Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 34 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2 Wien. Freitag Jüdisches Volksblatt 6. Ocfcober 1809 Nr. 34 und den anderen Hauptstädten hätten, könnten unsere Handlungsangestellten betteln gehen. Das: Kauft nur bei S h r i st e n! der Deutschen und das : Jede m das Seine! der Slaveu bringt jüdische Gewerbetreibende und Gehilfen gleichmäßig ums Brot. Und die christlichen Consunwereine. die jetzt überall aus dem Boden wachsen, vernichten gleichmäßig die Existenz der jüdischen Geschäftsleute und ihrer Angestellten. Das nationale Interesse der Juden ist eine Freiheitsinteresse. das Interesse ihrer geistigen und materiellen Freiheit. Wie man uns alle Freiheiten raubt, nur w e i l wir Juden sind, können wir sie auch nur erlangen, t r o tzdem und weil nur Juden sind. Wir haben vorläufig nur eine einzige Interessengemeinschaft — unsere jüdische, nationale. Denn die Erkämpfung unserer nationalen Rechte verbürgt uns gleichzeitig die Erlangung unserer Menschenrechte, unsere Befreiung ans geistiger und ökononrischer Knechtschaft. Die „Welt" bringt in ihrer heutigen Nummer folgende Nachricht, für die wir ihr die Verantwortung überlassen müssen: Wie uns von vertrauenswürdiger Seite im letzten Augenblicke vor Schluß des Blattes mitgetheilt wird, steht in der Afsaire von Polna eine sensationelle Wendnrrg hervor. Die Schuldlosigkeit Hnlsner's dürfte sich, wenn unser Gewährsmann gut unterrichtet ist, schon in den nächsten Tagen mit zwingender Beweiskraft Herausstellen. Der Verdacht der Mordthäterschast bat sich in den letzten Tagen auf eine Spur gdlenkt, die man schon anfangs veefolgte, dann aber wieder anfgab. Näheres zu sagen sind wir in diesem Augenblicke nicht in der Lage. Wir erhalten folgende Zuschrift: G et i) a 28. September 18bg. Löbliche R e d a c t i o n! Ich bin nur ein schlichter Fleischhauermeister, der seit der jüngsten Kindheit neben und in diesem Gewerbe beschäftigt ist. Aber muthig genug fühle ich mich, es frei und laut in die Welt zu rufen, dass der Arzt P r o kes ch im Polnaer Processe die crasseste aller Unrichtigkeiten zur Wahrheit erheben wollte und erhob, indem er erklärte, der Leichnam der Hruza sei ganz blutleer anfgesnnden worden. Diese für die Jnstincte der rohen Masse gemünzte Unwahrheit will ich ein wenig vom Strahle der Wahrheit beleuchten lassen, indem ich zu einem, wenn auch etwas drastischen Vergleiche rücke. Geehrter Herr Redacteur! Es würde mich ungemein freuen, wenn ich Ihnen den augenscheinlichen Beweis für meine Behauptung erbringen könnte. Sie müssten mich mit Ihrem Besuche beehren, um vor Ihnen an zwei Rindern (Kühe oder Kälber) den klarsten und betreffendsten Beweis der P r o k e s ch'schen Unrichtigkeiten constatieren zu können. Die Hruza wurde durch 8 Hiebe in den Kopf betäubt, dann stranguliert, und endlich die Schlachtung vorgenommen. Nach drei Tagen wurde der Leichnam frisch und laut Sectionsbefund vollständig blutleer befunden. Um Gottes Herren Willen! Ist denn die ganze Commission mit Blindheit geschlagen gewesen? Oder wollte sie kein Blut studen? — Waren alle Sachverständigen an diesem, Oesterreich erniedrigenden Gerichtstage mundtodt gemacht? Blut war im Leichnam, im Herzen, in der Lunge, im Brust korbe; der Leichnationalen Chor der Polen hatte man ihn nicht mitsingen lassen, nicht in der Freiheitshymne der Menschheit. Aber die alten, hebräischen Grabgesänge ertönten dumpf und klagten, als man ihn versenkte, in den bleichen Schlaf. Er ist nur dreiundzwanzig Jahre alt geworden und sein Werk ist darum nicht reich. Es hat Verheißungen, deren Erfüllung der Tod vernichtete und ist wie der keusche Blütenschimmer einer Frühlingsnacht, auf den der Reif fiel. Makart und Matejko standen als Vorbilder vom Anfang seines Werdens bis zum jähen Schluss; es war ihm nicht Zeit gegeben, ihren Einfluss von sich zu streifen und eine eigens Sprache zu schaffen. Denn die Form musste zurücktreten vor