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Jüdisches Volksblatt · 1899-09-01 · 29 (1.9.1899) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
29 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 1. September 180t) Nr. 2f.' der Zeitschriften und Agitationsbroschüren, welche in der Regel dieselben programmatischen Gedanken in tausendfältigen Varianten wiedergeben, deren größter Theil daher zu entbehren ist. Allein beim ferneren Fortschritte, beim Nebergange, von Agitation zur eigentlichen Arbeit werden die umfangreichen, tief eindringenden Wepke nicht ausbleiben, deren Inhalt nicht entbehrt werden fgnm pio werden wir dann die Polyglotten hernehmen,.die sie alle beheirschten? Wird die Bewegung nicht in dieser unorganisierten Fülle ersticken? Freilich sind wir im Besitze wm Organisationen, Congressen, leitenden Cvmitös, allein bereu Wesen beschränkt...sich auf das blos Aeußerliche, Mechanische, Geschäftsmäßige,M-« hre Concentrierung, innerliche Organisation, einen mächtigen Damm g e g e n Z e r s p l i t t e r u n g i st nur e i n e L i t e r a t u r, deren Organ die hebräische Sprache ist, imstände zu setzen. Welche Erleichterung, welche Klärung und Verinuerlichunch«4Mrde geschaffen werden, wie viele Missverständnisse würd^rkSiMben werden, wenn die hebräische Sprache ein Gemeingut dtzLWAMmmten Intelligenz in der Diaspora würde! Wenn mapchL glauben, dass die nationale Literatur und die hebräische Spracht erst in einem organisierten Jndenstaate gedeihen könnte^so sind sie in einem tiefen Jrrthum besangen. Gerade in der Diaspora, i n s o f e rn e sie ernstlich n a ch naNonaler Einigung st r e b t, i st sie eine c o n ditio sin e qua non u n s e r e r Beweg u n g! In einem organisierten Judenstaate könnte — mag cs auch paradox erscheinen — wenn das social-culturelle Gedeihen des Volkses erheischte, der nationalen Entwicklung unbeschadet, das Hebräische durch eine der Weltsprachen vertreten werden (wie z. B. die Amerikaner nichts von ihrer nationalen Gesinnung, auch nicht einmal von ihrem nationalen Chauvinismus einbüßen, dass sie sich der Sprache der Engländer bedienen). Ich hielt mich bei der Beweisführung einer solchen selbstverständlichen Sache etwaslänger auf, denn es wurmt mich tief in meinem Innern der Missbrauch, welcher mit der hebräischen Spreche getrieben wirh,,seine salbungsvolle Pietät, die ihr um die Wette credcnzt wirb, es schneiden mir tief ins Herz jene Bücklinge, welche ihr,.-er ehrwürdigen Matrone gemacht werden von Leuten, deren Bekanntschaft sich zu erfreuen sie bisher nicht in der Lage war. (In gewissen Versammlungen soll man von Rührseligkeit für sie so sehr ergriffen worden sein, dass man ihr den Alterspräsidentenstuhl darbot.) Dies ist nicht blos eine Un gehörigkeit — jede Heuchelei ist cthisch ungehörig — sondern au ch ein Missverstehen des eigenen Jntercsses, ein Missverstehen, dass die hebräische Sprache das berufenste Organ jeder gesammtüationalen Bewegung ist. Solange die Juden in den verschiedenen Ländern an Vhren Sonderinteressen hangen, bedurfte man nicht ihrer, kauKEhourden sie aus ihren Particularismen herausgeriff'en, kaum, .schritt man an die Interessen des gesummten Judenthums, ist sie nicht mehr zu entbehren. Man möchtechier veranlaßt werden, den Spruch Voltcnre's zu variieren/. „Würde es keine.hebräische Sprache geben, mußte mau sie erfinden/' Eben .diese ihre Unentbehrlichkeit, diese ihre Actualität verbürgt uns auch die Verjüngungskraft, ihre Entwicklungsfähigkeit. Die eben von mir äbgehandelten nationalen Bestrebungen sind die sogenannten zionistischen pur excellence, die seit einigen Jahren die