Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 28 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2432763-2432764-2432792--0260-2433786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches VoJksblatt 25. August 1899 Nr. 28 Wenn aber die Gemeinden hören nnd lesen von dem wüsten Kampfe — dann mögen sie sich wohl denken, Ihr seid mir saubere Seelenhirten. Dass das Rabbinerseminar in Wien nicht prosperiert, da es so schwach frequentiert ist, das ist nicht Schuld der Dispensrabbinen, sondern der Umstand, dass unsere z. B. böhmischen Cultusgemeinden ihrer Rabbinen nnd Cantoren zwar nicht aus Böhmen, aber ans Polen Ungarn, Russland, Rumänien verschreiben. Leider gilt hier das Wort nemo profeta in patria sua! Zwar macht die österreichische Staatsangehörigkeit und das böhmische Idiom manche Schwierigkeit, aber darüber weiß man sich hinwegzuhelfen. Wie soll denn dann ein böhmischer Jüngling ins Seminar gehen, dort 6—9 Jahre studieren — um dann eine Stelle annehmen zu müssen, wo er, der akademisch gebildete, absolvierte Seminarist — für 600 st. pro anno Rabbiner, Religionslehrer, Cantor und Schächter sein muss. (Ich weiß Beispiele!) Alle besser dotierten Stellen sind mit Ausländern besetzt, Prag, Pilsen, Neichenberg, Rakonitz, Jungbnnzlan, Carlsbad, Teplitz, Eger, Marienbad u. v. A. Das Gesetz vom Jahre 1890 schreibt für jede Cultusgemeinde als conditio sine qua non einen Rabbiner vor —■ woher erstens sie überhaupt hernehmen — die Seminaristen — und woher für sie ein Gehalt von 1000—1200 fl. beschaffen, wenn das gesammte Budget ~j9 unserer CultnSgemeinden nicht diese Höhe erreicht. Bis die akademisch gebildeten Herren Rabbinen sich herbeilassen werden, für 500—600 fl. Rabbiner, Cantor, Religionslehrer und Schächter zu sein und die bisherigen Dipensrabbiner ausgestorben sind — ein Nachwuchs existiert nicht — dann werden wir sehen, welchen Aufschwung das Rabbinerseminor in Wien nehmen wird. Ich glaube, dass es bei vielen Doctoren mehr der pecuniäre Ausfall ihrer Einnahmen, als das Judenthum ist, dessen sie sich erwehren wollen. Jetzt haben sie nicht mehr alle Trauungen, wie dies vor 1890 der Fall war, wo oft in 1 bis 2 Kreisen kein Rabbiner war und diese wenigen das gesammte Einkommen unter sich theilten. Wenn aber heute so ein Dispensrabbiner trotzdem in Prag eine Trauung hat, — wie wird er bezahlt und wieviel bleibt ihm für die Function, wenn er seine Spesen-Delegation und Reise in Abrechnung bringt? Bei uns in Böhmen herrscht die Sitte, dass man mit n/i2 aller Trauungen nach Prag ins Hotel geht. Das ist Mode, nobel und bequem. Größtentheils hat einer der Prager Herren Rabbinen die Trauung. , Und, die armen Mädchen für Alles haben mit ihren 500—600 fl. das Nachsehen, wie die Herren Doctoren mit 1—2 oder ° mehr mille dotierten, auch dieses Einkommen absorbieren. Also nicht die Dispensrabbiner, geehrter Herr Dr. Landau sind.