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Jüdisches Volksblatt · 1899-10-20 · 36 (20.10.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
36 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nr. m Ärdartivn: VIll/1, SttUvllrlgasie 11. Eprcchstuudeur An Wochentagen von 4 bis « Uhr nachmittags; an Svimtage» von 10 bis 13 Ubr vornnttags. ssostur-ress«: Jüdisches VottSblatt, Wien, Nrsrlrwrvdrn wegen vergüteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manttscrtpte werden nicht zurnckgesteklt. Postsparcassen-Conto 8^7037. In daS Abonnement kann man täglich eintreten. unter Mitwirkung der vom jüdischen VvlKsvrretn erwakrtten Presscomnrifston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes, Haasc,, ' »ein L Bügler, Rudolf Masse, A. Oppelik, M. Pozsonhi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Txpedittonen im Auslände. Einzel-Nuwmer in Wie» 8 kr. Administration: VIU/I, Schtösselgalse 11. AbonnementspreiS: Für Wien u. Oesterreich-Ungarn Fiir daS gesaunnte SinSIan)! Ur. 36 lien, 20. Ortover 1899. i 's y&swk fannnt Fraueozustelliiug. Bauzjübrig albjährig ierteljährig fammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig!. Jahrgang. Vss victis. Pol 11 a — und kein Ende. Der Antisemitismus hat alle Schleusen seiner Unrathscanäle geöffnet und ein Meer von thierischer Bestialität, widerlicher Gemeinheit und unnatürlichem Stumpfsinn ergießt sich aus ihnen über die gläubigen Massen. Was nur schamlose Lüge und entarteter Hass erlügen und erfälschen können, wird aufgeboten, um jenen niedrigen, hässlichen Zustand zu erzeugen, in dem die Justiz ' ein Werkzeug des wahnsinnigsten Terrorismus ist. Der in den Völkern schlummernde Judenhass soll zur verzehrenden, lodernden Flamme entfacht werden, und kein Mittel ist zu schlecht, zu verwerflich, das nicht gebraucht würde, um diesem Zwecke zu dienen. Aus Dresden colportiert man Bilderbogen nach Oesterreich, die den R i t u a l m o r d dem Volke anschaulich vor Augen führen, und in den Dörfern Böhmens singen Bänkelsänger das Lied der armen Jungfrau Agnes Hruza, die von den Juden ermordet wurde. Wie lange noch, und es wird dieser Sang in den Häusern Wiens erschallen, wie einst das Lied von Hugo Schenk, dem Manne in besten Jahren! Es ist kein Volk, kein Stand, keine Classe in Oesterreich, die jemals einen ähnlichen schmachvollen Angriff erlebt hätten, wie jetzt die Judenschaft, die es erlebt . hätten, dass man sie ungestraft mündlich und schriftlich als eine Gemeinschaft von Mö.rdern und Cannibalen hinftellen darf, dass man unopstr^st igv natürlm^ verbrieftes "schandlich verachtest, mit ■ wie es die Juden mitansehen müssen, d Aber es ist auch kein Volk, kein Stand, keine Glaste in Oesterreich, die sich bei solchem Anstürme so schwächlich zur Wehre gesetzt hätten, wie jetzt die Juden. Wohl geht ein mächtig Regen durch die Judenschaft, und selbst die indolentesten Gemüther können sich desselben nicht erwehren. Aber noch ist die Bewegung nicht kraftvoll und stark zum Ausdruck gekommen, noch ist sie nicht zum Sturme angewachsen, der uns zu e i n h e i t l i ch e r, mannhafter That fortreißen könnte. Und ein Sturm der Judenschaft muss Oesterreich durchbrausen, wenn nicht die furchtbarsten Beschimpfungen, die schmählichsten Rechtsverletzungen ungesühnt bleiben sollen, wenn nicht das jüdische Volk an all seinen Menschen- und Bürgerrechten eine Einbuße erleiden soll, die es nie und nimmer einbringen kann. Denn: Wehe den Besiegten! Unsere Abwehr ist schwächlich und ziellos, weil uns die Klarheit unserer Stellung zur Polnaer Affaire fehlt. Was ist geschehen? Ein Mord ist vorgefallen, ein Mord, wie viele andere in Oesterreich undüberall. Ein