Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1899-09-01 · 29 (1.9.1899) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
29 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2432764-2432793--0267-2433794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4 Wien. Freitag Indisches Volksblatt 1. September 1890 Nr. 29 Berlin. Der „Volksmnnd" und andere Stöcker-Organe haben in der letzten Zeit Grund genug gehabt, sich zu ärgern. Nun ist ihnen noch der Aerger widerfahren, dass ein Professor aus Nerv- Jork, ein gläubiger Christ, der auf der äußersten Rechten in kirchlicher Beziehung steht, ein Buch geschrieben hat unter dem Titel: „Israel, das Wundervoll. Ein Wort an Juden und Christen." Von E. F. Schröter. In diesem Buche, das übrigens durchaus das Werk eines Judenmissionärs ist, kommen allerdings Abschnitte vor, die den Aerger der Antisemiten begreiflich machen. Weiß das „Volk" e tutti spinnti an den Juden kein gutes Haar zu lassen, so kann Stöcker nicht muhin, der Bedeutung des jüdischen Volkes gerecht zu werden, wodurch er sich natürlich den Unwillen jener zuziehen muss. Man urtheile selbst. Wie geschieht es doch, dass kein Eroberer, weder Römer, noch Kreuzfahrer, noch Türke in dem Lande gesegnet war, noch dem Lande zum Segen wurde, seit es seiner rechtniäßigen Besitzer entledigt ist? Einst war es doch das Land, da Milch und Honig drinnen floss, als Israel es noch bnuete. Heute ists öde und jämmerlich — seit 1800 Jahren. Israel aber, aus seinen Grenzen verjagt, heimatlos umgetrieben, wächst und gedeiht sichtlich unter allen Himmelsstrichen, in aller Herren Länder. Und man braucht es weder zu pflegen noch zu begießen. Gibt es denn auch noch ein Volk, das von allen anderen bitterer gehasst, schrecklicher verfolgt, grausamer gemartert, gründlicher verachtet, häufiger ausgeplündert, schändlicher misshandelt und getreten worden wäre? Heiden, Christen und Türken haben gewetteifert, den Juden vom Erdboden zu vertilgen. Mit welchem Erfolg? Dass es heute mehr Juden in der Welt gibt, als in den blühendsten Tagen des Reiches unter David und Salomon .... Ehedem hieß es : Wo ist so ein herrlich Volk, das so gerechte Sitten und Gebote habe, als dies Gesetz, das ich euch heutigen Tages vorlege (5. Mos. 1, 8.) Aber nun seit Jahrhunderten musste man sagen: Wo ist solch ein elendes Volk, für das die Nationen und Negierungen der Erde so schmähliche, schimpfliche und fluchwürdige Ausnahmsgesetze gemacht und es darunter gezwungen haben? Dabei hört Israel nicht aus, einen Sabbath um den anderen das heilige Gesetz, das Gott ihnen einst gab, das die Väter nicht halten wollten und das die Kinder nicht halten könnten, selbst wenn sie wollten — zu küssen und fast abgöttisch zu verehren. Trotzdem aber gibt es im ganzen nirgendwo ruhigere und ordnungsliebendere Bürger, als die jüdischer Abkunft, ob man ihnen schon weniger Gesetze gemacht hat in christlichen Ländern, die sie neben den ihrigen auch nur achten konnten. Aber für unsere Gefängnisse und Zuchthäuser stellen sie im Verhältnis bei weitem nicht die Zahl von Insassen, wie andere Nationalitäten. Und dabei ist Israel nicht sittlich verfault. Trotz der kläglichen Laxheit rabbinischer Ehescheidungsregeln wird jüdisches Familienleben von dem der christlichen Nachbarn wohl selten übertroffen an Reinheit, edler Sitte, Hingebung und Ehrerbietung. Ohne gänzlicher Enthaltsamkeit zu huldigen, ist der Jude selten Trunkenbold. Den jüdischen Wucher- und Schachergeist wird man ja unter den Völkern nicht müde zu geißeln und zu bewitzeln. Wenn man sich nur auch mitunter fragen würde, was für andere Erwerbszweige man denn in