Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 31 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 15. September 1899 Nr. 31 P r a s. War nichts an der Stelle zu bemerken? Waren nicht Spuren da, dass nn Körper dort gelegen wäre? — Doctör Prokesch. Ja, es schien, als ob ein Körper dort gelegen, wärt P r ä s. Was für einen Körper hatte die Hruza? War sie stark? Tr. Prokes ch. Sie war gut entwickelt, kräftig und gut genährt. Prä s. Sie hat auch Feldarbeit geleistet? — Dr. P r o k e s ch. Ja, sie musste sehr stärk gewesen sein. Präs. Hätte sie sich dieses Menschen erwehren können? — Dr. Prokesch. Ja, wenn er von vorne gekommen wäre, hätte sie sich seiner erwehren können. P r ä s. Aber von der Seite? — Dr. P r o k e s ch. Dann wohl nicht. 1 P r ä s. Also glauben Sie, dass sie meuchlings ermordet wurde? — Dr. Proke s ch. Ja, meuchlings. P r ä s. WoraüH, schließen Sie das? — Dr. Prokes ch. Weil sie mit den Ft'ißeu Vach aufwärts lag. Präs. Sie hat sich also nicht wehren können? — Doctor Prokesch. Nein. Votant, Landesgerichtsrath Dr. P e s ch e k. In welcher Reihenfolge glauben Sie, dass die Wunden beigcbrach! wurden? — Tr. Prokesch. Erst die Wunden auf dem Kopfe, dann die Strangulierung, dann endlich die Schnittwunde am Halse. V o t a n t. Also die Schnittwunde war die letzte? — Doctor Prokesch. Jawohl. Votant. Wie viel hat denn gefehlt, dass die Strangulieruug tödtlich gewesen wäre? — Dr. Prokesch. Sie war nicht tödtlich. Votant. Aber wie viel mehr hätte der Strick angezogen werden müssen, mit den Tod herbeizuführen? —Dr. Prokes ch. (Sr hätte länger zusammengezogen bleiben und auch stärker angezogen sein müssen. Votant. Wie viel solche Wunden hätten beigebracht werden müssen, um den Tod herbeizuführen? — Dr. Prokesch. Das lässt sich nicht so genau bestimmen. V i> tant. Hätte ein solcher Schnitt, wie Sie ihn constatiert haben, auch geführt werden können, wenn die Hruza bei Besinnung gewesen wäre? — Dr. Prokesch. Ja. Votant. Hätte ein Mensch allein die That vollbringen können? — Tr. Prokesch. Ich glaube nicht, dass dies ein Mensch hätte thun können. Präs. Ter Schnitt hätte auch geführt werden können, als die Hruza bereits todt war? Ware dann auch Blut geflossen? — Dr. P r o k e s ch g i b t k e i n e A n t w o r t. Staalsanw. Also die acht Wunden am Kopfe waren nicht tödtlich? — Dr. Prokesch. Nein. S t a a t s a n w. Es scheint mir so, dass der Mörder das Opfer mit den Wunden auf dem Kopse nicht habe tödten wollen? — Tr. Prokesch. Nein, das wollte er nicht. Staatsanw. Er wollte sie wohl nur betäuben, da ja Nicht eine einzige Wunde durch die Schädeldecke drang? — Dr. Prokesch. Nicht eine einzige drang durch. Dr. Baxa. Wäre cs, um die Hruza zu tödten, nöthig gewesen, ihr die Kleider auszuziehen? — Tr. Prokes ch. Nein. Tr. Baxa. Die Kleider waren aber mit großer Energie herabgerissen. Glauben Sie, dass die Kleider vor oder nach dem. Morde herabgcrissen wurden? — Tr. Prokes ch. Ich glaube vordem Morde. Dr. Baxa. Dass aber gar kein Blut gefunden wurde! Nicht einmal auf dem Thatorte! Was ist wohl mit dein Blute geschehen? Dr. Prokesch. Das kann ich nicht sagen. Tr. Baxa. Das begreife ich. (Bewegung). Präs. Aber Sie sagten, dass das Blut spritzen musste und dass die ganze Erde damit bedeckt sein musste. Wie 'hätte denn das Blut spritzen können, wenn die Ermordete mit dem .Gesichte nach abwärts lag? — Sach v e r st. Die Erde hätte aus der Stelle, wo der Hals lag, bespritzt werden müssen. Dr- B a x ä. War so viel Blut an der Stelle, wo die Hruza aiifgefustden wurde, als ein Mensch haben muss. — S a ch v e r st. Absolut nicht so viel. Es Hütten sich 4—5 Kilo Blut vorfinden müssen. Dr. Baxa. Wie hätte