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Jüdisches Volksblatt · 1899-09-15 · 31 (15.9.1899) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
31 (15.9.1899)
Date
1899-09-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. Bl Wien, Freitag gehöriges Futteral aus .der Nasche hervorlugte. Hülsner gibt zu, ein kleines Messer besessen zu haben, leugnet jedoch, ein großes, schon gar nicht eines in den angegebenen Dimensionen, sammt Futteral im Besitze gehabt zu haben. Dem stehen die oben citierteN Zeugenaussagen gegenüber. Leopold Hülsner leugnet nämlich nicht nur den Mörd, sondern auch alles andere, mas für seine Thüterschast oder TheilnahiNe üN dem Verbrechen sprechen würde. Tie Schlussfolgerung des Staatsanwaltes. Die Anklage fasst nun alle diese vorhandenen Beweismomente zusammen und bemerkt dazu: Die Anna Hruza wurde offenbar von den Mördern zuerst betäubt, dann etwa sechs Meier tief in den Wald geschleppt, wo ihr die Mörder den Hals durchschnitten und jene furchtbare Wunde beibrachten, die titie rasche Verblutung und gleich darauf den Tod herbeiführen musste. Die Anklage schließt: „Dass Leopold Hülsner des Mordes an der Anna Hruza dringend verdächtig erscheint erhellt daraus, dass er die Anna Hruza vor dem Morde gekannt und ihr nachgtstellt habe; dass er am Tage des Mordes in Begleitung zweier Spießgesellen in der Nichtung gegen den „Brzezina-Wald" gehen gesehen rvurde; dass er sein Alibi nicht Nachweisen konnte, dass er seine Kleider am Tage des Mordes zweimal gewechselt habe, dass er ein großes, scharfes Messer in einem Futteral bei sich getragen, dass seine Verantwortung mit den Zeugenaussagen überall im Widerspruch sieht, dass er sogar den Besitz des grauen Anzuges leugnet, dass die verdächtigen grauen Hosen, auf denen Blutflecke conftaliert wurden, bei seiner Mutter in einem Koffer gesunden wurden, dass sein Benehmen nach dem Morde sehr verdächtig war, dass er eine schlimme Vergangenheit hat, es nirgends in der Lehre aushielt und jeder Arbeit aus dem Wege gieng, dass er gegen Mädchen frech und zudringlich war und seiner' früheren Geliebten Anna B e n e s ch, als sie ihm nicht zu Willen sein wollte, mit dem Tode drohte, und dass er endlich sich von seiner Mutter, die selbst von Almosen lebt, erhallen ließ, ohne Arbeit zu suchen. Aus all dem geht hervor, dass Leopold Hülsner fähig ivar, die ihm zur Last gelegte That zu begehen, und dass somit die Anklage begründet i st, besonders da durch die Gerichtsärzte festgestelll erscheint, dass er geistig gesund und u r e ch n u n g s f ä h i g ist. * Dienstag, den 12. September. Das Gebäude des Kreisgerichtes ist seit heute früh von Gendarmerie bewacht. Desgleichen die Wohnung des Doctor Aurednicek. Nach Auslosung der Geschworenen erklärt der Vorsitzende die Verhandlung für eröffnet und fordert Hülsner auf, vor den Gerichtstisch zu treten. Vors. Treten Sie vor, Hülsner, sprechen Sie laut, es ist zu Ihrem Vortheile. Der Angeklagte spricht etwas mit leiser Stimme. Vors. Deutlich müssen Sie sprechen. Wie heißen Sie? — 21 it fl. Leopold Hülsner. — V o r s. Welches Bekenntnis haben Sie? — A 11 g. Israelit. — Vors. Sind Sie verheiratet oderledig? — A ii g. Ledig. — Vors. Haben Sie Eltern am Leben? — A n g. Ja, meine Mutter. — Vors. Wie hieß Ihr Vater? — A n g. Jakob. — Vors. Wie heißt Ihre