Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 29 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2432763-2432764-2432793--0268-2433795- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 29 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 1. September 1899 Seite 5 gewinnen, wenn wir versuchen, nicht ihn reinzuwaschen, aber ihn theilweise zu rechtfertigen und seine Handlungsweise zu erklären. Ein junger venetianischer Edelmann, der sich in momentaner Geldverlegenheit befindet, geht zu unserem jüdischen Makler, um 3000 Ducaten von ihm zu leihen. Antonio, ein reicher Kaufmann, bürgt für die Schuld. Shylock weiß, dass Antonio ein beträchtliches Vermögen besitzt, weiß aber ebenso gut, dass er dasselbe in verschiedenen waghalsigen Unternehmungen angelegt hat. Außerdem empfindet er einen tiefen Hass gegen diese Ehristen, die ihn oft und oft gedemüthigt haben, weil er Jude ist, und nährt insgeheim den Wunsch, sich an ihnen zu rächen. Der Durst nach Geld hat in ihm noch nicht das Bewusstsein der persönlichen Würde erstickt. Andere beugen den Kopf unter der Beleidigung, nehmen ohne zu klagen die Stellung ein, welche man ihnen zumeist, und halten sich für befriedigt, weil sie auf Kosten ihrer Verfolger einige Vortheile erreichen konnten. Anders Shylock. Sein Herz ist stolzer, er ist betrübt über die Leiden seines Volkes, er denkt an die alte Zeit, an die Heiligkeit seines Stammes. Wohl liebt er das Geld, jetzt aber zieht er die Rache vor. Verachtet und gehasst, will er Verachtung für Verachtung, Hass für Hass wiedergeben. Dieser Antonio, der hier bittend zu ihm kommt, ist derselbe, welcher ihn schon oft in seinen theuersten Empfindungen, dem Glauben seiner Väter, verletzt, ihm seine Abstammung vorgeworfen, ihm den ganzen Schimpf ins Gesicht gespuckt hatte, den die Jahrhunderte einander vererben. Das alles bricht nun aus Shylock hervor; seine Geduld, das Merkmal seiner jüdischen Rasse (wenn es ein solches ist) hat ihre Grenzen erreicht, und so ruft er in einem herrlichen Momente der Empörung: Wie oft habt Ihr mir mein Handwerk vorgeworfen — ich habe niemals geantwortet, nur ruhig die Achseln gezuckt. Ihr habt mich wie einen Heiden behandelt, Ihr habt auf meinen jüdischen Kaftan gespuckt, und dies alles, weil ich mein Gut nach meinem Belieben verwende. Jetzt braucht Ihr meine Hilfe, da kommt Ihr zu mir und sagt: Shylock, wir brauchen Geld. Das sagt Ihr mir, in dessen Bart Ihr Euren Speichel entleertet, den Ihr mit dem Fuße fortgestoßen habt wie einen fremden Hund, der sich auf die Schwelle Eurer Thüre legte. Geld wollt Ihr von mir? Wie kann ein Hund Euch 3000 Ducaten leihen? Oder soll ich mich bis zur Erde vor Euch verneigen und in der Stellung eines Sclaven mit leiser, furchtsamer Stimme flüstern: Mein schöner Herr, letzten Mittwoch habt Ihr mich angespuckt, an dem Tage habt Ihr mir Fußtritte gegeben, an jenem mich Hund genannt, aus Dankbarkeit für diese gute Behandlung will ich Euch nun soviel Geld leihen. Und trotzdem willigt der Jude ein, dem Ehristen die 8000 Ducaten zu leihen. Man darf aber ja nicht glauben, dass es des schönen Grundsatzes wegen geschehe: Du sollst Böses mit Gutem vergelten. Wie sollte auch ein solcher Mann, das Ziel so vieler Verwünschungen, bloß weil er das Unglück hatte, als Jude geboren zu werden, gestimmt sein, Barmherzigkeit zu üben und Beleidigungen zu vergeben? Auch willigt er in den Handel mit Antonio nicht seines materiellen Vorthetles wegen, sondern weil er hier eine günstige Gelegenheit gekommen glaubt, seine Rache zu befriedigen. Er leiht ihm also das Geld, jedoch unter der Bedingung, dass er das Recht haben sollte, ein Pfund Fleisch aus dem Körper seines Schuldners zu schneiden, falls der Wechsel binnen zweier Monate nicht bezahlt sei. Auf jede andere Vergütung verzichtet er. Daraus erkennt man seinen Gedankengang. Er hofft, Antonio werde nicht imstande sein, seine Verpflichtung zu halten; die Schiffe des reichen Venetianers, die sein ganzes Vermögen ausnmchen, sind über alle Meere zerstreut, die einen können eine Verspätung erleiden, die anderen durch einen Sturm während des kurzen Zeitraumes bis zur Einlösung des Wechsels vernichtet werden. Wenn keines von ihnen zur richtigen Zeit eintrifft, ist der reiche Kaufmann verloren. So hat Shylock