der Ort aussehen müssen, wenn die Mörder die Hruza an der Stelle hätten verbluten lassen? — Dr. Prokesch. Eine ungeheure Blutlache hätte an dieser Stelle sein müssen. Dr. Baxa. Hätten aber die Zweige der Bäume bespritzt sein können, wenn die Wunde nach abwärts gerichtet war? — Dr. Prokesch. Die Nadeln der Fichten in der Umgegend hätten zweifellos Blutspuren zeigen müssen. Ich muss a n n e h m e n, dass das Blut beseitigt worden ist. Dr. Baxa. Geben Sie zu, dass das Blut mit irgend etwas aufgefangen wurde? — Dr. Prokesch schweigt. Dr. Baxa. So äußern Sie sich doch! — Dr. Prokesch. Das gebe ich wohl zu. Dr. Baxa. Halten Sie es für möglich, dass das Blut von den Füßen der Leute, die um die Leiche herumstanden, weggetragcu worden sei? — Dr. Prokesch. I ch halte es für unmöglich. Eine so ungeheure B lu tm a s se kann m ci it n i ch t mit den Füßen w e g t r a g e n. Präs. Halten Sie es auch für unmöglich, dass das Blut von den zahlreichen Menschen, die am Thatorte herumgiengen, in die Erde gestampft wurde? — Dr. Prokes ch.?l u ch das halte ich für u n m ö g l i ch. Tr. Baxa. Glauben Sie, Herr Doctor, dass die Mörder die Kleider des Opfers absichtlich beseitigt haben, um bequemer das Blut des Opfers erhalten zu können? — Dr. Prokesch (nach einigem Zögern). Das glaube ich. Verth. Erklären Sie mir die Stelle in dem Befunde, an welcher es heißt, dass d i e W u n d e n m H a l s e e r st nach dem Morde z u g e f ü g t wurde. Heute geben sie eine ganz andere Darstellung. — Dr. Prokesch. Ich erinnere mich nicht. Es i st ja schon sechs Monate her. Verth. Geben Sie uns die Reihenfolge an, in welcher die Verletzungen zugefügt worden sein dürften. — Dr. Prokesch erklärt, dass zuerst die Kopfwunden, dann die Slrangulierungssurche und daun erst die Schnittwunden beigebracht wurden. Verl h. Sie sagten aber auch, dass die Kopfwunden mit der offenbaren Absicht, das Mädchen zu betäuben, beigebracht winden. Ich meine, dass der Mörder bei seinen Schlägen mit deni Knüttel es nicht so genau errathen konnte, ob er mit den Schlägen bloß betäuben oder tödten würde. — Dr. Prokesch. Der Thäler hätte eine sehr große Kraft anwenden müssen, wenn er hätte tödten wollen. Verth. Vorausgesetzt, dass er diese Kraft gehabt hätte. — Dr. Prokesch. Wie meinen Sie das? Verth. Nun, ich spreche doch deutlich genug! Ich meine, wenn .er die Kraft gehabt hätte, sie mit den Hieben zu tödten? — Tr. Prokesch. Ich glaube, er hatte dann anders geschlagen. V e r t h. Wie denn anders? — Dr. Prokesch. Aus einen anderen Theil des Kopfes. Verth. Ja, w e n n e r e i n A r z t g e w e s e n w ä r e, hätte er das wissen können. — Dr. Prokesch. Das weiß er s ch o n. (Ruse in dem Publicum: Natürlich!) Verth. Wissen Sie, dass die Hruza zwei Kopftücher getragen hat und sehr reiches Haar besaß? — Dr. Prokesch. Ja. Verth. Daraus schließe ich, dass er die Hiebe auch mit ungeheurer Kraft hätte führen müssen, wenn er die Hruza bloß betäuben wollte. Die National-Oekommie des Judenthums. Von Dr. E. H. VI. Seit Jahren sind wird speciell in Oesterreich in der Lage, das geradezu jämmerliche Schauspiel beobachten zu müssen, wie die Behörden mit dibersen Greißlern, Selchern n. s. w. darum feilschen, ob die Sonntagsruhe eine halbe Stunde früher oder später zu beginnen oder zu enden habe, und wie bei all diesen kleinlichen Tifteleien weder die Gewerbetreibenden, noch das große Publicum, noch die Behörden zufrieden sind. Da hat vor mehr denn dreitausend Jahren ein genialer Socialreformator und Vvlksgesetzgeber — wir verschweigen seinen Namen, mit sein großartiges Werk nicht in den Augen gewisser Leute, namentlich jüdischer Nationalität, im vorhinein zu discreditieren — eine mustergiltige, in ihrem socialpolitischen Werte bisher noch immer unerreichte Sonntagsruhe eingesührt und an die Außerachtlassung der diesfälligen Bestimmungen nicht etwa die Bezahlung eines Uebertretnngsgkfälles von 2—5 fl., sondern gleich die Todesstrafe gesetzt. Eine eindringlichere Saiictionsbcstimmnug hat ein derartiges Gesetz wohl nie erhalten. Und sic hat auch gewirkt, bis — nun bis eben die modernen Socialreformatvren mit ihrer 2 ft.