Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 31 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 1 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 15. September 1809 Seite 5 Nun wird der Zeuge B er an vernommen. Präs.: Sie waren verurtheilt? — Zeuge: Ja. Präs.: Wann haben Sie die Strafe angetreten? — Zeuge; Am 20. März, gleich nach dem Urtheil. Präs.: Um wieviel Uhr? — Zeuge: Um 0 Uhr vormittags. Am 29. März kam ein Telegramm von: Chrudimer Kreisgericht, ich solle nur so lange zurückbehalten werden, als die die Strafe dauert, dann aber angeben, wo ich mich aufhalten werde. Am 30. März wurde ich entlassen und gieng zum Rabbiner, um mich für ein mir gesendetes Almosen zu bedanken. Dann war ich mit einigen Burschen zusammen, an die ich mich nicht recht erinnere, aber den Hülsner traf ich unter denselben. Beim Weggehen verabschiedete ich mich bei ihm und habe ihn dann nicht mehr gesehen. Erst als ich nach Deutsch-Brod ins Krankenhaus kam, kamen auch zwei Raseure hin und erzählten vorr der Mordthat. Ich sagte, das müsse nur jemand aus Rache gethan haben. Später erst hörte ich alle andereir Aeußerungen. Präs. Eine ganze Reihe von Zeugen will Sie am 20. März in Polna in Freiheit gesehen haben. — Zeuge. D as muss ich entschieden b e st r e i t e n, dennoch habe die Zelle nicht früher verlasse,], als bis m eine Strafe beendet war. Präs. Ist Ihnen nichts von der Strafe geschenkt worden? — Z e u g e. N i ch t e i n e S t u n d e. Der Präsident verliest aus dem Strafprotokolle des Bezirksgerichtes Polna, dass Beran wegen Vagabondage zu zehn Tagen Arrests verurtheilt war. Am 29. März wurde er aus der Strafhaft dem Bezirksrichter in Polna vorgeführt. Dr. Baxa (zum Zeugen). Warum waren Sie denn im Krankenhaus? — Zeuge. Ich hatte einen Ausschlag über den ganzen Körper. Dr. Baxa. Sie sollen aber viel' phantasiert haben und sehr aufgeregt gewesen sein. — Z e u g e. Ich w e r d e S i e, Herr D r. Baxa, zur Verantwortung ziehen, d en n sch habe in der „Oeska Politika" gelesen, was D r. Baxa über mich behauptet. Ich könnte keine Katze tödten, geschweige ein arnres Mädchen! Dr. Baxa beantragt, dass dieser Zeuge nicht entlassen wird, lveil er morgen mit den Zeugen, die ihn am 29. März in Freiheit gesehen haben wollen, konfrontiert werden soll. Die nächste Zeugin, Anna Be ne sch, war die Geliebte Hülsners. Es stellt sich heraus, dass sie mit ihrem Willen ein Liebesverhältnis mit Hülsner unterhalten hat. Kuttenberg, den 15. September. Der Präsident gibt vorerst bekannt, dass der Untersuchungsrichter, Gerichtssecretar Dr. Baudisch, zur Vornahme des Localaugenscheines nach Polna delegiert wurde. Sodann wird das Gutachten der Gerichtsärzte über den Leichenbefund verlesen. In dem Gutachten, welches durch die Gerichtsärzte Doctor P r o k e s ch und Dr. M i ch a l e k über den Leichenbefund aufgenommen wurde, heißt es, dass die Leichenbeschau in Gegenwart der Verwandten der Ermordeten vorgenommen wurde. Die Leiche war bei der Auffindung halb entkleidet, nur angethan mit rothen Beinkleidern, schwarz-roth gestreiften Strümpfen und Hemd. Die Hauptwunde ist die Verletzung am Halse, welche — wie die Aerzte behaupten, von rechts nach links in der Richtung zum linken Ohre geführt wurde. Der Schnitt durchdrang die Weichtheile bis zum Wirbel und ist 8 