den stürmischen Bekenntnissen, die wie ein Lavastrom, glühend und sengender Schauer voll, aus seiner Seele brachen. Das alte Lied war es verwunschener Harfen, die langvertraute Weise, von des Judenvolkes todestrauriger Sehnsucht und tausendjährigen Thränen, jenes dunkle Erbe stummer Seufzer und zerbrochener Wünsche, das durch Geschlechter von Vater auf Sohn übergeht. Die wenigen Bilder enthalten die ganze Tragödie des seelischen und äußeren Lebens. „Uriel Acosta und Judith", „Shylock und Jessita", Symbole sind sie nur, wie ihren Edelsten das Ringen d zum Verderben und ihren Machtvollsten die Persönlichkeit zur Selbstzerstörung wird, die „Betenden Juden" dagegen, wie ihr Dasein in Schmutz und Entbehrung zerrinnt, wenn sie starrsinnig an der Tradition hängen. Ein Fluch liegt eben über allem, was sie thun und unterlassen, ein Verhängnis bringt ihrem Streben den entgegengesetzten Erfolg, verrückt ihre Ziele und ändert ihnen die Werte. Sie möchten der Vergangenheit entftii.tKc, aber keine Zukunft öffnet sich ihnen, sie möchten vergessend ausruhen, immer jedoch rüttelt der Feind sie wach, ewig müssen sie wandern. Das wohl hat Gottlieb empfunden, da er sich zuletzt als Ahasver malte, das und noch ein tieferes, feine Entwürfe zu Christusbildern beweisen es. Ahnsvar darf ja beute feine Hütte an der Straße bauen, aber seelisch heimatlos ist er geworden. nam musste sogar durch und durch verblutet gewesen sein. Am Rinde kann ich es jedermann beweisen. Das Rind auf der Schlachtbank wird betäubt, ehe es geschlachtet wird. Diese Betäubung muss durch höchstens 3 Hiebe auf den Kopf erfolgt sein, denn schon mit dem erste n Hieb und dem dadurch herbeigeführten Shock tm Thiere stockt die Blutcireulation, beim zweiten und dritten Hieb bilden sich bereits Blutklumpen. Und wenn nur einige M i n u t e n vergehen, e h e d i e A b s ch l a ch f u n g erfolgt, dann wird jeder F l e i s ch e r b n r s ch e sagen, w e l ch e Mühe es k o st e t, das Stück blutleer zu bekam m e n. Und wenn man schon durch Treten und Pressen dem Blutabflusse behilflich gewesen ist, wenn mau schon das Stück an den Hinterfüßen aufgehängt hat, findet mau trotzdem beim Zertreiben im Herzen des Thieres, im Brustkörbe ganze Klumpen Blutes. Und nun erst, wenn die Betäubung ungeschickt ausgeführt und die Schlachtung zu spät erfolgte. Das muss man sehen — sich überzeugen! Die H ruza erhielt 8 Hiebe, d a n n erst ward stranguliert, gewehrt hat sie sich vielleicht auch, zum Schluffe die Abschlachtung und endlich wird ihr Leichnam blutleer gefunden. Was ist schon alles in unserem lieben Vaterlands möglich! — Prokef ch und Conforten dürfen sich so blamieren, aber an uns Juden ergeht die Mahnung, diesen traurigen Vorkommnissen besondere Beachtung zu widmen. Hochachtungsvoll Karl Fischer Fleischer und Selchernreister Diesen Brief haben wir unserem geschätzten Mitarbeiter Herrn Primarius Dr. S. Kornfeld zur fachmännischen Beurtheilung eingesandt. Wir erhielten daraufhin folgendes Schreiben: Löbliche Redaction! Den mir übersandten Brief habe ich mit großem Interesse gelesen. Der Schreiber desselben scheint mir den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Wie ich in meinem Artikel ansführte, ist das Sectionsprotokoll. soweit es in den Zeitungen vorliegt, höchst lückenhaft, so dass ihm gar keine Beweiskraft zuerkannt werden kann und hätte bei der Beurtheilung der durch den Halsschnitt verursachten Blutung darauf Rücksicht genommen werden müssen, dass der Blutkreislauf durch die vorher erfolgte Hirnerschütterung eine Aenderung erfahren hat. Besser als alle theoretischen Erwägungen wäre nun eine solche Demonstration ad oculos wirksam, zu welchem sich der Einsender des Briefes erbötig macht. Da könnte man sich am besten überzeugen, wie die Unterschiede in dem Herausströmen des Blutes aus der Halswunde sich geltend machen, je nachdem dem Halsschnitt eine Betäubung durch Hiebe auf dem Kopfe vorhergieng oder nicht und je nach der Größe