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Jüdisches Volksblatt · 1899-10-20 · 36 (20.10.1899) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
36 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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iScito 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. October 1899 Nr. 1t ■t F Zur Parlamentserössmmg. Die Berge kreisten und — das österreichische Abgeordnetenbaus ist nach langer Panse wieder eröffnet worden. Vieles musste geschehen, um nur die Möglichkeit, das Haus einzuberufen, herbeizuftthren. Ein Ministerium ist gefallen, ein anderes, unparlamentarisches ist entstanden, und der Leiterdesselben konferiert täglich vor- und nachmittags mit den Vertretern aller Clubs, Vereinigungen und Verbände mit den Führern aller Stationen mid Natiönchen. Jeder hat ihm etwas zu sagen, jeder etwas zu verlangen, jeder etwas durchzusehen. Denn das Parlament ist das Hans der I n t e r e s s e n v e rtretnng, und Interessen haben alle Stationen, alle Parteien, alle Stände, Und für alle muss Rechnung getragen werden. Allerdings! Für alle — nur nicht für uns Jude n. Haben wir Juden wirklich gar keine Interessen, keine Wünsche? Haben wir gar keine nationalen, allgemein-üdischen Interessen, deren Schuh wir von Regierung und Haus zu fordern hätten? Die Interessen haben wir schon, aber d i e V e r t r e t e r derselben fehlen uns. Die jüdischen Reichsraths- Abgeordneten sind alles, nur nicht j ü d i s ch, sind für alle anderen zu haben, nur nicht für uns. Sie gehören allen möglichen Clubs und Verbänden an, aber ein eigenes Lager haben sie nicht. Und wie können unsere Interessen zum Ansdrucke kommen, wenn sie niemand vertritt? Mit welcher Freude constatieren wir in einer Wahlzeit, dass da und dort ein Jude gewählt wurde, dazs so und so viel Juden im Parlamente sitzen! Wieviel Mühe und Agitation wenden wir auf, damit vielleicht noch einer hineinkomme! Und dann ziehen die von uns gewählten Abgeordneten in die Landesclubs ein, ohne sich als j ü d i s ch e Abgeordnete vorzustellen, ohne unsere Interessen zu vertreten. Und doch gibt es deren so viele mib wichtige! Schon der erste Schritt, das Bekenntnis zum jüdischen Volke, die Constatierung, dass eine jüdische Station lebt und begehrt, dass Juden gleich den anderen ein Volk bilden — das allein ist ja so wichtig. Das ist doch die Eristenzfrage, die allem anderen vorangeht! Und auch dieser Schritt ist nicht gemacht worden. Auch d a z u haben u n sere A b g e o r d n e t e u nicht M u t h, nicht Energie, nicht selbstbewusstes Gefühl genug, Math fehlt ihnen, als Juden für die Juden einzutreten, Energie fehlt ihnen, sich als jüdische Abgeordnete zu einem jüdisch-parlamentarischen Verband zu vereinigen, offen und ehrlich zu erklären, dass sie der jüdischen Nationalität angehören •JÄ' &$•£'/•": ° .MtMtev.'. .—- Man muss nicht gerade weit gehen, um das zu beweisen. Der erste Act der jüdischen Abgeordneten belehrt uns zur Genüge. Jahrelang wurden wir im Parlament beschimpft und aufs Schmählichste besudelt, unsere Abgeordneten schwiegen, bis das Unwetter losbrach, bis es donnerte über unseren Köpfen und der Boden unter unseren Füßen wankte, bis uns ein Ritualmord hinaufbeschworen wurde, bis zum Treiben von Polna, bis zum Vorgehen in Kuttenberg. Und nun erwachten sie, rieben sich die Augen und — richteten im Vereine mit den polnischen Abgeordneten eine Interpellation an den Jnstizminister. Natürlich in kaltem, politischem Tone, in ruhigen, salonmäßigen Ausdrücken, in schönen, gewählten Worten. Eine Interpellation, dazu noch an ein neues Ministerium gerichtet, und überdies in der Gesellschaft. angeführten Sähen offenbaren. Die Völkerpsychologie, wie sie Lazarus geschaffen und gemeinsam mit S r e i n t h a! weiter ausgebaut und wie sie die zwanzig Bände der „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" vertreten, welche von den beiden Männern heransgegeben wurden, als sie noch zusanimen wirkten, „mit ihrem bloßen Dasein weithin in Israels Kreisen stolze Freude verbreitend", umfasst das gesammte geistige Schaffen der Menschheit, soweit es sich in der Entwicklung von religiösen Anschauungen, Sitte, Rechtsbildung, Cultnrgeschichte offenbart. Sie sucht die allgemeinen Gesetze ausznsinden. die sich in der Geschichte der Menschheit, speciell in der Geschichte ihrer geistigen Entwicklung offenbaren. Sie sucht die „Ideen" in der Geschichte, die Ideen, die im Leben und im Handeln des Einzelnen und der Völker wirksam und auch thatsächlich in Handlungen und Schöpfungen des menschlichen Geistes verwirklicht sind. Während die Betrachtungsweise vergangener Zeiten Recht und Sitte als Schöpfungen einzelner, wenn auch hoch emporragender Geister, anssasste, während Rousseau alle Erscheinungen des Rechtes und der Sitte ans mit bestimmter Absicht geschlossenen Vertrügen abznleiten suchte, sieht die Völkerpsychologie in denselben die ureigentlichen Producte und das nothwendige Ergebnis des geselligen Lebens, mit diesem zugleich entstanden und daher ebenso alt wie die Menschheit selbst. Ebenso sehr entfernt von der mechanistischen Auffassungsweise der Geschichte, welche in derselben bloß eine Verkettung von Thatsachen nach Ursachen und Wirkungen sieht, wie von jener Auffassung, welche die Geschichte als den Process der Realisierung von Ideen, die von außen her auf den Menschen eiuwirkeu, betrachtet, bestrebt sich die Völkerpsychologie, die Ideen, welche, von bem menschlichen Geiste erzengt und ausgebildet, dem Menschen Ziele und Zwecke vorzeichnen und das Leben des Einzelnen und der Gesammtheit gestalten, in den Thatsachen der Geschichte aufzufindeil. Als Probe für L azarus' Denkweise sei eine Stelle ans seinen „Ideen in der Geschichte" hier angeführt: „Es sei denn, dass ein Volk reich an Gedanken ist, sonst ist es kein reiches Das soll stark genug sein, um gegen ein solch schreiendes Unrecht zu protestieren und eine solch gesetzwidrige, culturlose Asfaire iin Abgeordnetenhause zur Sprache zu bringen. Hätten die j ü d i s ch e n Abgeordneten einen jüdischen Parlamentsverband gebildet, wären sie nicht so feig, so schamhaft mit ihren! Judenthnin — ein D r i n g l i ch k e i t santr a g müsste eingebracht werden, Brandreden müssten ihn begleiten, Reden, die die ganze Welt hören müsste, dass ihr Echo in die höchsten Paläste dränge! Das g a n z e j ü d i s ch e V o l k in ü s s t e in i t r e d e n, in i t s ch r e i e n und in i t aller G e w a l t s i ch Gehör v e r s ch a f f e n! .. . In, wenn es wäre! Leider sind unsere Abgeordneten zu bequem, um unsere Interessen im Parlamente ans würdige Weise zu vertreten. Leider hat unser Volk niemanden, der es an öffentlicher Stelle als Volk proclamieren und sich für unsere Rechte einsetzen wollte. Leider! Leider!... Vom Tage. Präger Casnwsteer be. Die Prager „liberale" Judenschaft, die so lange Zeit hindurch zum Verderben der Jndenschaft die Juden Böhmens im Lager der Deutschen hieO, ist ob der Polnaer Asfaire auS dem Hänschen gerathen. Sie scheint ans den grausamen Hieben nicht nur nichts gelernt, sondern überdies noch den Verstand verloren zu haben. Die „Prager Israelitische Gemeindezeitnng" veröffentlicht an der Spitze des Blattes einen Aufruf, der die bevorstehende Gründung eines czechischfreisinnigen Tagblattes, geleitet von einem „czechischsreisinnigen christlichen" Redacteür, ankündigt, um „Aufklärung" in die czechischw Massen zu tragen. Was bilden sich die Herren eigentlich ein? Meinen sie wirklich, dass man ein solches, von vorneherein stigmatisiertes „Jndenblatt" in auch nur lesen ivird? Was wollen sie denn überhaupt mi im Volke mit oieser bornierten Aufklärnngsmethode? Vierzig