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Jüdisches Volksblatt · 1899-09-22 · 32 (22.9.1899) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
32 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 32 Wien, Freitag Jüdisches Volkshlatl 22. September 1899 Seite 7 Eingesendet. Uavtrineranklage In Oöding. In der letzten Nummer Ihres werten Blattes las ich eine Anklage gegen den neu installierten Rabbiner, und zwar, dass er zu fromm sei und dadurch einige Personen an ihrem Einkommen schmälert oder gar die ganze Gemeinde aus den Fugen hebt. Der Verfasser des Eingesendet muss kaum mehr mit dem internen Judenthmne vertraut sein, denn sonst hätte er gewiss die für einen Rabbiner in erster Reihe wichtigen Aufgaben, die Regelung des Koscherfleisches, die in sehr vielen Gemeinden «ermisst wird und der damit betrauten Functionäre zu kritisieren unterlassen. Leider drängen sich noch immer unberufene Elemente zur Kritik und Reform hervor, denen das Judenthum, ich verstehe nicht darunter einem armen Teufel etwas schenken oder einem wohlthätigen Vereine angehören, oder jüdisch-national auf Probe und Kündigung sein, schnuppe ist, hervor. Sind denn die jüdischen Gemeinden so tief gesunken, dass ihre Rabbiner nicht mehr über rituelle und wichtige Dinge sprechen und handeln dürfen? Sollen diese Anordnungen und Verfügungen dem jeweiligen Vorsteher, der hier Advocat, dort Mediciner, anderen Ortes Schnapshändler oder Kleiderhändler ist, Vorbehalten bleiben? Wahrlich, für den Rabbinerstand wäre dies sehr entehrend! Solche Gemeinden, wo jeder Vorsteher obigen Berufes gleichzeitig Theologe ist, mögen sich einen Rabbiner-Automaten fabricieren lassen, da er doch keine eigene Meinung haben darf und nur recht modern sein soll und ihm im Bedarfsfälle bei Trauungen und Paradegottesdienste ein oder mehrere Geldstücke in die Oeffnung werfen, damit er eine schöne, phrasenreiche Rede, die schon gedruckt in den verschiedenen Predigtsammlungen erscheinen, herunterdeclamiere. Ich gratuliere aber einer Gemeinde, wenn sie das Glück hat, einen Seelsorger zu haben, der auch einmal beweist, dass er nicht nach den Vorschriften des jeweiligen Vorstandes, sondern nach den Vorschriften des für den Rabbiner allein maßgebenden Schulchan Aruch sein Amt versieht. Ein Schächter und Cantor, der nur vom Ritual lebt, muss auch danach seine Lebensweise einrichten, um Vertrauen in seinem Amte zu behalten. Ein Schächter und Cantor mit ausrasiertem Barte liest jährlich seiner Gemeinde aus der Thora vor, „Du sollst deinen Bart nicht mit dem Messer abnehmen". Entweder muss dieser Passus aus der Thora oder der Vorleser eliminiert werden, sonst ist es ja geradezu ein Hohn, solches von oben herab zu verkünden. Es wäre wohl auch an der Zeit, dass viele Functionäre ihr Amt ebenso wertschätzen mögen, wie,das daraus entstehende Einkommen. Was das Schofarblasen betrifft, war diese Function nie eine besoldete, sondern Ehrenamt, und es wurde stets dem Würdigsten verliehen. Wenn nun der betreffende Schofarbläser dennoch nicht wegen der Eignung, sondern des Verdienstes halber blasen soll oder muss, dann kann er noch Satisfaction und Bezahlung erhalten, indem er an dem wichtigsten und feierlichsten Tage im Jahre, am „Versöhnungstage" recht kräftig sich für die Neujahrstage entschädigend im Schofar hineinbläst, und glaube ich kaum, dass der Rabbiner ihm die hohe Function vorenthalten wird. Mögen sich unsere Glaubensbrüder im neuen Jahre zu etwas Höherem aufraffen als Rabbinerkritik, denn wir haben an uns selbst viel, sehr viel zu verbessern. M. V. frage die ganze gebildete Welt und alle College« des Continents, ist es