Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 30 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. SejJe.nbor 1899 Nr. 30 heimatlichen Kunst, zu seiner heißgeliebten Nation. In der Fremde schweifend, schrieb er sein Gedicht in Prosa „An die russische Sprache", dichtete er die meisten seiner Werke, die das rnssische Volk und dessen Literatur um eine Stufe höher brachten. So auch Ibsen und noch viele andere. Glücklich ist die Nation, in der solche Erscheinungen anftrcten, denn erst sie machen sie des Lebens wert, ja verschönern ihr das Leben. Wenn wir znsehen wollen, wie es bei uns in der nenhebräischen Literatur zngeht, so ist sehr schwer, ein klares und deutliches Bild zu geben — denn die Literatur sollte doch einigermaßen die Ideale, den gegenwärtigen Inhalt und die Bestrebungen des besseren Theiles der anfstrebenoen Jugend wiederspiegeln. Das Leben unseres Volkes ist überhaupt grundverschieden von dem aller anderen Nationen. Von Politik wissen wir schon lange nichts, bloß in letzter Zeit ist eine neue Politik entstanden, die jeden Sohn Israels, der nicht in dieses Fahrwasser hinein will, als „müßiges Glied" bezeichnet. Gerade jetzt sollte eine gesunde Strömung sich in der neuhebräischen Literatur geltend machen, die bezeugen soll, dass wir noch leben, auch ohne Politik leben, dass wir die Thatsache unseres Judenseius ohne Kualleffccte coustatieren können — wenn es überhaupt nvthig ist. Die neilhebräische Literatur unserer Tage ist aber so arm, so versumpft, dass sie dieser Politik gegenüber ohnmächtig wurde. Kein mächtiges, kräftiges, befreiendes Wort zu vernehmen. Und wenn auch noch einzelne da sind, wie z. B. I. L. P e r e tz *) einer von ihnen ist — den wir auch hier besprechen wollen — so sind sie bloß rhapsodische Zufälligkeiten. Kann denn aber eine Literatur aus Zufälligkeiten entstehen? — — — Um meine Hypothese zu befestigen, dass die zwei Bändchen der erschienenen Schriften I. L. P e r e tz' eine Zufälligkeit sind, erinnere ich bloß an die Thatsache, dass einige darin abgedruckte Novellen vor Jahren im Jargon erschienen sind. Lassen wir aber jetzt die allgemeinen Betrachtungen über die neuhebräische Literatur für ein anderesmal übrig und übergehen wir zu der dichterischen Persönlichkeit I. L. P e r e tz', in der wir einen Ghettvdichter ersten Ranges besitzen. Ich sagte früher, Peretz sei einer von den einzelnen bei uns; ich glaube als Novellist, als moderner Novellist, der auch Individualität ist, ist Peretz in der neuhebräischen Literatur fast der eine — der einzige. Er ist ein Vollblntkünstler; und das hat bei einer Literatur, wie der neuhebräischen, in der jeder nach seiner kleinen Teudenzdose niest, viel, sehr viel zu sagen. — Peretz, insofern ich nach seinen Werken urtheilen kann, ist ein innerlich befreiter Jude. Denn das ist das Verfluchte bei den neuhebräischen Künstlern, dass sie in ihren Prodnctioneu immer unterstreichen: dadurch kann das jüdische Volk gerettet *) I. L. Peretz. Kesfowin (Schriften), zwei Bände, herausgegeben vom Verlage „Tuschijah", Warschau 1809. (Mit dem Bilde des Autors und einer Einleitung von I. Klausner.) werden, darin liegt sein Heil u. s. w. Sie bilden nicht, sondern sie reden. Jeder will ein Messias werden. Bei Peretz ist es nicht der Fall. Er ist wirklich ein Auserwählter. Er will keine Anklage- oder Vertheidigungsschriften liefern. Und darum sieht er auch als Künstler richtig, und seine künstlerischen Productivnen erhalten dadurch einen Anstrich des