Mutter? — Aiflg. Marie. — Vors. Wo sind Sie geboren? — An g. In Polna. — Vors. Giengen Sie in die Schule? — Sing. Ja. — Vors. Können Sie lesen und schreiben? — An g. So auf drei Viertel. — Vors. Haben Sie ein Vermögen? — Ang. Nein. — Vors. Wovon ernähren Sie sich? — A n g. Meine Mutter ernährt mich. — V v x s. Was haben Sie gemacht? — A n g. Ich war Feldhüter, früher aber Schuster. — Vors. Warum lernten Sie also die Schusterei? — A n g. Die Mutter gieng bald in die Welt und die Tante, die mich aushielt, konnte mich nicht ernähren. — Vors. Also haben Sie eigentlich nichts gemacht? Waren Sie Soldat? — Ang. Nein. — Vors. Warum hat man Sie nicht assentiert? — Ang. Da ich einen Samenbruch hatte. — Vors. Sind Sie vorbestraft? — Ang. Wegen der Uebertretung der Falschmeldung, weil ich mich dem Gendarmen falsch meldete. — Vors. Standen Sie in Untersuchung? — An g. Ja, wegen Drohung, weil ich meiner Geliebten mit dem Tode drohte und dabei habe ich, als mich Gendarmen verhafteten, einen falschen Namen angegeben. — Vors. Geben Sie Acht ans Verlesung der Anklageschrift, verhalten Sie sich artig und sprechen Sie nicht ein Wort. Hierauf wird die Anklageschrift verlesen. Sodann folgt das Verhör des Angeklagten. Verhör des AngeAagterr: Präs.: Angeklagter, Sie haben die Anklage gehört. Was haben Sie nnzusühren? — A n g.: Am 29. März, um 2 Uhr Nachmittag, gieng ich auf den Katharinenberg, woselbst ich Anton Dworzaeek, Rudolf Leixner, Vineenz Selinger und Wenzel Soboika in der Nähe des Friedhofes antras. Sie spielten dort Karten. Ich setzte mich zu ihnen, spielte aber nicht mit. Gegen 3 Uhr forderte ich sie aus, mit in die Stadt zu gehen, nicht aber nach Brzezina. Es hatte sich jedoch keiner hierzu entschlossen, sie spielten weiter. Ich gieng also allein in der Nichtung vorbei am Hain unterhalb des Friedhofes, dann durch das Herrschnstsbräuhaus in die Stadt zurück. — Prä s. Und was machten Sie dann? — A n g. Um etwa halb 7> Uhr gieng ich über den Marktplatz. Aber ich gieng nicht, wie ich in der Voruntersuchung angab, in Begleitung des Anton Dworzaeek und Leixner. Ich habe mich damals geirrt. Ich gieng mit ihnen am 31. März über den Marktplatz. Als ich zum Judenthor und zum Judentempel kam, standen dort einige Juden vor demselben. Es waren gerade unsere Feiertage. Die Juden giengen in den Tempel und da bei den Inden immer wenigstens 10 Personen zur Abhaltung des Gottesdienstes im Tempel anwesend sein müssen, gieng ich auch hinein, hielt mich aber nicht lange dort auf, sondern gieng in der Nichtung nachhause, wohin ich nur einige Schritte habe. Zuhause angekommen.... — Präs. Wenn trafen Sie zuhause an? A n g. Die Volcnc, meine Mutter. An meinen Bruder kann ich mich nicht erinnern. — P v ä s. Wohin giengen Sie dann? — Ang. Hoher Gerichtshof und hohe Geichworene! Ich blieb zuhause. — Prä s. Was machten Sie zuhause? Ang. Ich habe genachunahlt. — Präs. Was haben Sie gefrühstückt? — A ii g. Kaffee und Mazzen. Der Präsident macht den ^Angeklagten bezüglich gewisser Widersprüche betreffend die Angabe der Zeit seiner Ankunft zuhause und die seiner Anwesenheit im Tempel aufmerksam. Der Angeklagte beharrt bei seinen Aussagen. Letzterer gibt ferner an, dass sein Bruder gegen 9 Uhr abends nachhause kam. Hierauf beschreibt er die Wohnung seiner Mutter und beantwortet die Anfragen des Vorsitzenden, wo