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Jüdisches Volksblatt · 1899-09-08 · 30 (8.9.1899) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
30 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. SopleniluT 1899 Seite 3 nicht die Pflicht, auf einzelne Fragen einzngehen und mich über die Historicität der beiden Lehrhäuser Hillels und Samais zur Zeit des Tempels, unter den Herodianern etwa, auszusprecheu. Aufgabe dieses kurzen Apercus ist, ans der geschichtlichen Situation heraus während beider Reiche den Beweis für die Behauptung zu erbringen, dass der Rabbi-Titel, abgesehen von der Thatsache, dass er wirklich erst unter Rabbi Jochanan den Sakkai auftritt, früher nicht geschichtliche Zuverlässigkeit für sich in Anspruch nehmen kann. Ist dieser Belveis erbracht, dann kennen wir auch die genauen Grenzen seiner Machtsphäre und wissen endlich, welche Bedeutung diesen! Titel geschichtlich zukommt. Und das ist's ja, was wir in erster Reihe zu erfahren wünschen, damit wir ein für allemal wissen, ob man ein Recht hat, die Rabbiner überhaupt in ihrer geschichtlichen Bedeutung und Mission mit den Pfaffen zu identifieieren oder nicht. Was war nun die Aufgabe der Rabbiner nach der zweiten Zerstörung? Die Antwort auf diese Frage lässt sich in drei Worte zusammenfassen: Die Lehre verbreiten. In der Zeit des ersten Reiches ist von dem Thorastndinm nirgends ausdrücklich die Rede. Im Vordergründe aller Interessen standen die politischen Fragen, die auch der wesentlichste Inhalt aller prophetischen Reden und der Hauptgegenstand waren, gegen den sie die größten Anstrengungen machten. Die großen Bevölkernngsmassen wussten vollends nichts von jüdischen Lehren oder sonst welchen nationalen Geistesgütern. Den Gegenstand ihrer religiösen Verehrung bildete der Tenipel, und ihrer nationalen Sorge der Staat. Die Grenzen dieses letzteren schlossen auch die einzelnen Volksstännne zu einem Ganzen zusammen, und der gemeinschaftliche Feind vereinte sie zu gemeinsamen nationalen Handlungen. Dass diese rein Politischen Mittel diesen Zweck nicht ganz erreichen und für die Dauer unmöglich genügen können, bewies die Spaltung des Reiches und dann die vollständige Knechtung unter dem babylonischen Eroberer. Diese Erwägung hatte auch die von Esra uuternonnnenen Schritte zur Folge. Da mau nun die Ueberzengnng gewann, dass der Priestercnltns allein nicht ausreicht, um all die an ihn geknüpften Hoffnungen zur Wirklichkeit reisen zu lassen, dass der Tempel die Unzerstörbarkeit des Volkes nicht verbürgen kann, da er selbst arg zerstört wurde, dämmerte in Esra zuerst der Gedanke, dem politischen Factor auch den geistigen, den Culturfactor beizufügeu. Dieser Gedanke rang sich immer mehr aus seinen ersten dunklen Anfängen zur klaren Deutlichkeit hervor. Da aber die politischen Interessen des zweiten Reiches alle Classen und Parteien tief anfwühlten, Siege und Niederlagen rasch aufeinander folgten und athemlose Spannung sich des ganzen Volkes bemächtigte, und da endlich die Häupter der Pharisäer an allen politischen Ereignissen und Erfolgen den regsten Antheil nahmen, haben sich die Meister der Lehre auf die Vertiefung derselben beschränkt. Das Volk hatte ja schließlich mehr noch als zur Zeit der davidischen Könige seinen Staat und seinen Tempel. Als dieser aber zum zweitenmale zertrümmert und eingeäschert rvurde, fasste man nun den ernsten Entschluss, an die Stelle des Tempels und seines Cultns die Lehre zu setzen. Zu diesem Behufe uuisste sie aber nunmehr nicht nur vertieft, sondern auch erweitert, verbreitet und zum Eigenthume der ganzen Nation gemacht werden. Und diese Aufgabe war es, welche die Rabbiner zu lösen übernommen haben. Die Reihe dieser Männer, welche die herrlichsten, hervorragendsten, ich möchte fast sagen heiligsten Kämpfer und Märtyrer für Recht und Wahrheit, Wissen und Freiheit