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Jüdisches Volksblatt · 1899-09-08 · 30 (8.9.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
30 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Kr. :{0 '.Vien, Freitag .'üdisi'iies Volkseia:: S. Hoiviel;!her >9 ganzen Gegend angeeignet. Diese Frömnngkcit hindert sie nicht, ausgezeichnete Arbeiter zu sein und sowohl die Beamten der Administration Rothschilds in Rösch Pinah und Jessud Hamaalohs, als die Beamten der „-levvisb Golonisalion Association“ rühmen einstimmig den Fleiß und die Fähigkeiten dieser neuen Colonisten. Auch die schon langer angesiedelten jüdischen Bauern in Rosch Pinah und den anderen Cnlonien erkennen diese Eigenschaften an, obwohl ihnen die neue Ansiedlnng doch ein Dorn im Auge ist, denn die Colonisten non Rosch Pinah hatten gehofft, dass Baron Rothschild ihnen das Land am Machnajim schenken würde und sind nun entlänscht. Daher auch ihre wenig freundliche Haltung gegenüber den neuen Ansiedlern. Ein Uebelstand war bisher, unter dem die Colonie litt. Da zunächst die Bau-Erlaubnis noch nicht ertheilt worden war, so mussten sich die Colonisten alle in dem einzigen Gebäube, das vorhanden ist, einrichteu und konnten nur noch einige kleine Mattenhütten anfstellen. Dennoch waren alle Besucher darüber erstaunt, wie gut die Leute sich in diesen primitiven Wohnstätten eingelebt hatten, vor allem, wie sauber und militärisch ordentlich die ganzen Räume gehalten waren. So fand ich es bei meinen beiden Besucheir im Mai dieses Jahres und'so haben es ailch später alle Personell gefunden, die dorthin kamen, z. B. General Wilson, die Herren Meyersohn und Haym von der „Jewisli Colonisalion Association“ rc. Besonders General Wilson war geradezu entzückt von der Sauberkeit und Ordnung in den kleinen Baracken. Schon bald wird dies besser werden, denn die Bauerlaubnis ist inzwischen eingetrvsfeu und in der allernächsten Zeit wird mit dem Bau der Häuser begonnen werden. Die Evlvuisterl brauchen einstweilen lveder Arzt noch Apotheke, noch Schächter, noch Schule, da sie alles dies in dem nahe gelegenen Rosch Pinah haben können. Dadurch vermindern sich die Gemeindeausgabeu der Colonie sehr bedeutend. Da die Arbeiter fleißig und tüchtig sind, der Admillistrator Herr Bromberg sehr energisch und geschickt, sein technischer Beirath Rossio, ein tüchtiger Schüler der Ackerbauschule Mikweh Israel, ein fähiger und erfahrener Agranom ist, da die örtlichen Bedingungen, Boden rc. güllstig sind, so dürfen wir erfreulicher Weise der Colonie Machauajim das beste Proguvsticou s'.ellen. W. Bambus. Der Jude in der Literatur. Shylock. (F o r t s e tz u n g.) Unser Wucherer aber scheint dem Unglücke geweiht zu sein. Denn bald nachher wird er in seinen theuersten Empfindungen getroffen. Während er den Handel mit Antonio ab-j schließr, raubt ein Freund desselben seine Tochter, und als ob die Entführung eines Kindes für einen jüdischen Vater noch kein hinreichender Grund zu einem tiefen Schmerze wäre, fügt der Dichter, vielleicht um den Charakter des Inden mit stärkeren Zügen zu zeichnen, hinzu, dass Jcssina einen großen Theil der Schätze ihres Vaters auf ihrer Flucht mitnimmt. Das steigert noch den Hass, welchen Shylock seinen Bedrückern geschlvoren. Mehr durch den Verlust seiner Güter als den der Tochter getroffen, durcheilt der Unglückliche wie ein Toller die Straßen Venedigs, mit wahnsinnigem Geschreie bald sein Kind verlangend, bald den Verlust seiner Schätze und Kleinodien beklagend. Ueberall begegnet er der Verachtung und den Flüchen des Volkes. Ein Hoffnungsstrahl fällt in seine Verzweiflung. Er erfährt, dass Antonios Schiffe nntergegangen. Da hebt sich sein Herz in teuflischer Freuds, er wünscht, der Christ möge ihn nicht bezahlen können. So kommt der Tag der Abrechnung und Antonio hat seine Schuld nicht beglichen! Nun besteht Shylock auf seinem Rechte, lässt seinen Schuldner ins Gefängnis werfen und fordert Gerechtigkeit. Vergebens bittet man ihn um Erbarmen; er antwortet bloß: „Ich babe mir zngeschwvren, dass mein Wechsel eingelöst werden soll. Du hast mich Hund genannt ohne jeden Grund. Aber wenn ich ein Hund bin, so hüte Dich vor meinen Zähnen. Der Doge muss mir Recht gewähren". Am Tage des Gerichtes erscheinen beide vor dem höchsten Tribunal