sich seine und die der übrigen Familienmitglieder Lagerstätten befanden. P r ä s. Wie viele Räumlichkeiten besitzt Ihre Wohnung? — A n g. Eine Stube und vier Kammern. — Prä s. Wo schlief Ihr Bruder Moritz, oder wie er auch heißt Ist-Isidor? — A n g. Im l. Zimmer. — Präs. Wieso kommt es, dass Ihr Bruder zwei Namen hat? — A n g. Das war ein Jrrthum in der Matrik und die Schuld meines Vaters, welcher, als er „zur Taufe" mit ihm gieng, einen Namen abgab, den er später wieder vergaß. Der Name Isidor ist sein Spitznahme. — Präs. Wann kam der Bruder nachhause? — Ang. Gegen i) Uhr. Ich habe ihm die Thüre geöffnet. — Präs. Ihr Bruder bestreitet dies aber. Wozu benützten Sie die Kammer? Wozu diente die zweite Kammer? — A n g. Das war früher, als mehr Juden in Polna waren, das Bad derselben. Die Inden giengen dorthin in alten Zeilen baden. Präs. Wo baden sie jetzt? —A n g. Nirgends. (Gelächter.) Es badeten dort auch jüdische Bräute vor der Hochzeit. — P r ä s. Was war mit den anderen Kammern? — A n g. In Jüdisches VolksMatt der einen wohnte der Schächter Spitz, in der anderen hattest wir Erdäpfel und die vierte stand leer. — Prä s. Wem gehörte die Wohnung? — Ang. Der.jüdischen Gemeinde. Wir wohnten dorl unentgeltlich. Dafür hatten wir oie Pflicht, nach Polna kommende reisende Juden dort ilbernachten zu lassen. — Präs. Wissen Sie etwas vom Morde an der Agnes Hruza? — Ang. Ich weiß nichts. — Präs. Haben Sie die Agnes Hruza gekannt? — Ang. Ich habe sie nicht gekannt, weil ich mit ihr niemals eine Bekanntschaft hatte. (Gelächter.) Meine Geliebte war die Minarik. Ich habe sie nicht beachtet. Es ist aber möglich, dass ich sie gesehen, denn ich habe mir so manche angeschaut. (Heiterkeit,) — Präs. Aber Sie wussten, dass es die Anna Hruza war? — Ang. Dem Namen nach kannte ich sie nicht. — Und nun zählt der Vorsitzende eine Reihe von Momenten auf, welche erweisen, dass Hülsner die Hruza kennen musste. — P r ä s. Haben Sie niemals auf sie bei der Stiege gewartet? — Ang. Niemals, ich habe niemals auf sie gewartet. Dass ich sie angeschaut habe, bestreite ich nicht. — Präs. Sie haben sie bis zum Kudlac-Gebäude verfolgt? — Ang. (entrüstet): Das ist nicht wahr. — Präs. Die Agnes Hruza hat sich aber vor Ihnen gefürchtet, weil Sie sie so eigenthümlich angeschaut. Sie erzählte ihrem Vormunde Nowak: Der Jude Hülsner verfolgt mich, schaut auf mich, weiß Gott, was er an mir sieht. Nowak begleitete sie hierauf bis zur zweiten Brücke hinter der Brzezina. — Ang. Ich habe das Mädchen nie verfolgt. — Präs. Vormittag waren Sie auch auf dem Katharinenberg? — Ang. Wenn ja, so aber gegen Mittag. — A n g. beschreibt den Rückweg, den er in Gesellschaft einiger Genossen nahm. — Präs. Die Zeugin Katharina Dvorschak gibt an, dass sie Euch an ihrem Häuschen von derRichtnng aus Brzezina kommen sah. — Ang. Ich war an dem Tage nicht in Brzezina. — Präs. Wie waren Sie damals gekleidet? — A ii g. Ich hatte am 20. März einen dunkelblauen Anzug an. — P r ä f. Wie viele Kleider haben Sie? — A n g. Ein dunkelblaues, ein grünes und ein schwarzes Kleid (in welch letzterem Angeklagter bei der Verhandlung erschienen ist). — Präs. An die lichten Hosen können Sie sich nicht erinnern? — 21 n g. Ich hatte lichte Hosen. Ich habe es auch dem Untersuchungsrichter gesagt. Ich hatte ein paar lichte Hosen von Frau