Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 33 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdische« Volksblattj 29. September 1899 Nr. 33 mit Erhaltung des Friedens schlossen sich dem gewöhnlichen Sabbathgottesdienste an. Es ist sehr bemerkenswert, dass, obwohl die Inden unter der allgemeinen wirtschaftlichen Depression in Transvaal sehr leiden, kein Jude die öffentlichen Unterskütznngscassen in Anspruch genommen hat. Freilich sind die jüdischen Vereine und Hilfscassen ans das äußerste angespannt worden. — In Capstadt besteht seit einiger Zeit eine jüdische Volksschule, die von der Regierung kräftig unterstützt wird. Zn ihrem Etat von rund 25.000 Mark leistet dieselbe einen Zuschuss von O10O Mark. Die Natimml-Oekonomie des Judenthums. Von Dr. E. H. Vlll. Meine jüngsten Ausführungen sollen nicht den Schein erwecken, als ob ich der Persönlichkeit Salomos die Weisheit absprechen wollte. Im Gegentheile, ich erinnere nur an die seinerzeit citierte, von tiefster Erkenntnis zeugende Bitte, die aus dem Munde dieses Königs stammt: „Abgötterei und Lügen lass ferne von mir sein; A r m u t h und R e i cht h u m gib mir nicht, sondern lass mich mein bescheidenes Theil Speise nehmen. Ich könnte sonst, wenn ich übersättigt würde, verleugnen und sprechen: Wo ist der Herr? Oder wenn ich zu arm würde, könnte ich stehlen und mich vergehen gegen den Namen nieines Gottes" (Sprüche Salomos, 30. Cap. 8—9). In diesen Worten liegt die wahre Weisheit, die einzig richtige, socialpolitische Ueberzengung, das wirtschaftliche Glaubensbekenntnis des Mittelstandes, wie es Moses gepredigt und wie es das jüdische Volk stark und glücklich geniacht hatte. Und nun ward es schnöde verleugnet von demjenigen, der es wohl in die schönsten, in ihrer schlichten Wahrheit ergreifenden Worte zu kleiden wusste, aber nicht gewillt war, es praktisch zu bethätigen! Hält man das, was Salomo in seinem Spruche sagt, dem entgegen, was er wirklich g e t h a n hat, dann kann man nicht anders als der Ansicht Ausdruck geben, er sei auch einer derjenigen gewesen, welche Wasser predigen und Wein trinken. Die Verantwortung, die er mit sich ins Grab nahm, war eine riesige. Dass er wie sein Vater ein wenig Großmacht gespielt und sich dadurch mit Rücksicht auf die thatsächlich vorhandenen Machtmittel allzusehr exponiert hatte — das hätte die Folgezeit durch eine gründliche Ernüchterung wieder wettmachen können, das Uebel hätte sich sanieren lassen, wofern man nur wieder von dem Wahne zurückkam, als könnte Israel eine der ersten Geigen im politischen Concerte der damaligen Welt spielen, und wenn man sich wieder auf sich selbst zurückgezogen, die eigene Wohlfahrt unverrückt im Auge behalten, keine Eroberungspolitik getrieben Härte und die in jeder Beziehung kostspieligen intimem Verbindungen mit ausländischen Fürstenhöfen abgebrochen worden wären. Doch die salomonische Wirtschaftspolitik hatte das innerste Mark des Volkes angegriffen. Wurde der israelitische Landwirt nicht durch die schier unerschwinglichen Steuern und Frohndienste zugrunde gerichtet, so besorgten dies ganz unfehlbar die einheimischen und fremden Getreide- Händler und Gelddarleiher. Der bäuerliche Mittelstand, auf welchen das ganze mosaische Staatswesen zugeschnitten war, war ruiniert, die Großkaufleute und die Capitalisten, die ihr Geld auf Wucherzinsen verliehen, waren die herrschende Classe geworden. Die Kraft des Volkes, welches ein halbes Jahrtausend hindurch allen äußeren Feinden getrotzt und dabei