- schuldig an der abnehmenden Frequenz der israelitischtheologischen Lehranstalt in. Wien — das Uebel sitzt ganz anderswo! . Ein Rabbiner aus Böhmen. Literatur. Wjestnik Ssiona (russisch). Zionistisches S a m mel - buch, Illter Band, herausgegeben von Dr. M. Schlaposchnikoff, Charkow 1898. — Die Judenfrage, die seit einem halben Jahrhundert, in der hebräischen und russisch-jüdischen Literatur behandelt wird, (doch fragt mich nicht: wie?) ist jetzt in Russland in eine Für¬ oder Gegen-Zionismus-Frage umgewandelt worden. Russland ist das Land, wo sich der größere Theil des jüdischen Stammes befindet, und die Judenfrage ist dort ein eheliches, loyales Kind des großen, cynischen Elendes und der verblüffenden, culturellen Verkommenheit. Ein begabter jüdischer Schriftsteller sagte einmal von dem jüdischen Stamme: er wäre ein umgekehrter Peter Schlemiel, der Schatten einer Nation, und das trifft den Nagel auf den Kopf. In der guten alten Zeit sprach man von der Liebe, die Wunder schafft. Wir von heute wissen, dass auch das große Elend, der große — bei uns Juden: tausendjährige — Schmerz, Wunder berichtet. Die russische Judenheit ist mehr durch das gemeinsame Leiden eine besondere Nation, als durch gemeinsame neugeschaffene, nationale und für sie eigenthümliche Werte. Wahrlich, sie hat noch ihre wahre Tradition, und strenge Dogmatik bewahrt, aber diese Tradition ist alten leeren Schläuchen gleich, die keinen neuen Wein als Inhalt bekamen. In der neuen zionistischen Literatur in der russischen Sprache gehört auch das zionistische Sammelbuch — eigentlich Sammelbroschüre — das irns vorliegt. Es ist schon der dritte Jahrgang. Von einem solchen Sammelbuche — um mir den Weg leichter zu machen, notiere sich der Leser: von einer solchen Sammelbroschüre — das von der russisch-jüdischen Intelligenz herausgegebeu wird, denn fast jeder Beitrag ist mit dem unglücklichen „Doctor" unterzeichnet, wäre ein neues, wenigstens ein altes, aber kluges Wort zu erwarten. Doch vergebens. Wenn wir nicht im „Golus" wären, dies Buch könnte uns dorthin verjagen. Gott, ist da eine Oede und Leere! Weil wir den Thatsachen ganz ehrlich ins Auge schauen wollen, wählen wir dieses Büchlein zur Besprechung. Ohne Zweifel sind die Mitarbeiter dieses Werkleins bedeutende Gesinnungsgenoss en. . . Interessant ist der am Anfang des Büchleins abgedruckte Brief an den Redacteur unter dem Titel „Schon Zeit". Herr Dr. Gordon, der Schreiber des Briefes, sagt, als er eine Annonce las, dass der zweite Band des Sammelbuches erscheinen werde, freute er sich ungemein. Er dachte „Etwas" in dem Buche zu finden, das der Sache des Zionismus wert wäre. Aber-als er das Buch bekam, war er tief enttäuscht und gekränkt. Es sind keine aufrichtigen ernstmeinenden Zionisten in Russland da — meint Dr. Gordon — wenn so ein todtes Buch das Licht der Welt zu erblicken vermag. Wo sind die literarischen Kräfte der Partei? fragt er ganz richtig. Er betrachte dieses Sammelbuch als Vorläufer eines zionistischen Organes in der russischen Sprache. Aber wenn das Sammelbuch bloß einmal im Jahre erscheint, und so armselig ist!.. „Schon Zeit", „schon Zeit!" schreit Herr Dr. Gordon. Er will ein zionistisches Blatt in russischer Sprache haben. Aber wo, fragt er wieder, sind die Mitarbeiter, die literarischen Kämpen? Nach einem darauf folgenden Gedichte, ist der in der „Zeit" erschienene Aufsatz Bahr's anlässlich des Dramas „Das neue Ghetto" von Herzl abgcdruckt. Der Redacteur macht die Randbemerkung: „Hermann Bahr - Dramatiker und Repräsentant der neuesten literarischen Strömungen in Deutschland, Mitredacteur der „Zeit". Bahr selbst wird wahrscheinlich herzlich darüber gelacht haben. Uns aber ist cs ekelhaft, wenn man einen Bahr zum „Repräsentanten der neuesten literarischen Strömtmg in Deutschland" macht, damit