umfasst, reicht bis zu unserem Jahrhunderte herab, und wollte ich alle ihre stolzen Namen nennen, sie würden große Bünde füllen. Sie waren keine Pfaffen, sondern Lehrer ihres Volkes. Sie haben es zustande gebracht, dass das Judenthum ohne Tempel und sonstigen Cultus, die Jahrtausende der heftigsten und giftigsten Verzwischen der Thüre und dem Gange ein recht breites Spalier zu erzwingen. Er hatte auch Gabriel Mandl zur Seite gedrängt, allerdings mit abgewandtem Gesichte, als ob er ihn nicht persönlich genieint hatte. Und als der eifrige Beter, der den Blick nur gezwungen erhob, nach dem Ankömmling hinschaute, der diese Störung verursacht hatte, da bekanr er ein hörbares Schlucken und mit einem lauten Seufzer tamnelte er zurück und wurde, da in dem engen Raume nicht Platz zum Niedersinken war, von zwei Nachbarn mit den Armen gestützt. Sonst wäre er in sich selbst zusanunengefallen. Da man aber meinte, dass sein Unwohlsein der Schwäche und dem Hunger entstannne und ihn ins Freie bringen wollte, bat er, man möge ihn doch an seinem Platze belassen; er habe bloß einen Kranlpf im Fuße bekonnuen, und es sei schon alles vorüber. Denn inzwischen hatte auch der große Manu rnit dein rothen Gesichte und mit der schrveren Goldkette über den in einen schwarzen Gehrock gepressten Leib seinen Weg zu einer der ersten Bänke genonimen, nachdem er beiin Eintritte einen raschen Blick auf den Umsinkenden geworfen und. sowie er den Fassungslosen erkannte, sein Auge allsogleich wieder von ihm abgewandt hatte. Dass ihn! der Zufall aber auch gerade jetzt und gerade hier diesen Mann in den Weg führen musste, Moriz Bergstein, an den gerade die schlimmsten Erinnerungen seines an Ungemach und Widerwärtigkeiten so reichen Lebens anknüpften! Der große, dicke, grobe Jud! Jetzt steigt er daher, wo der Tag schon zu Ende geht! Damit es heißt, er sei auch dagewesen! Und es wollen sich ihm in diesem Augenblicke alle seine bösen Tage zeigen. Er gibt sich einen Stuck, um diese Gedanken abzuwehren, und da es ihn! nicht gleich gelingen!vill, schlägt er, ein Beispiel suchend, den Blick nach dem Greise auf, der den ganzen Tag über so regungslos, ein paar Schritte von ihm entfernt, steht und weder Augen noch Ohr hat für das, was ringsum geschieht und der durch seinen selbstsicheren Eifer sogar den Tempeldiener hindert, ihn im Beten zu stören. Doch wie Gabriel < Mandl den Alten sieht, wird ihm kalt vor Scham und der Schweiß tritt aus seine Stirn. Der Greis ist in seine Sterbege,vänder gehüllt und trägt lang herabwallend seinen Gebetmantel mit den schwarzen Streifen über den Kopf geschlagen: er aber hat den „Kittel" zuhause lassen müssen, und den Betmantel hat er zu einern schnralen Streifen zusainmongefaltet. Er komrnt sich wie nackt vor. Und wie er sich plötzlich in seiner Heimatsgemeinde mit all den heiligen Dingen bekleidet sieht — dort stehen, so wie er selber heute dasteht, an den Festestygen doch höchstens die Gassenbuben da — da gibts kein Aufhalten mehr: wie eine Flut ergießen sich über das Gefilde seiner Gedanken all die bösen- Stunden, die er gesehen, die bösen Thaten, die er gekostet hat. Und so wie ein neues Leid an ihm vorüberzieht, trägts an seiner Stirne geschrieben den Namen: Moriz Bergstein. folgnngen, der religiösrn und nationalen Revolutionen überdauert haben und heute noch lute vor Jahrhunderten dem Tage ihrer nationalen Erlösung hoffnungsfreudig entgegeusehen. Sie haben nämlich den Tempel in jedem jüdischen Hanse, den Altar in jeder jüdischen Brust anfgebant, und so ist das Unmögliche möglich geworden — Das die That der jüdischen Rabbinen, die aus den Jcschiwoth, ans den theologischen Lchrhänsern hervorgegangen sind. Jenen Schulen wird niemand die Bezeichnung „Rabbinersabrik" beiznlegen wagen, wenn er nicht die theuerste Pflanzstätte und das einzige Gut unseres Volkes, während der ganzen Diaspora, der