Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 32 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 22. September 1899 Seite 5 Kimberley Die jüdische philcmtrophische Gesellschaft erstattete kürzlich ihren Jahresbericht, der ein deutliches Bild von der außerordentlichen Verschlechterung der Zustände in Südafrika gibt. Nicht weniger als 4100 Mark musste die Gesellschaft an durchreisende arme Glaubensbrüder vertheilen. Sie konnte ihren Aufgaben nur dadurch gerecht werden, dass sie von Oberst Harros 2000 Mk., von der de Beers Minengesellschaft 1400 Mk. erhielt. Sioux City (Iowa). Die jüdische Gemeinde unserer Stadt Adass Jeschurum Congregaticm hat ihre schöne, neue Synagoge am 13. August mit großen Feierlichkeiten eingeweiht. Mexiko. Die jüdische Bevölkerung in unserer Stadt ist nicht sehr zahlreich, dennoch sind hier Juden seit mehr als 300 Jahren ansässig. Freilich konnten sie damals nur unter der angenommenen Maske des Christenthums hier wohnen und mussten außerordentliche Vorsichtsmaßregeln beobachten, um nicht als heimliche Juden der Inquisition und damit dem Autodafe zu verfallen. Manchmal wurden die Armen doch trotz aller Vvrsichtsinaßregeln von der Inquisition ergriffen, meist auf Denunciatiou ihrer Diener hin, und mussten die schrecklichsten Folterqualen erdulden. Um das Jahr 1570 erfahren wir von 2 jüdischen Familien, die ans Spanien vor der Jnqllisition nach Mexiko geflohen waren, dort 50 Jahre als Marannen, d. h. öffentlich als Christen, im Geheimen als Juden gelebt hatten und schließlich doch den Scheiterhaufen besteigen mussten. Noch interessanter ist das Schicksal des Thomas T r e v i» o. Dieser, der Sohn eines von der Inquisition in Spanien Hingerichteten heimlichen Inden, kam um das Jahr 1600 nach Mexiko, wo er erfolgreiche Geschäfte trieb, aber den Niännern der Hölle verdächtig und verhaftet wurde. Er that Buße, kam mit einer schweren Geldstrafe davon, blieb aber unter Aufsicht der Glaubenspolizei, auch als er von Guadalajara nach der Stadt Mexiko übersiedelte. Bald wurde er wieder verdächtig, wieder gefangengesetzt und gefoltert und schließlich zur Buße vor einem Scheiterhaufen und Verlust seines ganzen Eigenthums verurtheilt. Am 15. Juni 1625 fand die feierliche Bnßceremonie statt. Mitschuldige hatte T r e v i n o trotz der Folterqualen nicht angegeben, sondern sogar Gelegenheit gefunden, die anderen geheimen Juden warnen zu lassen und ihnen strictes Leugnen zu empfehlen. Freigelassen, gieug Trevino wieder seinen Geschäften nach, blieb aber immer im Geheimen Jude und fiel schließlich doch noch in die Hände der Inquisition. Es wurde ihm nachgewiesen, dass er die Schlachtthiere nach jüdischer Art getödtet, beim Schlachten der Hühner sich nach Osten gewendet und gebetet habe rc. Auch sollte er nickt den christlichen Gruß, sondern eine andere Begrüßungsformel gebraucht haben. Diese Verdachtsmomente genügten der Inquisition, Trevino wurde verhaftet und gemartert. Jetzt, wo er das nutzlose weitere Leugnen einsah, warf er die Maske ab, bekannte sich laut als Jude und starb als Blutzeuge seiner Religion April 1649 auf dem Scheiterhaufen. Glücklicherweise hat die Zeit dieser Tyrannei nun auch hier ein Ende genommen und die Juden dürfen frei ihren Glauben bekennen. Es leben jetzt ziemlich viel Juden hier, sie spielen eine große Rolle im Geschäftsleben, aber sie haben sich auch den Zutritt in die besten Kreise und die vornehmsten Clubs zu verschafien gewusst. Rabbiner und Seminare. Von Dr. I. L. Landau. IH. Am Anfänge unseres Jahrhunderts wurden die Inden Deutschlands von den Drängern und Stürmern, die ans ihrer Mitte hervorgegangen sind, auf neue Bahnen gedrängt und genöthigt, ihre religiösen Institutionen dementsprechend um- und auszugestalten. Die tollen Bestrebungen der Friedländer und die moralisch zersetzenden Einflüsse des Berliner Salons hatten nur die Massentaufen zur Folge, wodurch das Judenthum Deutschlands wohl mehr als die Hälfte seiner Bekenner an die Kirche verlor, aber doch nur numerisch geschwächt wurde. Solche, selbst empfindliche Verluste bedeuteten für das gesammte Judenthum nie eine dauernde Gefahr; die zurückgebliebenen Reste schlossen sich