mit der Schlauheit des Maklers all diese Möglichkeiten erwogen. Antonio dagegen denkt gar nicht daran, dass er am bestimmten Tage den Juden nicht werde bezahlen können und unterschreibt leichten Herzens den Wechsel Shylocks. (Fortsetzung folgt.) Zur Colonisation Palästinas. Herr Dr. Meyer antwortet mir in der „Laubhütte" auf meine in der vorletzten Nummer unseres Blattes enthaltene Entgegnung: „Hierzu haben wir zunächst zu bemerken, dass wir in unserem Artikel in Nr. 31 der „Laubhütte" Herrn N. A. B. nicht „Lügen gestraft" haben. Wir haben ihn nur berichtigt, nicht in der Annahme, dass er Unrichtiges behaupten wollte, sondern in der, dass ihm die Jahrgänge 1876—1883 der „Jüdischen Presse" nicht bekannt seien, da er sonst seine Behauptung, dass „einzig" die in hebräischer Sprache arbeitenden Schriftsteller diese Idee propagierten, nicht hätte aufstellen können. Dass uns die Thätigkeit von David Gordon, Smolensky und Brüll (nicht Brühl) u. s. w. bekannt war, ist selbstverständlich. Das thut aber nichts zur Sache. Denn die Frage lautet nicht: Haben vor Hamelitz und Hazefirah noch andere hebräische Zeitungen und Schriftsteller die Idee propagiert, sondern sie lautet: „Haben einzig (d. h. ausschließlich) hebräische Zeitungen und Schriftsteller die Idee von der Eolonisation Palästinas propagiert?" Diese Frage ist mit „Nein!" zu beantworten, denn vor Hamelitz und Hazefirah that dies Dr. Meyer; erwardererste, der es in einer jüdischen Zeitung in deutscher Sprache that. Das halten wir für wichtig genug, um es festzustellen und festzuhalten. Diese beiden Punkte bleiben auch nacy obiger Ausführung im„Jüd. Volksblatt" richtig und unbestreitbar." Ich habe dazu nur zu bemerken, dass, wie ja aus dem ursprünglichen Artikel hervorgeht, das Wort „einzig" sich auf die Propagierung der Idee vor dem .80er Jahre bezieht. Herr Dr. Meyer hat mich also einfach missverstanden. Ich halte die Discussion damit für geschlossen. R. A. B. Unsere kulturelle Ausgabe. ii. Besitzt unsere Nation bei ihrem Eingegliedertsein in den antochtonen Culturen die Eignung zur Schaffung einer selbstständigen, nationalen, hebräischen und zugleich lebensfähigen Literatur? Und wird eine solche Literatur in der Diaspora entwicklungsfähig sein, ohne den Charakter particularistischer Zerklüftung zu tragen? Ich trage kein Bedenken, diese Frage mit einem unbedingten I a zu beantworten. Ich bin mir dessen klar bewusst, dass eine Literatur, soll sie nicht ein todgeborenes Kind sein, realen, actuellen Bedürfnissen entsprechen muss; sie darf ihr Entstehen keiner großen Rücksicht auf Pietät, Vergangenheit danken (wiewohl Pietät und Idealismus eine gewisse mitwirkende Rolle zugeschrieben werden muss). Lebensfähige Literaturen wurzeln stets in den zum Ausdrucke sich durchdringenden Volksleben. Nationales Leben und nationale Literatur verhalten sich zu einander wie Inhalt zu Form; Leben ohne Literatur ist chaotische, gestaltlose Masse, Literatur ohne Leben — starre Form. Die organisierende Kraft eines gehaltreichen, nationalen Lebens, schafft stets mit Naturnothwendigkeit aus sich selbst seine Formen. Eben diese Bedingungen sind im gegenwärtigen Gährungsstadium unseres Natinallebens vollauf gegeben. Neue Inhalte, ungeahnte Aufgaben sind in unserer Nation erwacht, die man unter dem Namen: Jüdischnationale Bewegung oder Zionismus zusammenzufassen pflegt (welche Ausdrücke theils sich decken, theils zwar verschieden, aber sich ergänzende, keineswegs divergierende Postulate bezeichnen), sind nicht, wie oberflächliche Betrachtung glauben kann, bloß die Wirkung des Judenhasses. Der Antisemitismus besitzt lediglich eine excitierende, wohl auch für jene jüdischen Kreise, die sich ihres Judenthums völlig entäußert haben, eine veranlassende Bedeutung. Die Bewegung wurzelt einerseits in jenem Willen zum Leben, welcher trotz zweitausendjähriger Zerstreuuug in uns nie erlosch, ,in jenen unverjährten Rechten, welche wir unter anderen Formen als heute stets zur Geltung brachten, andererseits in der Befruchtung, welche unsere Nation seit der französischen Revolution durch den intimen Contact mit den europäischen Culturen erfahren hat. Allein gerade diese Fülle von Ausgaben, die so jäh auf uns einstürzte, birgt eine große Gefahr in sich, es ist die Gefahr vor