möglich, dass es einen ehrenhaften Menschen auf der Welt geben könne, der uns für wortbrüchig erklären wird, wenn wir uns scheuen werden, im nächsten Jahre den Boden eines Landes zu betreten, in welchem gegen besseres Wissen die Wahrheit mit Füßen getreten wird und monströse Tartüsfe hoch in Ehren gej halten werden. Hochgeehrte Collegen! Sie werden es mir ja er-! lassen, wenn ich Details vermeide. Uns Aerzten steht es nicht zu, uns mit Politik zu befassen, aber wir, die ewigen Forscher der Wahrheit, müssen zu allen Zeiten und unter allen Umständen an dem Grundsätze festhalten: „Pereat mundu-? fiat justitia“. — Demzufolge müssen wir uns hüten, die verpestete Luft eines solchen Terrains einzuathmen, das aufgehöct hat, ein Rechtsstaat zu sein, geschweige denn, dessen Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Fände der Xlll. internationale medicinische Congress in der Heimat der wilden Menschenfresser statt, so könnte die Theilnahme Niemandem zur Unehre gereichen, nrcht so jedoch beim gegenwärtigen Bestinrmungsorl des Congresses. Dorthin dürfen wir Forscher der Wahrheit nicht hingehen. Es mag alle Welt hingehen, wir müssen unseren Congress dort abhalten, wo Wahrheit Anerkennung findet, was doch von jedem Cultnrstaat zu fordern ist. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass ein Virchow, ein Nothnagel re. einen Congress besuchen wird, wenn er dort abgehalten werden solle, wo inan der Wahrheit mit der Faust ins Gesicht schlägt. Ein Staat, wo solche Dinge sich vor den Angen der ganzen Welt abspielen, hat keine Existenzberechtigung. Et ceterum censeo . . . Es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, dass solche Schandthaten in einem Culturstaate ersten Ranges zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts geschehen können. Oixi et salvavi animam meam. Dr, Munk. sind erhältlich während der lit. Nachm. IX., Berggasse 20, ode schriftlich durch die Präsidentin des Vereines, Natalie Pollakix., Währingerstr. 3. Der „Aerztliche Centralanzeiger" bringt in der letzten Numnrer vom 20. d. M. von Seite eines Arztes nachfolgenden Aufruf: Aufruf an die Aerzte aller Welttheile! Collegen! Es dürfte noch uns Allen, die wir Gelegenheit hatten, an dem XII. internationalen medicinischen Congress in Moskau im Jahre 1897 theilznnehmen, in lebhafter Erinnerung sein, welch' angenehme Tage wir daselbst verlebten. Niemand von uns fühlte es, dass wir uns in der Fremde befanden; wir fühlten uns da — wir waren unserer ungefähr 7—8000 — wie am eigenen Herde. Es blieb uns wohl auch da ein Jammerbild zufallsweise mit anzusehennichterspart.Mitwehmuthsvollen Blicken sahenwireine ganze Karawane Männer, Wölber und Kinder führen, angeblich nach Sibirien. Wir fanden aber auch ein „maison des enfants troves“ mit allem Comfort und höchster Eleganz ausgestattet, ja, wir bekamen humane Institutionen zu sehen, wie sie kaum anderswo ihresgleichen finden. Wir waren außerdem von der herzlichen Gastfreundschaft und von den daselbst gesammelten reichen Erfahrungen derart angenehm berührt und begeistert, dass lvir uns zu Tausenden an der Newa das Ehrenwort gaben, uns an der Seine wieder zu treffen. Das gegebene Ehrenwort einzulösen ist Pflicht eines jeden Ehrenmannes. Man muss jedoch zugeben, dass auch unvorhergesehene Ereignisse und solche Verhältnisse eintreten können, welche es uns zur moralischen Pflicht machen, unser gegebenes Ehrenwort zu brechen, ohne dass jemand berechtigt wäre, uns der Wortbrüchigkeit zu zeihen. Hand auf's Herz! Ich Wir erhalten folgende Zuschrift, deren Verantwortung wir dem Herrn Einsender überlassen müssen: Löbliche Redactioir! Ich erlaube mir