt werden und müssten warhaft vogelfrei sein. In längst vergangenen Jahrhunderten erkannte man diese Gefahr, und Päpste verboten ebenso wie weltliche Herrscher, darunter insbesondere polnische Könige, die Erhebung und Verbreitung dieser falschen Beschuldigung. Dies thaten insbesondere die Päpste I n n o c e n z IV. (mit den Bullen vom 28. Mai 1247, 5. Juli 1247 und 22. September 1258), Gregor X. (7. October 1272), Martin V. (20. Februar 1422), Michael V. (5. November 1147), Paul III. (12. Mai 1540), welche mit aller Entschiedenheit und mit ihrer ganzen Autorität es direct und unter Androhung der strengste n K i r ch e n st r a f e n den C h r i st e n verboten, gegen die Juden die Besch u t d i g u n g des rituellen Mordes zu erheben. Ein Gleiches thaten Polens Könige: Jan Albrecht mit dem Edicte vom Jahre 1406, Zyqmunt August 1548, Stefan Batory 1576 und 1580, Zygmunt III. 1502, Wladystan IV, 1663, Jan Kazimir 1604, Michael I. 1606, August II. 1736, August III. 1763 und Stanislaw August 1765. Diese Edicte der polnischen Könige legten der Verleumdung des Ritualmordes ewiges Stillschweigen (actenmm Silentium) auf, unter Androhung der Pnenae tnlianis. In Böh m e n, auf dessen Gebiete der Strasprocess Hülsner stattfand, ergiengen ähnliche Decrete von den böhmischen Königen Ottokar II. (20. März 1254 und 23. August 1268), Wenzel II. (1300) und Ladislaus IV. (15. Mai 1454). Auch in anderen Ländern schuf man in diesen vergangenen Jahrhunderten Speeialgesetze, welche diese falsche Beschuldigung unter strenger Ahndung verboten. Dessen bedarf es nach dem Stande der gegenwärtigen österreichischen Gesetzgebung bei uns wohl nicht, denn es würden die bestehenden Gesetze vollständig ausreichen, wenn sie auch im Sinne der staatsgrundgesehlich gewährleisteten Gleichberechtigung gehandhabt würden. Doch leider sind diese Gesetze gegen m aß- und zügellose P r e s s a u s s ch r e i t un g en unwirksam, und so wird denn fast in allen in Oesterreich üblichen Sprachen alltäglich die Fabel des Ritualmordes in die weitesten Kreise der Bevölkerung getragen, ohne dass die betreffenden Blätter dafür zur Verantwortung gezogen werden. Die staatliche Justizverwaltung übt die oberste Aussicht über die Anwendung der Gesetze und ebenso über die Gerichtsorgnne, sowze ganz besonders über die k. k. Staatsanwaltschaften, welche Hilfsorgane des Justizministers sind. Wir stellen daher die Anfrage: re) Sind diese U eb elständ e Sr. Excllenz dem Herrn I u st i z m i n i st e r b e k a n n t, und b) was gedenkt derselbe zu verfügen, damit b a l d i g st e Abhilfe geschaffen werde? Die Interpellation ist von den Abgeordnetrn Ritter von I a w v r s k i, Gras D z i e d u s z y c k i und fast allen Mitgliedern des Pvlenelnb unterfertigt. Inland. Wien. (P r o t e st b e r s a m nt l n'n g.) Der Einzelnerem Mariahilf-Nenbau des „Zion" in Wien hielt am 18. d. M. in dem Saale des Hotels „Englischer Hof" eine öffentliche Versammlung ab, in welcher Herr Dr. E. W e i s e l über die P o l ii n e r 91 ff a i x e referierte. Anknnpfend an den Process von Rennes, erörterte der Redner in längerer, instructiver Weise die Aiialvgicn der beiden Hauptpersonen dieser Processi' in Hinsicht ihrer Stellung zum Jndeiuhnm. Beide waren, bei jedem nach dem Grade der Aildiingssiuse mehr oder minder ausgesprochen, Assimilanten und fühlten sich niemals als Nativnasjnden; mchtsdesivweiüger wurden die ihnen persönlich zur Last gelegten Verbrechen als Verbrechen des Gesammtjndenthnins ansgelegt. Zn den Phasen des prveessnalen Vorgehens h Polna nberg'-hend, stellte sich Herr Tr. Weisel ans den Sümdpnnkt, dass hierbei keineswegs der Leitung der Verhandlungen eine Schuld an den Anomalien des Processes beiznmessen sei, sondern nur den von außen in den Gerichtssaal hineingelragenen Agitationen. Zur Bekräftigung seiner Ansicht vcrwic-- der Redner ans die Anklage, die ausdrücklich das Märchen, vom Blutritnale der Inden negiert. Ter Redner schloss seine beifällig anfgenommenen Erörterungen mit der Mahnung, die Juden sollten sich solidarisch fühlen nnd als national geeinnste Masse ihren Gegnern gegenübersiehcn. Nachdem noch Herr Dr. Kahn einen mit großem Beisalle anfgenommenen Vortrag über Zionismns gehalten hatte, schloss die stark besuchte Versammlung mit einstimmiger Annahme einer Resolution. Wrcu. (V o m G e m e i n d e b n n d.) Wie wir erfahren, hat gestern eine Sitzung des Ansschnsscs des Gemeindeb,indes siattgesnuden. Cs wurde beschlossen, für dcn 31. October eine Versammlung des Bundes einzubernsen. Ueber die Tagesordnung verlautet noch nichts Bestimmtes. Hoffentlich wird der Bund wissen, was seine P f l i ch t nnd sich in erster Linie mit der Polnaer Asfaire beschäftigen. Ebenso hoffen wir, dass er nicht nur dir Sache selbst energisch in die Hand nehmen, sondern auch die Mittel erwägen wird, für künftighin vorznbengen. Sonst wäre seine Existenzberechtigung nicht recht ersichtlich. Mühr.