einer Zersplitterung der Kräfte, von einer Verwirrung der Geister, bedingt durch die territoriale Auseinanderlagerung unserer Nation, durch die Vielsprachigkeit, der wir über den ganzen Erdball zerstreut unterworfen sind. Wie kann hier von einer Verständigung, von einem innigen Ideenaustausch, von Einheitlichkeit des Verfahrens und innerlicher Organisation des gesummten Volkes die Rede sein, wenn unsere Intelligenz, unsere führenden Geister über die verschiedenen Länder vertheilt, ihre Gedanken, Pläne und Bestrebungen in den verschiedensten Idiomen niederlegen? Und je größere Dimensionen die Bewegung annimmt, je mehr Länder sie in ihren Kreis zieht, desto stetiger wächst die Zersplitterungsgefahr! Die Literatur, welche die nationale Bewegung bisher gezeitigt, bewegt sich noch im engen Rahmen — 4 — „Ich habe eine Neuigkeit, die Euch überraschen wird", sagte sie langsam, nachdem sie ihm die gewohnte Tasse Thee zurecht gemacht hatte, „diesen Morgen bekam ich einen — Brief — von-ihm." „Was sagt Ihr — einen Brief von Jankel?" „Ja, endlich einen Brief." „Will er vielleicht zurückkommen?" fragte Selig, durchaus nicht erfreut von dieser Möglichkeit. Er hatte so eine Ahnung, als könne die Rückkehr Friedmanns seinen nachmittäglichen oder abendlichen Theebesuchen Abbruch thun. „Rein", antwortete Sarah, „das will er nicht. Sein Brief ist nicht lang und enthält auch keine Erklärung über das was er will. Er stellt nur ein Verlangen." „Und das wäre?" „Dass ich „Gett" von ihm annehme." „Wa—s? Ge—tt? Keinesfalls!" „Ich will auch nicht", sagte Sarah entschlossen, „ich frage nichts darnach, ihn wiederzuseheu, aber niemals gebe ich ihn frei auf solche Weise." „Unter keinen Umständen würde ich ihn annehmen", sagte Selig, mit dem Trinken fortfahrend und ein neues Stück Zucker nehmend. „Bietet er auch etwas?" . „Nein, das thut er nicht — da kennt er mich besser." „Wo ist denn der Taugenichts?" „Im Westen, in Detroit. — Ich freue mich, dass Ihr bezüglich des „Gett" denkt, wie ich." „Natürlich", antwortete Selig, „er will nur frei werden, und bald wird er aufs neue Chossen sein. Wir zahlen ihm heim mit gleicher Münze." Als der Thee getrunken war, nahm Sarah Tinte und Feder und schrieb nach Seligs Dietat ihrem liederlichen Gatten, dass sie ihn niemals aus den Ehefesseln frei lassen werde, und wenn sie ihm auch nichts Böses wünsche — sie sei im Gegentheil erfreut, dass er vorwärts käme — so wünsche sie doch niemals mehr, brieflich den gleichen Wunsch von ihm zu hören oder — lieber noch — überhaupt nichts. Zerronnen und Gewonnen. Eine Geschichte aus dem New- Porter Ghetto. Aus dem Englischen von Z. Bensam. III. Dann trank Selig noch eine Tasse Thee und verabschiedete sich mit dem Gefühl, heute morgen schon viel gethan zu haben. 3. Capital. Am Anfang der folgenden Woche bezog Sara Friedmann mit ihren beiden Kindern und einem mäßigen Vorrath in Specereisachen den bewussten Eckladen. Mrs. Graff leistete hilfreiche Hand und mit ihrer Unterstützung war der Laden bald in Ordnung, so dass der Verkauf beginnen konnte. Aber sie war doch sehr überrascht, wie Sara so gut in allem Bescheid wusste. Die gute Frau wurde bald gewahr, dass die neue Ladeninhaberin manch praktischen Einfall hatte in betreff der uothwendigen Waren und es that ihr leid, dass sie, von allgemeinen Geschäftsprincipien abgesehen, so wenig Hilfe leisten und Nathschläge zu geben vermochte. Nichtsdestoweniger war Saras neue Bekanntschaft herzlich willkommen und Mrs. Graff beharrte bcimuf, die erste Kunde zu sein. Sie half die erste Tonne Häringe öffnen und brach sie beinahe in Stücke, bevor sie den Deckel abnehmen konnte; dafür nahm sie dann als Preis den ersten Salzhäring. Im Laufe des Tages kam sie zu Sara, um ihr mitzutheilen, dass Mr. Graff der Häring ausgezeichnet geschmeckt habe und sorgte auch dafür, dass diese wichtige Neuigkeit bald die Runde bei den übrigen zahlreichen jüdischen Familien machte, so dass Saras Laden bald einen Ruf für besonders schmackhafte Häringe bekam und man sogar aus entfernten Stadttheilen darum schickte. Und Sara Friedmann bewies, welch energische Frau sie war; sie strengte sich an, die Kunden zu befriedigen und sah auch bald den Erfolg ihrer Bemühungen. Zuerst kam man zu ihr aus Mitleid und dann, weil man gut bedient wurde.