Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 32 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2432763-2432764-2432796--0296-2433826- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 32 Seite 8 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 22. September 1801) unheilvolle Verwirrung herrschte in den deutschen Tempelvereinen, deren Einfluss ja, wie verderblich er auch sein mochte, für die anderen nachstrebenden Gemeinden ein mächtiger war, und nichts ist somit begreiflicher, als der Gedanke, der angesichts solcher Verhältnisse auftauchen musste: eine Stätte zu schaffen, wo Rabbiner und Prediger ausgebildet und mit der Aufgabe entlassen werden sollten, in allen deutschen Gemeinden eine gleichmäßige und gesunde Reform auzubahnen. Alle Männer der Wissenschaft, die echt jüdisch fühlten, begrüßten diesen Gedanken und dessen endliche Verwirklichung mit aufrichtiger Begeisterung. Ist ja Samuel David Lnzzatto, gewiss der tadelloseste Charakter und liebenswürdigste Gelehrte, den die Mittheilungcu von dem Hamburger Tempel ebenso wie seinen älteren Freund Zunz mit Schauder erfüllten, selbst Rector eines solchen Rabbiuerscminars in Padua geworden, dem vorzügliche Rabbiner entstammten. Die leitenden Kräfte am Breslauer Seminar haben nicht minder zu den höchsten Hoffnungen berechtig, die sie auch zum Theile verwirklichten. Waren ja die ersten und vornehmsten Lehrer Männer wie Zacharias Frankl und Heinrich G r ä tz, vor denen sich alle böswilligen Nergler, wenn sie nicht an Selbstüberhebung leiden, in Demuth beugen müssen und sind ja viele ihrer Schüler auf allen Gebieten der jüdischen Wissenschaft Männer von unbestrittener Bedeutung. Der Grund, dass nicht alle Blüten dieses schönen Traumes reiften, ist nicht nur in manchen falschen Grundsätzen zu suchen, auf welchen das Seminar aufgebant wurde und zu jener Zeit hat aufgebaut werden müssen, sondern auch in manchen gleich darauf erfolgten oppositionellen Manifestationen, die zu der moralischen Schädigung des Breslauer Seminars viel beigetragen haben. Tie unwürdigen, fanatischen Umtriebe einiger Zeloten sollen gar nicht erörtert weiden, aber selbst die Unzufriedenheit eines Abraham Geiger, von dem sonst nur in tiefer Verehrung gesprochen werden darf, ist nicht zu rechtfertigen. Er forderte — was er selbst nicht gut ausdrückeu konnte, er verlangte zu jener Zeit bestimmte Formen für das, was er dunkel nur geahnt, was in seinem Geiste noch düster geschlummert, und b ewirkte mit seinen Angriffen die Entstehung anderer Institutionen, die nicht nur alle früheren Bemühungen Gr ätz' und F r a n k l s zunichte machen, sondern allen seinen Idealen Hohn sprechen und gerade das Gegentheil dessen an den Tag fördern, was er so heiß gewünscht und in allen seinen Schriften — wenn auch unklar — angestrcbt hat. Aus allem dem Gesagten folgt ergo, dass dem Breslauer Seminare in seiner ersten Entwicklungsphase die Bezeichnung „Rabbinerfabrik" nicht beigelegt werden durste, ferner, dass ein Rabbinerseminar seine moralische Existenzberechtigung im vorhinein hatte und aus hö chst dringenden Bedürfnissen herausgewachsen ist. Und endlich, dass ein Freicurs für sämmtliche jüdische Akademiker, wodurch man das Seminar in eine Hochschule für jüdische Wissenschaft umgestalten würde, der Aufgabe derselben schnurstraks zuwiderläuft. Ich meine jene erste Aufgabe n»S SlfcS K2H ^2 üb® b'im 82' Dtrn, dass eben nicht jeder Akademiker das Recht habe, die Kanzel eines Gotteshauses