Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 34 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ganzjährig.fl. 4.50 Halbjährig ....... fl. 53.25 Vierteljährig.fl. 115 Ur. 34 Wien, 6. Oktober 1809. I. Jahrgang. Zum Parteitag der österreichischen Socialdemokratie. i. Von Sonntag, den 24. September, bis einschließlich Freitag, den 20. September, hat in B r ü n u der Parteitag der österreichischen Socialdemokratie getagt. Die zweifellos wichtigste Frage, über die der Parte'itag'schlüssig werden musste, war Punkt 4 der Tagesordnung: Die internationale Socialdemokratie u n d d e r N ati o n a l it n t e n st r e i t in Oest erre i ch. Nach langer Debatte und nach Rückweisnng des Antrages der Gesammtexecutive an eine Commission nahm der Parteitag nachstehende Resolution zu diesem Punkte an: Da die nationalen Wirren in Oesterreich jeden politischen Fortschritt und jede culturelle Entwicklung der Völker lähmen, da diese Wirren in erster Linie auf die politische Rückständigkeit unserer öffentlichen Einrichtungen zurückzuführen sind und da insbesondere die Fortführung des nationalen Streites eines jener Mittel ist, durch die die herrschenden Classen sich ihre Herrschaft sichern und die wirklichen Volksinteressen an jeder kräftigen Aeußernng hindern, erklärt der Parteitag: Die endliche Siegelung der Nationalitäten- und Sprachenfrage in Oesterreich im Sinne des gleichen Rechtes und der Gleichberechtigung und Vernunft ist vor allem eine culturelle Forderung, daher im Lebensinteresse des Proletariats gelegen; sie ist nur möglich in einem wahrhaft demokratischen Gemeinwesen, das auf das allgemeine, gleiche und oirecte Wahlrecht gegründet ist, in dem alle feudalen Privilegien im Staate und in den Ländern beseitigt sind, denn erst in einem solchen Gemeinwesen können die arbeitenden Classen, die in Wahrheit die den Staat und die Gesellschaft erhaltenden Eleniente sind, zu Worte kommen.; die Pflege und Entwicklung der nationalen Eigenart aller Völker in Oesterreich ist nur möglich auf der Grundlage des gleichen Rechtes und unter Vermeidung jeder Unterdrückung, daher muss vor allem anderen jeder bureaukratisch-staatliche Centralismus ebenso wie die feudalen Privilegien der Länder perhorresciert werden. Unter diesen Voraussetzungen, aber auch nur unter diesen wird es möglich sein, in Oesterreich an Stelle des nationalen Haders nationale Ordnung zu setzen, und zwar unter Anerkennung folgender leitender Grundsätze: 1. Oesterreich ist umzubilden in einen demokratischen Nationalitätenbuttdesstaat. 2. An Stelle der historischen Kronländer werden national abgegrenzte Selbstverwaltungskörper gebildet, deren Gesetzgebung und Verwaltung durch Stationalkammern, gewählt auf Grund des allgemeinen, gleichen und direeten Wahlrechtes, besorgt wird. In memoriam.... Nun sind es zwanzig Jahre, dass er tobt ist. Mo ritzGottlieb hat er geheißen. Sein Name ist verflogen w ie ein welkes Blatt, oder geht, von anderen getragen, als Scheidemünze um. Nennt man ihn aber'in einem Kreise polnischer Maler, dann hört man, wie viel Hoffnungen sich an ihn knüpften und mit ihm erloschen sind. Sie sprechen gerne von ihm, und was sie erzählen, klingt. wi e das Märchen von dem cnmen Judenknaben, der mit leuchtenden Augen über die grauen Ghettomauern hinausträumte in die schöne Welt. 