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Jüdisches Volksblatt · 1899-08-11 · 26 (11.8.1899) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
26 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblat.t 11. August 1899 Nr. 26 dadurch, dass viele jüdische Elter» ihre Kinder in die Landesgewerbeschnle in Agram geben. Auch Stipendien für jüdische Zöglinge dieser Anstalt existieren. Was die gelehrten Berufe betrifft, so gibt es vor allem circa 00 Aerzte und auch einige jüdische Apotheker. Tie Zahl der jüdischen Advocaten beträgt im ganzen Lande 45, davon in Agram allein 12. Bei dieser gewiss großen Zahl unserer Glaubensgenossen im ärztlichen und Advocatenstand muss es desto eher auffallen, dass es fast gar keine Juden im Staatsdienste gibt. Es lässt sich nicht sagen, dass beim Avancieren des Glaubens halber ZurücksetzmigkU stattfinden, wurde doch erst Heuer ein Jude, Dr. David Segen, zum Universitätsprofessor ernannt. Jedenfalls muss es seinen Grund haben, dass sich unsere jiidische Jugend vor dem Staatsdienste scheut, während sich bei den der ungarischen Regierung unterstehenden Eisenbahnen, trotzdem die Beamten nicht besser besoldet werden, als die bei der croatischen Regierung, Juden in größerer Anzahl vorfinden. In nahezu allen Gemeindevertretungen gibt es eine Anzahl Juden und bekleideten in einzelnen Provinzstädten Inden auch das Bürgermeisteramt. Auch in der Agramer und Esseger Handelskammer gibt es viele Juden, so unter andern der Präsident der letzteren, Julius Miskolczy. Im Gebiete der Zengger Kammer wohnen überhaupt keine Juden. In politischer Beziehung gibt es bei uns drei Parteien: die National- oder Regierungspartei mit den mit ihr verbundenen Serben, die coalierte clericale Opposition und die Rechtspartei, ebenfalls oppositionell und ungarnfeindlich. Sämmtliche drei Parteien sind ein bisschen antisemitisch und keine einzige hat den Antisemitismus aufs Programm geschrieben. Der Regierungspartei gehören fast alle Juden an, d. h. sie stimmen für den osficiellen Candidaten und sonst kümmern sie sich nicht viel darum. Die Juden, bei der großen Zahl ihrer Intelligenz, ihrer großen Steuerkraft, bilden bei der Wahl einen wichtigen Factor. Da die unabhängige Bevölkerung größtentheils 'oppositionell ist und die Beamten für die Regierung stimmen müssen, so verhelfen die Inden in den wichtigsten Wahlbezirken des Landes der Regierung zur Majorität. Dasselbe gilt von den städtischen Gemeindewahlen. Wie verhält sich die Regierung gegenüber dieser großen Hilfe seitens der Inden? In der Partei selbst repräsentieren die Serben den Antisemitismus ganz offen. In serbischen Gegenden können sich keine Juden aniiedeln, sie boykottieren sie einfach. Die serbischen Blätter strotzen von Beleidigungen wider die Juden, welche es trotzdem nicht scheuen, mit den Serben in einer Partei zu sitzen. Die Regierung selbst ist auch nicht immer von besonderem Wohlwollen wider die Juden beseelt. Die Juden sind in Croatien noch immer nicht gleich denen Ungarns gesetzlich receptiert, sondern nur staatlich geduldet. Dass es so wenig jüdffche Beamte gibt, habe ich schon erwähnt, Volksschullehrer an den öffentllichen Schulen können Juden überhaupt nicht werden. Auch im Landtage haben die Juden nicht, gleich den übrigen Confessionen, eine officielle Vertretung. Im Landtage (100 Mitglieder) sitzt ein einziger Jude, was bei unserer Bedeutung bei den Wahlen viel zu wenig ist, der hauptstädtische Advocat Dr. Lyndevit Schwarz. Er vertrat durch zwei Sessionen den regierungsfreundlichen serbischen Bezirk Brginmost, dessen Interessen er stets auf das Wärmste vertheidigte. Da. bei