zu betreten, damit nicht jene alten Wirren, die in Hamburg, Berlin und anderen deutschen Städten herrschend waren, wieder einreißen. Freilich war bis vor wenigen Jahrzehnten jedem Juden gestattet, sein Rabbinerexamen zu machen, dieses Examen verlangte aber und verlangt noch imnier manche Kenntnisse, die bei vielen Akademikern, selbst solchen, die eine theologische Lehranstalt absolvieren, nicht voranszusetzen sind. Die weiteren, späteren Entwicklungsphase» der deutschen Seminare hier zu verfolgen, ist nun selbstverständlich überflüssig und wende ich mich daher, da der historische Hintergrund klar und offen vor uns liegt und eine Beurtheilung der jüngsten Gemcindeverhültnisse sowohl als der rabbinischen Bestrebungen leichter wacht, der letzten Frage zu: Ist die Anregung zur Begründung einer eigenen Rabbiner- A n st a l t in O e st e r r ei ch, auch hier aus den moralischen Bedürfnissen der Gemeinden h e r v o r g e g a n g e n? Die Juden in Croatien nnd Sianonien. In der letzten Nummer wendet sich der Karlstädter Rabbiner, Dr. Savro S ch w a r z, in einem längeren Schreiben gegen einen meiner Artikel unter obigem Titel. Ich will versuchen, so schwer es mir auch fällt, mit einem Manne, den ich persönlich hochachte, zu polemisieren, darauf einiges zu erwidern. Dr. Schwarz erwähnt gleich am Beginne, dass er erst durch meinen Artikel auf das „Jüdische Volksblatt" aufmerksam wurde und es kennen lernte. Hätte er es, gleich mir, seit seinem Bestehen aufmerksam verfolgt, so würde er mir nicht den Vorwurf machen, dass ich ein zu großes Feld in einem Artikel behandle. Das „Jüdische Volksblatt" behandelt die jetzigen Verhältnisse der Juden und in diesem Sinne schrieb ich auch nur einen Ueberblick über die Juden Croatiens, insoferne dies für unsere auswärtigen Glaubensgenossen von Interesse ist. Ich habe mich deshalb noch nicht, wie Dr. Schwarz befürchtet, erschöpft und halte mir frei, einzelne Punkte, die von allgemeinem Interesse sind, zu geneigter Zeit ausführlicher zu behandeln. Was die älteste Geschichte betrifft, so erwähne ich ausdrücklich, dass das Erwähnte durchaus nicht sicher ist. Uebrigens habe ich die erwähnten Angaben aus Schriften des größten croatischen Historikers, Domherr Dr. Racki entnommen. Ich erwähnte ausdrücklich, dass Josef II., der doch bekanntlich lange Zeit mit seiner Mutter regierte, den Juden den Aufenthalt in Croatien erlaubte. Weiters war es mir entschieden bekannt, dass es schon vor 1830 bei uns Juden gab. Doch das sind nur einzelne Fälle und der Beginn des jüdischen Gemeindelebens fällt erst um diese Zeit. *) Der Herr Einsender hat also hier gar keinen Grund gehabt, mir Ungenanigkeil vorzuwerfen. Doch er erräth sogar, dass ich einen Theil meiner Daten aus dem Union-Kalendergeschöpft habe. Da irrt sich Herr Dr. Schwarz vollkommen. Ich habe mir sie selbst zusammengestellt, mit theilweiser Benützung des amtlichen Schematismus, desgleichen für die Schulen. Dass es auch in Lndbray eine israelitische Schule gibt, entnahm ich dem Karlstädter (!!) Blatte „Skala". Der Gehalt des Religionsprofessors beträgt 1400 fl., denn, wie die Agramer Verhältnisse sind, muss er 6 Ueberstnnden leisten, wofür er Extrahonorar bekömrnt. Den Conenrs habe ich selbstverständlich gelesen, doch war es ja nicht meine Aufgabe, ihn abzuschreiben, sondern nur über Thatsachcn zu recherchieren. Dass kein Katechet ernannt wurde, wie ich schon damals als wahrscheinlich angab, wird doch auch Dr. Schwarz wissen. Herr