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Jüdisches Volksblatt · 1899-08-11 · 26 (11.8.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
26 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 Wien. Freitag Jüdisches Volksb’att 11. August 1800 Seite 5 sammlungen abgehalten, Zeitungen uub jüdische Vereine gegründet werden, während alles dieses zur lobenswerten Nachahlttttng gereichen sollte. — herrscht in der crvatischen Jndenheit in jüdisch-nationaler Beziehung Todesrnhe, Grabesstille. Kein Laut dringt von uns ins Ausland und auch im Innern rührt sich nichts. Es ist wahr, die Verhältnisse bei uns sind anders als die bei Ihnen, aber ist unsere henlige bessere Lage ein Grund dafür, dass wir uns fremd halten von unseren nothleidenden Glaubensgenossen, kein Interesse für ihre Leiden bezeigen'? Und wären wir noch so sicher und wohlgeborgen, wir dürfen uns des Jndenthnnls nicht erst in den Tagen der Gefahr erinnern, sondern müssen festhalten an der Stammeszusammengehörigkeit und übe'zeugt sein, dass unsere Hauptstütze nur wir selbst sein können. Doch ich will versuchen, eine kleine Schilderung der Lage der Juden Croatiens zu entwerfen, nebst einem kurzen historischen Rückblick. Schon lange, bevor die Eroalen, welche im VII. Jahrhunderte nach der gew. Zeirrechnnng vom Norden körnen, von ihren heutigen Ländern Besitz nahmen, gab cs daselbst Juden und blühende jüdische Gemeinden. Unter dein Schutze des römischen Adlers kamen sie nach Zerstörung des zweiten Tempels an die Ostküste der Adria. In Salona. bei Diokletians Palast, tvar eine große Gemeinde und i och wichtiger war die zu Siscia, dem heutigen Sissek. Auch unter den nationalen Königen Croatiens lebten sie in Ruhe »nd friedlich, ja unter Zonimir, dem Glanzpunkte des selbständigen Königreiches soll es, nach den Berichten alter Schriftsteller, jüdische Minister gegeben haben. Im Mittelatter, als die Geistlichkeit allmächtig wurde, verschlimmerte sich ihre Lage und ein großer Theil wunderte ans. Der Rest musste sich taufen lassen und verschmolz mit der Zeit vollkommen in der übrigen Bevölkerung. Noch einmal, zur Zeit der großen Verfolgungen in Spanien und Portugal, kamen die Inden in größerer Anzahl, und zwar nach Ragnsa, wo sie eine größere Gemeinde bilderen. Nach kaum hundert Jahren wurden sie auch da des Landes verwiesen und nach dem unter türkischer Herrschaft stehenden Bosnien zu flüchten gezwungen, tvv sie, wie die übrigen Inden des Orients, die spanische Sprache bis heutigentags bewahrt haben. Im christlichen Croatien gab es jedoch Jahrhunderte hindurch keine Juden und traurig sah es daselbst wahrhaftig aus. Die stetigen Kämpfe mit den Türken verwüsteten das Land, ewige Fehden zwischen dem Adel, die Allmacht der Geistlichkeit, grenzenlose Unterdrückung der Bauern und Bürger waren an der Tagesordnung. Von Handel und Industrie selbstverstärkdlich keine Rede, aber was waren alle diese Nachtheile in den Augen der Gläubigen, es gab dafür keine Juden im Lande. Und später, als durch das Toleranzgejetz Josef II. den Inden der Aufenthalt überall im ganzen Reiche gestattet wurde, wussten es die crvatischen Deputierten dnrchznsetzen, dass die Inden erst viele Jahre später kamen. 18.00 finden sich die ersten Spuren von Juden wieder in Croatien und bald entstanden die ersten Gemeinden Esseg, Varasdin, Agram nahezu 'gleichzeitig. Die Juden vertrugen sich mit der Bevölkerung auf Beste, und von der Stunde ihrer Einwanderung hob sich Handel, Verkehr und Industrie durch ihr Bemühen zu großer Höhe. Schon 1848. also zwanzig Jahre nach ihrer Rückkehr nach Croatien gab es in der croatischen Armee jüdische Jünglinge, welche freitvillig fürs neue Vaterland kämpften. Bald wurde den Inden auch die Militärgrenze geöffnet und ihnen das Wohnen im ganzen Lande erlaubt. Durch Einwanderung vermehrten sie sich bald. Man zählte 1870: 11.000, 1800: 17.000 Inden im Gebiete beider Königreiche. Doch wir wollen jetzt zur heutigen Lage schreiten. Ans dem Gebiete beider Königreiche (8 Comitate) wohnen gegenwärtig 22.000 Inden, welche 27 felOftäubt^c Cnltnsgemeinden bilden. Ans Slavonien entfallen 18 Gemeinden und wohnen dortselbst in jedem Dorfe einige jüdische Familien. So gibt es dort eine große Anzahl Filialgemeinden. In Croat en gibt es in den Städten der drei oberen Comitatc Gemeinden. Ein Eomitat (Modrus) besitzt noch keine Gemeinde und in einem (Lika) mit 300.000 Einwohnern gibt es heute noch absolut keine Inden! Die meisten der hiesigen Juden resp. ihre Vorfahren sind aus Ungarn eingewandert. Die Umgangssprache ist noch heute bei denselben größtentheils die deutsche. Doch ist es trotzdem eine Lüge, gerade die Juden alsGermanisatvren zu betrachten, denn deutsch tvird auch in nichtjüdischen Kreisen gesprochen, und