der Christenheit seit Jahrhunderten übriggelassen habe für die Juden, als Schacher und Wucher? Womit man sündigt, wird man gestraft. Uebrigens sollte man mit dem Steinewerfen auch hier vorsichtig sein. Es gibt der unbeschnittenen, sogar ungetausten Schacherjuden aller Nationalitäten nicht wenige. Der Aerger ist nur, dass es dem Juden so wunderbar glückt.... Eins aber gehöre auch hierher. Weiß der Jude das Geld in seine Tasche zu bekommen, so versteht er auch damit umzugehen. Unsere hebräischen Mitbürger bezahlen ihre Steuern so gut wie wir für den Unterhalt der öffentlichen Anstalten. Aber daneben sorgt das Judenthum ganz allein für seine eigenen Armen, Kranken, Witwen, Waisen, Greise und anderen Mündel der Wohlthäligkeit, und lässt sie weder den Christen noch dem Staat zur Last fallen. Und wer in New-Iork z. B einen Vergleich stellen würde zwischen den stnanziellen Zuständen in den christlichen Wohlthätigkeitsanstalten einerseits und den hebräischen andererseits, dem möchte das Prahlen von christlicher Liberalität am Ende vergehen. Von der erstaunlichen Ueberlegenheit, welche die Kinder Israels seit ihrer socialen Gleichberechtigung auf allen Gebieten intellectuellen Strebens und Schaffens, in Kunst und Wissenschaft, Literatur und Staatskunst an den Tag gelegt haben, braucht es nicht vieler Worte. Wo man ihnen die Schranken öffnet, läuft ihnen niemand so leicht den Rang ab. Judaeus facile princeps. Paris. In Orleans hat schon wieder ein Duell stattgefunden, das seinen Ursprung in dem Antisemitismus hat, der gegenwärtig die sranzösische Armee beherrscht. Capitän Picard, ein Glaubensgenosse, traf kürzlich mit dem Capitän I o l l y, welcher ihm den vorschriftsmäßigen Salut verweigerte, zusammen. Picard fragte: „Warum grüßen Sie mich nicht?", worauf I o l l y ant wartete: „Ich grüße niemals einen Inden." Ein Duell war die Folge davon, das jedoch für beide Theile unblutig verlief. London. Die Knabenbrigade wurde kürzlich in ihrem Lager von General W a r r e n inspiciert, der seiner außerordentlichen Befriedigung über die kriegerische Haltung der Knaben und ihre Exercitien und ihre Manöver Ausdruck verlieh. Auch der Oberrabiner Dr. Adler hat das Lager besucht und sich an den jüdischen kleinen Soldaten ergötzt. Er hielt ihnen dann eine kleine Anrede, in der er auseinaudersetzte, wie nützlich diese Uebnngen den Knaben sowohl in geistiger, wie in körperlicher Beziehung seien. — Im Ostend von London wächst die Genossenschaftsbeweguilg recht erheblich an. Zuerst bildeten sich Consumvereine dann versuchten die Bäcker eine Bäckerei-Genossenschaft zu bilden, die aber rasch verkrachte. Einer Schneider-Prodoctions-Gesellschaft ergieng es nicht besser und ebenso mehreren ähnlichen Unternehmungen. Nun hat ficfp wieder eine Productiv-Genossenschaft gebildet, die aber möglichst viele Gewerbe zugleich umfassen soll. Es wird dies ein neues, sehr interessantes wirtschaftliches Experiment werden, aber sein Gelingen erscheint ganz zweifelhaft. New-Iork. Die Thätigkeit der „United Hebrew Charities" zugunsten der Einwanderer hat in dem Bericht des Einwanderungsinspectors E. F. Me. Sweeney ofsicielle Anerkennung gefunden. Der Jnspector schildert die Arbeit des Vertreters der „United Hebrew Charities" in dem Hafen, die große Mühe, die er mit den Einwanderern hat, wie oft er als Vermittler zwischen den Behörden und den fremden Juden fungieren muss und schließt seinen Bericht nnt den Worten: Ich halte die Thätigkeit der „United Hebrew Charities" für überaus wertvoll und nützlich, sowohl für die Regierung, wie für die Einwanderer. Philadelphia. Die clericale Presse in Amerika, sowie