Jahrhunderte des Elends, verletzend antasten will. Aber, wird mir mancher entgegenhalten, waren denn das Rabbinerschnlen; hatte nicht vielmehr jeder das gute Recht hineinzukommen, um den Vorträgen zu folgen? Gewiss. Aber jeder, der hineinkam, und das dürfte der fragende Herr doch wissen, war von seinen beiden Eltern zum Rabbiner bestimmt, hat mit diesem Wunsche jene Schwelle überschritten. Darin nur bestand der wesentliche und wahrlich eminente Vorzug jener Rabbinerschnlen, dass nicht jeder, der hineinkam, sie als Rabbiner verlassen musste. Ja, wird mir Herr Emes ins Wort fallen, \\ sind wir ja am Punkte angelangt, auf dem ich in meinem Vorschläge stehe, jüdische Hochschulen nämlich, die allen Wissensbedürstigen zugänglich sein sollen. Nein! Herr Emes. In dem Falle zerstört ein Anachronismus Ihr schönes Project, was ich gleich beweisen werde. Wien. Entgegen dem vielerörterten Wortlaut des neuen russischen Gewerbesteuergesetzes (§ 120) erfährt man von deutscher Seite, und zwar von der „Ccntralstelle für Vorbereitung von Handelsverträgen" ans zuverlässigster Quelle, dass durch dieses Gesetz in der Praxis an den Bestimmungen über die Zulassung auswärtiger Inden nichts geändert worden ist. Jüdische H a n d l n n g s r e i s e n d e können daher unter denselben Bedingungen wie früher auf kurze Zeit die Erlaubnis zur Reise nach Russland erhalten. Diese Erlaubnis ist unter Vorlegung des Passes bei dem zuständigen russischen Consulate zu beantragen. Eine ministerielle Erlaubnis ist nicht uothwendig. Briimr. (Zur clericalen Strömung in der Schule.) Ein Zeichen der immer inehr um sich greifenden Clericalisierung der Schule ist das jüngste Rundschreiben, das der Fürsterzbischof von Olmütz, Dr. Theodor K o h n, au sämmtliche Pfarrämter seiner Diöcese gerichtet hat. In diesem Schreiben werden die Pfarrer aufgefordert, an sämmtliche Lehrpersonen ihres Sprengels schleunigst die Mittheilung zusenden, dass in Welehrad geistliche Exercitien für die Lehrer und Lehrerinnen stattfinden. Ebenso schleunigst soll an den Fürsterzbischof berichtet werden, mit welchem Animo die Lehrer diese Schreiben aufgenommen haben. — Hoffentlich erhält der Kirchenfürst auch wahrheitsgetreue Mittheilungen, aus denen er ersieht, dass die Lehrer nur mit gemischten Gefühlen den Exercitien entgegensehen, und dass für seine strengclericalen Bestrebungen in der Schule die Zeit doch noch nicht gekommen ist. Znaim. (E m p f a n g durch d e n K a i s e r.) Während der Durchreise des Kaisers wurde unter anderen Deputationen der neugewählte Rabbiner unserer Gemeinde, Herr Doctor I. K a h a n, von Sr. Majestät angesprochen und befragt, wie stark die Gemeinde und wie lange der Rabbiner im Amte sei. Als Dr. K a h a n erwiderte, dass er seit drei Tagen im Amte sei, lachte der Kaiser und sagte „so kurze Zeit". Mit den Worten: Moriz Bergstein . . . Moriz Bergstein . . . Wenn er aufschaut, sieht er seinen breiten Rücken . . . Und er, der einen Augenblick früher gebeten hat, man möge ihn im Betraum bleiben zassen, schleicht jetzt mit gebeugtem Rücken in den Hof, unfähig, den einen Gedanken zu bannen ... Er setzt sich aus eine steinerne Stufe. . . Moriz Bergstein . . . Moriz Bergstein . . . Moriz Bergstein . . . In der Schule hatte er ihn geprügelt, wenn er ihur seine Aufgaben nicht wollte abschreiben lassen. Der Lehrer aber hatte niemals untersucht, wer der Schuldige sei; denn der alte Bergstein war in der Judengemeinde Bürgermeister. Moriz Bergstein . . . Als es zur Soldatenaushebung kam, konnte er, da das^Los ihn traf, sich durch Geld befreien. Gabriel Mandl aber zog als sein Ersatzmann in die Stadt. Moriz Bergstein. . . Der blieb im Orte, als Gabriel Mandl in Wien Svldatendienste that, und bemühte sich tun das Mädchen, das der andere dort als seine versprochene Braut zurückgelassen hatte. Und mehr als die Quälereien seines