Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 30 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EMeiiltjkdkil Freitag unter Mitwirkung der Vvrn jüdischen Volks- Verein erwählten Pressronrmifston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes, Hnasenstcin & Vogler, Rudolf Masse, A. Oppel'k, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Exneditionen im Anslande. Einzel-Nummer tu Wien 8 kr. Ur. 30 Mrrn» 8. Kepterrcker 1899. I. Jahrgang. ÄLdartion: 1III/1, Schlvhrlgalse 11,. Eprechstnndenr Sin Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von 1» bis IS Uhr vormittags. Postadresse: Jüdisches VoNSblatt, Wien, villji. Vrsrhwerdrn wegen verwäteler oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitte» wir uns dringend. — Mannscripte »«erden nicht znrückgestellt. Postsparcasscn-Conto 847037. In das Slbonnement kann man täglich einttetcn. * Rdmimstralivn: VIII/1, Schlöszelgersse 11. Abonncrnentspreis: Für Wien «. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellnng. Ganzjährig Hall-jährig Vierteljährig fl. 4fl- 2fl. i-- Für das gesamnite Älnsland sammt Francozustellnng. Ganzjährig.fl. 4.50 Halbjährig ....... fl. 2 25 Vierteljährig.fl. 1.15 Der Weg zur Wahrheit. Irren ist menschlich. Einen anderen irreführen, ist Schurkerei. Die gerade Linie, der directe Weg, einen bestimmten Punkt zu erreichen, ist Ftivs und sicher. Alle Nebenlinien, indirecten Umwege sind verschieden weit und unsicher. Wenn ein Forscher der Wahrheit, in welcher Angelegenheit auch innrer, selbst im, selbst auf Umwege geht, so ist es ihm dennoch ein Leichtes, früher oder später aus den richtigen Weg zu gelangen. Wenn sich aber Menschen finden, die denselben mit Absicht irrezuführen suchen, ihn aus Seitenwege verleiten, damit ihm der richtige Weg verschlossen bleibe, daun ist es schwer, manchmal sogar unmöglich, den wahren Weg zu finden. Man kann das zu allen Zeilen und in den verschiedensten Formen beobachtcu, im Privatleben des einzelnen, wie in wissenschaftlichen Forschungen des Denkers, besonders aber in Gerichtsverhandlungen bei jeden: verwickelten Processe. Es genügt, den D r e y f u s - P r o c e s s in Erinnerung zu bringen, um die Nichtigkeit des Gesagten einzusehen. Es waren ja nianche, vielleicht viele, die ursprünglich an die Schuld des Capitäns Dreyfus glaubten, die aber nach klarer Erkenntnis der Sache zur Üeberzeugung gelangten, dass der Mann unschuldig sei, dass er als Opfer anderer gefallen sei, die Richter und Publikum mit Absicht auf Irrwege geleiten. Und diese anderen bleiben in ihren Mitteln nicht stehen. Der Irrwege sind ja viele, sie können ja noch immer vermehrt werden! Und so sehen wir täglich neue Verirrungen in dem Processe, neue Zangen und neue Doeu- :nente auftauchen, um den Process noch mehr zu verwickeln und die Wahrheit zu verhüllen. Und in den nächsten Tagen wird auch bei uns in Oesterreich ein Process beginnen, der zwar nicht so sensationell wie der in Neunes ist, aber aus denselben Motiven nicht minder interessant. Ein Process, den wieder die Antisemiten ans Irrwege zu bringen trachten. Es klingt mittelalterlich, wie eine Sage aus längst verflossenen Tagen. In einen: Walde wird ein Mädchen ermordet aufgefunden. Der Verdacht fällt auf einen Schustergesellen und man verhaftet denselben. Und siehe! Die Ruhe des Ortes, in den: der Mord geschehen, wird bedroht, Leben und Vermögen eines Theiles der Bevölkerung wird unsicher, das Vertrauen zur Justiz schwankt, die öffentliche Meinung wird durch Hetzer gereizt und man versucht aus sonst friedlichen Bürgern Aufwiegler und Plünderer, zu machen. Was ist geschehen? Nicht mehr, als dass das ermordete Mädchen zufällig eine Christin, der Verdächtige zufällig ein Jude ist. Das alte von der ganzen gebildeten Welt verpönte Ritualmord-Märchen wird aufgetischt. Päpste und Könige, Geistliche und Gelehrte haben dieses Märchen wiederholt als Lüge, als niederträchtige