einige Blätter der „gelben", d.h. der radical chauvinistischen Presse, fangen in der letzten Zeit an, die Lügen der antisemitischen Presse in Frankreich jetzt auch in den Bereinigten. Staaten zu verbreiten. Die jüdischen Zeitungen geißeln mit Recht die Methode der „Philadelphia Press“ und „Ncw- York Journal“, die ihre Informationen über französische Verhältnisse direct von Drumont und Rochefort beziehen. Indessen viel bedauerlicher ist es, dass ein Mann von der Bedentnng und dem Einflüsse des Erzbischofs Jrelaud so weit gehen kann, zu behaupten, dass jüdisches Geld das Urtheil des Cassations- Hofes im Falle Drehfus beeinflusst hat. Es ist dies übrigens nur ein Symptont der Stimmung, in der sich sogar in Amerika der Clericalismus befindet, ttnd man könnte noch viele hinznfügcn, denn alle katholischen Wochenblätter in diesem Lande nehmen jetzt Partei gegen Dreyfus. Philadelphia. In den amerikanischen Häfen ist jetzt eine Classification der Auswanderer nach ihren Heimatländern eingeführt. Nur bezüglich der Inden wird eine Ausnahme gemacht und dieselben werden, gleichviel, ob sie ans Russland oder Oesterreich stammen, immer als „Hebrews" classificiert. Da aber die hiesigen Juden sehr gegen eine solche Ausnahme sind, so haben sie Schritte bei den Bnndesbehörden gethan, um eine neue Classificationsmethode zu erreichen, und der Einwandernngsiilspectoc Paderly hat auch eine solche Reform zngesagt. Cleveland (Ohio). Hier besteht ein jüdisches Waisenhaus, das gegenwärtig 500 Insassen, 280 Knaben und 220 Mädchen, zählt, im Alter von 5—16 Jahren. Die ausgezeichnete Anstalt steht unter der Leitung von Dr. W o l f e n st e i n, der für einen besonders tüchtigen Pädagogen gilt. In der Jahresconferenz der sämmtlichen Wohlthätigkeitsanstalten des Staates Ohio ertheilte der General Brinkerhoff, der Vorsitzende der Staatscommission für Wohlthätigkeitsanstalten unserem Waisenhaus folgendes Zeugnis: „Ich habe Hunderte von Waisenhäusern besucht, aber niemals eines gesehen, in dem so allgemeine Liebe und Zuneigung für den Director herrscht, wie hier. Es ist eine Anstalt, die des Besuches wert ist." Algier. Wieder einige Fälle, die die Rohheit der hiesigen Antisemiten im schönsten Lichte zeigen. Ein Jude wird auf offener Straße von einer antisemitischen Bande angefallen und blutig geschlagen. Mit Mühe entkommt er in eine Kaserne und wird von dort von einem Soldaten in die nächste Apotheke gebracht, um sich dort die Wunden verbinden zu lassen. Der Apotheker aber, ein Spanier, de Lara, weigerte sich, Hilfe zu leisten, weil es sich nm einen Juden handelte. Ein anderer Fall. Ein alter Mann, Israelit, hat das Unglück, am Dache eines Pferdebahnwagens zu fallen und sich schwer zu verletzen. Mitleidige tragen ihn nach einem Krankenhaus, als sie auf der Straße von einem Haufen Weiber überfallen werden. Die Weiber stoßen die bittersten Schmähungen gegen die „Judensöldinge" aus, die dem Verunglückten Hilfe leisten und bemühen sich, denselben den Bewusstlosen zu entreißen, „um ihn ganz todtzuschlagen." Erst das Auftreten der Polizei hat dieser hässlichen Scene ein Endegemacht! Jaffa. Die hiesigen jüdischen Handwerker sind mit ihrer Lage nicht zufrieden und sie haben auch allen Grund dazu. Aus Mangel an Capital können sie nicht auf Vorrath arbeiten und wenn sie Bestellungen erhalten, müssen sie, um das Rohmaterial kaufen zu können, den Wucherern in die Hände fallen und 40, 50 Percent, selbst 100 Percent Zinsen zahlen. Hier thäte ein Creditinstitut Roth, das Geld zu billigen Zinsen leihen könnte. Die Handwerker haben mehrere Versammlungen abgehalten, um sich genossenschaftlich zu