-Ostran» (Die national-jüdische B ew e g u n g.) Wir hätten als mitten tu der Bewegung Stehende kaum ihr Anwachsen so bemerkt, wenn nicht der Geifer der Gegner uns darauf besonders aufmerksam gemacht hätte. Die Troppauer „Deutsche Wehr" verfolgt schon seit geraumer Zeit mit scheelen Augen und schalen Artikeln unsere Juden. Vor allem das gelungene nnd stark besuchte Fest der jüdischen Hochschüler war und ist ihr ein Dorn im Auge, und sie kann nicht verwinden, dass die Spitzen der jüdischen Intelligenz das Fest durch ihre Anwesenheit zn einer bedeutsamen Demonstration gestalteten. „Wenn" — so seufzt das Blatt — „nicht die ■ Väter der jetzigen stramm deutsch-volklichen Jugend den Juden und der juden-liberalen Partei Gefolgschaft geleistet hätten, dann wäre die liberale Partei nie zn solchem Ansehen gekommen." Da vergisst es aber, dass die Söhne der mit derselben Partei marschierenden Juden den nationalen Gedanken in sich ausgenommen und auch ihre Väter zum Nachdenken über das nationale Problem angeregt haben. Und die Folge ist, dass unsere Juden sich zu besinnen ansangen, dass sie in erster Linie Juden sein wollen. Wir wollen hoffen, dass unsere Bewegung noch glänzendere Resultate bringt, als die jetzt von den Antisemiten schon so beklagten. Prag. (Mechaniker Schneider auf Gastrollen.) Der Mechaniker Schneider hat Prag oder vielmehr Dr. B a x a einen Besuch gemacht. Den Conferenzen wohnte ein hiesiger czechischer und ein Münchener, also deutscher Redactenr eines Antisemitenblattes bei. Wenn man auch noch nicht weiß, welcher Angelegenheit diese Zusammenkunft galt, ist die Verbrüderung der czechifch-radicalen Kampfhähne mit Wiener Antisemitenführern ein bedenklicher Vorläufer für zu erwartende Ereignisse. An ihren Früchten werden wir sie bald erkennen. Pilgram. (Antisemitische E x c e s s e.) Die maßlosen Hetzereien haben nun auch hier ihre Wirkung gezeigt. In Ober-Czerekve, einer der größten jüdischen Gemeinden Böhmens, wurden in der Synagoge, beim Schächter und anderen Glaubensgenossen die Fenster eingeworfen. Es war unschwer voranszusehen, dass es über kurz oder lang dazu kommen würde, nachdem das Volk monatelang durch Zeitungen und Agitatoren aufgewiegelt worden war. Hätten die maßgebenden Behörden rechtzeitig diesen so naheliegenden Schluss gezogen und, statt die Augen zu schließen, thatkräftig eingegriffen, dann hätten sie auch uns diese bitteren Stunden ersparen können. Krakau. (E i n e m p f e h l e n s w e r t e r T ä u f l i n g.) Ein gewisser Joses Popper sprach die Absicht aus, zumKatholicismus überzugehen, und fandso Anfnahmeim Kloster der Barmherzigen Brüder in der Piekarska ulica. Er blieb aber nicht lange dort, denn, bevor man ihm noch die zehn Gebote gründlich beigebracht hatte, begieng er einen Diebstahl am Kloster und — verschwand. Jetzt suchen ihn zwar nicht die Barmherzigen Brüder, aber die Polizei. Graz. (Es wird Licht.) Der seinerzeit von Doctor Lueger und seinem Freunde F e i ch t i n g e r gegründete „Lueger-Bund", der christlich-sociale Tendenzen verfolgte, hat in seiner Generalversammlung den bemerkenswerten Beschluss gefasst, sich zn reformieren. Er schämt sich nicht nnr seines Programmes, sondern auch seines Taufpathen Lueger und will nun unter dem Titel „Reformverein" nur wirtschaftliche und Gemeindeangelegenheiten pflegen. Innsbruck. (D er W i n d dreht sich.) Unsere clericalen „Tiroler Stimnien" haben eine üble Nacht gehabt. Wie soll sich der Antisemitismus bei der jetzigen Constellation Verhalten'? Sehr einfach. Er muss sich mausern. Zuerst muss er seinen legitimen Vater verleugnen, er muss vergessen, dass er bei uns von Deutschland ans importiert wurde. Dazu wird feierlich erklärt, dass der Antisemitismus nur im Schoße der alleinseligmachenden Kirche gedeihen kann. Ein Protestant kann eben nach Meinung der „T. St." kein ordentlicher Antisemit sein, denn am Hamburger Antisemitentag wurde der Erzvater Abraham ein „Schweinehund" genannt und die Protestanten wollen nun gar das alte Testament vollends abschaffen. Aber in Oesterreich, wo zum Glück die katholische Geistlichkeit größeren Einfluss auf die Volksbildnng und damit die Befähigung zum Antisemitismus besitzt, kann diese Blüte