weitesten Kreise unseres Volkes mit Feuereifer erfaßten. Gewiss wird ein jedes jüdisch fühlendes Herz ihnen die tiefsten Sympathien entgegenbringen. Allein ich glaube den Nachweis erbracht zu haben, wie ersprießlicher und gedeihlicher diese Bewegung vor sich gehen würde, wenn ihnen nicht das Polyglottenthum im Wege stünde. Viele Streitigkeiten würden leichter geschlichtet werden (so der bedauernswerte Streit zwischen politischem und praktischem Zionismus, umso bedauernswerter, da er lediglich auf Principienreiterei und Missverständnissen beruht, da er eigentlich keine principielle, sondern taktische Frage betrifft) ein jeder würde in der Lage stin, sich eine vollständige Uebersicht über die Gesammtheit der Bewegung, über die Mannigfaltigkeiten der Strömungen zu verschaffen, was zur Folge haben würde, dass man zn den Congressen gehöriger vorbereitet, mit selbständigeren Ansichten foninten würde, wodurch ferner die Congresse selbst einen viel demokratischeren Charakter gewinnen würden — dies alles würde geschehen, wenn die Gesammtheit der Zionisten des Hebräischen als Hanptorgaus sich bedienen würde. Diese Bestrebungen, welche ich exotisch nennen möchte, weil sie auf Emigration abzielen, erschöpfen aber keinesfalls die Gesammtheit unserer nationalen Aufgaben. Daneben gibt es Aufgaben ganz anderer Natur, die ich unter dem Titel „esoterische" zusammenfassen möchte, denn sie betreffen die innere Lage der Juden in der Diaspora selbst. Es ist nämlich jener Complex von Aufgaben, welcher unsere ökonomische, politische, kulturelle und ethische Lage in den Einzelländern Europas, unsere Stellung zur autochthonen Bevölkerung, zu den verschiedenen Classen und Parteien zusammenfasst. Diese Aufgaben und Interessen haben sich bis jetzt schüchtern, vereinzelt geäußert, vermochten nicht einmal in ein festes Programm formuliert zu werden, sind durch das eclatant, geräuschvoll sich vernehmende Exotische fast völlig überhört worden. Das exotische Programm, wie leicht formulierbar, fasslich und gemeinverständlich ist es! Die Lösung der Judenfrage durch die Gründung eines Judenstaates, wie vielverheißend, wie zaubervvll klingt es! Dagegen der Kampf der Interessen der Judenhcit in der Diaspora selbst wie mühselig, unbestimmt, wie verschiedener Mittel und Anlegung verschiedener Maßstäbe bedürftig! Kamps und kein Ende! Allein diese esoterischen sind nichtsdestoweniger da, sie sind schlechterdings nicht znrückzuwcisen, sie werden von Männern, die durch das Leichtsormulierbare sich nickt abschrecken, durch das vielverheißende sich nicht blenden lassen, getragen. Diese Männer sind von der, meiner Ansicht nach richtigen Uebcrzenguug durchdrungen, dass Emigration allein, und mag sie noch so glickzend von. statten gehen, die. Judenfrage nicht lösen könne, dass ein Ausschöpfen der Judenheit ans der Zerstreuung für absehbare Zeit nicht denkbar sei, und dass es Fahnenflüchtigkeit, Verrätherei an der Nation bedeute, wenn unsere Intelligenz müßig und apathisch dem jammervollen Spiele, das vor unseren Augen getrieben wird, zusehen würde, wie unsere Menschenrechte geschmälert, die ökonomische Lage unserer Brüder (im Osten) ans ein immer tieferes Niveau herabgedrückt werde, wie infolgedessen Kleinmnth, Particnlarismus, Gleichgiltigkeit und Frivolität — die Hauptgebrechen einer Nation — platzgreifen. Diese Männer sind von der Ueberzeugnng durchdrungen, dass, möge der Kampf noch so schwer,, die Aussichten auf materiellen Erfolg noch so gering sein, schon die Thatsache des Kampfes allein einen Läuterungsprocess für unsere Nation bedeuten werde, uns jene Lebenslust, jenes Vertrauen zu den eigenen