Hitschmann, die ich lange nicht getragen, ich vergaß an sie und" nahm später an, dass meine Mutter sie verkauft. — Präs. Ihre Mutter leugnete anfangs und wollte von den Hosen nichts wissen. Als man jedoch in der Synagoge dieselben fand, gestand sie es ein, dass das Ihre Hosen sind. — 2l n g. Ich habe die Hosen dort versteckt, wenn ich aus der 2lrbeit gieng. — Der Präsident lässt die Hosen herbeiholen und zeigt sie dem 2lngeklagten, welcher sie sofort als die seinigen bezeichnet. — Präs. Wann trugen sie die Hosen? — A n g. Bei der Arbeit. — Präs. Wo arbeiteten Sie? — 21 it g. Beim Bahnbau. — Präs. Man fand rostbraune Flecke ans den Hosen. Sie haben erklärt, dass diese Flecke von Ziegelsteinen herrühren könnten. Haben Sie niemals geblutet, haben Sie sich niemals verletzt? Die Hosen zeigten Spuren von Blut, und zwnr von Menschenblut. — "Angeklagter erzählt, er habe im vorigen Jahre sich bei einem Sturze an den Händen verletzt und habe aus der Nase geblutet. Das Blut habe er sich an dem rückwärtigen Theile der Hose mit den Fingern abgewischt. Der Präsident hält ihn Zeugenaussagen entgegen, welche darthun sollen, dass Hülsner bei jenemFalle nicht oder wenigstens nicht viel geblutet habe. — Vors. Kennen Sie den Zeugen Muzikar? — Ang. Stein.— Vors. Aber er kennt Sie. Ersah Sie, in grauen Kleidern nicht in den blauen angethan am 2b. Marz durch das obere Thor in der Richtung gegen die Jndenstadt raschen Schrittes gehen. — 2l n g. Er konnte mich nicht sehen. — V o r s. Er sah sie im schmalen Gässchen förmlich springend laufen, hinter Ihnen zwei unbekannte Auswüchse, von.denen einer einen jüdischen Typus und X-Füße hatte. — A.st g. Ich habe mit Juden keine Kameradschaft. Zwei oder drei Tage vor dem 29. März sprach ich mit einem gewissen Fried und Beran, die nicht aus Polna sind. Letzterer ist ein watschliger Jude (pajdavy Lick). Ich war mit ihm 24 Stunden eingesperrt. — Vors. Sie wurden aber aus dem Wege nach Brzezina gesehen? — A n g. Ich bin durch ienes Gässchen zum Katharinaberg nicht gegangen. Ich bin am Marktplatz gewesen undkonnte nicht also in Brzezina sein. — Vors, (zum Gerichtsdiener). Bringen Sie die Stöcke. (Geschieht.) — Vors. Kennen Sie diese Stöcke? — 2lng. Nicht einen einzigen. Sieht. — Vors. Was ist das für ein Stock? — A n g. Das weiß ich nicht. — Vors. Hatten Sie einen Stock? — 21 n g. Ich hatte einen Stock, selbstverständlich, aber das ist nicht der Stock. — Vors. Dieser Stock zeigt Blutspuren. — 2lng. (unwillig). Ich hatte aber keinen solchen Stock, ich hatte einen rothen. — V o r s. Dieser Stock wurde gefunden an dem Orte, wo die 2lgnes Hruza getödtet wurde. — 2l n g. Diesen Stock kenne ich nicht. — Vors. Zeuge Pesak behauptet, er habe gesehen, dass eine Person, die nach seiner Beschreibung auf Sie passt und die eben einen solchen Stock in der Hand hielt, sich an jener Stelle aufhielt, wo die Leiche der 2lgnes Hruza aufgesunden wurde. — 21 ii g. Den Zeugen Schlosser Pesak kenne ich nicht. — Der Vorsitzende wiederholt die 2lussagen dieses Zeugen und fügt hinzu, dass Zeuge überdies behauptet, noch zwei Männer am Thatorte gesehen zu haben. — 21 n g. Er konnte mich nicht dort sehen, weit ich am 29. März in Brzezina nicht war. — Vor s. Er kennt Sie von Jugend auf und erklärt mit aller Bestimmtheit, dass er Sie um die kritische Zeit mit einem sülchen