über der entstandenen Kluft umso enger aneinander und die schmerzlichen Spuren waren bald, wie die in einen Wasserspiegel gegrabenen Furchen, rasch verwischt und vergessen. Ganz anders gestalteten sich die mit ungleich intensiverer Wucht und bedeutenderem Ernst unternommenen reformatorischen Eingriffe derjenigen, die dem Jndenthume nicht untreu werden und ihr Verbleiben in demselben möglich machen wollten. Zuvörderst mussten alle Anstrengungen gemacht werden, um all das zu beseitigen, was geeignet erschien, den Juden in seinem äußeren Leben vom nichtjüdischen Nachbar zu unterscheiden. Wie sollten auch Männer wie Israel Jakobson oder Gabriel N i e s s e r, die, jeder in seiner Art, bemüht waren, jede nach außen unterscheidende Spur zwischen Judenthum und Christenthum wegzulöschen, deren höchstes Bestreben es war, als echte Söhne ihres Landes zu gelten und womöglich selbst als Kinder der deutschen Nation anerkannt zu werden, wie sollten sie, da sie nun einmal berufen schienen, an der politischen Entwicklung ihres jüdischen Stammes mitzuwirken, all die beschämenden und ihnen lächerlich dünkenden religiösen und synagogalen Einrichtungen fortbestehen lassen! Diese Denkmäler sclavischen Sinnes und separatistischer Engherzigkeit, die aus dem Mittelalter in das neunzehnte Jahrhundert hineinragten, mussten als erste Opfer fallen. Und so wurde das Judeuthum mit aller Strenge ganz nach christlichem Muster in die Schranke der Synagoge zurückgewiesen; die Mauern der jüdischen Kirche sollten von nun ab alles religiöse Leben umschließen. In der Synagoge selbst aber mussten weitere Reformen vorgenommen werden. Und so führte Jakobson in seinem Privattempel „nene", der Kirche entlehnte Formen und Weisen em, deutsche Gebete neben hebräischen, neue, schale, deutsche Lieder »eben den inhaltsreichen, tiefen Psalmen, das Ableiern von Glaubensbekenntnis (Confirmation) für Knaben und Mädchen, was im Judeuthum keinen Sinn hat. Die Ankündigung derselben hatte mehr Christen als Juden herbeigezogen." Diese. Reformen gewannen, trotz ihrer inneren Hohlheit und Lächerlichkeit, immer weitere Kreise und nahmen immer größere Dimensionen an. Deutsche Gesänge, Predigt und Orgel bildeten bald den wesentlichsten Bestandtheil der neuen Andacht, alle tief nationalen Gebete wurden rücksichtslos oder mit Rücksicht auf die deutsche Bevölkerung ausgeschieden; die Messias- Hoffnungen als durch die Emancipatioilsbestrebungen überflüssig gewordener Neligwusdnsel fallen gelassen und die hebräische Sprache zum völligen Schweigen gebracht. „Die Kanzel nahm die Stelle des Lehrhauses ein und von ihr herab erklang nicht selten das hohltönende Wort, das die Gedanken oder die Gedankenleere verbarg". Die Kanzelredner, oder wie sie sich nun nannten, die „Rabbiner", waren zumeist unberufene Lehrer, theils Männer von mittelmäßiger Begabung, die ihre Unwissenheit mit hohlen, nichtssagenden, salbungsvollen Phrasen zu verdecken suchten, theils Männer, die als ausgezeichnete Politiker, zuweilen auch als begabte Schriftsteller einen klangvollen Namen hatten, die mit ihren rabbinischen Aufgaben jedoch ein unwürdiges Spiel trieben. Die polnischen Rabbinen, die kraft ihrer talmudischen Gelehrsamkeit berufen gewesen wären, diesen gefahrdrohenden Entartungen entgegenzutreten, standen ihnen gegenüber völlig rath- und machtlos. Ihr hebräisches Wort fand kein Verständnis mehr, ihr Jargon streifte ans Lächerliche und jede europäische Sprache, selbst die deutsche, war ihnen fremd. Wohl haben sich einige Rabbiner von talmudischer Bedeutung aufgerafft, ihr Angriff hatte jedoch gar keinen Erfolg und das umso weniger, als sie in ihrem Uebereifer und frommer Naivität auch solche Unarten und Auswüchse zu vertheidigen suchten, die unmöglich zu halten waren, da sie bei den verfeinerten Sitten jener Zeit in der That als höchst geschmacklos erscheinen mussten. Viel wirkungsvoller waren die Angriffe, die von einer Gegenpartei ausgiengen, die sich in Deutschland auf demselben Boden entwickelte und an deren Spitze ein Mann stand, der der alten Bedeutung des Rabbinertitels und seiner eigenen Aufgabe sich bewusst, den Namen C h a ch a m annahm, um so auf die Lächerlichkeit