Verleumdung gestcknpelt. und dvch taucht es jedesmal in den Spalten der antisemitischen Blätter auf, die keine Mittel scheuen, um zu Hetzen und zu verleumden. Dreyfus ist Jude und als Jude verfolgt, der Schusterjunge in Polua soll sogar der Gesandte des Judent h u m s sein, eine Missten für das ganze jüdische Volk ausgcführt haben' Der Process Dreyfus wird wahrscheinlich dieser Tage beendigt sein, trotz aller neuen Jrrgäuge, welche die Antisemiten und der Gcneralstab ausfindig machen, um die Wahrheit nicht ans Tageslicht kommen zu lassen. Und den zwölften dieses Monates beginnt in K u t t e uberg der Process Hülsner. Wir hoffen, dass der Weg zur Wahrheit hier wie dort gesunden werden wird. Wir können und dürfen uns jetzt über diese Processe noch nicht ganz aussprechen. Interessant ist vorläufig bloß, alle Wege zu kennzeichnen, die von antisemitischer Seite eingeschlagen werden, um aus allerlei Zufälligkeiten und Gelegenheiten Judcnsragen zu bilde::, von eiuzelneu Personeu Consequenzeu für das gänA jüdische Volk zu ziehen und Richter und Gerichtshöfe l auf Irrwege zu führen, um gegen uns Waffen zu schmieden. Wir müssen cs vorläufig unterlassen, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Wir können nur wünschen, dass der Weg zur Wahrheit kurz und direct gesunden werde. Tie VnmchNnig des Judenvolles. Berlin, 2. September. L. Der bekannte „S i m p l i c i s s im u s" brachte vor ungefähr zwei Jahren eine, man muss es zugeben, glänzende Caricatur. Ein Jude steht da, ein Jude aus unserem berühmten Thiergartenviertel, in glänzender Ausstaffierung, in Frack und Claque, mit coquett ausgeschnittenen Ball-Lackschnhen; über den Bauch eine schwere, goldene Kette, im Gesichte die unzähligen Runzeln eines tiefbewanderten Lebemannes.... Und darunter stehen die Worte: „Wozu soll ich geh':: nach — Jerusalem?" Unwillkürlich musste ich dieser Tage an diese Caricatur mit all ihrem bitteren, schneidenden Hohne denken, als ich über die Vorbereitungen zum Parteitag der oeutfch-focralen R e s o r m p a r t e: las. Dieser Parteitag wird vom 9. bis I I. d. M. in Hamburg zusammeiktreteik. Entsprechend dem Ursprünge der d e u t s chsocialen R e s o r m Partei als dem Reste und Congtonierat der ehemals rein-anlisemitischen Parteien, wird der Parteitag sich selbstverständlich auch mit der Jude)!-?- frage beschäftigen. Zun: Referenten für diesen Pllnkr wurde der durch seinen literarischen Antisemitismus Mnlänglich bekaume Dr. G i e s e bestellt. Die AnEjgtz, welche Dr. Giese dem Parteitage unterbreiten wprfi/ sind zu drastisch, um sie nicht vollinhaltlich miederzugeb^wJlll Sie lauten: „1. ES ist die Aufgabe der aiitisemitischeu Partei, die Kenntnis v v ni wahren Wesen des I u D c nvolles 5 u vertiefen n n d immer w e i t er zu verbreiten. Wir sichen erst >tt Anfänge dieser Thätigkeit. Nur aus der Einsicht, dass ein unüberbrückbarer E"gerifatz zwischen dem Jndenvolke und allen anderen Böllern in sittlicher und allgemein geistig«"' Beziehung besteht, und dass der Jude nicht nur unfähig zur Theilnahme an der naturgemäßen, cnltmellcn und sittlichen Weiterentwicklung der Menschheit, sondern seinem Wesen nach ein Feind aller nationalen wie auch allgemein menschheitlichen Cnltur sei, kann der feste Wille zur Abwehr des Jndenthums entspringen. 2. Zur Befreiung des deutsch-christlichen Geisteslebens vom jüdischen Eiiiflnsse, fordern wir, in Uebereinstimnumg mit ernst denkenden Theologen die Ausscheidung des Alten Testaments aus den: ch r i st l i ch e n Religionsu n t e r r i ch t. Was in: Alten Testament von Wert für die Bildung religiöser Anschauungen und sitckrcher Begriffe ist, lasst sich auf andere Weise in den Religionsunterricht verweben. Die Schicksale des Jndenvolkes, seiner Patriarchen, Könige und Propheten gehören in den Geschichtsunterricht; hier werden sie bei unparteiischer Darstellung ein wichtiges Hilfsmittel zur Erkenntnis der jüdischen Bolksart abgeben. 