des Zeitintervalles, der zwischen beiden Proceduren liegt. Man könnte »weiterhin den Einfluss der verschiedenen Methoden auf die Entblutung respective auf die Größe des im Körper zurückbleibenden Blutquantums durch eigene Anschauung erfahren. Dabei müsste man insbesondere auf den Blutgehalt der Lunge, auf den der Nnterleibsorgane und der großen Gefäße Rücksicht nehmen. Hochachtungsvoll Dr. S. Kornfeld. •* * Wir erhalten von einem angesehenen Advoeaten der Hauptstadt Galiziens nachfolgende Zuschrift: Lange war er von dem großen Entwicklungskampfe der Menschheit ausgeschlossen und als seine Fessel fiel, hat er sich lichthungrig auf alle Culturen gestürzt und sie gierig aufgesogen. Doch warm, ihrer zuviele, dass sie vereint eine reine Harmonie ergeben hätten, zu fremdartig und widersprechend war ihr Wesen, dass er mit ihnen verwachsen, Wurzel hätte fassen können in ihnen. Dem jubelnden Frohlocken folgte die Ernüchterung und ein neuer Typus ist erstanden, der Ahasver der Seele. Der will dankbar sein für die Geschenke der Völker, aber er hat es erfahren, dass er zu dem Tempel s e i n er Erlösung den eigenen Weg bauen muss. Eine Stimme ist in ihm laut geworden, die ihm die Richtung weist, und in stillen Nächten hört er die schwermüthigen Palmen des Jordanthales rauschen. Nicht das Land ist es, nachdem er verlangt. Seine Sehnsucht geht nach jenem Hohen, den er stolzer als irgend jemand wie einen Bruder umfangen, vor dem er demüthiger als ein Mönch niederknien darf, denn ihm ist Jesus von Nazareth nicht der Religionsstifter, der Messias des neuen Testamentes, der Gottessohn,^ sondern die vornehmste Blüte, der reifste Adel, die lichteste Größe des jüdischen Geifies, der letzte der Könige, deren Ahnherr David, der tänzerisch leichte Dichter uitb heiter klare Held war, durch dessen Verläugnung sein Volk in den jahrtausendsangen Todesschlaf versank und der wiederkommen muss, um es zur Freiheit zu wecken. Weit, weit ist es noch bis zu seiner Wiedergeburt, denn ein Erwachen zittert erst durch die Geister. Ist er aber in den Jünglingen lebendig geworden, sind sie gleich ihm lleberwinder der Leiden und Sieger in Kraft, dann hat die Stunde geschlagen, da man Ahasvar zu Grabe tragen und ein neues Geschlecht starker, froher Menschen aus den Plan treten wird. Vielleicht erinnern sich einmal die Befreiten jenes armen Malers, der ihr Glück nur ahnen durfte, vielleicht gedenken dann auch sie des Moritz G o t t l i e b. Breslau. llngo liaborl'eld. Mit Rücksicht auf die im gewöhnlichen Jnstanzenzuge befindliche „Polnaer Mordaffaire" und das damit böswilligerweise in Verbindung gebrachte „Blutrituale" wird es für Ihre Leser nicht ohne Interesse sein, zu erfahren, wie eine der wichtigsten ch r i st l i ch e n Religionsquellen über den Blutgenuss bei Juden denkt und wie der Apostol Paulus, der eigentliche Begründer des Heidenchristenthums seinen Schülern, die über die Beobachtung des „Gesetzes" seitens der Neubekehrten im Unklaren waren — das Verbot des Blutgenusses unter ausdrücklicher Hinweisung auf die Juden einschärft. Ich brauche nicht hinzuzufügen, dass den Juden der Genuss von Blut, sei es von Menschen oder Thieren, im Sinne der alttestamentarischen Vorschriften von jeher ein Gräuel war. So heißt es Apostelgeschichte, Capitel 15: „Darum urtheile ich, dass man die aus den Heiden, welche sich zu Gott bekehren, nicht beunruhige (19), sondern an sie schreibe, sich zu enthalten von der Befleckung durch Götzenbilder, von der Hurerei, vom Erstickten und vom Blute, denn Moses hat von allen Zeiten her in allen Städten solche, die ihn predigen in den Synagogen, wo er jeden Sabbath gelesen wird" (21). — Dazu die erläuternde Bemerkung von Dr. Josef Franz von Allioli, der die Heilige Schrift aus der Vulgata übersetzt und dessen Uebersetzung vom apostolischen Stuhle approbiert wurde. „Vom Genüsse des Fleisches erstickter Thiere oder vom Blute sollten sich die Christen ans Nachsicht für die Juden enthalten, die