den letzten Wahlen 1807 schrieben die Vrginmoster Serben offen im Amtsblatte, sie wollen keinen Juden als Vertreter. Statt dass nun Dr. Schwarz in einem anderen Bezirke aufgetreten wäre, wo die Regierungspartei die Majorität habe oder einfach als selbständiger jüdischer Candidat, trat er im notorisch oppositionellen Kopreinitz als Regierungscandidat auf. Er fiel durch und erst als die Wahl des Oppositionellen von der Regierung annulliert wurde, wurde er nach den heftigsten Kämpfen gewählt. In den ungarischen Reichsrath wählte ihn die Regierungspartei nicht wieder. Doch die Inden lassen sich alles gefallen. Als der Antisemitismus in Oesterreich zur Zeit der Wahl Dr. Luegers zum Bürgermeister seine Triumphe feierte, meinte die coalierte Opposition, derselbe werde auch in Croatien bestehen können und auch hier Siege feiern. Der „Obsor" und die „Hrvatska Domovina" sowie andere kleinere Blätter schrieben in der heftigsten Weise wider die Juden. Der ehemalige Justizchef Devencin, schrieb ein antisemitisches Schaustück wider die Juden und bei den Wahlen wurden thatsächlich einige Antisemiten gewählt. Die Hauptschreier sind: Tuskan, Fotocnjak und David Starcevic. Ihre sinnlosen Angriffe wider die Juden wurden von Abgeordneten der Regierungspartei insbesondere Dr. Schwarz, zurückgewiesen. Auch in der eigenen Partei fanden sie unter den besonnenen Mitgliedern entschiedenen Widerspruch und die Führer der Partei, wie der frühere BürgermeisterAgrams, Dr.Amons, bezeichnetenden Antisemitismus als eine Schande für Croatien. Es ist auch schon ein Rückschlag eingetreten, die Hetzartikel haben aufgehört, denn das Volk lässt sich einfach nicht zum Hass gegen seine jüdischen Mitbürger aufreizen, mit denen es schon lange in Frieden lebt. In diesem Jahre hat es in Croatien noch keine Judenhetzen gegeben. Die Rechtspartei, deren Führer der ehemalige Jude Dr. Josef Frank ist, ist heute politisch ziemlich machtlos und feit dem Eintritt David Starcevic auch nicht von antisemitischen Anwandlungen ganz frei. Vom nationalen Leben der Juden lässt sich fast gar nichts erwähnen. Wir haben zwar jüdische Wohlthätigkeitsvereine, aber damit ist die jüdische Vereinsthätigkeit erschöpft. Im ganzen Lande ist kein Blatt, das unsere Interessen vertreten würde, keine jüdische Bibliothek, — einfach gar nichts. Zwei slavouische Rabbiner haben sich dem Zionismus angeschlossen, einer war auch in Basel beim Congress, das ist die ganze Betheiligung an den jüdisch-nationalen Strömungen seitens der slavonischen und croatischen Juden. Wir leben glücklich und zufrieden im Kreise unserer Mitbürger, fühlen uns jedoch viel zu wenig als Juden. Doch vielleicht erwachen auch wir aus dem Schlafe. Ein kleines Zeichen zeigt sich schon. Agrams Jugend hat eine jüdisch-literarische Vereinignng gegründet.*) Es ist das noch nicht viel, es ist noch gar nichts — es kann aber etwas werden. Hoffen wirk Der Capltiin Dreyfus und seine Kusse. Von R. T. Aus ,,1/ IJnivers Isra«$Jite“. l. Was unsere christlichen Mitbürger bei Dreyfus am meisten wunderte, ivar die Kraft, mit welcher er alle Leiden ertrug, die ihm anferlegt waren — die unvermuthete, in Geheimnis gehüllte Verhaftung, die Vernrtheilung, die öffentliche Degradation, die Gefangenschaft auf einer einsamen Insel unter einem brennenden Himmel, die strenge, durch Eisen verschärfte Einschließung, den Mangel au Luft und Nahrung, an Beschäftigung und an moralischein Beistand. Dies alles hat er ertragen, und er lebt noch, während einige seiner Henker bereits ins Grab gesunken sind. Da mau die einzelnen Thatsacheu gerne durch allgemeine Regeln zu erklären sucht, so sah mau