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Jüdisches Volksblatt · 1899-09-08 · 30 (8.9.1899) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
30 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. September J 899 Nr. 30 4. Dank der Entwicklung unserer modernen Verkehrsmittel durfte die In den frage im Laufe des 2 o. Jahrhunderts zur Welt frage w c r d e n und als solche von den anderen Völkern gemeinsam und eudgiltig durch völlige Absonderung und (wenn die Nothwehr es gebietet) s ch l i e ß l i ch e Vernichtung des I n d e n v o l k e s gelöst werden. Der wahre Friedenscongress wird derjenige sein, der sich mit der Stellung der erdbewohuenden Menschheit zum Hebräer beschästigt. — Bis dahin aber wird es Sache jeder einzelnen Nation sein, sich der Jndenplage zu erwehren, so gut sie es den Umständen nach kann. 5. Einer der ersten Schritte beim legislativen Einschreiten gegen das Jndenvolk muss es sein, festzustellen, wer vor dem Gesetze als Jude gelten soll, und dass es die A bst a m m u n g, und diese ganz allein, i st, d i e die Zugehörigkeit z n m I u d e n t h u m b e st i m m t. Der Parteitag begrüßt den im Sommer 1898 veröffentlichten Entwurf zu einem I u d e n - M a t r i k e l g e s e tz als willkommene Vorarbeit zur Lösung dieser grundlegenden Aufgabe. 6. In Punkt 19 des Partei-Programmcs werden st a t i st i s ch e Erhebungen über die Juden gefordert. Es ist nöthig, dass diese Statistik die in Deutschland befindlichen Inden in all den Lebensänßernngen erfasst, über die bezüglich der Gesammtbevölkernng Erhebnilgen angestellt werden. Das ist sehr leicht durchführbar, und Preußen hatte eine ähnliche Jndenstatistik bis zum Jahre 1801. Die Statistik des Deutschen Reiches lässt in dieser Hinsicht fast alles zu wünschen übrig. 7. Der Parteitag empfiehlt der Fraction, im Reichstage alljährlich durch geeignete Anträge die Parteien und die e i nz elnen Ab g e ord net en z ur Stellun gn ahm e in q e r Iudenfrage zu zwingen; nur so können den Auch-Antifemiteu Herz und Nieren geprüft, nur so kann den Wählern bewiesen werden, dass von den alten Parteien und ihren Vertretern in der Bekämpfung des Judenthums schlechterdings nichts zu erwarten ist." Es wäre müßig, sich mit den Herren der d e u t s chsocialen Parteileitung über ihre Geistesergüsse auseinanderzusetzen oder ihnen nur die Widersprüche, die in diesen Thesen enthalten sind, Nachweisen zu wollen. Es würde überdies den Eindruck dieses reizenden Elaborates nur abschwächeu. Aber politisch und im Verhältnis zu uns Juden betrachtet, ist dieser Enunciation denn doch eine nicht geringe Bedeutung beizulegen. Bei uns in Deutschland, zumal aber in Berlin, ist der Antisemitismus „bekanntlich" in den letzten Jahren ganz „zurückgegangen". So verkündet frohlockend ein nicht gerade unbeträchtlicher Theil unserer Stammesgenossen. Damit hat es nun seine eigene Bewandtnis.. Es ist richtig: Der rein-politische Antisemitismus ist aus dem östentlichen Leben Deutschlands nahezu vollständig verschwunden. Umso stärker und wirkungsvoller wird aber der gesellschaftliche Antisemitismus durchgeführt. Unsere großen Parteien haben keine Zeit, sich mit der Judenfrage öffentlich zu beschäftigen. Sie besorgten ihr Geschäft in aller Stille. Die gesellschaftliche Achtung oer Juden zieht immer weitere Kreise, sie ist in den kleineren Städten und auf dem Lande bereits zur selbstverständlichen Regel geworden. Die Majorität der Bevölkerung, welche die Anträge des Dr. Giese zu Gesicht bekommt, wird darum für dieselben nur ein mitleidiges Lächeln haben: „Wozu der Lärm? Den Antisemitismus besonders zu declarieren und zu betonen, ist eine Dummheit. Um Selbstverständlichkeiten in die Welt hinauszuschreien, dazu haben wir keine Zeit." West' der Reichthum, wesst die