Jude wird des Mordes beschuldigt. Sofort bemächtigen sich die antisemitischen und antisemitelnden Parteien und Zeitungen der Sache und erklären: Der Polnaer Mord ist ein Ritualmord. Sie haben damit gesagt, dass der Gebrauch, das Blut geschlachteter Christen zur Bereitung von Speisen zu benützen, eine Institution der jüdischen Religion, ein Gesetz des jüdischen Volkes sei, und der Fall Polna soll als Beweismittel dienen. Das ist die erste Seite des Falles, der unser Kampf gelten muss. Das ist keine Frage der Theologie, der Religionsbräuche mehr, sondern eine C u l t u r s r a g e, eine Frage des Staates, in dem wir leben, eine Frage aller Staaten, in dem Juden leben. Entweder diese Beschuldigung ist richtig, dann hat der Staat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mit allen ihm zugebote stehenden Mitteln diese Institution auszurotten, oder sie ist ist unrichtig, dann hat der Staat die ebenso verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ihre Unrichtigkeit gesetzlich zu doeumentieren und selbst den leisesten Versuch eines Anwurfes mit den schärfsten Mitteln zu ahnden. In Oesterreich ist einmal die R i t u a l m o r d f r a g e aufgeworfen, und deshalb muss sie von staatswegen erledigt werden. Für einen Staat, der sich einen Culturstaat nennt, ist die Frage, ob in seiner Mitte eineinhalb Millionen Barbaren leben, die jahraus jahrein mit Bewusstsein Menschen schlachten und deren Blut benützen, wichtiger wie alle Sprachenverordnungen, wichtiger wie alle Delegationen. D i e ,ö st e r r e i ch i s ch e Judensch aft fojbzz! vm. S•*.u'fe "o it..endgUtige, ü'n p a r'ke'ri s ch e Erl e d r g u'n g d e r R it u ü t m o r dfrage! Was ist ferner geschehen? Man hat dem Juden Hülsner den Process gemacht. Ein Process, den zu verfolgen man sich als Oesterreicher schämen muss, der Oesterreichs Justiz in den Augen Europas discreditiert und erniedrigt hat. Ein Staatsanwalt hat eine Anklage verfasst auf Grund vollständig unzulänglicher Judicien, ohne ausgesprochene Angabe eines Motives, wohl aber mit deutlicher Anspielung auf den Ritualmord. Ein Gerichtspräsident hat es zugelassen, dass mit offenkundiger Verletzung des Gesetzes der Vetreter der Privatbetheiligten eine Brandrede hielt und dass eine Bande toller Journalisten und Zuschauer die Zeugeneinvernahme in unerhörtester Weise vergewaltigte. Gerichtsärzte haben ein Gutachten abgegeben, das jeder wissenschaftlichen Untersuchung gegenüber sich einfach lächerlich erweist. Man hat in Kuttenberg aus einem normalen Rechtsfalle eine abnormale Rechtskomödie gemacht. Warum? Weil dieser Hülsner zufällig auch Jude ist. Was heute aber dem Juden Hülsner geschehen, kannmorgen ebenso leicht einem anderen Juden passieren. Sind wir Juden rechtlos in Oesterreich? Zahlen wir deshalb unsere Steuern, dienen wir deshalb beimMiliiär, damit die Gesetze uns gegenüber keine Geltung haben? Man verlangt von uns Patriotismus und verhängt über uns einen thatsüchlichen Ausnahmszustand? Die Sünden von Kuttenberg müssen gesühnt werden. Die österreichische Judenschaft muss mit den s ch ä r f st e n Mitteln f ü r die Ahndung des Unrechtes kämpfen, das an dem Juden Hülsner verübt wurde, g l e ich g i lt ig, ob der Mensch Hülsner schuldig ist oder nicht. Und ferner! Seit einigen Tagen, seit der Versammlung des „Jüdischen V o l k s v e r e i n s" weiß man, dass die Gerüchte, es seien zwingende Verdachtsmomente für einen anderen Thäter als Hülsner vorhanden, auf Wahrheit beruhen. Die österreichische Judenschaft kann trotz der g e g e n t h e i l i g e n Nachrichten nicht daran glauben, dass die Untersuchung nach dieser Richtung hin auffallend vorsichtig und allzu behutsam geführt werde. Aber es ist uns schließlich gleich, wer der Thäter ist. Nur für eines müssen wir kämpfen: Dass überhauptderThäter gefunden werde und ergründet, was das Motiv der That ist. Denn wenn der Thäter nicht gefunden wird und dieser Hülsner vielleicht ein zweitesmal auf Grund unzulänglicher Judicien freigesprochen wird, dann wird es. uns für unabsehbare Zeilen münfckiZ'.. nnd^lchriftlich " fl iiv*.. /-* <**- * .