'Zu eng schien ihm die Gasse, in der seine Vorfahren zufrieden gegangen, zu dunkel die Stuben, darin seine Schwestern saßen und still das weiße Linnen spannen. Von draußen nahten lockende Bilder in berückendem Spiel, und einen Neigen fiebernder Wünsche schickte ihnen seine Sehnsucht entgegen. Eines Morgens zog er fort, durch das vergitterte, knarrende Thor, in das Leben hinaus. Sonne lag auf allen Wegen, Jubel schwang sich durch die Lüste, Heiterkeit und Stärke führten die Menschen an der Hand. Und er sank auf die Knie, von soviel Schönheit begnadet und überwältigt. Schwärmerischer Dankbarkeit voll, wollte er sich allem hingeben, ein Sohn werden jener tiefen, seligen Unendlichkeit. Als er aber zu den Jünglingen trat, verschlossen sie sich ihm, als er den Liedern der Mädchen lauschen wollte, verstummten sie. Da füllte wühlendes Weh sein Herz, denn er erkannte, dass er hier ein Fremdling war, und plötzlich sah er die verhärmten, segnenden Hände der Mutter und hörte des Vaters zürnend gütiges Wort. Die verlassene Heimat meldete sich wieder. Noch hielt ihn ein schmerzlicher Trotz von ihr fern, doch durch sein Wachen und Träumen gieng nun sein Volk und dessen trübe Leiden. Er irrte von Stadt zu Stadt, wunderte von Land zu Land, begann zu sterben, und immer lauter und zwingender Sämmtliche Selbstverwaltungsgebiete einer und derselben Nation bilden zusammen einen national einheitlichen Verband, der seine nationalen Angelegenheiten völlig autonom besorgt. 4. Das Recht der nationalen Minderheiten wird durch ein eigenes, vom Reichsparlament zu beschließendes Gesetz gewahrt. f>. Wir anerkennen kein nationales Vorrecht, verwerfen daher die Forderung einer Staatssprache; wie weit eine Vermittlungssprache nöthig ist, wird ein Reichsparlament bestimmen. Der Parteitag als das Organ der internationalen Socialdemokratie in Oesterreich spricht die Ueberzeugung aus, dass auf Grundlage dieser leitenden Sätze eine Verständigung der Völker möglich ist: e r e r k l ä r t f e i e r l i ch, d a s s e r d a s Recht jeder Nationalität auf nationale Existenz und nationale Entwicklung anerkennt, dass aber die Völker jeden Fortschritt ihrer Cultur nur in enger Solidarität miteinander, nicht im kleinlichen Streit gegeneinander erringen können, dass insbesondere die Arbeiterclasse aller Zungen im Interesse jeder einzelnen Nation wie im Interesse der Gesammtheit an der internationalen Kampfgenossenschaft und Verbrüderung festhält und ihren politischen und gewerkschaftlichen Kampf in einheitlicher Geschlossenheit führen muss. Das Nationalitäten - Programm der socialdemokratischen Partei ist ein Maximal-Programm, ausgestellt nach der alten Devise: Je mehr man erstrebt desto mehr erreicht man. Ob und inwieweit dieses Programm durchgeführt werden kann, wissen wir nicht. Es ist uns vorläufig gleickgiltig, Wir haben uns bloß zu fragen, welche Resultate sich daraus für uns Juden ergeben. Ein nicht geringer Theil der österreichischen Judenschaft steht heute im socialdemokratischen Lager. Und diese Juden haben jederzeit und allerorten die national-gesinnte Judenschaft am härtesten und heftig,ttn angegriffen. Sie waren es, die die Judenschaft stets mit ihrem leeren Gewäsche vom falschen Internationalismus zu betäuben und einzuschläfern suchten. Sie waren es, die immer schrieen: Wir Juden sind kein Volk. Es gibt keine nationale Interessengemeinschaft. Es gibt nur eine Interessengemeinschaft, das Classeninteresse. Sie