organisieren, allein es ist sehr fraglich, ob diese Versuche ohne Hilfe von außen gelingen können. Johannesburg. Eine Abtheilung unserer jüdischen Knabciibrigade hat kürzlich einen Ausflug nach Pretoria gemacht und sollte bei dieser Gelegenheit auch dem Präsidenten Krüger vorgestettt werden. Aber es ergab sich dabei eine kleine Schwierigkeit. Krüger fragte, welche Fahne diese jüdischen Knaben führten und als er hörte „die jüdische", erklärte er, sie nicht empfangen zu können. Es wurde indessen schnell eine Fahne in Transvaalfarben beschafft und nun konnte die Parade vonstatten gehen. Präsident Krüger war sehr leutselig, hielt den Knaben eine kleine Ansprache, in der er sie ermahne, gute Bürger zu werden und beschenkte schließlich die jüdische Knabenbrigade mit einer Transvaalfahne. Die Nalioml-Oekonlnnie des Judenthums. Von Dr. E. H. IV. Volenti non fit iniuria: Dieser Rechtsgrundsatz gilt auch bei Moses. Wenn einer bis zum siebenten Jahre als Knecht gedient hat und nun nicht frei werden will, so soll er dazu nicht gezwungen werden. Aber principiell soll ein Jude nicht ewig Knecht bleiben, und darum soll derjenige, welcher, obwohl das Gesetz ihm die Freiheit schenkt, freiwillig auf dieselbe verzichtet, zum abschreckenden Beispiele gebrandmarkt werden. Moses kannte die Volksseele. Zwar die Leute, die kaum, dass sie die Freiheit errungen hatten, bei der ersten Gelegenheit sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens zurücksehnten hatte er ausgegeben, ein neues Geschlecht sollte behufs Verwirklichung seiner Pläne heranwachsen. Dennoch wusste er, dass es stets schwache Menschen gibt, die eine sorgenlose Existenz der mit Opfern verbundenen Freiheit vorziehen, die, wenn es ihnen im Dienste des Leibherrn leidlich gut ergieng, lieber in seinen Diensten verbleiben, als von Neuem den mühevollen Kampf ums Dasein zur Behauptung der selbstständigen Existenz aufnehmen würden. Und deshalb befiehlt Moses dem Dienstherrn bezüglich des ans Armut zum Knecht Gewordenen: „Wird er aber zu Dir sprechen: Ich will nicht ausziehen von Dir, denn ich habe Dich und Dein Haus lieb — weil ihm wohl i st bei Dir — so nimm einen Pfriemen und bohre ihn durch sein Ohr an die Thüre und lass ihn ewiglich Deinen Knecht sein." (5. Buch, 15. Cap., 16—17). Um dem Manne die Bedentnng seines Entschlnffes recht drastisch vor Augen zu führen, soll ihm diese Demüthignng widerfahren; lässt er sie ruhig über sich ergehen, dann ist er zur Knechtschaft reif. Bon noch größerer Wichtigkeit als das Schemittajahr war speciell mit Rücksicht ans den mosaischen Agricnlturstaat die Institution des Jubeljahres. ..Und Du sollst zählen solcher Feierjahre sieben, so dass sieben Jahre siebenmal gezählt werden und die Zeit der sieben Feierjahre mache neunnndvierzig Jahre. Da sollst Du die Posaune blasen lassen durch Euer ganzes Land am zehnten Tage des siebenten Monates, gerade am Bersöhnnngstage. Und Ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt es ein Erlassjahr heißen allen, die darinnen wohnen; denn es ist Euer Jubeljahr: Da soll ein jeglicher bei Euch wi e d er zu seiner Habe u ub z u seinem Geschlechte kommen." (3. Buch, 25. Cap., 8—10). Welches ist nun die hervorragendste Function dieses für den Nationalökononien wie für den Juristen gleich interessanten Instituts? Durch die Einsetzung des Jubeljahres wird der Zwiespalt ausgeglichen, der sonst unfehlbar hätte cintreten müssen, da einerseits das absolute Verbot des Verkaufes und der immerwährenden Belastung von Grund und Boden bestand, andererseits aber immer und überall der Bauer gelegentlich in die Nothlage versetzt wird, seinen Acker als