Stocke sah. — A n g. Ein solcher Zeuge, welcher dies gesehen, sagt das gleich und hält nichts geheim. Aber jetzt, nachdem ich in Hast bin, kann so mancher kommen und sagen, er hat mich auf 60 — Vors. 600. — A n g. 600 Schritte gesehen. — Vors. Nehmen Sie den Stock. SBie trugen Sie gewöhnlich den Stock. — (2lngeklngter ergreift den Stock und stützt sich au denselben.) — Vors. Sie hatten die Gewohnheit, den Stock anders zu tragen. (Der Vorsitzende nimmt den Stock und schreitet mit den Händen ausgreifend und mit langen Schritten einigemal übers Podium.) — Vors. Giengen Sie so? — Ang. Ja, wenn ich besoffen war. — Vors. Sie "hatten ja kein Geld zum Trinken. — 2lng. Ich gieng zu Juden betteln. — Vors. Der Zeuge behauptet, der Mensch habe genau so ausgesehen wie Sie. — 2ln g. 2lls ich beim Bezirksgerichte wegen Falschmeldung eingesperrt war, fassten die Leute Hass gegen mich, da ich meine Geliebte zu erschießen drohte. Und jetzt wollen sie mir auch den Mord aushalsen. — (Diese Eontroversen führte der Vorsitzende, dem Angeklagten sehr nahestehend und ihn unverwandt scharf anblickend, als ob er ihn hypnotisieren wollte. Der 2lngeklagte ließ sich jedoch nicht im Geringsten einschüchtern und antwortete stets präcise und logisch auf alle Fragen. Der Vorsitzende hält im weiteren Verlaufe des Verhöres Hülsner den Umstand vor 2lugen, dass zwei Mädchen, die Reisman und Vitlacil, tags zuvor bei ihm ein etwa 30 ein. langes, 2 Finger breites Messer gesehen. — A n g. Ich hatte kein anderes Messer als mein Taschenmesser. — Vors. Die beiden Zeuginnen behaupten aber, dass das kein Schnappmesser war. Sie haben das Messer ihnen gezeigt. — Angeklagter verharrt bei seiner früheren Aussage. — Vors. Haben Sie die Leiche gesehen? — 2lng. Nein. — Vor s. Dieselbe hatte eine lange Schnittwunde am Halse, die bis auf die Wirbel reicht. Die konnte nur von einem langen scharfen Messer herrühren. Die Leiche zeigte auch 8 schwere Wunden am Kopfe. — 2l n g. Das ist möglich, aber ich hatte kein langes Messer. — Und nun zählt der Vorsitzende dem Angeklagten alle ihn belastenden Momente noch einmal auf und fordert ihn auf, sich zu bekennen. — 2ln g. Ich kann mich nicht bekennen. Ich sitze bereits ein halbes Jahr unschuldig in der Hast. Die Leute, die es gemacht haben, gehen frei umher. — Vors. Sie waren aber in Brzezina, das steht fest. — 2l n g. Ich bin auf dem Katharinenberg gewesen. 2lm 29. März war ich 15. September 1800 Seite 3 nicht in Brzezina. — Der Vorsitzende zeigt dem 2lngeklagten noch einmal die lichten Hosen und bemerkt, dass dieselben feucht waren. 77- 2k n g. Ich habe die Hosen voriges Jahr gewaschen und da find sie wohl feucht geblieben. (Heiterkeit.) — Der S t a a t s a n w. ,Sie bebarren fort bei Ihrer Unschuld und begeben sich so der besten Waffe. Sie leugnen auch Belangloses, alles rundweg ab. Selbst den 2lussngen Ihrer Angehörigen widersprechen Sie. Der Staatsanwalt erklärt, er finde es auffallend, dass selbst die Mutter und der Bruder des Angeklagten dessen Angaben nicht bestätigen. Sein Bruder sage ausdrücklich, der 2lngeklagte sei am 9. März um \a7 Uhr abends nicht zuhause gewesen. Seine Mutter gebe an, er sei wohl abends einen. 