Armuth; Aber Reue und Gebete Und die Nächstenliebe wenden Ab das das drohende Verhängnis." * * * Also dichtete der Rabbi, Und es leuchtete sein Antlitz, Ehe ihn sein großer Schöpfer Von dem Erdenleid erlöste. Versöhnung. Eine Geschichte aus diesen Tagen. Von Salo Deutsch. Zwischen den letzten Sitzreihen und der Eingangsthür ist im Tempel noch ein schmaler Raum. Dort könnten hintereinander vielleicht drei Reihen von Menschen bequem stehen. Heute aber drängt sich dort eine dunkle Masse, m der der Einzelne beständig schiebt und geschoben wird, leise stößt und gestoßen wird. Jeder sucht seinem Nachbar einen Zoll breiten Raumes abzukärnpfen, jeder dem Nebenstehenden ein winziges Stückchen der Aussicht nach vorne abzulisten, auf dass er mit einem schmerzhaften Drehen und Wenden des Kopfes einen Blick aus diejenigen gewinnen könne, die an der Stirnseite des Gotteshauses „als Abgesandte der Gemeinde" für die Gesammtheit wirken. Das sind die Leute, die selbst ihr Gebet durch ein Opfer erkaufen müssen. Aber geduldig harren sie aus in dem Pferche mit ihrem hungrigen Leibe den ganzen langen Tag und senden thränenden Auges tausend bange Bitten gen Himmel. In die Worte des Gebetes, das für jedermann gleichlautet, denkt er seine persönlichsten Leiden hinein, und wenn er um „Erbarmen" fleht, so steigen vor ihm wohl die Angstbilder roher Zecher auf, die sich von Zeit zu Zeit den mörderischen Spass machen müssen, ihm den Trödelkram zu zerstören, der ihm das Brot für seine Kinder geben soll — und wenn er nm „Gesundheit" bittet, so mag sein Gedanke bei dem Siechbette weilen, aus dem seit so und so vielen Wochen sein Weib sich nicht erbeben kann. Und wenn am Abend die Pforten des Hauses sich schließen, so ist die Reihe seiner Bitten noch lange nicht zu Ende. Er hat noch eine Unzahl Dinge auf dem Herzen, die er doch niemandem anvertrauen kann, eine Masse Wünsche, die ihn pressen und drücken und die ihm den Athem nehmen, wenn er sich auch nicht einmal im Jahre Luft machen kann — gegenüber dem einen Wesen, das ihn, wenn es sie auch nicht erfüllen mag, doch wenigstens nicht auslacht. - Und angesichts der Thatsache, dass man auf dem i Parteitag einem Deutschen ernsthaft von der Vernichtung des jüdischen Volkes spricht, fragt der noch immer größere Theil unserer Stammesgenossen: „Woßu soll ich sein — Jude?" Vom Tage. Die Dreyfusaffaire — eine Machtfrage. Die Journalisten des Antiseinitenhofes sind stille Denker, das weiß man längst; nach dem ersten, an dem sie ihr mageres Gehalt bekommen, denken sie umso tiefer. Nenestens sind sie im steten Nachdenken über den Dreyfusprocess zu der felsenfesten Ueberzeugnng gekommen, dass es sich in dem Processe nicht nm eine Frage der „Wahrheit" und der „Gerechtigkeit" handelt, sondern um eine „jüdische Machtfrage". Natürlich sind Labori, Senator Travienx und Demange selbst Juden, nichts als Juden, die sich um die Macht raufen. Und noch etwas hat der Leitartikler des „D. U." gefunden: „Erst das unerhörte Vorgehen der jüdischen Presse und ihrer Hintermänner hat dazu geführt, dass der Process in Rennes von allen Nichtjnden vom antisemitischen Standpunkte ans beurtheilt werden muss". Heureka, der „D. U." hat's gefunden. Wenn die Inden alles Unrecht, das man ihnen während des Processes angethan hat, stillschweigend erduldet Hütten, gäbe es gar keinen Antisemitismus. Die Logik richtet sich streng nach Vergani: Wenn seinerzeit in Mühldorf die Obligationen nicht gemacht worden wären, hätten Wolf und Genossen nicht freigesprochen werden können, nicht so Herr Vergani? Welche „Macht" die Inden über Frankreich haben, beweist der ganze schöne Process zu Rennes; wenn die antisemitischen Lumpen heute den Inden für den großen Scandal verantwortlich machen wollen, so ist das die alte Taktik der Diebe: „Haltet den Dieb". Zum Glück sieht die ganze Welt die wahren Schurken!" Mädchenhändler ohne (!). Die antisemitischen Blätter bringen die Nachricht von der Verhaftung einer Mädchenhändlerin Namens Spurner und ihres Vermittlers Namens Peller, diesmal ohne das ominöse Rufzeichen hinter dem Namen; diese Mädchenhändler sind eben gute Christen. Dafür wird das Paar von den obencitierten Blättern auch förmlich hochachtungsvoll behandelt. Juden dieser Sorte sind „Bestien in Menschengestalt"; das Paar hat aber kein unschönes Wort zu hören — ihm fehlt eben das Rufzeichen! Um den Spittelberg herum, in der Gegend der Wohnung eines Stadtrathes von Wien, nächst der Gumpendorferstraße, gibt es noch mehr Mädchenhändler ohne Rufzeichen. Von denen schweigen die antisemitischen Blätter ganz und gar. Wahrscheinlich, weil sie in diesem Genre am liebsten mit dem st!) arbeiten. Von Dr. I. L. Landau. II. Uni den wahren Inhalt des Rabbinerbegriffes geschichtlich klar zu legen, müssen wir bis zu jenem Zeitpunkte zurückgreifen, an dem er sich znm erstenmale mit Gewissheit Nachweisen lässt. Dieser fällt aber in die ersten Tage der Jamniah- Epoche, und der erste, dem dieser Titel beigelegt wurde, war bekanntlich Rabbi Jochanan ben Sakkai. Dieser Begriff ist somit nach der Zerstörung des zweiten Tenipels entstanden, als die Priester ihre Rolle vollständig ausgespielt hatten. Es ist eine jener merkwürdigen historischen Thatsachen, die den Charakter der Zufälligkeit deutlich tragen, denen man diese Gabriel Mandl steht mitten unter den Leuten — Heuer zum erstenmale in seinem Leben. Die paar Gulden, die ein Sitz für ihn und seine Frau an einer der zahlreichen Stätten gekostet hatte, wo alljährlich das Recht zur Frömmigkeit an die Meistbietenden verkauft und von Pförtnern, die nach Silberlingen fingern, der Eintritt in den Audienzsaal Gottes verschachert wird, die paar Gulden hatte er noch alle Jahre aufgebracht, seit er aus seiner Heimatsgemeinde nach Wien gekommen war. Heuer aber hatte es gerade mit dem Hauszins nicht geklappt. Und da der Vermieter strenge war, mussten die wenigen Sparpfennige, die Gabriel Mandl und seine Frau im Laufe des Jahres zusammengespart hatten, in die fürs Nehmen stets offene Hand des reichen Mannes fließen. Der Nüsttag zum- Neujahrsfeste war ein schlimmer Tag gewesen für Gabriel Mandl und sein Weib. Sie wussten am Morgen dieses Tages noch nicht, wo sie am Abend beten würden. Und das gieng ihnen mehr zu Herzen, als wenn sie nicht gewusst hätten, was sie am Abend würden essen, oder wo sie ihr Haupt würden zur Ruhe legen können. Sie merkten erst jetzt ganz lhre Heimatlosigkeit, sie sahen erst jetzt, seit sie ans ihrem wie sie, Geburtsorte gewandert, recht eigentlich zu niemandem mehr gehörten, sie fühlten erst jetzt, wie verlassen sie waren in dieser großeil Stadl. Und Gabriel Mandl hatte den Tag auch nicht die Frage gewagt, ob sein „Kittel", das Betgewand für die hohen Feste, in Ordnung sei. Seine Frau freilich hatte, ohne es ihm zu sagen, das schöne Stück, ein Rest der Wohlhabenheit ans früheren Zeiten, wie alljährlich blühend weiß gewaschen und mit der ganzen andächtigen Sorgfalt der frommen Hausmutter geplättet und säuberlich gefaltet, in der heimlichen'Hoffnung, dass dieses Prunkstück ihres Wäschekastens heuer wie allemal seit ihrer Hochzeit zur Verwendung kommen und mit seinen feinen Spitzen und den glitzernden Goldborten im Bethause die Blicke der Kellnerinnen ans sich ziehen werde. Und ihre Hoffnung war gegen alles Erwarten in Erfüllung gegangen, freilich bloß infolge eines Zufalles, der viel Leid über eine benachbarte Fanlitie brachte. Als ihr Mann, der Nachmittag dainit verbracht hatte den zu versuchen, ob sich nicht bei emern oder dem anderen Bekannten das Geld leihen ließe, uin einen billigen