Eorporals, der ein Bauernjunge ans seiner Gegend war, schmerzte ihn die Kunde, die ihm von Zeit zu Zeit immer wieder kam, dass Moriz Bergstein bei dem Mädchen Erfolg erhoffe . . . Ersolg erwarte . . . Erfolg erringe. Öhm ja, der Abwesende hat immer unrecht. Moriz Bergstein . . . Und wie die Quertreibereien erst begonnen hatten, als seine Werbung ohne Erfolg blieb und der Nebenbuhler die Braut heimsührte! Moriz Bergstein . . . Als der alte Mandl starb, hatte er sich zugleich mit dessen Sohne um seine Gasthausconeession beworben — ganz ohne Noth. Und als er sie erhalten, hatte er sie an einen Widsremden weiterverpachtet. Dann aber, nach der Uebersiedlung der beiden Altersgenossen in die Residenz, der Hauptschlag! Sie befassten sich beide mit dem Getreidehandel. Da erzählte eines Tages Moriz Bergstein einem gemeinsamen Bekannten, er habe sichere Kunde, dass durch die letzten Fröste die Ernte in Ungarn gänzlich vernichtet worden sei. Osficiell wolle man es noch nicht zugeben, aber es sei innerhalb weniger Tage eine ungewöhnliche Preissteigerung zu erwarten. Wer gescheidt sei, der kaufe jetzt. Und Gabriel Mandl hatte sich in der Erwartung eines sicheren Gewinnes in übergroße Käufe eingelassen. Und in kurzer Zeit stand er da mit dem Getreide vom vorigen Jahr — und in Ungarn gedieh herrlich die neue Saat. Gabriel Mandl war ruiniert. Und immer weiter und weiter herab war er gekommen. Und heute war er so weit, dass er sich zum Beten keine Stelle schaffen konnte, von der ihn niemand wegjagen durfte. Sein Weib aber lag zuhause und war krank vor Kummer. „Es hat mich sehr gefreut, die Herren zu sehen," entließ der Kaiser die Deputation der hiesigen Cultnsgemeinde. Kaaden. Die endliche Verwirklichung des Projektes zum Baue eines Tempels, die nur durch besondere Opferwilligkeit der Gemeindenntglieder ermöglicht wurde, bietet den hiesigen Antisemiten neue Gelegenheit, ihrer rüden Gesinnnng besonderen Ausdruck zu geben, und richten sie ihre Angriffe vornehmlich gegen die hiesige Sparcasse, da dieselbe durch Gewährung eines Darlehens den Bau ermöglicht hat. Saaz. (D e u t s ch n a t i o n a l e r Terrorismus.) Der von der Stadtgemeinde Saaz gleichwie von der Stadtgemeinde Neichenberg gefasste Beschluss, Juden und Czechen nicht zu den wöchentlichen Märkten zuzulassen, wird in einer geradezu terroristischen Weise ansgeübt. Vorige Woche hatten an einem lebhafteren Markttage zwei jüdische Geschäftsfrauen Stände zu errichten versucht und durch Ankündigung eine durchaus statthafte Reclame zu machen versucht. Die beiden Frauen waren bald Gegenstand allgemeiner Insulten und konnten sich nur durch Einstellung ihrer geschäftlichen Thätigkeit vor größeren Ausschreitungen schützen. Echt germanische Heldeuthat! Frairzensbad. (Aus der Cultnsgemeinde.) Der bisherige Vorstand der israelitischen Cultnsgemeinde, Herr Bernhard K r a n s, Hotelbesitzer, hat aus Gesundheitsrücksichten auf sein Amt resigniert, und wurde Herr Theodor Spiegel, Restaurateur, an seiner Stelle als Vorsteher gewählt. Czaslan. (T e ni p e l e i n w e i h u n g.) In ganz besonders festlicher Weise wurde Sonntag nachmittags die Einiveihung der uenerrichteten Synagoge vorgeuommen. In Vertretung des Statthalters erschien Herr Statthaltereirath Krejci, ferner Landesgerichtsrath Koller, Oberfinanzrath Bednar, sowie die Spitzen der Behörden und Vereine. Die Festpredigt hielt der Herr Rabbiner Dr. Hoch in einer der Feier angemessenen würdigen Weise. (Gründung einer christlich-socialen Fr a u e n g r u p p e.) Nach dem Wiener Muster hat sich auch hier eine Vereinigung von ungefähr 30 Frauen und Mädchen gebildet und sich zu einem vorbereitenden Comite zur Gründung eines christlich-socialen Frauenvereines constituiert. Es ist selbstredend, dass dieser Verein auf antisemitischer Basis beruht und wird auch in dieser Weise von den antisemitischen