die geehrten Herren auf das höflichste zu ersuchen, mir einen kleinen Raum in Ihrem geschätzten Blatte gütigst znzulassen. Ein Vorfall, der ja zn verzeichnen ist, trug sich am 10. d. M. folgend zn: Unser Glandenszenoffe Erfetier Rothmann, nebstbei Kaffeehansvermittler, II., Ecke Blumauergasse und Cireusgasse, gab auf Interpellation des Herrn Ludwig Groß, Assecuranzbeamten, im Beisein des Herrn Max Bettelheim, Eognac-Bertreters, bezüglich des Offenlassens seines Cafe- Locales am laugen Tage folgende Aeußerung: Ich habe keine j ü d i s ch e n Gäste und l e i st e auf einen jedeir Juden Verzicht!- Da wir in einem Zeitpunkte leben, wo leider ohnehin genug über unsere Religion gehöhnt und geschimpft wird, erlaubt sich ein Mensch, der zumeist von Inden sich seine paar Gulden erworben und selbst eine polnische Jüdin zur Frau hat, solche Aenßerungen fallen zu lassen. Ich glaube, ein solcher Mensch verdient es, an den Pranger gestellt zu werden. Meinen besten Dank im vorhinein sendend, zeichne mit Hochachtung Markus Reis zun a n n, Schneidermeister/' II., Blumauergasse Nr. 11. Wien, 17. September 1899. Für die Witwe des ermordeten Juden in Dolina sind bei uns eingelaufen: Zionistische Jugend, Straßnitz . . ..fl. 1.— Benjamin Fischt, Prag .* 5.— B. M. S., Olmütz.. 2.— Adolf Neu, Trzynietz. „ —.50 Zusammen fl. 8.50 (crcKuoxviEsszxiittansis Aus den jüdischen Organisationen. Wien. (Der lit. Ges.- Verein jüdischer Mädchen „Moria") hielt am 3. d. seine erste diessemesterliche Ausschusssitznng ab, und wurde der erste lit. Nachmittag auf den 1. October festgesetzt. — Der Verein, der sich speciell die Pflege der jüd. Literatur und Geschichte zur Aufgabe gemacht hat, wird auch in diesem Semester bestrebt sein, sein Programm nach jeder Richtung hin zu erfüllen. Es ergeht daher an alle jüdischen Mädchen Wiens der Aufruf, die lit. Nachmittage des Vereines zn besuchen, um durch Ausbildung jüdischen Wissens, jüdischen Geist und Sinn zn wecken, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken, und so vorwärts zn schreiten in der Selbstachtung und in der Kräftigung des stolzen Bewusstseins, keinem inferioren Volke anzugehören, sondern mit einem anserwählten Volke gemeinsame Sach: zn haben, einem Volke, das einzig in seiner Art dasteht. Deshalb ist es auch nöthig, dass wir die Geschichte unseres Volkes kennen lernen; diese und seine Literatur studieren und pflegen sei unsere heiligste Pflicht! Aber auch an die jüdischen Frauen, resp. Mütter, ergeht der Ruf, tretet diesem Vereine bei als Förderinnen, zeigt, dass ihr in Würdigung solcher Bestrebungen diesem edlen Zwecke Euere Sympathien nicht versagt! Statuten II., Obere Donaustrasse 47 (vis-ii-viri di>r Augnrtonbrüt’kc). Vier neue Seifert-Billards mit Präcisionsmantinells. Separiertes Spielzimmer. — Vorzügliche Erfrischungen. Versäumen Sie ja nicht Leopold Bergers Restauration II/, Lilienbrunngasse 9 wöchentlich mindestens ginmal zu besuchen. Sehen Sie sieb die Ausstellung in Getränken an, Qtoiman müssen Sie über die Fülle und Reichhaltigkeit des für Oiaunen wenig Geld Gebotenen. , Sie nur die unübertroffenen Biere der weltberühmten Trinken Brauereien flulmbaober Petzbräu, Orig. Pilsner und Lagerbier aus Drehers Brauerei. Qtäid/an Sie slch mit oinem echten niederösterreichischen Wem OlarKen i/4 Liter von 9 kr. aufwärts. Jeden Donnerstag grosses Schlachtessen. Kaffeeu. Thee- Versandt-Haus KARL PERLES Wien, XVI., Gvimbstemgaffe Nr. 61, offeriert: fl. fli Kilo ffeinst SantoS- Kaffee, roh 1.10, gebrannt 1.30 „ „ ' „ Rio-lave- „ „ 1.25. „ 148 „ « „ Jamaika- „ „ 1.50, „ 1.73 1 „ Perl- .. 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