-Geldstrafe kamen und die Sonntagsruhe im Gewerbe einführten. Wie die ganze mosaische Gesetzgebung, so sind auch die national-ökonomischen Bcstimmungen derselben, mit Ausnahme der rein historischen, die vvrmosaische Zeit behandelnden Genesis über die übrigen vier Bücher Moses zerstreut. Aber fast kein Gesetz wird so oft und so nachdrücklich eingeschürft, wie das Gebot der S a b b a t h h e i l i g u n g. Nur im raschen Durchblättern des Pentateuch finden wir das Gebot an folgenden Stellen: im zweiten Buche in den Capiteln 20, 23, 31 und 35; im dritten Buche in den Capiteln 19, 23 und 26; sodann im vierten Buche 15. Capitel 32—36 und im fünften Buche, 5. Capitel 12—15. Bei aller beabsichtigten Eindringlichkeit wird mancher sagen, ist dies denn doch ein bisschen zu viel; der Gesetzgeber benimmt gerade durch die allzu häufige Wiedeiholuug einer und derselben Bestimmung dieser ein gut Theil ihrer Wirkung. Mit Nichten, können wir entgegnen, über solche elementare legislativ-technische Rücksichten war Moses ganz gewiss hinaus, und mit der oftmaligen Erneuerung des erwähnten Gebotes verfolgt er offenbar ganz bestimmte Zwecke. Ich babc im Laufe der Besprechung schon einmal hervorgehoben, dass ein ganz bedeutender Unterschied — sowohl formell, wie materiell — in der socialpolitischen Tendenz des dritten und fünften Buches des Pentateuch von jenen, die sich mit dem letzteren eingehender beschäftigen, kaum übersehen werden kann. Man hat mir diesbezüglich schon erwidert, es gehe, wenn man dieser Behauptung zustimmen solle, zu viel von aussähe wie eine „Kalle", sagte Selig ebenso oft: „Niemals in diesen, Leben wird ihr das Glück widerfahren". Er selbst hielt das für einen ungeheuren Spass, zu dem er herzlich lachte, aber die Leute meinten, dass eine derartige Bemerkung wenig spassig, hingegen sehr unpassend wäre. Und Rebekka —? dachte sich ihren Theil dabei. Nach beendigtem Examen aber kam für sie erst die Hauptschwierigkeit. Es hatte ganz allein an ihr gelegen, ob sie gewillt oder nicht gewillt war, den Beruf einer Lehrerin zu wählen; aber nunmehr auch eine Stellung zu finden, das lag außerhalb ihrer Macht. Die Unterhaltung der Schulen liegt zumeist in den Händen von Politikern, und eine Unze Einfluss wiegt schwerer als ein Pfund Vcrdienst. Rebekka empfand es als einen Schimpf, dass junge Mädchen, die bei weitem nicht ihre Kenntnisse besaßen, bei Besetzung vacanter Stellen den Vorzug erhielten, und sie war unangenehm enttäuscht über die ihr zutheil gewordenen wiederholten Zurücksetzungen. Aber sie hatte einen treuen Freund an Selig, wenn er sie auch noch so oft neckte. Selig war ein angesehenes Mitglied des jüdischen Jefferson- Clubs, und er veranlasste einige einflussreiche Mitglieder, sich Rebekkas halber zu bemühen. Er selbst stellte sich an die Spitze eines Comitös, das beim Districtsvorsteher ihrethalben vorstellig werden sollte. Da dieser sich aber für die nächste Bacanz bereits zugunsten einer anderen jungen Dame verpflichtet hatte, musste Selig zu seinem großen Bedauern Rebekka einen ungünstigen Bescheid geben, worüber diese sehr aufgebracht wurde. Nun aber glaubte Selig seine Ehre engagiert und agitierte solange im Club, bis es ihm gelungen war, durch einstimmiges