Jahre klären sie schon in Böhmen die „grobe Eultnrnation", die Deutschen, ans — und was haben sie errreicht? Sie mögen d o ch n uv sehe n, w i e die d e n t s ch n a t i o n a l e n Blätter Böhmens d i e P o l n a e r Asfaire behandeln. Wenn die Herren schon durchaus aufklären '.vollen, dann mögen sie bei sich s e l b st ansangen. Dann mögen sie sich sagen, dass ihre deutsche oder czechischr Politik bisher verfehlt ivar, und, jetzt fortgesetzt, einemitvollemBew u s s t s e i n begangene Frevelt hat i st, dass es für uns Inden nur eine Politik gibt, die j ü d i s ch e P o l i t i k. Und, wenn die Herren schon durchaus Geld für ein Blatt hergeben wollen, so mögen sie es zur Gründung eines j ü d i s ch e n Tag blatte s thun, das unsere Interessen vertheidigt und sich als das gib', was es i st. Oder wollen die Herren die Zahl der panschalienfressenden Pressungeheuer noch um eins vermehren? D a u n mögen sie s i ch e r s e i n, dass der a n st ändige T h e i l der b ö h m i s ch e n I n d e n s ch a f t d i e s e s B l a t t einfach verleugnen und b o v) c o t t i e r e n wird. Die judeuseindliche Socialdemokratie. Dr. Leo Verkau f, das jüdische Mitglied des Verbandes der socialdemokratischen Abgeordneten, hat die Interpellation über die Polnaer Maire Das ist derselbe D'l.'^Wcaä^Zder als Student, Kör nicht allzu langer Zeit, M ffnicht wu6 _ _ glied der jüdisch-nationalen Verbindung „Kadim ah" war, der damals in Brandreden gegen unsere unwürdigen Zustände austrat, der damals ein warmes Herz und ein offenes Auge für die speeielle Judennoth und für sein Judenvolk hatte. Und derselbe Dr. Verkauf schnürt sich herrte, ist herrte zrr feige, eine Interpellation über die Judenverfolgungen zrr unterschreiben. Natürlich! Heute ist er ja socialdemokratischer A bgeordneter! Als Jüdisch-Nationaler hätte er allerdings nicht viel Aussicht gehabt, ins Abgeordnetenhaus zu kommen. Warum nur Dr. Verkauf rioch immer Jude bleibt? Wenn ihn, den Juden Verkauf, die Nitualmordhetze so wenig berührt — rvas lässt ec sich nicht taufen? Das könnte ihm doch in seiner Carriöre nichts mehr schaden! Aber man versteht die Haltung Dr. Verkaufs, wenn man die seiner Partei- Peitsche, der „Arbeiter-Zeitung", betrachtet. Hat sie schon über die jüdische P r o t e st - V e rs a m in l u n g im M u s i t v e r e i n s s a a l e einen Bericht gebracht, der an P ö b e l h a f t i g k e i t und B l ö d b e i t sich würdig dem des „Deutschen Volks blatt" an die Seite stellte, so meint m», i« i mini ui m iiwiru«-»i m i im m »r mninuniiiriiiBiinnriiiiii>iinnimuiiiiio»*-< sie dieser echt assimilatorischen Niedrigkeit Krone anfsetzen zu müssen. Sie bringt gestern einen kurz spricht über die Interpellation und fugt ungefähr hinzu: „Etwa. Vernünftigeres haben die Herren nicht zu thun, als nach noch mehr Confiscationen und Polizei zu rufen?" Zugegeben, dass die Gesellschaft, welche die Interpellation zeichnete-' nicht gerade die beste ist! Aber wenn das die „Arbeiter-Leitung" so kränkt — warum trittdanndiesoeialdemokratischePartelnichtsetb st in die Schranken? Sie, die ja von berufswegen alle Bildung, alle Eultur allein gepachtet zu haben vorgibt? Weshalb tritt diese Partei, die in ihrem Programm verspricht, für die n n t e rd r ü ck t e n R e ch t e Aller, ohne Unterschied der Station oder Konfession e i n z u t r e t e n, nicht gegen die schmachvolle Unterdrückung und Vsschimpfnng der Inden ans? Sie tfmt es nicht, weil sie e s n i ch t t h n n d a r f! Weil der A n t i s e m i t 13 in u § i n d e n Reihen der ö st e r r e i ch is ch e n S o c i a l d e in o k r a t i e v o n T a g z n T a g wächst, und weil die Führer d e r P a r t e i d i e s e r S t r ö m n n g ))i e ch n n n g tragen müssen. Und weil d i e s e F ü h r e r sich f ü r ch t e n, d a d u r ch, dass sie für diese Cnltnrf r a g e, d i e z n f ä l