Kräften, jenen N a t i v n a l st o l z, jene Culturreife verschaffen werde, die wir so sehr benöthigen! Eine solche innere Action darf aber keinen vereinzelten, particularistischen Charakter tragen. Sie muss von der gesammten Nation ausgehen, alle Capitals- und Jntellectualkräfte müssen insofern das Volksschicksal ihnen am Herzen liegt, an ihr participieren. Und hier zeigt sich wiederum die große Aufgabe, welche der hebräischen Sprache zugewiesen werden muss. Eine solche innere Action bedarf einer umfassenden Kenntnis der mannigfaltigen, heterogenen Beschaffenheiten der social-culturellen Lage unserer Nation in den verschiedenen Ländern der Zerstreuung, bedarf eines regen interterritorialen Geistesverkehres, einer Verständigung über eine unendliche Summe von Fragen diversester Natur. Bei der jetzt herrschenden Vielsprachigkeit ist es schlechterdings unmöglich (ich glaube,, dass das Scheitern der löblichen Absichten, die von der Gründung der Israelite Alliance bis auf die Unternehmungen des Baron Hirsch ausgiengen und auf eine innere Action abzielten, zum größten Theil dem Mangel an Kenntnis jener Sphären, auf die sie wirken wollten, zuzuschreiben ist). Nur die hebräische Sprache, sie einzig und allein, insofern sie Gemeingut aller Gebildeten unserer Nation werden sollte, ist dazu berufen, ein Communicationsmittel für die Gesammtinteressen und Bedürfnisse unserer Nation zu werden, sie ist das unumgängliche Werkzeug unserer Entwicklung. Eben diese ihre Actualität verbürgt ihre Unzertrennlichkeit mit unserer Zukunft, ihre Verjüngungsfähigkeit. Eben unser Eingegliedertsein in den Weltculturen wird, sobald eine Basis für die Gesammtinteressen der Nation und mit ihr auch die Nothwendigkeit einer Nationalliteratur gegeben werden wird, nicht nur dieser nicht abträglich sein, sondern vielmehr ihr in erheblichem Maße zugute kommen. Es wird ihr hiedurch jene mosaikartige Vielfältigkeit, jene Reichhaltigkeit gegeben, welche in keiner großen Literatur fehlen darf. Alle Fragen der modernen Menschheit werden in ihr ihren Widerhall finden. (Schluss folgt.) Sehr gegen den Rath ihres Beschützers begann sie auf Credit zu verkaufen,' allein sie bekam, ganz gegen Seligs Voraussage, den größten Theil ihrer Forderungen herein. Bald genügte ihr auch die geringe Auswahl «Acht mehr und fortwährend sann sie darüber nach, welche Waren sie"noch beilegen könne, um ihren mit jedem Tage wachsenden Kundenkreis zu befriedigen und den Appetit desselben zu reizen. Ihre Härjnge waren bereits berühmt und sie sorgte, das Renommee nicht zu verlieren. Das Nächste,A».as sie anschaffte, waren „Barches" und es glückte ihr, einen Bäcker äüfzutreiben, der eine vorzüglich schmeckende Ware herzustellen imstande war. Wieder blieb es Mrs. Graff Vorbehalten, die ausgezeichneten i Sabbath-Brode zuerst zu versuchen und bald waren Saras Barches ebenso berühmt rvieAhre Häringe. Danw.folgtep/westphälische Pumpernickel und importierte Nüsse, Braunschweiger Pfeffernüsse und Nürnberger Lebkuchen, ausgezeichnete Wurstwaren und Gänsebrüste. Zu.Chanuca verkaufte sie Wachslichter, zu Pessach Gansfett, auf . Purim, Mandeln, Nüsse und Rosinen. Und so röyfftPTie mit den Wünschen und dem Geschmack ihrer Kundschaft SchM zu halten. Immer zahlreicher wurden die Ladenfächer und balds!wa.v-in dem kleinen Laden kaum noch Platz für die Kunden. Sara Wlte bei sich, daß ihr Geschäft gut fundiert sei. Natürlich nkam, das nicht so mit einemmale; die Vergrößerung des Geschäftes"'mAhte sich nach und nach, und sie arbeitete und kämpfte lange uMffchwer darum und mußte manche bittere und dunkle Stunde erleben: - ‘ Mehr als einmal war