seine Meinung über den Zionismus mehr Gewicht gewinnen soll. Die guten Leute scheinen gar nicht zu ahnen, dass wir auch auf Herzl's zu Diensten des Zionismus gestellte Kunst verzichten können. — Es sind noch einige übersetzte Sächelchen verhanden, eine Skizze von Perez und ein Aufsatz von N. Sokolow über Max Nordau auf dem Zionistencongress. Es ist einer der unehrlichsten Aufsätze Sokolows, die ich kenne. Es genügt zu eitleren, dass „Nordau einer der hervorragendsten Philosophen desXIX. Jahrhunderts ist". Nordau wird in diesem Aufsatze als ein moderner Buddha gefeiert. . .. Wenn ich mich richtig und echt hebräisch ausdrücken soll, ist der Aufsatz ein „Chilul Haschen!" ersten Ranges. — Bleiben wir zuletzt beim letzten und längeren Aussatze des Herrn Dr. Gordon „lieber den Zionismus" stehen. Er will in diesem Aufsatze, der den Anfang eines gedachten, langen Cyklus bildet, über die dem Zionismus feindlichen Strömungen in der russisch-jüdischen Presse sprechen. Die russisch-jüdische Presse besteht aber aus einer Wochenschrift: der „Woschod". Der Autor aber schrieb eine jüdische Geschichtsphilosophie. Er will uns zeigen — geschichtsphilosophisch — warum sich der jüdische Stamm erhalten habe,' während viele Völker von der Tafelrunde der Weltgeschichte verschwunden sind. Und nun beginnt jene alte seichte Romantik, die einfach lächerlich ist; eine Alchymie der Geschichte, die man mit ruhigem Gewissen Unsinn nennen kann. Der Autor verräth eine absolute Verständnislosigkeit der antiken Welt und selbstverständlich des historischen Judenthums. Ein großer Dichter unser Jahrhunderts, der Norwege Henrik Ibsen, schreibt in einem Briefe vom 17. Februar 1871, an Georg Brandes: „Der Kellner ist der beste Soldat. Und auf der anderen Seite das Judenvolk, der Adel des Menschengeschlechtes. Wie bewahrte es seine Eigenart, seine Poesie, trotz aller Roheit von Außen? Dadurch, dass es keinen Staat durchzuschleppen hatte. Wäre es in Palästina geblieben, so würde es längst in seiner Construction untergegangen sein, ebenso wie alle anderenVölker. Der Staat tödtet das Individuum". Nachdem man den Aufsatz vom Herrn Dr. Gordon gelesen hat, kann man noch immer die Geschichte und nicht ohne Notwendigkeit studieren, J. M. _ 2 _ „Das Weinen nützt jetzt nichts", sagte Selig in seiner nervösen Art„ „dazu habt Ihr noch Zeit genug, vorläusig bleibt Ihr bei mir, wir werden sehen, was zu machen ist." Dann befahl er, dass der Thee aufgetragen werde, und über den dampfenden Gläsern unterhielten sie sich über all die verschiedenen Vorkommnisse, die sich seit seinem letzten Besuche in der Heimat vor vier Jahren zugetragen hatten. 2. C a p i t e l. Zwei Tage später konnte man Selig sehen, wie er in Pelzmütze und Ueberrock durch die Straßen schleuderte, welche in dem vom East-River begrenzten Theile der großen amerikanischen Metropole lagen, dem New - Aorker Ghetto, und neugierig die verschiedenen Läden musterte. Er fand von allen möglichen und genug von allen. Kleidergeschäfte und Metzger, Bäcker und Schnittwarenhändler kamen in schneller Folge hintereinander; Schuhgeschäfte und Lebensmittel!)andlungen, Wirtschaften und Milchgeschäfte waren in solcher Zahl, dass man sich wundern musste, wie sie nur bestehen konnten und woher die Kunden kamen. Nachdem er vergebens über ein Project, das er mit sich