l i g a n ch e i n e j ü d i s ch e i st, e i n t r e t e n, die Partei als „I u d e n s ch n tz t r itpc'£ z it st i g m atisieren. Und w e i l d i e j ü d i s ch e n F ü h r e r d e r P a " t e i feig genug sind, diesem D r u ck e u a ch z u g e b e u. Deshalb nimmt die S o c i a l d e mo k r a t i e k e i n e Slelluu g z u d i e s e r I u t e r p e l l a t i o n, und d e s h a l b b e n i m m t s i ch d i e „A r b e i t e r - Z e i t u n g" i n einer Weise, die dem v e r t r o t t e l t st e n d e u t s ch u a t i o u a l e u P r o v i uzbla t t e g e r a g e genügen würde. * * * Ostdeutsche Cnltnr.Die „Ostdeutsche Itundschau", das Organ der „ritterlichen, ehrenfesten, gebildeten, deutschen Cnltnrnation", variiert die Blödistemnoral der verpfafften Christlich - Socialen zuerst nicht, dass sie an den Ritnalmord glaubt. Natürlich! Man will ja doch Kulturmensch sein! Aber jetzt hat die angestammte Denkfaulheit und Roheit die Tünche glücklich durchbrochen. In ihrer Nummer vom tr>. d. macht sie mit den Geschäftsu nd Fachmännern in Ritualmorden Decker t. Bergan i und So m p. geuleins a m e S a ch e. Die Juden, welche diese Sorte von „Cultnrmenschen" kennen, haben es ja nicht andecs erwartet! Sie sind wahrhaftig einer des andern wert, das „Deutsche Volksblatt" und die „Ostdeutsche Rundschau". Dass sie beide gründlich nach Cnltnr — riechen, haben wir für unseren Theil niemals bezweifelt. Aber unseren „deutschen Stammesbrüdern mosaischer Confession" empfehlen wir diese Thatsachen zur Kenntnisnahme. D i e fragen wir, ob sie nicht schamroth werden bei dem Gedanken, sich einer Gemeinschaft assimilieren zu wollen, als deren schändende Vertreter und Vertheidiger sich die Herren Vergant, Wolf und Consorten gerieren. Brunner Emmchen-Politik. Das „soeialpolitische" Brunner Ennuchen-Organ, die „S o n n t a g s - Z e i t u n g" wäre vorige Woche gelb vor Neid geworden, wenn sie nicht prineipiell jede Gemeinschaft mit dieser, an einen gewissen Fleck erinnernden Farbe ablehnen würde. Und das hat mit ihrem Singen die jüdische Sache gethan. Unter der Marke „Polna und kein Ende" spricht sie von' unserer „Massen"versammlung, die sie gar zu gerne für ihre Zwecke Nusgebeutet hätte. Ihre Redner konnten bisher nur am Stzam,ntisch'bev^llZittz!ä^Bisrersolge erringen, dass aber lHWa^Menschen unseren Redner umjitutvieJt' das muss ste ganz "hirnlos gemacht haben. Als Zeugen hierfür führen wir öejagren Artikel, mit dem wir nicht ins Gericht gehen wollen. Buben, die noch nass hinter den Ohren sind, klopft man axff die Finger, man treibt aber mit ihnen keine ernste Polemik. Eins aber wollen wir den Herren mit ihren eigenen Worten sagen: Es ist lächerlich, wenn' man diese politischen Hanswnrstiaden allsonntäglich sicy wiederholen sieht, denn ihr Zweck ist zu ersichtlich. Er ist: „Sich nix zu derkennen geben." Dass wir aber dafür sorgen werden, den Herren diese'blödsinnige, missgestaltete Maske vom Gesicht zu reißen, dessen können sie sicher sein. Zur Pslnaer Affaire. Ain Dienstag, den 10. d. M., hatte der „Jüdische Vvlksverem" seine Protestversammlnug im „Hotel Continental" abgehalten, in der der Referent, Herr R i ch a r d R a p p a p o r t, die überraschende Mittheilung machte, dass Borerhebungen nach Volk, es sei denn, dass es groß ist an Gesinnungen, sonst ist es kein großes Volk, es sei denn, dass es herrsche in und init dem Geiste, sonst wird es im Nathe der Völker nicht herrschen, sondern dienen. Wie reich, groß und mächtig mochten doch auch jene Völker sich dünken, welche so geräuschvoll ans der Erde erschienen und so spurlos wieder verschwunden sind? Wie ein Sturmwind brausten die Hnnnenscharen über Asien und Europa dahin, dass sie bis an die Berge, bis an den Oeean drangen; aber nicht im Sturmwind ist Gott! Wie ein verzehrend Feuer ergossen sich die mongolischen Horden schier