haben sich niemals als Angehörige des jüdischen Volles fühlen wollen, sondern immer nur als Angehörige des arbeitenden Volkes. Jetzt aber hat ihnen die socialdemokratische Partei selbst mit einem Schlage den Boden entzogen. Denn der Brünner Parteitag hat feierlich erklärt, dass er das Recht jeder Nationalität auf nationale E x i st e n z und nationale Entwicklung anerkenne. Er hat damit documentiert, dass es auch eine andere Interessengemeinschaft gäbe, als lediglich die der Classe — nämlich die nationale, die Interessengemeinschaft, welche alle Menschen haben, die forderte ihn das Ghetto zurück. Eines Abends kehrte er heim. Vorüber war der falsche Traum und ehe sein Auge sich schloss, blickte er noch einmal in die enge Gasse, in der seine Vorfahren zufrieden gegangen, noch einmal in bie dunklen Stuben, wo seine Schwestern saßen und weinend das Todtenhemd spannen. Moritz Gottlieb war Maler, und das bange Märchen enthält seine traurige Geschichte. Zu einer Zeit schon, da noch die Gefährten seiner Kindheit in den Bannkreis feierlicher geheimnisvoller Schriftzeichen gezwungen und von der Wirklichkeit fort in uralt erstarrter Weisheit eingesührt wurden, erwachte in ihm das Leben, der Sinn für Form und Farbe. Das bildnerische Talent ist selten bei den Juden und den Frommen unter ihnen überdies ein Gräuel. So wurde der Weg zur Kunst dem Knaben auch ein Weg aus seinem Volke. Er gieng in eine Zeichenschule nach Lemberg und einige Jahre darauf in die Akademie nach. Wien. Das war 1872. Ein berauschender Glanz muss damals über den Tagen gestammt haben, denn M a k a r t war ihrer Feste König. Aber die Frauen lächelten bestrickender, die Blumen dufteten schwüler, melodischer klangen die Walzer dem suchenden Träumer, den die jagende Großstadt beseligend verwirrte. Trunken hielt er den Becher der Freuden an die durstigen Lippen, und unter den Träumen, die ihm der starke Wein schenkte, stieg auch der blendende Wahn einer Heimat auf. Vor Matejkos großem Bild der kaiserlichen Galerie reifte in ihm der Entschluss, seine junge Kraft in den Dienst der vaterländischen Erde zu stellen. Bald hatte er ihn verwirklicht und hoffte in Krakau, zu Füßen des Meisters, an der Seite gleichgesinnter Freunde, Polens Ruhm und Fall in Farben künden zu dürfen. Doch er wurde zurückgestoßen, der sein Heiligstes mit reinen Händen darbringen wollte, man ließ ihn fühlen, dass er nur ein Jude sei. Es war die erste, bittere Enttäuschung. Wie ein verwundetes Thier zuckte er auf und floh, weit über die eine gemeinsame Abstammung, eine gemeinsame und eine gemeinsame Cultur besitzen, mögen Classe immer angehören. Und der Parteitag erklärt, dass diese Interessengemeinschaft, die stark genug sein kann, um alle Classen eines einem gemeinsamen Kampfe, zu einer geschlossenen? zu einigen. Wie wollen denn nun die Juden socialdemokratischen Partei, denen ihre Nation auf Nase geschrieben steht, ihre Stellung vertheidigen? Wohl meint die socialdemokratische Partei, dass „die Interessengemeinschaft der Arbeiterclassen verschiedener Nation stärker ist als die Interessengemeinschaft verschiedener Classen derselben Nation"*). Aber wenn dieser Satz überall seine Giltigkeit hat - hat er sie gewiss nicht. Wir Juden Zeit nur e i n Interesse — unser nationale Interessengemeinschaft anderen und muss uns zu einem machen. Denn unsere nationalen sich auch mit unseren geistigen