auch in dieser Kraft des Widerstandes einen Effect des Atavismus. Weil er Jude ist, darum konnte Dreyfus Qualen erdulden, die uns schaudern machen. Die Juden, so glaubt man, bilden eine eigene Nasse, welche Jahrhunderte der Verfolgung biegsamergemacht haben als Schilfrohr, härter als Stahl. Die Juden sind für Leiden vorbereitet und tragen Qualen, mit Energie und Geduld in sich, wie man sie sonst nirgends findet. — Das sagen diejenigen, die es nicht zu begreifen vermögen,, dass Dreyfus lebend von der Teufelsinsel zurückkehrte. II. Wir glauben, dass man sich hüten muss, den einzelnen' Fall zu verallgemeinern. Wenn nur wenige Christen zu ertragen vermocht hätten, was Capitän Dreyfus ertrug, so mag; es wohl auch wenige Juden geben, die dessen fähig gewesen wären. Er muss mit einer ganz außergewöhnlichen Natur begabt sein, wenigstens, um die physischen Qualen überdauert zu haben. Es will mir nicht scheinen, als ob unsere Neligionsgenossen ein specielles Privilegium hätten, Leiden widerstehen zu können. Ihre Körperbeschaffenheit ist im großen und ganzen derjenigen der Christen ähnlich, welche in derselben Umgebung und unter den gleichen Bedingungen leben. Im Elsass findet man unter den Juden ebenso wie unter den Christen Männer von hoher Gestalt, während iu der Lorraine, wo die Bewohner im allgemeinen kleiner sind, auch die Juden schwächer und von mittlerer Größe sind. Das Klima arbeitet sehr rasch daran, während einiger Generationen die atavistischen Merkmale zu verwischen, wenn anders sich die Individuen unter normalen Existenzbedingungen befinden. Wenn russische Juden nach Frankreich kommen, haben sie einen sehr. *) Werde der Redaction einmal darüber berichten. — 2 — Spürhund wittert das Wild und setzt ihm in dem Maße nach, wie sie den ganzen Tag hindurch von früh morgens an, dem Groschen nachspürte und nachjagte. Von der Verbissenheit, mit welcher sie fast mit Gewalt, den Bäuerinnen bei der Mauth bald ein paar Eier, eine Käseschnitte, bald eine Butterstrieze entriss, um dieselben in dem Städtchen zu verkaufen, gieng sie in Bitten, Flehen und rührendes Weinen über. Durch bäuerliche Hand vom Wagen zurückgedrängt, kehrte sie zehn, zwanzigmal zu demselben wieder, stieg die kleine Leiter hinan, schöst sich von hinten in den Wagenkorb, hielt die Pferde auf. Ost.zerrt ihr der Bauer die Haube vom Kopfe, gibt ihr einen Schlag auf Mn Nacken, reifst ihr das Kleid in Stücke, sie aber kümmert es keineswegs. Die ausgedörrten Finger in die kleine Leiter pflanzend, läuft sie so hinter dem plötzlich mit der Peitsche angetriebenen Gaul einher, abwechselnd handelnd und lamentierend, bis sie den Alhem in der Brust verliert und auf ihren Lippen Schaum sich blicken lässt. Sie pflegte so über Schlagbaum und Brücke, neben der Post, der Apotheke, bis auf den Riugplatz hinter dem Wagen dreinzutraben, die anderen Jüdinnen wegdrängend, und mit ihnen streitend und dem sie scheltenden Bauer schmeichelnd, ringsumher mit dem unruhigen, blutüberlaufenen Auge blinzelnd. Wie viel Püffe sie da in den Rücken bekam, wie vielemale sie auf die neben dem Brunnen stehenden Spritzen hinfiel, wie viel Flecken sie von einer solchen Campagne heimbrachte, konnte sie nie recht bestimmen. Wenn es ihr nur gelungen, wenn auch nur ein Zehnerl zu verdienen, dann kehrte sie triumphierend nachhause zurück, froh, dass ihr Herumtreiber! vorüber und begann die aus diese Weise den ganzen Monat hindurch gesammelten Kupfergroschen zu zählen. Nie kam sie jedoch über einen Rubel hinaus. Um den zweiten zu erlangen, gieng sie zu ihrem Bruder. Sie blieb da dehmüthig und schweigend an der Schwelle stehen, ohne auch nur