Ctin. lang. 5 Etm. breit. Die Ränder sind scharf, aber nicht mit Blut getränkt. Ueber den Hals zieht sich überdies eine scharfe S t r a n g u l i e r u n g s f u r ch e hin, welche auf der rechten Seite des Halses deutlich kenntlich ist und ungefähr Etm. breit rst. Außerdem führt das Gutachten noch eine große Reihe von Wunden an, sämmtliche von Schlägen mit einem Stein herrührend. Auf dem Kopfe allein fanden sich acht' solcher Wunden. Die genaue Untersuchung ergab, dass nichts auf ein Sittlichkeitsattentat hinweist. Tödtlich war die Schnittwunde am Halse; die S t r a n g u l i e r u n g s f u r ch e wird als lebensgefährlich bezeichnet, die übrigen Wunden als mehr oder minder schwer. Nach Verlesung dieses Gutachtens wird der Gerichtsarzt von Polna, Dr. Prokesch, einvernommen. Präs. Warum? Dr. Prokesch. Infolge der Verblutung. Präs. Also ist die Verblutung die unmittelbare Todesursache? — Dr. Prokesch. Jawohl. Präs. Was haben Sie noch an der Leiche gesunden? — Dr. Prokes ch: Am Halse eine Strangulierungsw unde. Präs. Wo am Halse? — Dr. Prokesch. Mehr auf der rechten Seite. Präs. Auf der linken Seite war sie nicht kenntlich? — Dr. Prokesch. Nein, dort nicht. Präs. Womit wurde diese Strangulierungswunde zugefügt? — Dr. Prokesch. Mit einem starken Spagat. Präs. Glauben Sie, dass die Strangulierung zuerst vorgenommen wurde? — Dr. Prokesch. Ja das glaube ich. Präs. Wie war die Verwundung infolge der Strangulierung? — Dr. Prokesch. Lebensgefährlich, aber nicht tödtlich. Präs. Die Schnittwunde aber war tödtlich? — Dr. Prokesch. Jawohl. Präs. Waren Sie, Herr Zeuge, dabei, als die Leiche gesunden wurde? — Dr. Prokesch. Ja. Präs. Sagen Sie uns, wie wurde der Schnitt wohl geführt? — Dr. Prokesch: Ich glaube, die Hruza lag mit dem Gesichte zur Erde, der Mörder stand über sie gebeugt und hielt sie mit der linken Hand, während die Rechte den Schnitt führte. P r ä s. Ist die Wunde nicht von der rechten Seite zürn linken Ohr gegangen? — Dr. Prokesch. Nein, sie gieng von links nach rechts. Präs. Konnte die Hruza nicht auch auf dem Rücken gelegen sein? — Dr. Prokesch. Wenn sie auf dem Rücken gelegen wäre, hätten wir Blut finden müssen. Präs. Haben Sie denn kein Blut gefunden? — Doctor Prokesch. Nein, wenigstens kein ausgespritztes Blut, weder auf der Erde, noch auf den ringsherum stehenden Bäumen. Präs. Gar kein Blut? — Dr. Prokesch. Gar keines. Präs. Was für Wunden fanden Sie noch an der Leiche? — Dr. Prokesch: Am Kopfe befanden sich acht flache Wunden, welche mit einem Stein zugefügt worden sein dürften. Präs. Wie tief giengen diese Wunden? — Dr. Prokesch Bis auf die Schädeldecke. Präs. War die Schädeldecke auch verletzt? — Dr. P r ok e s ch. Nein. P r ä s. Scharfe Wunden fanden sich dort nicht vor? — Dr. P r o k e s ch. Nein, die meisten waren flach, nicht von einem Messer herrührend. P r ä s. Hätten diese Wunden geheilt werden können? — Dr. Prokes ch. Gewiss, Herr Präsident. P r ä s. In welcher Zeit etwa? — Dr. P r o k e s ch. Bei normaler Pflege und Behandlung in 20 Tagen. Prä s. Und weitere Wunden, Herr Doctor, fanden Sie nicht? — Dr. Prokesch. I a, noch eine längliche W u n d o a ul E l l b o g e n, ungefähr 12 E e n t i m e t e r lang u n d 3 E e n t i m o t e r breit, welche durch einen Schlag v e r u r s a ch t wurde. Diese Wunde war eine l e i ch