der Reformrabbiner hinzuweisen. I s a a c B e r n a y s, sagt Grätz, war der Mann, welcher eine nicht blinde, sondern bewusste Gegenrichtung gegen die Verflachung der aufklärerischen Reform bildete. Diese Reibungen führten aber zu immer weiteren und tieferen Zerklüftungen, die imnrer schärfere Formen und bald einen bedrohlichen Charakter annahmen. Junge Akademiker, denen alles jüdische Wissen fremd war, die nur klingende Phrasen geläufig declamieren konnten, warfen sich zu Rabbinern auf, wodurch jenes merkwürdige Schauspiel möglich wurde, dass auf sogenannten Rabbiner- Synoden diejenigen zuletzt in der Mehrheit blieben, die die äußersten Reformen guthießen, so dass H o l d h e i m es wagen durfte, selbst über diese Grenzen weiter hinauszugehen. Solche — 4 — Die Thora. Eine Ghettogeschichte von I. de HaaS. *) Die nachfolgende Geschichte ist ohne irgendwelche Verzierung oder Verschönernng niedergeschrieben. Ich habe versucht, sie genau so zu schildern, wie sie an einem der letzten Freitage sich zutrug, und hielt sie der Mühe wert, zu Papier gebracht zu werden wegen des eigenthnmlichen Lichtes, das sie nach meinem Dafürhalten auf die Wege und Gedanken derjenigen wirft, welche man „das fremde Element" zu nennen beliebt. Und nun möge der Leser eine wahrhafte, schmucklose Episode aus dem Leben des Fast End vernehmen. * * * Nonsha Salzmann ist Eigenthümer einer jüdischen Restauration in Whitechapel, wo Hoch und Niedrig zilsammenkoinint, um Lagerbier zu trinken, vom Geschäft zu sprechen, die jüngsten das Ghetto betreffenden Vorgänge und Neuigkeiten zu vernehmen, welche das rasch zerlesene Jargonblatt und die inhaltsreichere „Nene Freie Presse" bringen. Sv lange die Kellner aufmerksam sind und das Bier durch die vernickelte Pipe gurgelt, überlässt sich Nonsha ganz seinem Behagen, spielt mit dem einen Domino, schachert mit dem anderen und erlaubt sich hie und da sogar cynische Bemerkungen auf Kosten des geheimnisvollen Rabbi, der ebenfalls zu den Besuchern seiner „ Erfrischungsanstalt" zählt. Nvushas Leben rinnt glatt genug dahin. Voll Befriedigung zwinkert er mit den Augen, wenn er der erfolgreichen Art gedenkt, wie er hier in East-London ein Fremden-Cafe eröffnete, das ztvar eines vom niedrigsten Range, aber trotzdem immer noch ciu Cafe ist, wo sich Faulenzer und Denker, Müßiggäuger und verschälnte Trinker Rendezvous gebeil. Er macht arlch keinen besonderen Staat mit seiner Orthodoxie, sondern steht den großen Leidenschaften und Jdeerr des Tages eher gleichgiltig gegenüber. Wahrscheinlich muss ein Wirt so sein. (Fortsetzung soglt.) *) Aus „Tho .Jewish World“. Zerronnen und Gewonnen. Eine Geschichte aus dem New-Zorker Ghetto. Aus dem Englischen von Z. Bensam. (Schluss.) Während also das Glück Sara Friedmann in jeder Beziehung begünstigt hatte, war Selig Kaufmann von seiner einstigen Höhe herabgestürzt. Sie würde ihm gern ihren Beistand angeboten haben, aber sie musste sich vorläufig damit begnügen, sich in ihrem Inneren vorzunehmen, bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit all das Gute, das sie einst in so reichen Maße von ihm genossen, wieder zurückzuzahlen. Der Bruch Seligs mit seiner Frau schien unheilbar, er selbst wenigstens machte keine Anstrengungen zu einer Versöhnung; im Gegentheil, er war in einer Weise gleichgiltig, die beängstigend war. — Seine Frau, gewohnt, stets und bei jeder Gelegenheit ihren Willen durchzusetzen, musste sein nunmehriges Benehmen völlig gegen ihn aufbringen. Die Krisis kam zum Ausbruch, als er eines Tages mit einem Händler erschien, um ihm verschiedene Möbelstücke zu verkaufen, die nicht mehr vonnöthen schienen in der neuen Wohnung, die er, als den veränderten Umständen besser angepasst, gemietet hatte. Man kann sich chorstellen, dass seine Frau lebhaften Einwand erhob, aber jetzt kannte er keine Furcht mehr und bestand auf Ausführung des beschlossenen Planes. „'Du magst die nene Wohnung beziehen", sagte sie, „aber Du wirst sie allein bewohnen!"' Treu ihrem einmal gegebenen Worte, gab sie nicht nach und Selig war dieser Starrsinn nicht unangenehm. Nach einer Woche Streitigkeiten, erst im Geheimen, dann öffentlich, packte sie ihre Koffer