Dr. S ch w a r z wirft mir weiter vor, dass ich nicht zwei Rabbiner ausdrücklich mit Namen nenne, die croatisch sprechen. Ich meine, Dr. Schwarz muss da eine Zeile in meinem Aufsatze übersprungen sein, denn ich erwähnte diese Thatsache, allerdings, ohne Namen ausdrücklich zu nennen. Desgleichen stammen die ersten gedruckten croatischen Reden unbestritten vom Obcrrabbiner Dr. I a c o b i. Auch die Geschichte der Inden, von Dr. Schwarz, war mir bekannt. Doch weshalb sollte ich sie erwähnen? Schrieb ich denn über die jüdisch-croatische Literatur? Auch andere, die ich nicht erwähnte, schrieben schon auf diesem Felde und doch wird sich kein anderer deshalb getroffen gefühlt haben. Was der Herr Einsender über die Kopreinitzer Wahl schreibt, verstehe ich einfach nicht. Er bringt da den Bericht in einem jüdischen Wochenblatte vor zwei Jahren mit meinem Artikel in Zusammenhang in einer Weise, dass es scheinen will, als ob ich der Verfasser desselben bin. Nun, ich kann darüber Herrn Dr. Schwarz beruhigen. Es würde zu weit führen, wollte ich noch weiter Doctor Schwarz in allen Kleinigkeiten folgen. Ich kann nur nicht meine Verwunderung unterdrücken, dass er lauter solche Nichtigkeiten erwähnt, die ja mit dem Hauptgedanken nicht in wichtigem Zusammenhänge stehen. Was meine Anonymität betrifft, so gilt ja allgemein der Grundsatz: Non quisT sed quid. Ein andermal möge Herr Dr. Schwarz in seinen Vorwürfen vorsichtiger sein und selbst, wenn ich in einer Kleinigkeit geirrt hätte. Nun: Irren ist menschlich. Für den warmen Appell am Schluffe übrigens meinen besten Dank und möge Herr Dr. Schwarz überzeugt sein, dass ich stets und in jeder Lage unentwegt an der jüdischen Sache festhalten werde. Mit glaubensgenossenschaftlichem Gruße L. 8. Agra nl, 10. September 1899. *) Vergl. Smiciklas. Povjest hratoslca, II. Band über beit Protest der croatischen Deputierten in Pressbnrg gegen die Einwanderung der Juden. und sagte „Lebewohl" einem Manne, den sie herzlich niemals geliebt und nur geachtet und geschätzt hatte, weil und solange er ihre Laun en und Extravaganzen zu befriedigen im Stande gewesen war. Selig wurde von seinen Freunden tief bedauert, denn sie alle wäre n überzeugt, dass die Trennung nicht seine Schuld sei. Einige verla ngten, er möge ihre guten Dienste annehmen, um die hochgehen den Wogen des häuslichen Zwistes zu glätten, aber alle Bemühu ngen erwiesen sich umsonst. Endlich kam auch der „Raw", und nach einer Predigt über die gegens eiligen Gattenpflichten, erhielt er von Selig die Erlaubnis, seinen Einfluss nach der beregten Richtung hin gebrauchen zu dürfen. Selig war durchaus nicht, was man so meint, ein frommer Mann, aber er erkannte dem „Raw" das Recht zu, in diese Sache hineinsprechen zu dürfen. Er gab ihm jedes nur denkbare Versprechen, im voraus überzeugt, dass alle Bemühungen erfolglos sein würden. Nachdem Rev. Rabinowitsch drei Tage sich abgemüht hatte, musste er zugestehen, dass seine Versuche umsonst waren, sagte aber gleichzeitig, dass Selig jeder Verantwortlichkeit und Schuld enthoben sei. Dadurch gewann dieser in noch höherem Maße die Sympathie seiner Freunde, er-'erschien in ihren Augen wie ein Märtyrer. Der „Raw" erklärte ihm, dass er sogar berechtigt sei, seiner Frau „Gett" zu geben, den er nöthigenfalls so billig wie irgend ein anderer „Raw" ausfertigen könne ... Mrs. Kaufmanns Abwesenheit schien keine zeitweise zu sein; Woche um Woche vergieng, aber sie verblieb im Hause ihres Bruders. Sie