t e u n d zeigte bläuliche Verfärbung. Präs. Wie glauben Sie, dass diese Wunde zugefügt wurde? — Dr. Prokes ch. Ich' glaube, dass die Ermordete die Hand zum Schutze emporhielt und der Mörder auf sie losschlug. Der P r ä sid ent zeigt Dr. P ro k es ch den angeblichen Stock Hülsners und fragt, ob die Wunde mit diesem Stocke zugefügt werden konnte. — Dr. Prokesch. Das kann sein. — Präs. Wurden sonst noch Wunden gefunden? — Dr. Prokesch. Abschürfungen an den Fingern und verschiedenen Körpertheilen. Der Präsident zeigt nun dem Sachverständigen den Strick, der neben der Leiche gefunden wurde. Glauben Sie, Herr Doctor, dass die Strangulierungswunde von diesem Stricke herrühren kann? — Dr. Prokesch. Ja, das glaube ich. Präs. Wieso kommt es, dass dieser Strick in der Mitte einen Knoten hat? — Dr. Pro ke s ch. Vielleicht war er früher entzweigeschnitten. Präs. Wann nahmen Sie die Untersuchung der Leiche vor? Bald nach der Auffindung? — Dr. Prokesch. Die Untersuchung wurde Samstag nachmittags vorgenommen. Präs. Es ist festgestellt, dass die Agnes Hruza am Mittwoch ermordet wurde, an dem Tage, an welchem sie nicht mehr nachhause kam. Wieso kommt es nun, dass die Leiche sich von Mittwoch bis Samstag so völlig frisch erhalten hat, wie Sie in Ihrem Befunde constatieren. — Dr. Prokesch. Das dürfte auf das damalige Wetter zurückzuführen sein. Präs. Also eine Leiche kann frisch sein, auch wenn sie schon drei Tage an einer Stelle gelegen ist? -- Dr. Prokesch. O ja. — Präs. Es ist mir im Befunde aufgefallen, dass die Leiche so frisch aufgefunden wurde. Es stand übrigens auch in dem Befunde, dass die Leiche noch keine Spur von Verwesung zeigte. War die L e i ch e v ö l l i g blutleer? — Dr. Prokesch. Völlig blutleer. Präs, (mit scharfer Betonung). Völlig blutleer? — Dr. Prokesch. W r r haben n u r einige Bluttröpfchen gefunden. Präs. Wie sah es denn auf der Stelle aus, wo die Leiche kag? — Dr. Prokesch. Nur eine handgroße Fläche mit Blut, und zwar init geronnenem Blute, war sichtbar. Präs. Sonst wurde kein Blut gesunden? — Dr. Prokesch. Ja, ein wenig weiter seitwärts wurde auch ein mit Blut bespritzter Ort gefunden. Präs. Das ist wahrscheinlich in jener Mulde, die sich dort befindet. — Dr. Prokesch. Ja, das ist dort. Früher war dort ein Feld, jetzt ist es eine Wiese. Prä s. Dort war also die Erde mit Blut bespritzt? — Dr. Prokesch. Ja wohl, Herr Präsident. Präs. Wie war denn dieses Blut? — Dr. P r o k e s ch. An dieser Stelle war das Blut nicht geronnen, sondern frisch. Präs, (verwundert). Frisch? — Dr. Prokesch. Ja, frisch. Präs. Wo lag denn der Korb der Hruza? — Dr. Prokesch. Rechts von der Leiche. Präs. Auch zwei Steine wurden bei der Leiche gefunden? — Dr. Prokes ch. Ja wohl. Der Präsident verliest nun eine Stelle aus dem Befunde, an welcher es heißt, dass einen Meter von der Leiche entfernt eine von Fichten umgebene Vertiefung ist, wo die Hruza wahrscheinlich überfacken ivurde. Präs. Auf mich macht das den Eindruck, dass die Hruza dort abgefangen, mit Steinen geschlagen, stranguliert und dann w e g g es ch l ep p t ,v ur d e, um am Ausfind un g so rte g esch la ch tet zu werden. — Dr. Prokesch. Ich bin der Ansicht, dass auch die Schnittwunde der Hruza gleich bei den Fichten beigebracht wurde. Präs. Glauben Sie, dass die anderen Wunden nur dazu -dienten, die Hruza zu betäuben? — Dr. Prokesch. Ja. nach wenigen Monaten die Stelle, auf die sie so lange hatte warten müssen. Ihre Freude kannte keine Grenzen, und als Selig kurz darauf 'kam, vergaß sie sich so iveit, ihn stürmisch zu umarmen und einen herzhaften Kuss auf seine Lippen zu drücken. Und Selig, der alte -Sünder, erwiderte den Gruß in gleicher Weise. Saras Mädchen waren nunmehr in Stellungen untergebracht, die weit von ihrer bisherigen Lage abstachen, und es dauerte nicht gar lange, so wurde ihrer Mutter nahegelegt, den Laden, welcher sie bis dahin so gut ernährt hatte, zu verlassen, weil derselbe in einer Stadtgegend lag, die von der besseren Classe meist gemieden wurde. Sara machte alles Mögliche zugunsten des Ladens geltend, weil sie sehr daran hing. Aber die Mädchen ließen nicht nach mit Bitten, und endlich hatten sie die Mutter soweit gebracht, dass sie zu einem Localwechsel die Zustimmung gab. Sara war eifrig bemüht, ihre Töchter in den Augen der Welt steigen zu sehen, und da sie es nun nicht mehr für nöthig hielt, so überaus schwer zu arbeiten, wie sie es bis dahin hatte thun müssen, machte sie auch weniger Einwände gegen einen Wechsel des Ladens, als sie unter anderen Verhältnissen — und mit Recht — hätte machen können. 6. Capitel. Um jene Zeit wars, als der Bruch zwischen Selig und seiner Frau stattfand, und gerade damals benachrichtigte ihn Sara, dass die Verhältnisse es ihr ermöglichten, einen größeren Laden und eine schönere Wohnung zu beziehen. Er dagegen sagte ihr, dass seine financielle Lage ihn zwinge, zurückgezogener zu leben, dass er der Welt gegenüber diesen Umstand nicht mehr verheimlichen könne, und dass er genöthigt sei, wieder von vorne anzufangen. (Schluss folgt.) Zerronnen und Gewonnen. Eine Geschichte aus de in New-Iorker Ghetto. Aus dem Englischen von Z. Bensam. Darauf brachte Sara Feder und Tinte und nach Seligs Anleitung schrieb sie einen zweiten Brief an Jankel Friedmann, in dem sie ihn benachrichtigte, dass sie bereit sei, den „Gett" anzunehmen. „Ich will den Brief selbst zur Post bringen," sagte Selig und schob ihn in seine innere Rocktasche, damit er nicht verloren gehe. „Das sott ein Ende nehmen," murmelte er, ohne dass Sara es hören konnte. Und als Selig sich anschickte, seine Wohnung aufzusuchen, und auf dem Wege den Brief in der Post abgegeben hatte, fühlte er sich, ohne sich über das „Warum" Rechenschaft ablegen zu können, um vieles leichter und wohler ... 5. Capitel. Als Sara ihren neuen Erwerbszweig als Specereihändlerin ergriffen hatte, war ihre Tochter Minna zehn und Rebekka acht Jahre alt. Sobald sie dieselben im Hause entbehren konnte, wurden sie in die öffentliche Volksschule geschickt, wo sie derartige- Fortschritte machten, dass sie schon in wenigen Jahren mit gleichalterigen Kindern zusammensaßen. Minna war eher klein für ihr Alter, hatte aber ein ausnehmend schönes Gesicht. Rebekka hingegen war hoch aufgeschossen und blass, und Selig sagte oft zu Sara, sie möge nur bei Zeiten anfangen, für Rebekkas Mitgift zu sparen, wenn sie nicht wolle, dass sie eine alte Jungfer werde. Aber Rebekka besaß einen scharfen Verstand, sie nahm die Prophezeiungen ihres Hausfreundes sehr übel ans und oftmals gab sie solch sclstggfertige Antworten, dass sich Seligs Neckereien in Erstaunen verwandelten.