Erhabenen, des Echten. Ich will gleich ein Beispiel anführen. In den Ghettodichtungen werden überhaupt selten christliche Figuren behandelt; und wenn es manchmal vorkommt, so geschieht es nur in dein Maße, in dem diese Christen Beziehungen zum Ghetto haben, und im Zusammenhänge mit demselben stehen. So z. B. bei dem bekannten S. I. Abramowitz (Mendele-Mocher-Sporim). Peretz hat eine kleine humorvolle Novelle: „Die Erben Pharaos" geschrieben. Alle darin anftretenden Figuren sind Christen. Ein Apvthekerlehrling, ein Schullehrer und ein Polizeibeamter. Und lvie bewegen sie sich alle so lebendig. Sie könnten ebensogut von einem Russen russisch geschaffen werden. Ich wiederhole nochmals: ich kenne keinen zweiten in der neuhebräischen Literatur, der künstlerisch in seinen Beziehungen zum Ghetto so frei wäre, wie Peretz. Und Peretz kennt das Ghetto, er sieht das, wofür gar mancher kein Auge hat. In der abgerundeten Novelle „Heziz wenifga" findet das absterbende Bet-Hamidrasch-Leben, die an dem Talmud verkommenden jungen Kräfte, diese bankerott gewordene Cultnr, ihren böchsten und begabtesten Darsteller. Peretz hat auch viel Humor. Echten, gesunden Humor. Ich weise auf seine Novelle „Jossi Hcüeschiba-bochnr" hin. — „Leil-Jewoho" und „Hamknbvlim" („Eine Schreckensnacht" und „Die Kabbalisten") sind, meiner Ansicht nach, kleine Kunstwerke ersten Ranges. Sie zählen bei mir zum Besten, was in der neuhebräischen Literatur in den letzten Jahren erschienen ist. Lumina sitmmarum: Peretz ist ein großer Ghettodichter. F r i e d r i ch s h a g e n bei Berlin. .7. Melnik. Die Inden tu Croatien und Stavomen. In Nr. 26 unseres Blattes brachten wir unter diesem Titel einen Artikel, zu welchem wir nachstehende Zuschrift erhalten : An die löbliche Nedaction des „Jüdischen Bo lks b latt! Durch die Freundlichkeit eines Bekannten gelangte mir Nr. 26 des „Jüdischen Volksblatt" in die Hände, und ich las mit Wohlgefallen darin. Besonderes Interesse erregte bei mir der Artikel „Die Juden in Croatien und Slavonien." Erlauben Sie, dassich, der ich die Verhältnisse der Juden in Croatien und Slavonien zumindest so gut kenne, wie Herr L. S., einige Bemerkungen zu seinem Artikel hinzufüge. Herr L. S. hat seine Axt in einen großen Baum hineingeschlagen. In einem einzigen Artikel bietet er eine Geschichte der Judeit in Croatien in der Vergangenheit, bespricht er die inneren Verhältnisse der Inden in Croatien und Slavonien, das Gemeindeleben, den Antisemitismus, die Erwerbsweise und die politische Parteistcllilng der Juden, und endlich das nationale Leben. Ein Bernfsjvnrnalist wird sich nicht auf einmal erschöpfen, aber auch somit wird jedermann einsehen, dass man alle diese Dinge nicht in sechs Halbspalten hineinzwingen kann. Kein Wunder, dass es von Uncvrrccthciten iviinmelt. Was über die Geschichte der Inden in Croatien gesagt wird, will zuerst alles bewiesen werden, und das ist eine schwere Arbeit in Ermangelung jeglicher Vorarbeiten. Da kann man behaupten, „die Altvvrderen ließen mir viel Raum zur Arbeit." “TO"!1? DDK b irm Bipa und L. S. kann des Dankes versichert sein, wenn er auch einige Ziegelsteine zu der Arbeit beitragen wird. Denn wäre er den Spuren der Judeit in Croatien besser nachgegaitgen, so hätte er gefunden, dass eine schon aus der Regiernngszeit Maria Theresias (1773) stammende Conscriptiolt der croatisch-slavvnischen Jttden veröffentlicht ist, weiters hätte er bei ein klein wenig Bestreben, der Wahrheit naheznkommen, sicherlich in Agram