Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1899-09-29 · 33 (29.9.1899) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
33 (29.9.1899)
Date
1899-09-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2432764-2432797--0304-2433835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr, 33 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 29. September 1899 Seite 5 die Gesellschafter einen Fehlbetrag von 200.000 Francs entdeckten und von Guerin Rechenschaft forderten, zeigte sich dieser darüber so beleidigt, dass er ihnen seine Zeugen sandte, sie anfzuspießen drohte und das ganze Viertel gegen sie, die Juden und Prussiens, in Bewegung setzte. Diese schwiegen darauf still und gaben die Sache ans. Guerin fand zwei neue Dumme, machte 1888 Bankerott mit 370.000 Franc- Passiven und die Gläubiger erhielten 3 Percent. Bereits im November 1888 gründete Guerin eine neue Handelsgesellschaft mit 400.000 Francs Einlagen. Beim Jahresschluss verabredeten die Commanditäre mit G n 6 r i n eine Durchsicht der Bücher auf den 31. December. Allein in der Nacht vorher brach in den Bnreaux der Firma Feuer aus. das die Rechnungsbücher zerstörte. Die Polizei verhaftete Guerin wegen Verdachtes der Brandstiftung, ließ ihn aber auf Verwendung zweier Abgeordneter wieder los (!?). Die Versicherungsgesellschaft weigerte sich, eine Entschädigung zu zahlen, und Guerin zog es vor, nicht zu klagen. Die Firma machte am 26. September 1889 Bankerott ohne einen Centime Activum. Zwischendurch hatte er auch noch mit einem gewissen Bernhardt eine Firma gegründet für den Betrieb raffinierten Oeles, sie gieng scholl nach 6 Monaten in die Brüche mit einem Verlust von 150.000 Francs. Da lernte Guerin im August 1892 deu Antisemitenhäuptling Marquis de Mores kennen, der ihm einen jungen Mann namens R o b l i n zuführte. Dieser hatte gerade einen Theil seines Vermögens in die Hände bekommen, und so gründete Guerin mit ihm eine Gesellschaft für deu Verkauf von Mineralölen und Alkohol. Auch der Vater R oblins betheiligte sich an dem Geschäft mit 300.000 Frcs., als er aber auf Anstellung eines besonderen Rechenführers drang, jagte Guerin bald den ersten und noch vier andere Rechnuugssührer zum Teufel. Ein gerichtlich bestellter Bevollmächtigter wurde von Guerin bei dem Versuche, an die Bücher zu gehen, halbtodt geprügelt und zur Thür hinausgeworfen. Die schließliche Liquidation des Geschäftes war die Folge. R o b l i n klagte nun gegen Guerin wegen Betruges, Diebstahls und Hinterziehung socialen Vermögens. Die Staatsanwaltschaft machte dem Klüger aber so viel Schwierigkeiten und Einwände (!'?), dass er, der Sache überdrüisig, sie nicht weiter verfolgte. In ähnlicher Weise legte Guerin 1895 einen Kaufmann mit 450.00s) Francs hinein. 1896 machte Guerin zum lrtztenmale Bankerott. Dann warf er sich auf die Politik als Schildknappe D r n m o n t s. Am Tage der Kammer-Erösfllung im October v. I. schlug er einen Polizeikommissär mit dem Knüppel nieder; auf die Zeugenaussage seiner Freunde wurde er aber freigesprochen. Dresden. Die Wahl in Pirna ist noch nicht entschieden, da es zur Stichwahl kommt. Der Antisemit hat 10.650 Stimmen gegen 11.118 bei der Vorwahl, der Svcialdemokrat 11.570. gegen 10.007, der Freisinnige 1880 gegen 652. Die Stimmen der Antisemiten sind demnach, trotz der Unterstützung der Couservativen, Nationalliberalen und Agrarier um 500 zurückgegangen, die Socialdemokraten haben 1500, die Freisinnigen 1200 Stimmen gewonnen. Die Antisemiten haben sich wieder als die Vorfrucht der Socialdemokraten erwiesen, wie Caprivi gesagt hat. Die Stichwahl findet am Dienstag, den 26. September statt. Köln. Die »Kölnische Volkszeitnng", das größte Organ des Centrums, bringt eine sehr verständige Besprechung des Proeesses in Polna, in der auf die vielfachen Widersprüche in diesem Processverfahren hingewiesen wird. Zugleich bedauert die Zeitung das Wiederaustauchen des Ritualmordmärcüens, das nur zur Verwirrung der Situation dienen kann. Die Zeitung schreibt: Die Möglichkeit ist vorhanden, dass der bei vielen Völkern in den verschiedensten Formen begegnende Blutaberglauben, der Wahn, sich des menschlichen Blutes zu gewissen abergläubischen Zwecken bedienen zu können, den Schlüssel für die Mordthat in Polna bietet; aber unter allen Umständen ist es zu verurtheileu, wenn