im Innern Wohlstand und Zufriedenheit hervorgerufen hatte, war gebrochen. Der Staat war dem unvermeidlicheu politischen und wirtschaftlichen Ruine preisgegeben, wenn nicht von innen heraus eine Regeneration erfolgte, wenn man sich in den leitenden Kreisen des jüdischen Staates — beziehungsweise der beiden, nach Salomos Tode entstandenen Theilstaaten — entschloss, entschieden und für immer zu den Gesetzen Moses' zurückzukehre». Diejenigen, die es übernahmen, jene Regeneration anzuregen und unermüdlich darauf hinzuweisen, dass die eingeschlagenen Wege der Wirtschaftspolitik in Israel durchaus verfehlte seien, dagegen die ursprüngliche mosaische angestrebt werden müsse, waren die Propheten. Eine kleine Auslese aus den von echter Begeisterung und edlem Streben dictierten Mahnungen dieser Männer wirft ein grelles Schlaglicht auf die Zustände des damaligen Judenthums. I e s a i a sagt: „Was soll mir die Menge Eurer Opfer? spricht der Herr. . . . Lernet Gutes thnn, trachtet nach Recht, helft dem Unterdrückten, verschaffet den W a i s e n i h r R e ch t u n d nehmt Euch der Sache der Witwe an! D ei n e F ü r st en s i n d A b t r ü n u i g e u n d D i eb §* gesellen, sie nehmen gerne Geschenke und trachten nach Gaben; der Waise schaffen sie nicht Recht und der Witwe Sache kommt nicht vor sie. Sie treiben es ärger denn die Orientalen und sind Tagediebe .... Ihr Land ist v o l l G o l d und Silber und ihrer Schätze ist kein Ende, ihr Land ist voll Rosse und ihre Wagen sind unzählig. Kinder sind Führer meines Volkes, und Weiber herrschen über sie . . . M e i n V o l k, Deine Tröster verführen D i ch u nd zerstören den Weg, den Du gehen s o l l st. .. Und der Herr kommt zum Gericht mit den Aeltesten seines Volkes und mit dessen Fürsten. D e n n I h r habt den Weinberg verderbt und der Raub der Armenist in EuremHause. Warum zertretet Ihr mein Volk und vernichtet die Person der Unglücklichen? spricht der Herr. Die Leiter dieses Volkes sind Verführer, und die sich leiten lassen sind verloren. „Hört Ihr," ruft der Prophet A m o s, „die ihr die Armen unterdrückt und die Unglücklichen im Lande verderbt und sprecht: Wann will denn der Neumond ein Ende haben, dass wir Getreide verkaufen können, und der Sabbath, dass wir Korn feil haben mögen und den Epha riugern, Seckel steigern und die Wage fälschen, auf dass wir die Armen durch Geld und die Dürftigen um ein Paar Schuhe nnterkriegen und Spreu für Korn verkaufen?'' Ein nettes Programm, welches da den Betreffenden vorgehalten wird! Den Propheten Micha hören wir mit drastischen Worten gegen die Misswirtschaft wettern: „Wehe denen, die Schaden zuzufügen trachten und böse Tücken ersinnen auf ihrem Lager, damit sie sie des Morgens, wenn es hell wird, vollbringen, weil sie die Macht dazu haben. Sie reißen A e ck e r an sich und u e hme n Häuser weg, nach welchen ihnen gelüstet; also treiben sie Gewalt mit jedermanns Hause und mit jedermanns Erbe. Hört doch, Ihr Häupter im Hanse Jakobs und Ihr Fürsten im Hanse Israels, Ihr sollt es doch füglich sein, die das Recht kennen. Aber Ihr hasst das Gute und liebet das Schlimme; Ihr schindet ihnen die Haut ab und das Fleisch von ihren Beinen und verzehrt das Fleisch meines Volkes; und wenn Ihr ihnen die Haut abgezogen habt, zerbrecht Ihr ihnen noch die Beine und zerleget sie, wie in einem Topf oder in einem Kessel das Fleisch. Es ward Dir doch gesagt, Mensch, was gut i st und w a s d e r H e r r v o n D i r fordert, nämlich: Gottes Wort achten und Liebe üben und