gefunden alle Leute, deren Väter schon vor dem Jahre 1830 in Agram wohnten, gerade so wie hier in Karlstadt, und Grabsteine, die ans den ersten Jahren dieses Säetllnms stammen, gibt es gewiss auf dem Agramer Friedhofe ebenso wie ans dem hiesigen. Wenn der Artikelschreiber auch keine Geschichte schreiben wollte, so hätte er es wenigstens unterlassen sollen, unrichtige Daten auznführen, die nur auf seine Oberflächlichkeit ein Licht weifen. Aus dem Unionkalendcr entnimmt L. S. die Zahl der 27 selbständigen Cultusgemeinden, weiß jedoch nicht, dass 2 der dort erwähnten Filialgemeinden sind, zugehörig der Essegger Cnltttsgemeinde. Ans derselben Quelle schöpft er die 5 Schulen, während es deren nur 4 gibt, die 5. ist eine sogenannte Religionsschnle, aber solcher gibt es viele. Bei der Agramer Cultnsgemeinde hätte er erfahren können, dass es 5 Petenten gab für die Neligionsprofessvrstelle, die nicht mit 1400 fl., sondern mit 1180 fl. dotiert ist, wie es iur Concnrse stand, den er Nachsehen Hütte dürfen, um eine Ungenanigkeit weniger zu schreiben. Wenn der Artikelschreiber schon Namen nennt, so sollte er nicht distingnieren. Schreiber dieser Zeilen legt kein Gewicht darauf, dass er unter den fremden Rabbinern Croatiens der einzige Croate ist, wohl aber darauf, dass seines Wissens auch die Rabbiner Dr. Ernst in Barasdiu und N e u m a n n in Vnkowci die croatische Sprache erlernt haben und das Verdienst, Begründer der croatisch-jüdischen Predigt zu sein, mit dem Agramer Rabbiner Dr. I a k o b y theilen. Ich übergebe auch das Moment, dass L. S. Kenntnis hat von den Religionsbüchern Dr. I a k v b y s und nichts weiß von meiner in croatischer Sprache erschienenen Geschichte der Juden (1697, 1899) die auch als Schulbuch von der Landesregierung — 2 — An Selig selbst konnte man nichts besonders Modisches finden wenn aber ein Mann von zweiundvierzig Jahren, der durchaus nicht reich genannt werden kann, ein Mädchen von zweiundzwanzig Jahren heiratet, der er nichts abzuschlagen vermag, so ist das eine schlimme Sache. — Selig erfuhr, was schon viele vor ihm herausgefunden hatten, dass es leichter sei ein Mädchen zu bekommen, wenn man sie mit kostbaren Geschenken überhäuft, als sich ihre Gunst in der Ehe auch zu erhalten. Mrs. Kaufmann kümmerte sich wenig um ihres Gemahls finanzielle Verhältnisse. Sie hielt ihn für reich, wenigstens hoffte sie, dass dem so sei, und darum sah sie keinen Grund, sich irgend eines Wunsches zu begeben, sobald sie dessen Erfüllung sich einmal in den Kopf gesetzt hatte. Ein oder zweimal schon wollte wollte Selig mit ihr darüber reden, dass in seinen Verhältnissen ein Rückschritt eingetreten sei, sie aber ahnte so etwas, noch ehe er es aussprechen konnte und benahm sich sehr vorsichtig, um diesen unangenehmen Erörterungen aus dem Wege zu gehen. Sie litt an jenem Uebel, an dem so viele Menschen leiden ohne den Muth zu haben, dessen Vorhandensein sich einzugestehen, sie hatte — Furcht, Furcht vor der — Wahrheit. Endlich, nachdem er in einer verfehlten Nähmaschinenspeculation einen sehr bedeutenden Verlust erlitten, nahm er sich vor, ihr seine kritische Lage zu offenbaren, und, indem Selig allen seinen Muth zusammennahm, sprach er sich offen über die Sachlage mit ihr aus. Mrs. Kaufmann sagte — nichts. Einige Thränen in ihren Augen waren der einzige Beweis, dass sie ihres Mannes Auseinandersetzungen mit angehört hatte, und dieser froh, dass die unangenehme Sache vorbei sei, zog Mütze und Ueberrock an, ^um sich bei