diesen Genuss für unerlaubt hielten". Später gab ihn die Kirche frei. — Warum? . . . gehört nicht hieher. Wahrscheinlich stieß dieses Verbot bei den Heiden auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Zur Bekräftigung obigen Verbotes heißt es in demselben Capitel 15 weiter: „Denn es hat dem heiligen Geiste und uns gefallen, Euch weiter keine Last (aus dem Gesetze) aufzulegen, als diese nothwendigen Stücke, dass ihr euch enthaltet von den Götzenopfern, vom Blute, dem Erstickten und von der Hurerei. Wenn ihr Euch davor bewahret, werdet Ihr wohl thun. Lebet wohl!" (28, 29). Was angesichts dessen die Agitation ( gegen das „koschere Schächten der Thiere" und die Insinuation des Blutrituales bedeutet, braucht nicht des Näheren auseinandergesetzt zu werden. Menschen jeglicher Confession und guten Glaubens wissen ohnehin, was sie davon zu halten haben. Dr. Kleiner. * Protest der Cultusgemeinde Floridsdorf. Der Vorstand der hiesigen Cultusgemeinde hat nachstehenden Protest zum Beschluss erhoben: Ausschuss und Rabbinat der israelitischen Bezirks-Cnltusgemeinde in Floridsdorf beschlossen in der am 28. September l. I. abgehaltenen Sitzung, energischen Protest zu erheben gegen den Versuch judenfeindlicher Blätter, den Mädchenmord in Polna als sogenannten „Ritnalmord" hinzustellen und sprachen gleichzeitig die Erwartung ans, dass sowohl die hohe Regierung, als auch die k. k. Behörden es nicht unterlassen werden, die israelitische Religion, die Mutter aller anderen monotheistischen Bekenntnisse, vor dem Vorwurfe des Cannibalismus zu beschützen. * Protest der Cultusgemeinde Wr.-Neuftadt. Der Vorstand der hiesigen Cultusgemeinde hat nachstehenden Protest an die betheiligten Ministerien und an die Statthalterei gerichtet: „Euer Excellenz! Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde Wr. Neustadt hat in seiner Plenarsitzung am 27. September a. c. einstimmig den Beschluss gefasst, sich dem Vorstande und Nabbinate der israelitischen Cultusgemeinde Wien aus Anlass des in Kuttenberg über den Mord in Polna durchgeführten Strafproceffes erhobenen und Eurer Excellenz bereits überreichten Protestes voll und ganz anzuschließen. Indem der in Ehrerbietung gefertigte Vorstand diesen Beschluss Eurer Excellenz hiermit zur Kenntnis bringt, bittet derselbe um kräftigen, gesetzlichen Schutz gegen die die Sicherheit von Leben und Eigenthum unserer Glaubensgenossen höchst gefährdende Verbreitung und Anwendung der den Juden angedichteten Blutbeschuldigung, welche unseren Religionssatzungen, unserer Geschichte und unserem Charakter grell widerspricht und welche von Päpsten, Kirchenvätern und anderen Säulen der katholischen Kirche bereits unzähligemale widerlegt und verdammt wurden." .... * Protest der Cultusgemeinde Czernowitz. Der Vorstand der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde hat den einstimmigen Beschluss gefasst, dem Ministerpräsidenten. dem Justizminister, dem Cultusminister . und dem Landespräsidenten nachfolgenden Protest zu überreichen : „Wir protestieren hiermit ans das feierlichste und entschiedenste gegen die von antisemitischer Seite in den Polnaer Process hineingetragene tendenziöse Beschuldigung, dass das Judenthum oder eine jüdische Secte den Ritualmord oder den rituellen Gebrauch von Menschenblut lehre oder übe, oder jemals gelehrt oder geübt habe. Wir hegen zwar das volle Vertrauen, dass die österreichische Regierung die uns als staatlich anerkannte Confession zustehenden Rechte auch gegenüber dieser allerschändlichsten Verleumdung, welcher noch vor wenigen Jahren in China Hunderte von Christen zum Opfer gefallen sind, wahren werde. Unser Vertrauen in die Maßnahmen der Negierung kann uns jedoch nicht hindern, unserer Empörung über die unserer altehrwürdigen Religion zugefügte Schmach Ausdruck zu geben. Wir haben geschwiegen, so lange man nur die materiellen Interessen unserer Glaubensgenossen durch Verdächtigungen und Verleumdungen zu schädigen MM WM ii -MN