einen Schritt in die Stube zu wagen, an der verdörrten Brust ihrJüngstes tragend, und der Bruder wusste ohne Worte, was dies Erscheinen zu bedeuten habe. Er hob seinen rothen und schweren Kopf von der Arbeit empor, sah mit gläsernen, hervorstehenden Augen die Wartende an. nahm den glänzenden Stahlhut vom Finger herab, und langte nach dem schmutzigen Säckchen, das er hinter dem leinenen Kaftan auf der Brust trug, holte einen Rubel ans demselben und gab ihn der Schwester. Der Rubel war immer papieren und der einzige im Säckchen. Die gierig herumschweifenden Augen Chaja's konnten nie mehr als diesen einen Rubel erschauen. All dies spielte sich unter lautlosem Schweigenab. Chaja nahm den Rubel, küsste den fettgewordenen Aermel des brüderlichen Gewandes und schluchzte leise vor sich hin. Froim wehrte ihre Thränen und Danksagungen nicht ab, das Säckchen verbarg er doch, so rasch als möglich hinter dem Kaftan, steckte die Haken in einander, holte den Fingerhut und Chaja verschwand in der dunklen und niedrigen Hausflur, glucksend und seufzend. Und so gieng es ein Jahr um das andere, bis eines Morgens Froim, schweigsam wie immer, unter zwei Worten beinahe das Stück eines Bauplatzes vom Fassbinder Kolkiewicz kaufte und sich die Nockschöße aufstreckend, in den Wald von Trojanow begab, um Bretter und Dielen zu besichtigen. Dieselben gründlich betrachtend, gab er, was er bei sich hatte als Draufgeld und kehrte, auf dem Wege über die Zufuhr der Steine zum Fundament verhandelnd, gegen Abend heim. Am selben Tage sprach man bereits im Städtchen, dass sich Froim Porter baue. Und er baute. Man riss das hohe, von den Ziegen des Kolkiewicz nicht zu Ende gefressene Unkraut heraus, maß das Plätzchen mit einer Schnur ab und pflanzte in Winkeln an den vier Ecken Ackerscheiden auf und begann den Boden für die Fundamente aufzugraben. Unterdessen führten die Bauern Steine von Trojanow herbei, der Zimmermann gieng mit der Pfeife zwischen den Zähnen auf dem Plätzchen umher, sah nach, bezeichnete die zusammengetragenen Balken mit Kreide und ein Bauknecht löschte den dampfenden Kalk in der Kiste, lustig vor sich hinpfeifend. Der und jener blieb im Gässchen flehen, um dem Baue zuzuschauen. Der eine schüttelte den Kopf, der andere wünschte Glück, die Kinder umstanden die Grabenden, wie es ja gewöhnlich geschieht, wenn etwas auf der Welt gebaut wird. Am ersten Tage, ja in der ersten Stunde des „Unternehmens" t'ain Chaja hergerannt, athemlos, keuchend, den Brodkorb ihrem ältesten Mädchen auf die Anne werfend. Sie lief herbei, überflog mit den Augen die ganze Herrlichkeit, bis sie vor Verwunderung in Hände (laschte. Zum Bruder gieng sie dennoch nicht. Sie fürchtete sich jetzt ihm aufzudrängen, uub der Rubel war in Bälde nothwendig. Erst als der erste kam, schob sie sich dehmüthig und schweigend in das Stübchen des Schneiders und blieb, wie imuier, an der Schwelle stehen. Und Froim holte gewohnheitsmäßig das Säckchen und gab der Schwester einen Rubel. Als sie ihm ' aber den Ellenbogen küssen wollte, nahm er sie bei der Hand, schritt schweigend mit ihr das Gässchen entlang, schweigend führte er Chaja um die Hälfte des kleinen Platzes herum, und erst, als sie auf der vierten Grundscheide standen, sagte er: Höre, Chaja! Wir sind Kinder von einerlei Eltern, uub »lehr sind nicht da. Mir hat Gott Erwerb gegeben und keine Kinder, uub Dir hat Gott Kinder gegeben und keinen Erwerb. Das ist schlecht . . . Er hielt inne und runzelte sein Gesicht, wie wenn er dem Schicksal einen strengen Verweis ertheilen wollte. Chaja schluchzte leise vor sich hin.

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