Sarah, bei seiner gewohnten Tasse Thee, anderen Gedanken hinzugeben. — „Ah", sagte er, als er das dampfende Getränk zu sich nahm, „wie gemüthlich ists doch hier bei Euch!" — Trotz der offenen Auseinandersetzung und dem bestimmt ausgesprochenen Wunsche der Einschränkung der Ausgaben sowohl im Haushalte, wie für Kleidung, trotz der von ihm betonten Nothwendigkeit, eine kleinere, weniger kostspielige Wohnung in einem weniger theuren Stadttheil nehmen zu müssen, beeilte, sich Mrs. Kaufmann durchaus nicht mit diesen Kleinigkeiten und änderte auch ihre Lebensweise in keiner Beziehung. Im Gegentheil, Schewuoth kam sie nach der neuesten Mode gekleidet in den Tempel, in kostbarer Seide, mit theurem Perlenbesatz, und, damit auch niemand versäume, ihre Toilette zu bewundern, machte sie einen Umweg, um zu ihrem in einer der vordersten Reihen befindlichen Platze zu gelangen. So sehr auch Selig ihre Extravaganzen bedauerte, da er ganz gut wusste, wohin das schließlich führen musste, sobald er ihre strahlendschöne Erscheinung sah, und wie alle ihn um den Besitz einer solchen Frau beneideten, überkamen ihn wieder die Gefühle einer Zeit, die zwölf Jahre zurücklag und, da sein Geldschrank noch mit Geld gefüllt war. Einige Zeit nachher wurde Selig von einem Bilderrahmen- Fabrikanten, der in der Unterredungskunst erfahrener war wie in seinem Handwerk, zur Betheiligung an seinem Unternehmen veranlasst. Die Dinge ließen sich in der ersten Zeit auch gut an und es schien, als ob sein Glückstern wieder leuchten sollte. Selig war ein gutmüthiger Mensch, der gern glaubte, was erwünschte, und da sein Associe diese schwache Seite bald ausfindig gemacht hatte, so führte er die Bücher dementsprechend, bis er es eines Abends für geboten hielt, eine handvoll Dollarnoten, für die ihm sein Reisekoffer ein besserer Platz erschien, als der Geldschrank oder die Bank, jenem anzuvertrauen, die Schlüssel im Bureau stecken zu lassen und — zu verduften. Seligs Schreck und Enttäuschung am anderen Morgen waren grenzenlos und er vermochte es gar nicht zu fassen, wie es möglich gewesen, dass er so düpiert worden war. Sein Associö war berühmt als ein frommer Jehudi, der weder morgens noch abends die „Schul" zu versäumen pflegte, und mit einemmale sollte er sich als ein solcher „Schofel" entpuppen? Das war undenkbar! Und doch war es so, und es war unnütz, den Vogel Strauß zu spielen. Selig sah nur zu bald, dass er ein ruinierter Mann sei. Er erzählte die Angelegenheit seinem Weibe, allerdings nicht die volle Wahrheit, aber sie zeigte dieselbe Gleichgiltigkeit wie vordem, vielleicht begriff sie auch nicht die Aufregung ihres Mannes. Sie verstand nur die Kunst sich zu kleiden, das " „wovon?" war eine Frage, deren Beantwortung für sie erst in zweiter Linie stand. Selig sah, dass er bei ihr kein Verständnis für seine precäre Lage finden würde, und machte sich traurig und niedergeschlagen auf den Weg zum Specereiladen Saras und bei ihr sein Herz zu erleichtern. Diese tröstete ihn, so gut sie vermochte, sprach ihm Muth zu, bat ihn, nur nicht zu verzweifeln, rieth ihm zur Reducierung seiner Ausgaben und — gab ihm schließlich seine gewohnte Tasse Thee. Und Selig wurde auch etwas ruhiger. Kaum aber bei sich zuhause angelangt, hatten Kleinmuth und Verzweiflung wieder die Oberhand gewonnen. Wirklich war auch seine Lage eine verzweifelte. Einige Tage später — seine Hoffnung stand auf dem tiefsten Niveau — präsentierte ihm seine Frau ein soeben mit der Post eingelangtes Briefchen.