-.7. «»-. - entgeg Michailen: u i n » »u. «tin Ouit oei Agnes Hruza? Dann kann es noch geschehen, dass sich in Bälde auf der Stelle, wo das Mädchen gefunden wurde, eine Kapelle erhebt und gläubige Scharen zu dem Bilde der Märtyrerin Agnes Hruza wallfahrten. Das ist die Stellung der österreichischen Judenschaft zur Polnaer Affaire, und nach diesen Richtungen hin muss der Kampf ausgenommen und rücksichtslos bis zu Ende geführt werden. Wohl ist das Mittel zum Kampfe, die Organisation d e r I u d e n i n O e st e r r e i ch, ihre politische und culturelle Repräsentation, noch nicht perfectuiert. Aber noch niemals hat sich das Bedürfnis nach unserer Organisation so geltend gemacht, wie gerade jetzt. Darum wird die Judenschaft endlich aus ihrer Lethargie erwachen und entschlossen und willig dem Rufe Folge leisten, der an sie ergeht, sich fest zusammenzuschließen und jene Kampfesmittel zu gebrauchen, die uns die harte Roth und der Geist der Zeit in die Hand, drücken. Moritz Lazarus. | Zn seinem 75. Geburtstage. Am 15. September dieses Jahres hat Professor Moritz Lazarus in Berlin sein 75. Lebensjahr vollendet. Die gesammte jüdische Publicistik hätte wohl die Pflicht gehabt, diesen Anlass zn benützen, um den weitesten Kreisen des jüdischen Volkes Lazarus' Bedeutung ins Bewusstsein zn rufen. Doch nicht etwa allein seine Bedeutung als Forscher und Gelehrter im allgemeinen, seine Leistungen als Philosoph und Psycholog, an denen die jüdische Gesnmmtheit nur soweit Interesse hat, als er dem jüdischen Volke entstammt, sondern ganz besonders seine Bedeutung für das Jndenthum und die Inden, sofern sein Wirken denselben direct gitt. Wenige Männer der allgemeinen Wissenschaft, die unserem Volke entsprossen sind, gleichen Lazarus darin, dass sie so tief im Jndenthum und im jüdischen Volksgeiste wurzeln und dass sie ob ihres Wirkens für den Cnlturfvrtschritt der gesanimten Menschheit der idealen Bedürfnisse ihres cigeneir Volkes nicht vergessen; ja, wenige Männer gibt es, bei denen die beiden Reihen ihrer Thätigkeitseutfaltung, das Wirken für die Gesamnitinenschhcit und das Wirken für ihre jüdische Siammesgeuossenschaft, einander so vielfach decken. Darum verdient Lazarus den Dank und die Verehrung des gesammten jüdischen Volkes, darum ist b'c Ausbreitung der Kenntnis der Ziele und Erfolge seiner Lebensarbeit nationale Pflicht. Wenn wir dem verehrten Manne erst heute unsere Huldigung entbieten, so hat dies lediglich seinen Grund in den schmerzlichen Ereignissen, die die Inden Oesterreichs in den letzten Wochen in Aufregung erhielten und einer Stimmung des Gemüthes für ruhige Betrachtung nicht günstig waren. Lazarus wurde geboren in Filehne, einem kleinen Städtchen in der Provinz Posen. Sein Vater, von dem er in seinen Schriften mit tiefer Pietät spricht, war ein Talmudgelehrter, der aber auch im praktischen Leben seinen Mann stellte; unser Philosoph, wie sein älterer Bruder, der spätere Rabbiner in Prenzlau und nachherige Director des jüdischtheologischen Seminars, Dr. L. Lazarus, widmeten sich von Jugend an dem Talmudstudium. Welcher Art die Umgebung war, in welcher er die ersten Eindrücke erhielt, welcher Geist die Atmosphäre erfüllte, in der oer Knabe aufwuchs und zum Denken erwachte, das hat Lazarus in dem