Venedigs, das den Juden vergebens zur Nachgiebigkeit auffordert. Bassanio will ihm statt 3000 Ducaten GOOO Ducaten geben, allein Shylock ist unbeugsam. Sein Wechsel lautet auf ein Pfund Fleisch und er verlangt das, was ihm gebürt. Schon scheint Antonio verloren zu sein, allein das kväre ein zu großes Glück für den Inden, und es darf doch dem elenden Nachkommen Abrahams keine solche Befriedigung geboten werden (eine fast stehende Tradition ans der Bühne). Deshalb nimmt der Dichter seine Zuflucht zu einem jener Hilfsmittel, die sich im richtigen Momente ein stellen, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Pvrtia, eine reiche Erbin, deren Gunst und Hand Bassanio Dank dem Gelbe des Inden erlangt hat, stellt sich c-em Gerichte unter der Verkleidung und dem Namen eines gelehrten Advoeaten vor und erhält vom Dogen die Erlaubnis, den Streit zu Ende zu führen. Dem Buchstaben nach hat Shylock unbedingt das Recht, ein Pfund Fleisch zu fordern. Ackein der weibliche Doctor sucht noch einmal in beweglicher Rede das Mitleid Shylocks wachzurnsen. Sie scheitert an dem unerschütterlichen Willen Shylocks. Wird man ihm nun nachgeben müssen? Da kommt ihr plötzlich ein Gedanke. Der Wechsel des Inden gibt ihm wohl Anrecht auf ein Pfund Fleisch ans dem Körper Antonios, allein es gesteht ihm nicht eilten Tropfen Blut zu. Dieser Kniff bringt die Entscheidung. Wenn der Jude mir einen einzigen Tropfen vom Blute seines Schuldners vergießt, ist ec verloren. Ans eine derartige Wendung ist Shylock nicht vorbereitet. Man ist als Jude doch immer noch Mensch und das Leben ist ein Uebel, an welchem auch der verhärtetste Wucherer mehr hängt als an allem anderen, das Wuchern nicht ausgenommen. Er erklärt sich also für besiegt, und verzichtet auf seine Forderung. Jetzt hat sich der Spieß vollständig gedreht, der Kläger wird zum Angeklagten und der reizende Advocat übernimmt die Rolle des öffentlichen Anklägers. Portia beschuldigt Shylock, das Leben eines Bürgers von Venedig angegriffen zu haben, ein Verbrechen, welches in den gerechten Gesetzen der alten Dogenrepublik vorhergesehen und mit der Todesstrafe belegt war. Nach diesen! Strafgesetzbnche verdient der Jude somit den Tod. Allein die „christliche Barmherzigkeit" darf doch kein müßiges Wort bleiben! Deshalb beantragt Portia eine Milderung des Urtheiles. Man wird sich bloß damit begnügen, das Vermögen des Inden zu confiscieren; man wird sogar noch milder und christlicher nrit ihm umgehen, denn man will ihm sogar die Hälfte wieder zurückgeben, wenn er seine Religion verlassen will, um die des Jude» Jesus anzunehmen, wodurch unter anderem der Verführer seiner Tochter sein Universalerbe wird. Welche Gnade! Von dieser unvorhergesehenen Seelengröße ist Shylock ganz niedergeschmettert, fast gerührt, und beugt sich vor dem Rechte des Stärkeren. iin Ghettodrchter. Bei jeder Culturnation wird ein Minimum von Kunstwerken vorausgesetzt. Ohne Poesiewerke ist noch keine Literatur zu Ansehen gelangt. In den philosophischen und künstlerischen Werken wird bei jeder socialen Gruppe, die eine cultnrelle Gemeinschaft bildet, das Typische und Wesentliche des Bolkscharakters, der Volksseele niedergelegt und verkörpert. Darum sind Kunst und Philosophie ein Gebiet, das seinen! inneren Inhalte nach gewissermaßen jenseits des politischen Gewebes liegt. Auf diesem Gebiete finden sich die besseren Söhne eines Volkes zusammen, die Höherstehenden, Tieferdenkenden und Tiefersehenden, diejenigen, die nicht vom Tage abhängig sind, und der Tagespolitik fremd gegenüberstehen. Das despotische Russland der Vierzigerjahre hatte solche Künstlergenien, wie T u r genj e w, Dostojewski u. a. hervorgebracht, die prophetisch-vereinzelt in der Weltliteratur dastehen. Da die Knust das ewig Beharrliche des Menschenlebens ist, so wird sie dadurch zur That. Sie ist auch schaffend und befreiend. Die Abseitsgehenden einer Culturnation führen ein besonderes Leben. Sie leben in der Kunst. Sie kümmern sich nicht um den Gang der Politik, um die äußere Schale ihres Volkslebens. Bekanntlich brachte Turgenjew, einer der genialsten russischen Künstler, sein ganzes Leben im Auslände zu, weil die politische Luft in Russland für ihn unerquicklich war. Aber nur destoweuiger unterbrach er sein Verhältnis zur — 4 — Selig las es; es enthielt die Einladung an Mrs. Kaufmann, einem Wohlthätigkeitsfeste beizuwohnen, zu dem einige vornehme Damen von Up-town (dem vornehmeren Stadttheile. Red.) zu einem Comite zusainmeugetreten waren, die nun mit der Bitte an Mrs. Kaufmann herantraten, dem guten Werke als Dame-Patronesse ihre „wertvolle" Unterstützung zu leihen. „Du gehörst doch nicht in diese Gesellschaft," sprach er beißend, die Banknote ans den Tisch werfend. „Warum nicht," fragte sie, „ich bin die einzige dowe-town wohnende Dame, die dieser Ehre gewürdigt ist, und weshalb sollte ich sie abweisen? Sie erwarten von mir eine „liberalere" Betheiligung und Du wirst mich hoffentlich nicht in den Augen der Damen herabsetzen wollen, wegen lumpiger paar Dollarnoten." Auf diese Worte hin und unter der Last, die er mit sich herumtragen musste, vergaß sich Selig zum erstenmale in seinem Leben, und in leidenschaftlichen Worten fuhr er gegen sein Weib auf. Eine erregte Scene folgte und Mrs. Kaufmann verfiel in einen Weinkrampf. Nachdem sie sich mit Hilfe ihrer schnell herbeigeeilten Magd erholt hatte, erklärte sie ihrem Manne, dass ihr unter solchen Verhältnissen das Leben hier unerträglich und sie gesonnen sei, sobald als möglich zn ihrem Bruder nach Pittsburg zu reisen. „Meinetwegen," war Seligs Antwort und verließ aufgeregt er das Haus, eilte schnell durch die Straßen und hielt nicht eher an, . bis er den Specereiladen Sara Friedmanns erreicht hatte. Diese merkte sofort, dass etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein müsse, sie entschuldigte sich bei einigen Kunden, die sie soeben bediente und schob ihn in das kleine Hinterzimmer, das er bereits als sein eigenes anzusehen begonnen hatte. Sie richtete keine Frage an ihn, sondern gestattete, dass er sich seinen Thee — selbst bereite, während sie im Laden die Kunden weiter bediente. Als sie wieder ins Zimmer kam, war er bereits viel ruhiger geworden, aber er starrte wie geistesabwesend aus dem Fenster. Um ihn anderen Sinnes zu machen, sagte sie: „Würdet Ihr es glauben? Ich habe heute wieder einen Brief ■ gehabt von Jankel." „Was hör' ich," rief Selig aus, „schreibt der Taugenichts schon wieder?" „Ja, und wieder die alte Geschichte". „Will er Euch immer noch „Gett" geben?" „Gewiss, er schreibt noch viel dringender als neulich, und ich fühle mich auch viel geneigter, seinem Wunsche nachzukommen". „Ihr habt Recht," sagte Selig nach einigem Nachdenken, „unter allen Umständen nehmt den „Gett" an, um endlich — von ihm loszu kommen." Zerronnen und Gewonnen. E i n e G e s ch i ch t e a u s d e m N e w - Z o r k o r G h e t t o. Aus dein Englischen von Z. Bensam. m. 4. Capitel. Selig Kaufmann war bekannt als ein Mann, der in guten Verhältnissen lebt, und man schätzte sein Vermögen ziemlich hoch. Er war an vielen Unternehmungen betheiligt. Doch hatte er sein Vermögen nicht plötzlich erworben, viele Jahre hatte er daran gesammelt. Da er keinen besonders kaufmännischen Scharfblick besaß, durfte er es nicht wagen, sich in außergewöhnliche Unternehmungen eiuzulassen. Die ihn genauer kannten, waren darin einig, dass er es unter den heutigen schwierigen Verhältnissen schwerlich zu etwas gebracht haben würde/Worin sein Reichthum eigentlich bestand, wusste niemand. Da ihn aber ältere Kaufleute als „gut ab" von jeher gekannt hatten und er außerdem auch etwas talmndisches Wissen besaß — man nannte ihn den „Maggid" — so nahm alle Welt an. es sei so und man forschte nicht weiter. In Wahrheit hatte er vor zehn Jahren ein ziemlich beträchtliches Vermögen besessen, zog sich aber, da er kein großer Freund vom arbeiten war, vom Geschäfte zurück, in der Meinung, er könne es sich für den Rest seines Lebens bequem machen, fand es aber bald angezeigt, sich wieder den Geschäften zuzuwenden. Er gieng dabei äußerst vorsichtig zu Werke, besann sich lange und erwog reichlich alle Chancen, allein er vermochte keinen Erfolg mehr zu erreichen. Sein Wohlstand gieng langsam aber beständig zurück, bis er schließlich weit entfernt war, der Mann zu sein, für welchen er allgemein galt. Um jene Zeit wars, als er nach Russland gereist war, seine junge Frau geheiratet und bei der Rückkehr eine auss feinste eingerichtete Wohnung bezogen hatte.

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