Tempelsitz zu mieten, am Abend ganz verstört über die Erfolglosigkeit seines Versuches nachhause gekommen lvar, hatte sie ihm mitgetheilt, das des Nachbars einziges Kind plötzlich heftig erkrankt sei und dass dessen Eltern ihr die beiden Sitze, die sie gemiethet hatten, zur Verfügung gestellt hätten, da das Befinden des Kindes das Schlimmste befürchten lasse und die Eltern keinen Schritt aus dern Hause thun lvollten. So war Gabriel Mandl zu Neujahr im Bethause auf einem Platze gestailden, zu dern er doch immerhin em halbes Recht hatte und von dem man ihn mindestens nicht verdrängen konnte. Er betete inbrünstig für das kranke Nachbarkind. Aber Bezeichnung nicht gut streitig machen kann, und die dennoch einen tiefen Sinn bergen, der ans einer geschichtlichen Absichtlichkeit hervorgegangen zu sein scheint. Dieser Gedanke drängt sich uns mit umso größerer Bestimmtheit auf, als jeder frühere Zeitpunkt für die Prägung dieses Wortes ungeeignet war und eine diesfällige willkürliche Annahme die psychologische Motivierung. die sich später von selbst ergibt, unmöglich machen würde. Die Zeit des ersten Tempels kann überhaupt nicht in Betracht gezogen werden. Das Geistesleben des Volkes pulsierte nur innerhalb der Tempelmauern; Jndenthnm und Opfercnltns waren identische Begriffe, und dieser letztere ruhte in den Händen der Priester, die ja eine geschlossene Familie bildeten, in die naturgemäß ein Laie keinen Eingang finden konnte. Die Priester hatten ihre eigenen Traditionen, und was aus der Natur der Sache fließt, auch ihre eigenen Rechte. Diese sind zum Volke nie in ein näheres Verhältnis getreten und nie, in unserem modernen Sinne, Lehrer desselben geworden. Sie hatten wohl die Ausgabe, über „Nein und Unrein", zuweilen auch über „Recht und Unrecht" zu entscheiden, aber nicht als Lehrer, sondern als von Gott eingesetzte Hüter des Gesetzes, welches Recht sie schon mit ihrer Geburt erwarben. In diesem Sinne ist auch der Bibelvers zu verstehen: „Die Lippen des Priesters wahren die Kenntnis und Lehre suchen sie ans seinem Munde". Die Propheten wieder, die allen politischen Unterströmnngen, die die Grundfesten des jüdischen Reiches immer mehr unterwaschen haben, dessen Mauern sie auch zum Sturze brachten, entgegentraten, und die priesterlichen Uebergriffe mit ihrem heiligen Ernste und glühendem Eifer vernrtheilten, sind ja selbst zumeist ans der Mitte der breiten Volksschichten hervorgegangen und für dessen Interessen, für die Unverletzlichkeit seiner Rechte eingetreten. Sie standen wohl mit den Massen ihres Volkes in enger Fühlung, sprachen sie ja häufig, nur vor ihnen und fanden bei ihnen Schutz gegen fürstliche oder priesterliche Gewalt. Sie waren trotz alledem denn doch keine Lehrer im späteren Sinne dieses Wortes. Die Prophetenschule, die von Samuel begründet wurde, und wahrscheinlich, wiewohl uns darüber keine Mittheilnng vorliegt, auch unter den späteren Meistern des Wortes fortgedauert hat, was sich ans denk Ausdrucke „Prophetenjünger", dem wir in den historischen Schriften wiederholt begegnen, mit einiger Gewissheit schließen lässt, war kein Lehrhaus für irgendwelche bestimmte Disciplinen, sondern eine Pflanzstätte für Talente, denen die Natur das Prophetenmal auf die Stirne gezeichnet und die Fähigkeit in die Brust gepflailzt hatte. War Ulan ja über eine unerwartete Ausnahme derart überrascht, dass selbst König Saul znm Gegenstände eines Scherzwortes wurde. Dichter, Redner und Tonkünstler, lvelche die Gemüther ihrer Zuhörer zu beherrschen vermochten, gehörten in diesen Orden. Der hier angedeutete Kampf zwischen Propheten und Priestern, der durch die ganze Geschichte unseres ersten Reiches gewüthet hat, fand in deni blutigen Kriege, den die Pharisäer und S a d n c c ä e r zur Zeit des zweiten Tempels