Vorträge „Ans einer jüdischen Gemeinde vor fünfzig Jahren" anschaulich geschildert. Wie die Eindrücke der Jugend für seine spätere Geistesrichtuttg bestimmend wurden, das hat er bei dem Festcommcrs, den im Jahre 1897 die Jüdisch-akademische Lesehalle in Wien ihm zu Ehren veranstaltete, selbst erzählt. Er hat damals nicht nur in echt jüdischer Weise pietätvoll seiner Eltern gedacht, die als erhabene Vorbilder ihm während seines ganzen Lebensganges vorschwebten, sondern ganz speciell die Eindrücke hervorgehoben, die seit früher Kindheit in ihm wirksam, ihn zur Schaffung seines Lebenswerkes führten, zur Begründung der neuen Wissenschaft der „Völkerpsychologie". Wie das jüdische Kind oft in viel zarterem Alter als andere Kinder durch eine ranhe Wirklichkeit znm Denken wachgerüttelt wird und frühzeitig durch die Behandlung, die es erfährt, sich der Scheidnng der Menschen nach Cvnfessionen und Nassen bewusst wird und über deren Berechtigung nachzudenken beginnt, so hat Lazarus selbst die Wurzeln seiner Lebensarbeit in seine Jugend znrückverfolgt, die er in jenem kleinen Städtchen Pvsens verlebte, dessen Bewohnerschaft zu je einem Drittel ans evangelischen Deutschen, katholischen Polen und Juden bestand. Tie Unterschiede dieser drei Theile der Bewohnerschaft nach Sprache, Sitte und Gebräuchen regten frühzeitig zur vergleichenden Beobachtung an; die Erforschung der tieferen Zusammenhänge dieser Unterschiede, ihr Einfluss ans die gesummte culturelle und wirtschaftliche Lage jedes einzelnen dieser Theile waren Aufgaben, die sich frühzeitig dem Denken des künftigen Begründers der Völkerpsychologie darboten. Welcher Art die Gedankengänge wären, die den Schövfer dieser neuen Wissenschaft beseelten, aus welchen Motiven im tiefsten Innern seines Gemüthes seine Geistesschöpsnng hervorgieng, davon vermögen uns seine eigenen Worte eine Vorstellung zn geben: „Als charakteristisch für die Cultnr der neueren Zeiten, aber besonders unseres Jahrhunderts darf man das Bemühen ansehen, die Erde zn durchforschen, alle Länder und Leute kennen zu lernen. Vielleicht wird man künftig einmal bei Eintheilung der Geschichte in verschiedene Epochen als den Schluss der ersten das Jahr bezeichnen, in welchem auch der letzte Stamm des Menschengeschlechtes und der letzte Winkel seines Wohnhauses, der Erde, entdeckt ist. Dann werden die Menschen mit noch größerem Eifer der inneren Seite der Völkerkunde sich zuwenden; auch aus den Volkstheilen, welche gerade auf den höheren Stufen der Cultnr am meisten gemischt und von einander verschieden sind, wird die vft erstaunliche Unkenntnis verschwinden; sie werden einander besser erkennen und darum williger anerkennen. Denn jeder Theil wird selbst seine specisischen Vorzüge ohne apologetische Uebertreibnng und ohne Anmaßung darlegen, seine Fehler ohne Scheu und ohne Nachtheil bekennen dürfen; alle werden allen, die vergangenen Zeiten den späteren, znm Vorbild und zur Warnung dienen und einen erzieherischen Gewinn zur gegenseitigen Veredlung, also znm Heile des Ganzen daraus ziehen." Also als innere Völkerkunde stellt sich die Völkerpsychologie dar, bestimmt, der Menschheit das Verständnis ihrer selbst, ihrer verschiedenen gesellschaftlichvn Organisativilen und ihrer verschiedenen Entwicklungsstufen aufznschließen; dadurch wird diese Wissenschaft ganz vvn selbst die mächtigste Förderin gegenseitiger Verständigung und Duldung unter den verschiedenen Völkern. Erkenntnis des Thatsüchlichen einerseits, Förderung des sittlichen Fortschrittes der Menschheit andererseits, das sind die beiden unserem Denker vorschwebende» Ziele, wie sie sich auch in den

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