man ein derartiges Vorkommnis, wenn Juden daran betheiligt sind, zum Ritualmord im eigentlichen Sinne, zu einem grauenhaften Bestandtheil des mosaischen CultuS stempelt. Der unzähligemale gemachte Versuch, den Ritualmord als jüdische Institution nachzuweisen, ist ebenso oft gescheitert, und seit Jnnocenz IV. im dreizehnten Jahrhundert hat eine Reihe von Päpsten in feierlichen Kundgebungen die Blntbeschuldigung znrückgewiesen. Dass sie immer wieder anftaucht, beweist dagegen nichts, und jedenfalls bilden seit dem Mittelalter die Opfer wirklicher oder angeblicher Ritualmorde eine verschwindende Minderheit gegenüber der Zahl der Inden, die infolge der Blutbeschuldigung Opfer der Justiz oder der Bolkswuth geworden sind. Wer sich versucht fühlt, an die vielfach dunklen Gerichtsverhandlungen in Kuttenberg eine allgemeine Judenhetze anzuknüpfen, möge nicht vergessen, dass neben dem Worte: „Du sollst nicht tödten", das andere steht: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider Deinen Nächsten." London. Die lange erwartete Premiere des Theaterstückes aus dem jüdischen Leben, das hier vor einigen Tagen in dem Komley-Theater in Scene gieng, ist nun vorüber, aber sie dürfte weder das Publicum, weder den Autor befriedigt haben/ Das Stück hat einen vollkommenen Misserfolg gehabt und hat diesen Misserfolg auch vollkommen verdient, denn es entfernt sich in seiner Schilderung des jüdischen Lebens ebenso von der Wahrheit, wie die Charaktere, die in dem Stück eine Nolle spielen, in Wirklichkeit vollkommen unmöglich sind. Das Publicum lehnte denn auch mit großer Einhändigkeit das Stück ab, für das sich niemand erhob. New-Uork. Der Rev. Dr. Madison C. Peters hielt am 25. August eine große stark besuchte Versammlung in Asbury-Park ab. Er sprach über das Thema „Gerechtigkeit gegen die Juden" und schloss mit folgendem Appell an die anwesenden Christen: „Wir verurtheileu Frankreich wegen der widerlichen Verschwörung gegen Dreyfus, aber wir dürfen nicht vergessen, ebenso scharf darüber zu urtheilen, dass in Amerika es Männer und Frauen gibt, die sich weigern, in einem Hotel izn wohnen, in dem Juden sich aufhalten, Nachkömmlinge jenes Volkes, das der Welt ihren Erlöser gab." New-Nork. Für die jüdischen Einwanderer, welche während der jüdischen Feiertage im Hafen von New-Dork eintreffen, sind Vorkehrungen getroffen, damit dieselben nicht genöthigt sind, ihre Reise an den Feiertagen fortzusetzen. Für 400 Personen ist Koscher-Essen in Barge Office vorgesehen und es sind geeignete Räume hergerichtet, damit dort Gottesdienst gehalten werden kann. Cincinnati. Der berühmte Bildhauer Moses Ezekiel hat die Büste von Rev. Dr. Jsaac M. Myse vollendet, welche die Schüler dieses Gelehrten dem amerikanischen Rabbinerseminare geschenkt haben. Moses Ezekiel war eigens, um diese Büste zu arbeiten, von Rom, wo er sich gegenwärtig anfhält, nach Amerika gekommen und kehrt nach Vollendung seines Auftrages nach Rom zurück. Liverpool. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird unscre Stadt, die zweitgrößte des Reiches Großbritannien, im nächsten Jahre einen jüdischen Bürgermeister haben. Die conservative Majorität des Gemeinderathes hat die Candidatnr znm Lord- Mayor Mr. Louis S. Cohen angeboten und dieser den Antrag angenommen. Seine Wahl ist fast sicher. Johannesburg. Bei dem Kriege, der sich voraussichtlich bald hier entspinnen wird, ist es von Wichtigkeit, festznstellen, inwieweit die Ausländer, die in Transvaal leben, genöthigt sind, für den Staat der Buren gegen England zu kämpfen. Zwar hat der General Toubert, der Oberstcommandierende der Buren, eine Proclamation erlassen, in der er ankündigt, dass die Ausländer nicht zu den Waffen gerufen werden würden, allein diese Proclamation widerspricht dem Grundgesetze von Transvaal, wonach im Falle eines Krieges jeder in der Republik wohnende Weiße verpflichtet ist, in das Heer derselben einzutreten, mit Ausnahme der Engländer und Deutschen. Darnach sind alle russischen Juden, die hier wohnen, zwischen 16—60 Jahre dienstpflichtig, und da viele ehemalige Soldaten unter ihnen sind, so bilden sie keine unerhebliche Verstärkung der Buren. Die Sympathien der hiesigen jüdischen Bevölkerung sind übrigens getheilt, die große Zeitung „Standard ancl. Diggers News“, die in jüdischem Besitze ist und mit ihr