Grundlege für die Creditbeschaffung zu benützen. Die Entstehung von Großgrundbesitz wäre zwar, entsprechend der Tendenz Moses' hintangchalten worden, aber es wäre ohne die Schaffung eines creditfördernden Institutes mit der Zeit eine Krise hervorgerufen worden, deren unabsehbare Conseqnenzen das Gedeihen des ganzen Werkes in Frage gestellt hätte. So bestimmte denn Moses, dass der verschuldete Grundbesitzer sein Grundstück zwar dem Gläubiger überlassen könne — aber nur zur Nutzung und nur bis zum Eintritte des Jubeljahres. Eine bis ins Detail eingehende, dabei aber doch ungemein klare und leicht verständliche Darstellung, durch welche die Art und Weise bestimmt wird, auf welche die Nutzung des Feldes seitens des Gläubigers in der Zwischenzeit auf die Sch'.llden gutgeschrieben werden soll, überholt sämmtliche Grundwert- und Grundrententheorien, wie sie von neuerett Nationalökonomen aufgestellt worden sind. Sie alle könnten zu Moses in die Schule gehen. Aber.man beschäftigt sich lieber mit — Nodbertus. Unter allen Umständen muss also im fünfzigsten Jahre das veräußerte Gut an seinen früheren Eigenthümer zurückfallen. Diese Bestimmung darf aber keineswegs sv aufgefasst werden, als ob das Grundstück jedenfalls bis zum fünfzigsten Jahre in den Händen des Gläubigers verbleiben solle. Vielmehr sollte es, wenn die Schuld bereits früher entweder durch die Nutzung des Feldes seitens des Gläubigers oder aber durch den Erlag der Schuldsumme seitens eines Dritten beglichen wurde, auch vor Ablauf der Jubelperiode wieder in den Besitz des Eigcnthümers gelangen. Dieser letztere Fall dürfte auch der weitaus häufigere gewesen sein und das fünfzigste Jahr nur die äußerste zeitliche Grenze für den Heimfall des Grundstückes gebildet haben, jenes Jttbeljahr, welches eingesetzt war zu dem Zwecke, datnit „jeglicher wieder zu seiner Habe komme." Literatur. Der Jude in der Weratnr. Shylock. (Fortsetzung.) Wenn man behauptet, dass der Shakespeare'sche Shylock — gewiss eine sehr traurige Gestalt — der vollendetste und verabscheunngswürdigste (manche würden sogar hinzufügen der treueste) Typus des gemeinen, räuberischen, ekelhaften Inden sei, so glaube ich, behauptet man zu rsiel. Es würde uns wohl übel anstehen, das Gegentheil aufrecht zu erhalten und ihn als schönen Charakter darstellen zu wollen; allein wir werden un§ bemühen, zu zeigen, dass Shylock nicht bloß ein Ungeheuer mit menschlichem Angesichte ist. Wentt er die Stimme des Gefühles in sich crstickt, wenn er detn Mitleid unzugänglich ist, so ist er es bloß darum, weil seine edlen Regungen durch moralische und materielle Leiden völlig unterdrückt wurden, weil dieJntoleranz und der religiöse Fanatismus seiner venetianischen Mitbürger seinen Charakter vergiftet, seine Seele erniedrigt haben. Wie konnte fern Ideal der Menschlichkeit in diesen immerwährenden Kätnpfett unberührt bleibett? Wie konnte dieser Mann, der den Becher der Leiden bis ans die Neige leerte, der von vornherein auf einem ganz gewöhnlichen intellectuellen und moralischen Niveau stand, der weder von eittem inttigen Glauben noch von einer hohen philosophischen Auflassung durchdrungen war, tvie konnte er ein Muster von Tugend und Opfermuth sein? Und trotzdem — er wird uns durch gewisse Züge sogar sympathisch, ja selbst auf die Gefahr hin, paradox zu erscheinen, behaupten wir, dass er eine edle tutb stolze Seele sich bewahrt hat So wollen wir denn seinen Proeess näher betrachten. Diese Fragen sind jetzt ohnehin sehr an der Tagesordnung, selbst auf literarischem Gebiete, und wir hoffen, manchen für seine Sache zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.