insceniert haben, seine Fortsetzung mit all snnen traurigen Begleiterscheinungen. Die Pharisäer aber waren ebensowenig Lehrer als ihre prophetischen Vorgänger. Die Häupter derselben übten regelmäßig staatliche Functionen aus. Das Synhedrin hatte seinen Sitz im Tempel und war eine staatliche Institution. Freilich haben wir einige Relationen, die von Lehrhänsern sprechen, die sind aber noch immer Gegenstand der Kritik und müssen noch immer auf ihren wahren historischen Kern geprüft werden. Wie das Verhältnis zwischen Lehrern und Jüngern vor der Zerstörung beschaffen war, können wir heute bei den mangelhaften Mittheilungen kaum mit einiger Sicherheit bestinnnen. In diesen wenigen, flüchtigen Zeilen, die nicht bestimmt sind, als wissenschaftliche Studie zu gelten, habe ich es starb, und am Versöhnungstage trieb die zerschmetterten Eltern ihr frischer Schmerz an die Stätte der Demuth und der Thränen. Und so stand Gabriel Mandl, der während der „zehn Bußtage" mit aller Anstrengung kaum des Lebens Nothdurst hereingebracht hatte, heckte an der Thüre und durfte keinen Schritt weiter. Er stand unter denen, die, wie draußen in der unheiligen Welt die Bettelleute und die Bittenden, auch hier im Tempel an den Pfosten lehnten und scheu um das winzige Almosen der Gnade mit zitternden Lippen flehten, während die stolzen Besucher, die das Betteln nicht nöthig haben, mit erhobenem Haupte in die Mitte des Saales schreiten und gleichmüthigen Tones, in dem Gefühle, dem Geber nahezustehen, ihre mannigfaltigen Wünsche Vorbringen, die ihnen ja, meinen sie, ohnedies nicht versagt werden können und die rnan hier laut werden lässt, um einer Form zu genügen, die schließlich sein muss und auch nicht sein muss. Gabriel Mandl stand eingekeilt zwischen den Allzuvielen und ließ sich stoßen und schieben, ohne auch nur eine Bewegung zur Abtvehr zu versuchen. Er that keinen Blick aus seinem Gebetbuche. Er wollte nieinandes Auge begegnen. Er schämte sich. Fast alle von ben Leuten schämen sich, insoferne sie nicht Knaben sind. Hier ist Armut eine Schande. Denn fast ausnahmslos habeil diese Lellte bessere Tage gesehen und waren irgendwo und irgendwann Gemeindemitglieder, deren Verweilen im Gotteshause beiweitem nicht von der Gitade eines uniformierten Tetnpeldieners abhing, der sich auf seine Rücksichtslosigkeit gegenüber den Armen noch etivas zugute thut. Freilich ist ihin seine Rücksichtslosigkeit halb und halb zu verzeihen. Denn er ist selber ein armer Teufel und die Uniform verleiht ihm ein gewisses Gefühl Überlegerter Macht. Und dann hat er ja auch „Befehl von oberl". Aber Gabriel Mandl hatte sich der Protection dessen versichert, der auf diesenr engen Gebiete der Gesetzlosigkeit und der Willkür das Seepter führte. Er hatte dem Uniformmanne ain Vorabende des Versöhnungstages zwei Zehnkreuzerstücke in die Hand gedrückt, eine Gabe, welche der Mann, der an so geringe Bestechungen nicht gewohnt war, zrvar mit gründlicher Verachtung eingesteckt hatte, die aber iinmerhin ihre Wirkung nicht verfehlte. Der Uniformierte schämte sich der kleinen Sltmme, die er von Gabriel Mandl angenommen hatte, und verschonte ihn, da er es vermied, ihn anzusprechen, mit den gewohnten kleinen Plackereien, denen die anderen Frelgäste des rückwärtigen Tempelraumes ausgesetzt lvaren. Denn bald durfte man hier nicht stehen und bald dort nicht, bald störte rnan hier die Passage und bald dort, und bald sollte rnan diesen Herrn durchlassen und bald je»ren, der, wie sich dann zeigte, auch kein besseres Recht besaß sondern bloß die höhere Gnade des Tempeldieners in der absoluten Monarchie. Aber plötzlich wurde Gabriel Mandl dennoch unsanft beiseite gestoßen. Der Tempeldiener machte alle Anstrengungen, um

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