schien ihre Freunde "in New-Aork völlig vergessen, zu haben, und selbst Selig erhielt keine Antwort mehr auf seine Briefe, die er — gutartig, wie er war —■ immer noch an sie gerichtet hatte. Bald kam er zur Ueberzeugung, dass selbst ^ke. kleinere, becheidene Wohnung eine unnütze Ausgabe sei, denn die Hoffnung auf Rückkehr seiner Frau war völlig bei ihm geschwunden. Und so entschloss er sich denn endlich zum Verkaufe aller nichts absolut nöthigen Gegenstände und strich sich aus der Liste, der Haushaltungen. , Sara, die alle seine Vorkomnmisse mit dem Auge - einer treuen Freundin aufmerksam verfolgte, hatte Seligs letzten Schritt ganz gut vorausgesehen und ihre Vorbereitungen getroffen.-.Als er sie hiernach besuchte und bei seiner gewohnten Tasse Hhee.chon allem berichtet hatte, fragte er Sara, was sie ihm nun M thuni anrathen 'würde. —T- ■ ■ \ ■" Sie antwortete, dass bei ihr Platz genug sej, um noch einen Bewohner beherbergen zu können, und wenn er gewillt ffi/Hohnung bei ihr zu nehmen, sie gewiss alles aufbieten würde, es ihm so bequem wie nur möglich zu machen. Dadurch würde es ihr auch möglich sein, ihm alles das zurück zu vergüten, was er in früheren Jahren so reichlich ihr gegeben. Dass Selig dieses Anerbieten erwartet, ist kaum anzunehmen, dass er es aber sehr gewünscht, lässt sich nicht leugnen. Er lehnte — mehr der Form wegen — ab, aber Mrs. Fried - mann wollte davon nichts hören. Endlich gab er nach und kam so zu einer Wohnung, die er, ohne es beabsichtigt zu haben, selbst mit eingerichtet hatte. Zu Anfang der darauffolgenden Woche traf bei Sara der „Gett" ein, den anzunehmen sie sich bereit erklärt hatte und als sie ihn in Händen hatte, war sie frei, soweit es sich um das um das religiöse Band handelte. Es musste nur noch die Scheidung auch nach dem Landesgesetz vollzogen werden. Selig war ein aufmerksamer Beobachter. Nachdem er das Document genau durchgelesen und es' für richtig und gesetzmäßig gefunden, begab er sich zu seinem Freunde, den „Raw", um sich mit ihm zu berathen, und das Ende der langen Berathung war, dass Rev. Rabinowitsch sich hinsetzte, um einen ähnlichen Dienst seinem Freunde Selig Kaufmann zu leisten. Seine Frau machte keine Einwendungen zu einer Trennung, sie war, im Gegentheil, mehr als erfreut, aus Gründen, die ihr als vollberechtigt erschienen. Wieder allein und frei, und gewitzigt durch das was in seiner ersten Ehe vorgekommen, steuerte Selig mit vollem Vertrauen dem Hafen einer zweiten Ehe entgegen. Allein diesmal wählte er zur Genossin jemand, deren Freundschaft erprobt und auf deren Liebe er unbedingt zählen durfte. Kurz darauf wurde aus Mrs. Sara Friedmann eine Mrs. Selig Kaufmann und Selig selbst der Leiter eines Geschäftes, das er geholfen hatte aufzubauen und das er zu einer gewissen Zeit als weit unter sich stehend, angesehen hatte. Der erste officielle Act nach seiner Installation als Großmeister seiner neuen Stellung war seine Einwilligung zur Verlobung Rebekkas mit dem Manne ihrer Wahl. Selig hatte sie oft genug aufgezogen wegen ihrer Tendenzen, eine alte Jungfrau zu rverdeü und gestichelt, wenn sie hie und da die Möglichkeit ihrer Verheiratung aussprach. Als aber der Augenblick da war, wo sic ihm beweise): konnte, wie falsch alle jene Voraussetzungen waren und in welch großen Jrrthum er sich stets befunden, legte sie ihre Zukunft edelmüthig in seine bewährten Hände, indem sie ihrem Erwählten auf die schwerwiegende Frage antwortete: Frage den Vater. Ende.