die meisten russischen, rumänischen, holländischen rc. Juden, sympathisieren mit den Boers, die englischen Juden dagegen natürlich mit England und die geschickte Taktik der Zeitungen der englischen Partei, welche den seit Jahren gezeigten Antisemitismus in den letzten Monaten sorgsam verbargen, im Zusammenhänge mit dem ungeschickten Benehmen der Boers gegen Inden und Katholiken, hat den Engländern auch unter den nichtenglischen Juden viele Sympathien gewonnen. — In Pretoria ist von der Regierung ein Bußtag für die Buren eingesetzt worden und die jüdische Gemeinde ist diesem Beispiele gefolgt. Sonnabend, 26. August wurde als Bußtag gefeiert, und Rev. Jaffe schilderte in seiner .Predigt die Schrecknisse des Krieges recht eindringlich. Gebete — 4 — monotonen Sing-Sang erhebend, wenn sie aus dem Talmud eine auf die Sache bezügliche Stelle anführten, vier lange Stunden währte die Debatte. Denn das Urtheil musste unanfechtbar sein, und es war den Richtern weniger darum zu thun, eine Entscheidung zu treffen, als neue Gesichtspunkte zu entdecken und dieselben zu beweisen. Schließlich aber kamen sie doch zu Ende; sie hatten die wahre Natur der Sache heransgefunden, worauf der Chasan mit seinem kräftigen Tenor den Schluss zog, welchem die anderen beistimmten. Nun riefen sie Britzka, Nirsky und Salzmann herbei: Einer oder der andere, welcher der Disputation respectvoll gelauscht hatte, trat näher, um das Urtheil zu hören. Der Chasan erhob sich und sagte: Wir haben den Fall angehört, wir haben ihn von allen Seiten beleuchtet, wir haben ihn B'Din Thora entschieden, ln Uebereinstimmung mit den heiligen Gesetzen der Mischna und in Uebereinstimmung mit den Ansichten, die bezüglich derartiger Fälle von unseren Rabbis int Talmud niedergelegt wurden. Dies ist unser Urtheil: Ihr, Salzmann, habt Anrecht auf die Ware, wenn Ihr Britzka 36 Shilling bezahlt; Ihr Nirsky, habt ein Anrecht darauf, wenn Ihr 2 Pf. Sterling 6 Shilling dafür gebt. Salzmann ist berechtigt, als erster zu wählen. Salzmann erwiderte: Ich nehme die B'Din Thora gefällte Entscheidung an. Ich bin zufrieden und werde 36 Shilling für das Geschirr bezahlen". Darauf sagte Nirsky einfach: „Auch ich nehme das Urtheil an". Da schrieb Salzmann einen Check auf 36 Shilling, den Nirsky, um Britzka die Einlösung zu erleichtern, sofort bar auszahlte. Nachdem so das Urtheil gesprochen war, riefen die Richter nach Thee und die feindlichen Parteien schlürften vereint mit ihnen das heiße Getränk. Da der Sabbath nahte, erhoben sich endlich die Richter und das kleine Restaurant hatte aufgehört, ein Gerichtshof zu sein. Ende. Die Thora. Eine Ghettogeschichte von I. de HnaS. Es war an einem jüngst vergangenen Freitag. Das Restaurant hatte sein gewöhnliches Bormittagsaussehen und war fast leer. „Garge", der Kellner, haschte die Fliegen von den mit weißem Wachstuch bedeckten Tischen; Frau Salzmann saß hinter ihrem Schanktisch und maß die auf demselben aufgespeicherten Vorrüthe — gepökelte Heringe, Anchovis, Sardinen, Schüsseln von Kuchen und gefüllter Fische. Sie strickte; wenn ihr Auge auf die reichlich vorhandenen Speisen fiel, schien sie den Freitag Abend- oder einen Samstag-Kunden begrüßen zu wollen. Da öffnete sich die Thüre und ein Mann in mittleren Jahren, mit einem schönen, kindlich reinen Antlitz trat leichten Schrittes ein, legte ein Paket auf einen der Tische und verlangte ein kleines Glas Lager. Salzmann erkannte in dem Eingetretenen seinen alten Freund Isaak Britzka, erhob sich langsam von seinem Sitz am anderen Ende und begrüßte ihn mit besonderer Wärme. Britzka war peinlich nett und sorgfältig gekleidet und sprach den Jargon in seiner einfachsten Form. „Ah, Salzmann, man hat mich fast zugrunde gerichtet hier in London, in der großen Stadt, deren Treiben ich nicht begreife, und bevor auch mein letzter Kreuzer verschwunden ist, will ich heimkehren nach Galizien". Salzmann nickte, das war ein guter Plan. „Ja, ich gehe nachhause. Gelobt sei Gott, wenn ich auch Geld verloren habe, so habe ich doch meine Gesundheit und Kraft." Salzmann ließ sich in eine intime Besprechung der Geschäfte seines Freundes ein, die selbst sein Weib derart interessierte, dass sie hinter ihrem Tisch hervorkam, um an der Conversation theilzunehmen. Nach einem WH. ■m.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.