demüthig sein vor Gott! . . . Sollte ich unrichtige Wage und falsches Gewicht im Säckel billigen, durch welche Ihr Reichen viel Unrecht thut?" Dass diese Worte nicht alle ungehört verhallten, davon gibt die Thatsache Zeugnis, dass die Männer, welche es wagten, so zu sprechen, den herrschenden Kreisen namentlich im Reiche Israel — die Gestaltung der Dinge im Reiche Juda erfordert eine gesonderte Darstellung — sehr unbequem wurden. Mit ihren das Volk aufklärenden Reden brachten sie den Ausbeutern und Bedrängern desselben arge Verlegenheiten, und einer der genannten Propheten erzählt selbst folgende ungemein charakteristische Episode: „Und Amazia (König von Israel) sprach zu Amos: „Du, Seher, gehe weg und fliehe in das Land Juda und iss dort Dein Brot und weissage d a s e l b st!" Thatsächlich waren die Verhältnisse im Reiche Israel schon viel zu verlottert, als dass eine Selbstermannung, wie sie die Propheten im Geiste der mosaischen Einrichtungen forderten, noch hätte platzgreifen können. Namentlich der stete Contact mit Phönizien hatte durch eine blinde Nachäfferei das öffentliche Leben wie das private vergiftet und jede Regung nationaler Eigenthümlichkeit ertödtet. Zu der stets sich steigernden wirt- _2_ Weilchen wies Britzka auf das Paket: „Ich habe hier einiges Geschirr, wenn Ihr es brauchen könnt, sagt mir, wie viel Ihr dafür bietet". Salzmann, der ein hiver (Kenner) vieler Dinge ist, wie es einem Restaurateur zukommt, prüfte die Sachen, schätzte sie nach Art eines Sachverständigen und bot schließlich 30 Shilling. Da in diesem Augenblick einige andere Kunden seine Aufmerksamket von dem Handel ablenkten, verließ er seinen Freund. Wieder gierig die Thüre auf — vier, fünf — sechs Männer traten ein. Es war die Zeit des Gabelfrühstücks. Einer derselben, ein kleiner, schmächtiger, schwarzbärtiger, listig blickender Mann setzte sich neben Britzka und rief nach einem Glase Thee. Währenddessen schweiften seine schlauen Aeuglein rings um den Raum, betrachteten eine Ankündigung zu einem Ausflug, einen Musikautomaten, das Gabelfrühstück der anderen Leute, das deutsche Reclamebild für Lagerbier und fielen endlich auf Britzka und seine Ware. „Was habt Ihr da?" Britzka blickte ruhig auf, erzählte die Geschichte seines Missgeschicks und endigte mit der Thatsache, dass sein Freund Salzmann 30 Shilling für das Ganze geboten habe. Nirsky, Abraham Nirsky, lvar vom Schuhhandel und hatte keine besondere Veranlassung, Geschirr zu kaufen. Aber schließlich — Handel bleibt Handel, und jedenfalls war es gerathen, mehr als Salzmann zu bieten, dessen Verschmitztheit allgemein anerkannt war. So feilschte er denn und bot Britzka am Ende 33 Shilling für das Geschirr. Britzkas einfaches Gesicht war voll Erstaunen. „Nein, das thu ich nienials. Ich habe wohl noch nicht mein Wort gegeben, aber ohne Salzmanns Erlaubnis kann ich Euer Angebot nicht annehmen". Nirskys dünne Lippen kräuselten sich voll Verachtung. „Ich biete Euch 33 Shilling, das sind 3 Shilling mehr als Salzmann — ich denke, das ist gut genug für Euch und ich will Euch gleich Drangeld geben". Britzka schüttelte den Kopf: „Es hängt von Salzmann ab; ich habe nicht das Recht, Euer Anerbieten ohne seine Erlaubnis anzunehmen. Denn wir sind in seinem Haus und unser Gesetz sagt, dass niemand dazwischen treten dürfe, wenn zwei Männer mit einander handeln". „Aber Geld, Geld ist doch Geld," und Nirsky klingelte mit den Münzen in seiner Tasche. Als Antwort zog Britzka einen Beutel mit Goldmünzen hervor. „Das