und bei uns Juden haben auf absehbare nationales. Unsere überwiegt alle geschlossenen Körper Interessen decken materielle n. Denn nur, wenn wir Juden unsere nationalen Interessen wahren, fördern wir auch unsere moralischen und ökonomischen, nur wenn wir unsere nationale Freiheit erlangen, sorgen wir auch für unsere geistige und wirtschaftliche Wohlfahrt! Werden wir etwa öffentlich verhöhnt, beschimpft, beschnultzt, weil wir Advocaten, Aerzte, Kaufleute sind? Nein! Nur weil wir Juden sind. Und trifft die Verhöhnung nicht alle Juden gleichmäßig, welcher Classe sie auch immer angehören? Leiden nicht s ä m m t l i ch e Juden gleichmäßig unter der gesellschaftlichen Aechtnna, die nur deshalb von allen Nationen über sie verhängt wird, weil sie Juden sind? Und wird nicht das geistige Interesse, das wir an den Freiheitsbestrebungen der anderen Völker haben, als Lug und Trug hingestellt, als leere Spiegelfechterei nur deshalb, weil wir Juden sind? Und wird dieser Vorwurf nicht gleichmäßig allen Juden gemacht, vom armen Hausierer bis zum socialdemokratischen jüdischen Doctor? Und ferner! Werden nicht unsere ökonomischen Interessen ebenso geschädigt, nur, weil wir Juden sind? Warum versperrt man uns die Beamtencarriöre, die den Angehörigen aller anderen Nationen offen steht? Wenn wir nicht so viele jüdische Geschäftsleute in Wien *) Siehe „Arbeiter-Zeitung" vom 19. September: Die Nationalitätenfrage und der Brünner Parteitag. engen Grenzen des heimatlichen Bezirkes, nach München. Wo aus allen Ländern die Maler zusammenströmten, und in den verschiedensten Sprachen von der Kunst geredet wurde, glaubte er vergessen zu können, dass er den Anschluss an eine einzelne Nation gesucht und verschmäht worden war. Die ganze Welt sollte fortan sein Vaterland sein und alle Menschen seine Brüder. Einem Freunde hat er es geschrieben: „In der Malerschule, umgeben von den Wundern der Kunst, berauscht und betäubt vom feurigen Tranke eines jugendlichen Willens, dachte ich gar nicht mehr daran, dass ich Jude bin, ich hielt alle Schranken für gefallen, fühlte mich frei, als Gotteskind, als Bruder der ganzen menschlichen Gemeinschaft." Aber nur kurz war oer Rausch des Weltbürgerthums und furchtbar das Erwachen. Ein Studiengenosse, mit dem er in Streit gerieth, warf es ihm vor, „dass er Paria sei, ein elender Wurm, den jeder, wenn es ihm beliebt, zertreten kann, der dankbar sein sollte, dass man ihm erlaubt, im Staube zu kriechen," Da schwanden alle Hoffnungen, und mit der Scham darüber, dass er^ um fremde Liebe gebettelt, bäumte sich ein herrlicher Stolz um sein leidgeweihtes Schicksal in ihm aus. In seine Einsamkeit rannen Visionen von seines Volkes düster glorreicher Vergangenheit und armer Gegenwart, und er hielt sie fest in den Bildern. Er kam nach Rom, und ewig schien ihm an der heiligelt Stadl nur die Kunst mld die Mürtyrerkrone des Judenthums. Was jene erlauchten Meister in holdem Glück geschaffen, prangte noch immer in ungeminderter Schönheit,'und der blutende Schmerz, den seine Vorfahren empfunden, als sie vor Jahrhunderten zur Lust der Menge über den Rennplatz gepeitscht wurden, zitterte ungeschwächt in dem spätgeborenen Enkel nach. Tiefes Heimweh überfiel ihn, das schluchzende Verlangen des verlassenen Kindes nach der Mutter. Es war die Ahnung des frühen Todes. Er eilte nachhause und wenige Zeit darauf starb er. Im ■UH -V:: ELMU