Blättern auf das freudigste begrüßt. Berlin. Es ist immer gut, die Mission zu beobachten, denn die nimmer ruhende Geschäftigkeit dieser Seelenfänger muss stets unter Controls gehalten werden. So berichtet der 56. Jahresbericht des „Westdeutschen Vereines für Israel" von 13 Taufen, 6 in Köln, 5 in Frankfurt a. M. und 2 in Kolmar. Die Erzielung dieser Resultate fällt drei Missionären zur Last, den P. Stolle, Goldstein und Littwien. — Viel interessanter ist der Reisebericht des P. Anacher, der eine Fahrt durch die Missionsgebiete von Galizien, Rumänien und Ungarn gemacht hat. Er erzählt, dass infolge der rumänischen Schulgesetzgebung die Anstalten der Mission, besonders die Schule in Galatz, sehr gut besucht sind. Er fand dort auch eine größere Anzahl von Judenchristen vor, d. h. getauften Juden, die sich gerne in eigenen Gemeinden constituieren wollen, am liebsten in Palästina. Die Leute möchten auch gern der herrschenden Stimmung entsprechend Colonien gründen, allein die Missionsgesellschaften sind nach ihren Erfahrungen in Artus vorsichtiger geworden und wollen die Kosten für solche Unternehmungen anderen aufbürden. So schreibt P. Anacher in „Saat auf Hoffnung", Jahrgang 36, Heft 2, wörtlich: Und er saß hier auf der Stufe von Stein. Wie die Bettler vor der Kirche. Und sein Feind mochte jetzt dort drinnen . . . dort drinnen? Was geschah jetzt wohl dort? Die Predigt vor dem Schlussgebet . . . Versöhnung! ... Vergebung! . . . Natürlich! . . . Genau wie am Vormittag! . . . Und in kurzer Zeit könnte der Mensch herauskommen und ihn auf der Stufe sitzen sehen . . . Und mit gesenktem Haupt, die Hände in den Taschen und den Betmantel um den Hals wanderte Gabriel Mandl aus dem Hofe durch die dunkelnden Skraßen dem Flusse zu . . . auf der Flucht vor Moriz Bergstein . . . Und beständig klangen ihm, während er in halben Gedanken dahingieng und einen Weg nahm, den er ohne Willen gewählt hatte, die Worte des Predigers ins Ohr: Versöhnung . . . Vergebung . . . Und das sehr naheliegende Thema, über das der Mann auf der Kanzel gesprochen hatte, hieß: „Der Jom Kipur versöhnt zwischen Gott und den Menschen — zwischen Menschen und Menschen aber versöhnt der Jom Kipur nicht!" So heißt es ja im Talmud. Das alles wirbelte ihm durch den Kops. Und dazu noch — mitten durch — sein Elend und der es verschuldet. Und er malte sich aus, wie er in dieses Elend des Alltags jetzt wieder zurückkehren sollte. Und daheim lag sein krankes Weib. In der Heimatsgemeinde ist man fröhlich den Abend. Und man begrüßt sich mit dem Wunsche: „Gut Jomtow!" Denn man hat verziehen und Verzeihung gefunden. Er aber: er hat nicht verziehen. Und wie er sich plötzlich vor dem Flusse wiederfindet, da erschrickt er. Hat er — hat er denn ivirklich — hat er um Gotteswillen wirklich daran gedacht, ins Wasser zu gehen? An derselben Stelle findet er sich wieder, an der er vor Jahren in der gleichen Verzweiflung stand, damals, als Moriz Bergstein an der Börse den großen Schlag gegen ihn geführt hatte . . . Und er begann zu überlegen: Was hatte ihn hieher getrieben? Der Mann, mit dem ihn der Jom Kipur nicht halte versöhnen können. Und warn m? Weil jener im Tempel in den vordersten Reihen saß und er selber rückwärts stand, arm und verachtet. Wenn es aber nach Recht und Gerechtigkeit gienge — wer von den beiden müsste jetzt dastehen und den Tod als Nachbar grüßen? Er stand hier — vergessen und verlassen — und jener hörte vielleicht in demselben Augenblicke die Stimme der Versöhnung tönen in dem siebenfachen Ruf: „Der Herr ist unser Gott!" Der Herr ist . . . Gott also ist es, der den Reichen in die erste Reihe setzt und ihn, den Armen, an die Thüre weist? Gott ist das, von dem es doch heißt, es seien vor ihm alle Menschen gleich? Und mit diesem Gotte hätte ihn der Jom Kipur versöhnt?

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