über einen großen Tyeil des Erdballs, aber mit dein Tritte ihrer Rosse und ihrem Schlachtgeschrei ist auch ihr Ruf verhallt: nicht im Feuer ist Gott. Aber jene kleinen Völkerschaften im Osten, Norden und Westen des Mittelmesres, ivelche .Kunst und Wissenschaft gepflanzt und gepflegt und die religiöse Äertiesmlg des Menschengeistes angebahnt haben, sie bilden noch heute die Qnellpnnkte der Geschichte der Menschheit, sie füllen noch heute mit Reichthum den Geist der Cnltnrvölker, sie bilden die Größe der Gesinnung, und die von ihnen erkannten Ideen beherrschen noch als Zielpmikte alles Streben» die vorzüglichen Geister: in der Stimme eines sanften Sänselns ist die Erscheinung alles Göttlichen ans Erden." Neben der Völkerpsychologie hat Lazarus auch die allgemeine Psychologie wesentlich gefördert. Sein dreibändiges Werk „Das Leben der Seele in Monographien über dessen Ecschriuuilgen und Gesetze" gehört zu den besten Werken, welche die Psychologie dem Verständnisse weiter Kreise zugänglich zu machen suchen. Es gehört zu der populären Literatur im edelsten Sinne des Wortes und lässt sich vielleicht nur mitLotze s „Mikrokosmos" vergleichen. Unter L a z a r n s' Händen erscheint die Psychologie als lebendige Wissenschaft, in engem Wechselverkehr mit der Natur- und Sprachwissenschaft, mit dem gesellschaftlichen Leben, der Geschichte, der schönen Literatur und Kunst, von diesen Anregungen empfangend, dieselben hingegen wiederum mit ihrem Lichte durchleuchtend. Sein sittlicher Standpunkt ist am besten durch seine eigenen Worte gekennzeich iet: „Die Arbeit meiner Tage steht iiu Dienste der Idee; die Idealität zu pflegen durch meine geistige Thätigkeit ist meine Lebensaufgabe. An der Erkenntnis der Ideen, an der Läuterung derselben, an ihrer Verbreitung mitznarbelten, ist ja die Sache des Philosophen. Das Bekenntnis aber muss ich hier ablegen: (wenn auch nicht für alle Philosophen, so doch für mich) nach m einer festen Ueberzengnng gipfelt alle Idealität in der Religion, alle Ideen stehen iit ihrem Dienste und sie verleiht allen die höchste Weihe. Unter Religion verstehe ich nicht blvs das Bekenntnis, nicht bloß das Dogma, nicht bloß die Satzung — sondern die Religiosität selbst, jene allgemein menschliche Erhebung und Vertiefung, jenes Anssteigen ans die Höhen des Menschenthnms, jenes Hinanfsteigen vom Kleinen znm Großen, voin Alltäglichen zum Erhabenen, vom Endlichen znm Unendlichen, vom Zeitlichen znm Ewigen." Getreu diesem Standpunkte hat Lazarus im praktischen Leben gewirkt. Ihm mochte neben der Idee einer Völkerpsychologie anch eine solche der Völkerpädagogik vorschwebeu. Aber neben dem Wirken für die Allgemeinheit widmete er seine Krack ganz besonders beut Jndenthnm und den Inden. Die Sam.ulnng von Reden und Vorträgen „Treu und frei" bleibt ein Denkmal nicht von Lazarus persönlichen Beziehungen zu hervorragenden Stammesgenossen unserer Zeit, sondern auch seines Wirkens im Dienste des jüdischen Volkes. Wie er au den jüdischen Synoden in Leipzig und Augsburg horvorragendeu Antheil genommen, so war ec stets für Läuterung und Vertiefung der Kenntnis des Jndenthnms, und für dessen lebendige Fortentwicklung thätig. W^e er in seiner Jagend seine Geisteskräfte an den Geisteswerken unserer Väter gebildet, so hat er am Abend seines Lebens seine Kräfte ausschließlich dem Jndenthnm gewidmet und sein Volk mit der „Ethik des I nd e n t h n in s" beschenkt, einem Wecke, das nicht nur ein dauerndes Ehrendenkmal für die Erhabenheit der jüdischen Sittenlehre bildet, sondern tausende unserer Volksgenossen mit warnier Liebe zu der Lehre unserer Väter erfüllen wird. Welch« Stellung Lazarus zu den Fragen, die das jüdische Volk unserer Zeit mächtig bewegen, einilinimt, wollen wir i» einem weiteren Artikel beleuchten. Dr. K.

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