Votum aller Mitglieder den nächst freiwerdenden Platz für Rebekka zu verlangen. Mr. Mulchy, der Schulvorsteher, war ob dieses kühnen Vorgehens sehr beunruhigt, und da er in großer Furcht schwebte, es könne ihm bei den nächsten Wahlen etwas Menschliches begegnen, begab er sich zu Selig Kaufmann, um ihm das bündige Versprechen zu geben, dass die zunächst freiwerdende Stelle einer Lehrerin für Rebekka Friedmann reserviert sei. Damit war Selig zufrieden, trank im nächsten Weinsalon auf die Gesundheit des Schulvorstehers, berichtete den Clubmitgliedern seinen Erfolg und hatte damit einem etwaigen Nachfolger Mr. Mulchys eine gute Lehre gegeben, sich mit den Mitgliedern des jüdischen Jefferson-Clubs auf guten Fuß zu stellen. Getreu seinem Versprechen — denn mit solch einflussreichen Persönlichkeiten durfte man sich nicht Überwerfen erhielt Rebekka — 2 — Minna besaß eine vorzügliche Fertigkeit im Zeichnen, und erhielt bei einer Ausstellung von Schülerarbeiten den ersten Preis. Dr. Binswanger, ein Geistlicher aus dem Schulvorstand, der ein ebenso großer Kunstfreund als Kunstverständiger war, bekundete für das unbekannte russische Judenmädchen ein großes Interesse, nahm es auf sich, ihr Talent zu unterstützen und sorgte für Minnas Aufnahme in einer Abendschule, wo sie eine bessereAusbildung erhalten sollte. Auch veranlasste der gute Doctor einige wohlhabende Leute, sich seiner Schutzbefohlenen anzunehmen, und bald war für ihre weitere Ausbildung hinreichend gesorgt. Als Sara aber vorwärts kam und das Schulgeld einzubringen vermochte, lehnte sie die Unterstützungen freundlichst ab. Minna machte Fortschritte und bald war ihr Talent derart entwickelt, dass sie eine gute Anstellung in einem Geschirrgeschäfte fand, wo sie mit Bemalung von Porzellanservices und Figuren einen schönen Wochenverdienst fand. Inzwischen fuhr Rebekka fort die Schule zu besuchen, mit der festen Absicht, sich dereinst dein Lehrerinnenfach zu widmen. Als Sclig davon hörte, meinte er, es sei das Beste was sie thun könnte, denn bei ihm stand es fest, dass Rebekka eine alte Jungfer — das Los der meisten Lehrerinnen — werden würde. Endlich war die Zeit da, wo sie ihr Examen ablegen sollte. Sie war ganz in Weiß gekleidet. Auf keine Frage blieb sie die- Antwort schuldig und empfieng nach Beendigung der Prüfung aus der Hand des städtischen Oberschulvorstandes das Diplom, worin bestätigt stand, dass die junge Dame eine ausgezeichnete Schulbildung besäße und vollkommen befähigt sei, allen Sorgen und Versuchungen des Lebens mit Ruhe entgegenzusehen. Allerdings war Rebekka nicht die einzige aus Russland gebürtige Jüdin, die sich eines solchen Diploms rühmen konnte, aber sie hatte trotzdem ein Recht, stolz darauf zu sein, und ihre Mutter, wie auch Selig Kaufmann waren nicht weniger stolz ob dieser seltenen Auszeichnung. Das bildete während der nächsten Wochen ihren Unterhaltungsstoff, und Selig erzählte überall von den großartigen Erfolgen der beiden russischen Mädchen, die kaum acht Jahre in Amerika lebten. Am folgenden Sabbath wollte der Besuch nicht aufhören, und die Gratulationen waren ebenso zahlreich wie herzlich. Viele von Rebekkas Freundinnen hatten der Diplomvertheilung als Zuschauer auf der Gallerte beigewohnt und gehörig applaudiert, als ihr Name gerufen wurde. Und sie alle hielten es für ihre Pflicht, am nächsten Sabbath zu erscheinen. Jede wollte der überglücklichen Mutter die Hand drücken, und Sara wusste kaum, wie sie in ihrer beschränkten Wohnung für alle die Gäste Platz bereiten sollte. Selig war anwesend, um die Besucher empfangen zu helfen. Auf die allseitige Bemerkung, dass Rebekka in ihrem, weißen Kleide ■ii mm m mm WWW« mm