soll mich wieder nachhause bringen und mir helfen, ein neues Leben zu beginnen. Aber was ist Geld? Nichts — Gott, Glaube und Gesundheit — das sind die Dinge, die der Mensch wünschen soll". Indessen kehrte Salzmanu zurück und Britzka erklärte ihm die so plötzlich veränderte Situation. Da funkelten dessen Augen vor Zorn. Nein, er darf nicht zwischen mich und meinen Kauf treten, trotzdem dies ein Gasthaus ist, ein öffentlicher, allen zugänglicher Ort. Es ist nicht schön von Euch, Nirsky, 33 Shilling zu bieten. Jetzt gebe ich 32 Shilling 0 Pence. — 3 — „Ich biete 33 Shilling," gab Nirsky zurück. „Wenn die Ware mehr wert ist, so überbietet mich doch. Ich thue dabei noch eine Mitzwah, welche dem Manne hier zugute kommt". Salzniann antwortete in gereizten! Tone: „Es ist aber mein Kauf und ich schätze die Ware auf 32 Shilling 6 Pence". Da meinte Britzka in seiner ruhigen Weise: Ihr habt Recht und sollt die Sachen haben. Das Recht ist immer mehr wert als einige Shillinge". Trotzdem beharrte Nirsky hartnäckig auf seinem Anbot. „Nein," schrie Salzmanu, „hättet Ihr eine Mitzwah thun wollen, so hättet Ihr mindestens 10 Shilling mehr geboten, als ich. So gebürt mir die Ware". Seine Augen schweiften im Saal umher. Vier Männer, in East-London wohlbekannt wegen ihrer talmudischen Kenntnisse, saßen an einem Tische und schlürften ihren Thee. Rasch wandte er sich zu dem murrenden Nirsky und sagte gelassen: „Wir wollen den Streit B'Din Thora vortragen". „B'Din Thora?" fragte Nirsky. „Was meint Ihr damit?" „Hier sitzen vier Lamdonim," erklärte Salzmann. „Wir werden ihnen den Streit Vorträgen und sie sollen ihr B'Din Thora eutscheideu." Nirsky warf ein Auge auf das Geschirr. Doch musste er den Vorschlag annehmen, und so trugen die drei Männer die chinasilbernen Stücke zu dem Tische, an dem die vier Schriftgelehrten saßen. Von diesen war einer Chasan an einer Fast Fnci-Synagoge, ein junger Mann, ein Grünschnabel, aber mit einer machtvollen Stimme. Er hatte wohl ein Dutzend Zeugnisse über sein jüdisches Wissen. Der zweite war ein dicker Mann mit einem röthlichen Bart, der mit koscherer Butter handelte, ein Gelehrter auf dem Gebiete des jüdischen Gesetzes und der jüdischen Literatur. Von den beiden anderen war der eine bloß Schammvs, der andere Händler, aber auch sie hatten die Dinim in den Fingerspitzen. Britzka trug ihnen die Sache in einer Weise vor, als ob der so plötzlich geschaffene Gerichtshof eine Versammlung von Richtern wäre, gekleidet in die Majestät des Gesetzes und mit der Macht begabt, ihrem Urtheil auch wirklich Gehorsam zu verschaffen. Nirsky folgte; der Hauptpunkt seiner Klage war der Wunsch, eine gute That vollbringen zu wollen und der Anspruch, den er als Meistbietender auf die Ware hätte. Zuletzt sprach Salzmanu. Er war voll Kummer und Zorn. Britzka war sein Freund und Nirsky hatte nicht das Recht, dazwischen zu treten. Wenn er wirklich eine Mitzwah thnn wollte, so hätte er eine größere Summe bieten müssen. Doch wolle er sich der Entscheidung der Richter beugen, welche diese Sache B'Din Thora — d. h. in llebereinstimmung mit den von den Rabbis gegebenen Gesetzen — schlichten sollten. Die Gelehrten hörten ernsthaft zu. Sie hatten gerade über eine» feinen Unterschied im jüdischen Ritual debattiert; dies aber war ein Fall aus dem Leben und bot ihnen Gelegenheit zu einer gelehrten Auseinandersetzung. Sie schickten also Zeugen, Kläger und Vertheidiger fort und begannen ruhig den Fall zu beleuchten, bloß hie und da die Stimme zu einem