herumtrug, nachgedacht, lenkte er seine Schritte einem Bücherladen zu, dessen Inhaber ihn, freundlich grüßend, herangewinkt hatte. „Was thun Sie hier?" fragte Salomon Graff, der Buchhändler. „Ich suche einen Laden". Salomon lachte über diese Antwort so laut, dass seine Frau, die sich iw Hinterzimmer befand, herauskam, um zu sehen, was los sei. „Selig sagt, dass er einen Laden sucht," erklärte er seiner Frau. Er fand die Idee so komisch, dass er sich vor Lachen schüttelte. „Ich hoffe, doch keinen Bücherladen," äußerte sie ein wenig argwöhnisch. „Nein, nein, ich will den Laden nicht für mich, sondern für einen anderen. „Für einen Freund?" inquirierte Frau Graff. „Ja", war Seligs Antwort. „Kenne ich die Leute?" fragte sie weiter. „Ja". „Wer ist es?" und ihr Gesicht zeigte, wie begierig sie Aufklärung verlangte. „Ja, das ist eine ganze Geschichte," antwortete Selig, und wenn Ihr sie hören wollt, so will ich sie erzählen". Selbstverständlich wollte Mrs. Graff, und lud Selig freundlichst ein, in ihr kleines Hinterzimmer zu kommen, sie wolle ihrem Gatten, dem sie indessen die Sorge um den Laden überließ, die Einzelheiten des Falles schon später erzählen. Selig folgte seiner Jnquirantin und entledigte sich seines Ueberrockes, um es sich bequemer zu machen. „Ich weiß, Ihr trinkt gern eine Tasse Thee" sagte Mrs. Graff, geschäftig hin und her laufend; ihre Neugierde hatte einen so hohen Grad erreicht, dass in kaum einer Minute der Kessel vor Selig dampfte und sie sich auf ihrem Platz zurecht setzte, um von den zu erwartenden Neuigkeiten nur ja kein Wort zu verlieren. „Ihr kennt Friedmann," begann Selig. „Friedmann", sagte Mrs. Graff verächtlich, „ein Kelew, ein Taugenichts! Ich hörte, er sei nach dem Westen gegangen". „Ja, derselbe — sein armes Weib kam mit den beiden Kindern vor ein paar Tagen nach Amerika und nun — muss etwas für sie geschehen". „Wann, wo?" fragte Mrs. Graff. „Die arme Frau wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte, aber da sie meine Adresse besaß, kam sie zu mir und ist noch dort. Sie wissen, aller Segen kommt einem frommen Juden ins Haus," fügte er hinzu. „Zwei Kinder, sagtet Ihr?" „Zwei kleine Mädchen". „Eine Schande — zum Erbarmen," sagte sie, ihre Hände nach allen Seiten bewegend. „Und es ist eine sehr anständige Frau", fuhr Selig fort. „Wenn ich den Menschen zu fassen bekäme, der Frau und Kinder sitzen lässt," rief Mrs. Graff zornig aus, ich würde ihn in Stücke zerreißen!" „Und das wäre noch viel zu wenig," ergänzte Selig. „Aber was soll nun mit der armen Frau geschehen," nahm Mrs. Grass nach einer Weile das Wort. „Gerade deshalb komme ich zu Euch," war Seligs Antwort, „ich dachte daran, ihr einen kleinen Laden aufzumachen, sehe aber hier herum so viele Geschäfte, dass es mir kaum denkbar erscheint, sie könne hier etwas verdienen". „Könnte sie nicht hausieren gehen?" „O, nein, dafür ist sie nicht geschaffen, sie ist's besser gewohnt von Haus aus —" Mrs. Graff dachte eine Weile nach. „Ja," sagte sie, „und sie verdienen kaum die Spesen und noch dazu eine „Grüne" mit zwei Kindern — ich bezweifle, dass da viel Chance ist". „Aber ich sehe auch keinen Laden, der zu mieten wäre," sagte Selig, nachdem er eine kürze Weile nachdenklich im Zimmer auf und ab gegangen. „Nein — doch, es ist einer da, Keminskys ziehen heute aus". „Ihr meint, der Eckladen drüben?"