sie im ersten Jahre gezwungen gewesen. Selig Kaufmanns Güte in Anspruch zu nehmen, der ihr niemals seine Hilfe versagt und dem sie alles prompt zurückzahlte, soweit das Geld dabei in Betracht kam. Oft kam Seligzu Sara in den Laden; er sprach gerne von der Heimat ' und dem, was sich dort zutrug. Er war einer vom alten Schlag und obgleich schon zwanzig Jahre in Amerika, in steter Verbindung mit seinem GeburtMnde Heblieben. Dreimal war er zu Besuch draußen (gewesen; das ^Htzte Mal brachte er eine hübsche Frau mit zurück. Nun ließ er sein Haus mit äußerstem Luxus einrichten, allein er fühlte sich durchaus nicht behaglich darin. Das hatte er vor der Hochzeit mcht gekannt. 'Bei Sara aber fühlte er sich wohl. Da konnte er ^schme^Wdi-ljachen und sich freuen, als ob er sich'noch in Polen , befände. Gerne trank er eine Tasse Thee bei ihr und schwatzte dabei über alles Mögliche.' In der ersten Zeit pflegte er sich jeden Sonntage Nachmittag einzüsiöllen, vann^Dver-; dreimal iü der Woche, bis am Ende des ersten Jahres kaum ein Tag vergieng, wo er nicht „guten Tag" wünschte und seine Tasse Thee — manchmal auch deren zwei — trank. Die Unterhaltung drehte sich durchaus nicht um gleichgiltige Dinge. Selig freute sich, wenn er Sara einen Rath ertheilen konnte und jeder neue Schritt wurde von ihm rückhaltlos besprochen. Er rieth zur Vorsicht bei den verschiedenen Versuchen; waren dieselben aber von Erfolg begleitet, so suchte er sie zu überzeugen, dass — er es gewesen, 'der dazu gerathen. Er bat sie, nicht auf Credit zu verkaufen, indem er sich auf seine langjährige Erfahrung, stützte. Trotzdem creditierte Sara und zu Seligs Ueberraschung wusste sie nahezu alles einzukassieren. Das war ihm fast unerklärlich, denn nach seiner Erfahrung mußte jeder damit rechnen, mindestens die Hälftesolcher Buchschulden zu verlieren. Oft nahm er das Anschreibebuch zur Hand, gieng mit ihr die Kunden durch und wollte über jeden das Wer, Wie und Wo wissen. Bei einer Gelegenheit schien es ihm, als ob einige dieser Posten doch schon zu lange stünden und da hielt er es für seine Pflicht, Sara etwas eingehender zu befragen. „Nun, z. B." sagte er, „hier ist Mr. Kohn, der auch 12 ‘/a Dollar schuldet, das ist zuviel für eine Person." „Ja, das ist viel", antwortete Sara, „aber der Mann hat eine große Familie und war längere Zeit krank. Er wird schon zahlen, sobald es ihm besser geht. Er war ein guter Kunde, was soll ich also thun?"' Selig machte keinen Einwand, blätterte aber weiter. „Da ist wieder Einer, 15 Dollar." „Wer ist das", fragte Sara, das Conto betrachtend. „Oh, das' ist Mrs. Jaffe, die Frau vom Schochet, der vor einiger Zeit starb. Mit der läßt sich nichts machen; aber ich kann ihr auch die Kleinigkeiten, deren sie bedarf, nicht abschlagen." „Ich meinte, sie habe Geld aus der Unterstützungscasse erhalten", sagte Selig. „Ja, man hat ihr eine kleine Rente ausgeworfen, aber wenn sie hie und da eine Kleinigkeit nöthig hat, so kommt sie her; viel ist es ja nicht und — es kommt nicht darauf an." Selig blätterte weiter; viel Erfolg hatte er noch nicht zu verzeichnen, obgleich er schon manche Posten entdeckt hatte, die ihn ein wenig beunruhigten. „Mrs. Forman scheint Euch auch nichts zu zahlen." „Ach, eine Frau mit drei Kindern — und der Mann ist ihr fortgelaufen", antwortete Sara ruhig. Selig klappte das Buch zu. Sara muss wissen, tvas sie zu thun hat, dachte er und beschloss bei sich, sie schalten und walten zu lassen nach ihren eigenen Ideen. Der letzte Name schien sie an etwaserinnert zu haben, sie nöthigte Selig ins kleine Wohnzimmer.

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