2lugenblick zuhause gewesen und sei dann weggegangen. — Der Vertheidiger Doctor 2l u r e d n i c e k macht den Vorsitzenden, aufmerksam, dass veröffentliche 2lnkläger Sachen vorbringe, die ins Plaidoyer gehören. — Der Vorsitzende erklärt, er habe die betreffenden Umstünde, von denen der Staatsanwalt spreche, bereits selbst erörtert. — Der Staatsanwalt gibt hierauf die weitere Fragestellung auf. — Dr. Baxa zum 2lngeklagten: Sie sagten gleich nach Ihrer Verhaftung, Ihnen sei bekannt, weshalb sich gerade gegen Sie der Verdacht lenke und nannten damals den Grund. Könnten Sie denselben nicht widerholen? — Ang. Als man mich des Mordes beschuldigt, sagte ich, ich weiß, weshalb man gerade mich verdächtigt. Es sind jüdische Ostern und viele glauben daran, dass die Juden zu dieser Zeit Christenblut brauchen. Dr. Baxa: Es ist auffallend, dass Sie an so etwas gedacht haben. Sie hatten übrigens einen Stock und man hat trotz eifrigsten Suchens keinen bei Ihnen gesunden. — 2lng. Ich weiß nicht, wo der Stock hingekommen ist. — Dr. Baxa: Es ist eigenthümlich, dass Sie alles leugnen. — Vertheidiger Dr. 2l u r e d n i c e k zum Angeklagten: Man fragt bei Ihnen widerholt nach einer Hose. Um was für Hose hat es sich gehandelt? — 2l n g. Ich wurde wiederholt nach einer weißlichen Hose befragt und ich antwortete jedesmal, dass ich eine weißliche Hose nicht besitze. — Vertheidiger: Herr Präsident, ich bitte diese 2lussage protokollieren zu lassen. Die iiii Koffer der Mutter des Angeklagten Vorgefundene Hose war grau. -- Vors. Es geht aus den Protokollen hervor, dass der 2lngeklagte angegeben habe, eine graue Hose nicht zu besitzen. — Vertheidiger: Das hat ein anderesVewandtnis. Ein Zeuge hat erklärt, er habe am 29. März den Anacl'mglen in einer grauen Hose gesehen und der 2lngeklagte hat c wioert, an diesem Tage eine graue Hose nicht getragen zu haben. Hierauf gelangt das Protokoll über den Localaugenschein zur Verlesung. Der "Vorsitzende theilt mit, dass von morgen an die Verhandlung täglich um 7 Uhr früh beginnen und mit einer Pause von 11 Uhr bis 3 Uhr nachmittags währen werde. Sodann vertagt er die Verhandlung auf 3 Uhr nachmittags. Stach Wiederaufnahnie der Verhandlung um 3 Uhr nachmittags gibt der Präsident vorerst die L e u m u n d s n o t e über Leopold Hülsner bekannt, in der es heiße, dass Hülsner schlechte Sitten habe, keinem eigentlichen Erwerbe nachgehe und sich von seiner Mutter aushalten lasse. Sodann beginnt das Zeug en verhör mit der Einvernahme der Mutter der Ermordeten, der Bäuerin Marie Hruza aus V ie s ni c, die ihre 2lussage zwar unter Thränen, doch in einer mit derGemüthsstimmung contrastierenden Entschiedenheit macht. Sie gibt an, den Angeklagten nicht zu kennen, ferner, dass kurz nach dem M o r d e Herren aus Wien zu ihr. gekommen seien, die sie nach allem gefragt, alles nachgesehen und untersucht hätte n. Vom P räsid ent en befragt, wen sie der Thäterschaft beschuldige, sagt die Zeugin: „Ich machte die 2luzeige der Gendarmerie, und die sagte mir, ich soll in der Stadt Umfragen. Die Leute, die ich dann fragte, die sagten mir, ich soll den Hülsner fragen, dem entgeht kein Mensch in der Stadt. 