3. D i e zionistischen Bestrebungen sind eine Frucht der a n t i s e m i t i s ch e n Bewegung. Sie enthalten das Bekenntnis zu der so oft verleugneten nationalen Zusammengehörigkeit. aller Inden. Die staatsrechtlichen Bestrebungen der Zionisten, irgendwo auf dem Erdbälle ein inodern-jndisches Reich zu errichten, verdienten nur dann Unterstützung, wenn Sicherheit geboten würde, dass wirklich alle Juden gen Ren-Zion ziehen. Das erscheint leider ausgeschlossen. Die Vertretung der Interessen in unserer Mitte lebender Juden aber durch eine staatsrechtlich anerkannte Macht würde völlig unerträglich sein. Es ist nicht zu dnldei:, dass die Minnee israelite souverän wird und einen Gesandten am deutschen Kaiserhofe unterhält. iMMrAfcjvrcJcx r.i nri~nTiiTirmiwf r»r ruTfi^wTwmrirninr i mtti A-v-TSTC?« evr taw- «xa »sro wcusHuzarcastaMssr* rottwmsacwcxttrvawTi Kabln Nmnvn.* *) von Adolph Donath. Rabbi Amnon war ein guter Freund des Mainzer Fürstenhofes. Alle Frauen, alle Ritter Liebten es, mit ihm zu sprechen. Eines Tages gab der Kurfürst Aus den: Schlosse ein Gelage, Auch den Rabbi Amnon sah man An des Fürsten Seite sitzen. Und als die Pokale klangen Und die Frauenherzen glühten. Hob der Kurfürst seinen Becher Und er sprach zur Tafelrunde: „Wir sind alle eine Seele, Einer fühlt es mit den andern, Wenn die jungen Büsche sprießen Und die Blntenkronen leuchten. Wir sind alle treue Brüder Einer reinen Gotteslehre, Jeder Fremdling sei willkommen, Der zu unfern: Gotte pilgert. Rabbi Amnon, sieh den Becher, Der von Diainanten funkelt. Sieh die Bilder an den Wänden, Sieh die reiche,: Purpurdecken. Diese Pracht sei Dir gegeben. Willst Du unserrn Gotte dienen. Rabbi Amnon, Deine Lehre Ist so arm und ist so düster." *) Wir entnehmen diese poetisch glänzend durchgeführte Sage dem bekannten Buche des Dichters: „Tage und Nächte." (Mit einem Geleitbrief von Georg Brandes, bei Schuster & Loeffler, Berlin). Da erzitterte der Rabbi. Seine Lippen schienen btutlos, Und auf seiner bleichen Stirne Hoben sich die blauen Adern. Und es zuckten seine Augen, Und er sprach mit hohler Stimme: „Kurfürst, meine Antrvort will ich In drei Tagen Dir verkünden." * * Dreimal hatte schon die Nacht sich In den hellen Tag gewandelt. Dreimal sandte schon der Kurfürst Seine Ritter nach den: Rabbi. Und es schrie der Kurfürst zürnend: „Will der Jude nicht gehorchen, Legt ihm Ketten um die Arme, Schleppt ihn her zu meinen Füßen!" * * * Wieder klangen die Pokale, Wieder hob der Fürst den Becher, Und er sprach zun: Rabbi Amnon, Der als Selave vor ihn: kniete: „Jude, sprich! Bei diesem Becher, Der die Augen Dir geblendet. Schwör' ich's, mußt Du selber eine Strafe über Dich verhängen." Lange schwieg der Rabbi Amnon, Sterne stände:: schon an: Himmel, Als er rief: „Die Zunge, Kurfürst, Die Bedenkzeit sich erbeten. Meine Zunge, die gelogen. Lass nur aus den: Munde reißen!" Also wollte Rabbi Amnon Seine große Sünde büßen. Doch der Kurfürst luchte höhnend: „Deine Zunge soll Dir bleiben, Aber Deine krummen Füße. Die mir dreimal nicht gehorchten, Will ich meinem Messer opfern. Und desgleichen sollen Deine Judenhände, Deine Nase, Deine Ohren, ihm verfallen." Da erhoben sich die Ritter. Wie verrohte Henkersknechte Packten sie den alten Juden Und vollsührten die Befehle. Dreimal hatte schon die Nacht sich In den Hellen Tag gewandelr. Rausch Haschonoh war's. Die Juden Wallten in Jehovahs Tempel. Und den arinen Rabbi Amnon Trug u:an vor die heil'ge Lade. Und bevor nun: Kodausch sagte, Rief der Rabbi zu Jehovah: „Alle Wesen, die da pilgern. Zählst Du, wie ein Hirt die Herde, Und verhängst ihr Los, bestinnnst den Lebensgang der Creaturen. Am Neujahrstag wird's geschrieben. Am Versöhnungstag besiegelt, Wer da leben, wer da sterben, Wer am Ende seiner Laufbahn, Wer durch Feuer, wer durch Wasser, Wer durchs Schwert im Kriege, wer durch Hnngersnoth erliegen sollte. Wess' der Ruhm ist, wess' die Schande.