2llle Leute äußerten den Verdacht, dass Hülsner der Thäter sei, weil er sie immer verfolgt hat. Sie hat es mir erzählt, die 2lrme, dass er oft beim Hause stand, und ihr nachsah". Sodann befragt der Vorsitzende die Zeugin über das Verhältnis von Bruder und Schwester zu einander, wobei die Hruza ihre in der Voruntersuchung abgegebenen Erklärungen widerruft oder sich derselben nicht erinnern kann. Vom Vertheidiger befragt, w a r u m das Ausbleiben ihrer Tochter über die Stacht sie nicht zur Umfrage bei Stachbarn bestimmt habe, schweigt die Zeugin. Auf die Frage, w o i h r S o h n während d i e s e r z w e i T a g e g e w e s e n s e i, antwortet die Zeugin, d a s s e r z u r Beichte gegangen sei. Sodann wird der Gendarmerie-Postenführer Josef K l en o v e c einvernommen, und über die Auffindung d e r Leiche befragt. Darüber weiß er allerdings recht wenig, umsomehr aber betont er, dass der B o d e'n um d i e L e i ch e wenig B l u t s p u r e n a u f w i e s, was ihm sehr b em e r k e n s w e r t e r s ch i e n. Befragt, aus wen er seinen Verdacht gelenkt habe, sagt der Zeuge: Zunächst hatte ich den Bruder der Ermordeten in Verdacht, und erst, als ich sein kleines Taschenmesser gesehen halte, erkannte ich, dass er es nicht sei. Später hörte ich, dass Hülsner in der Nähe des Thalvrtes gesehen wurde und das lenkte meinen Verdacht auf ihn. Ich habe auch eine Hausdurchsuchung bei ihm vorgenomnien. — Präs. Wissen Sie, welches Slussehen das Messer hatte, welches Hülsner besaß? — Zeuge: Es war ein Schächtermesser. — P r ä s. I st das Ihre SN e i n u n g oder hat Ihnen das Jemand gesagt? — Zeuge: Das hat mir niemand gesagt. Ueber die Lage der Leiche befragt, gibt der Zeuge i m Widerspruche mit de r M u t t e r der Er r.i ordeten an, dass niemand die T o d t e v o r d e r B e s n n d a u fn ahme b e r ü h r t Hab e. Der nächste Zeuge ist der Stadtrath S e d l a k. 2luch er weiß nur anzugeben, dass plötzlich alle Leute sagten: Der Hülsner hats gemacht. ES war so eine Fama, die sich blitzschnell verbreitete. Nun befragt ihn Vertheidiger Dr. 2l ur e d n i c e k: Wissen Sie, Herr Zeuge, dass sich in Polna ein Rechtscomitö gebildel: har, welches Zeugen in dieser Sache einvernahm? — Zeuge Ein Rechtseomito hat sich nicht gebildet, aber wenn je nt and Neuigkeiten brachte, sragteman ih n aus, da m i t d a s G e r i ch t n i ch t unnütz behelligt werde, und das wurde dann dem Gerichte e i n g e s ch i ck t. — Verth.: Wer war dabei anwesend? — Zeuge: Immer z w e i o d e r d r e i H e r r e n, m a n ch m a l auch der H e r r Postens ü h r e r. Von den nächsten Zeugen, unter denen sich auch V e rwandte der 2lgnes Hruza befinden, ist keiner der Meinung, dass der Angeklagte kräftig genug sei, um das starke 9Jt ädche n bezwingen zu könne it. Stach einigen belangloseren Zeugeneinvernahmen schließt der Vorsitzende die Verhandlung um einhalb 7, Uhr. Mittwoch, den 13. September. Am zweiten V e r h a n d l u n g s t a g e wird vorerst der ehemalige Lehrherr des Bruders des 2lngeklagten, Franz S i c aus Polna (ein Haup tze u g e!) vernommen, der angibt, dass ihm Jtzig wohl des öfteren mitgetheilt habe, dass bei seinen Leuten zuhause polnische Juden nächtigen. 2l u ch in de r 28 o che, wo der Mord ges ch a h, h a b e e i n polnische r I u d e bei H ü l s n e r s geschlafen; darüber wusste der Z e u g e n o ch in der Voruntersuchung nichts a nz u g e b e n, i n d e r H a u p t v e r h a n d l u n g a b e r erinnert e r s i ch dieses Vorkommnisses. 2lls Grund hierfür gibt der Zeuge an, dass er zur Zeit der Voruntersuchung k r a n k ge-

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