dann eignet sich auch die jüngere Generatwn das Croatische vollkommen an. Mit der Zeit wird das Croatische wohl in alle Kreise der jüdischen Bevölkerung dringen, ohne dass sie deshalb das Deutsche zu vergessen braucht. Schwer ist es bei uns mit der Schulsrage. Es gibt fünf jüdische Schulen, u. zw. Agram, Esseg, Lndbreg, Bnkvwar und Senilin. Nun herrscht ein vollständiger Mangel an croatisch - jüdischen Lehrkräften und zwar männlichen. Tie Agramer Gemeinde hatte seinerzeit an ihrer Schule christliche Kräfte angestellt, nur um den Unterricht croatisch gestalten zn können. Die anderen Gemeinden haben in ihren Schulen wieder ans Mangel an geeigneten Lehrkräften deutschen Unterricht eingesnhit, was Unfrieden in der übrigen Bevölkerung erregt und den Kindern unnütz beim Eintritt in die croatischen Mittelschulen Schwierigkeiten bereitet. Der Rest der Gemeinden zieht es vor, deshalb sich keine eigenen Schulen zu errichten. Die slavomschen Cultnsgemeinden haben Heuer Franz Josefs-Stipendien für jüdische Lehramtszöglinge gegründet. Der Ziveck ist jedenfalls sehr hübsch, nur ist es sehr zweifelhaft, ob sich Petenten darauf finden werden. Die Agramer Gemeinde besitzt ebenfalls einen ähnlichen Fond für heimische Rabbinatscandidaten — Petenten daraus gibt es nicht. Jedenfalls wird es noch Jahre dauern, bis wir einen Lehrernachwuchs bekommen, und es taucht mir unwillkürlich der Gedanke auf, ob nicht einige der nothleidenden Wiener jüdischen Lehrer croatisch, aber vollkommen, erlernen und hierher kommen möchten. Seitens der hiesigen Juden würden sie mit offenen Armen empfangen werden. Heuer hat die Regierung, wie es schon längst ihre Pflicht war, für die ' Agramer Mittelschulen eine jüdische Katechetenstelle ausgeschrieben. Die Bedingungen sind sehr gute: Anfangsgehalt 1400 fl., der bis 3000 fl. steigt, dreißigjähriger Dienst, dann volle Pension n. s. w. Erfordernis: Rabbinerseminar, croatische Sprache, welche übrigens im ersten Jahre nachgesehen werden möchte. Bis jetzt wurde noch keiner ernannt und es verlautet, es habe sich überhaupt noch keiner um die Stelle beworben. Tranrig, aber roahr! Unsere Rabbiner sind ebenfalls Fremde, bloß ein einziger Croate befindet sich darunter. Doch haben einige von ihnen bereit? die croatische Sprache erlernt, so Agrams hochverehrter Oberrabiner Dr. H o s e a I a c o b i, der auch eine Anzahl Schulbücher für den Religionsunterricht an Volks- und Mittelschulen geschrieben. Derselbe ist auch zugleich Begründer der croatisch-jüdischen Predigt. Die Gemeinden sind in 'jeder Beziehung vollkommen unabhängig, und stehen miteinander in gar keinem Zusanlinenhang. Jetzt wird die Gründung eines israelit. Gemeindeverbandes mit dem Sitze in Agram geplant — es wäre jedenfalls sehr segensreich, wenn dieses Project in Erfüllung gehen möchte. Unsere Gemeinden besitzen größtentheils sehr hübsche, im maurischen Seite erbaute Gotteshäuser, doch sind dieselben, ansgeliommenen au großen Festen größtentheils leer. Agram besitzt eine kleine orthodoxe Nebengemeinde, welche sich mit vielen Kosten einen Betsaal und eigenen Vorbeter hält. Dieselbe besitzt jedoch nicht immer die znin Gottesdienste nöthigcn Zehn und muss die Mitglieder der Hauptgemeinde um Theilnahme am Gottesdienste ersuchen. Traurig, dass bei unseren argetr religiösen Verhältnissen iwch Zwist herrschen muss. Ein Zeichen der Zeit ist es, dass von 200 jüdischen Geschäften Agrams am Samstag nur 2 geschlossen sind. Ferner, dass in Agrarn mit3000 Juden, wohin hunderte jüdischeFremde jährlich kommen, keine Restauration mit ritueller Kost sich befindet. Was die materielle Lage unserer Glaubensgenossen betrifft, so ist dieselbe im allgemeinen eine günstige zn nennen. Die meisten, obwohl anfangs arm, haben es durch Fleiß und Tüchtigkeit verstanden, sich eine ansehnliche Existenz zu verschaffen. Wie überall, befasst sich auch bei uns der größte Theil mit Handel, und nimmt in dieser Beziehung eine dominierende Stellung ein. Die, insbesondere in Agram aufrauchenden Versuche, durch Gründung von Productionsgenossenschaften den jüdischen Kanfleuten die Existenz zn erschweren, sind bei deren anerkannter Redlichkeit ohne jeden Erfolg verlaufen. Auch in den Banken und Sparcassen nehmen sie eine angesehene Stellung ein. Auch da versuchte vor zwei Jahren der antisemitische Abgeordnete Fuskan in Sissek die Gründung einer jndenreinen Sparcassa und Volksbank. Doch das Unternehmen blieb vollkommen vereinzelt, ein Beweis, dass die Herren beim Volke nicht das Vertrauen genießen^ wie sie es wünschen. Eine große Anzahl von Juden widmet sich, insbesondere in Slavonien, dem Ackerbane und haben es auch da schon viele zn schönen Besitzungen gebracht. Auch Handwerker gibt es eine Anzahl, und steigt deren Zahl von Jahr zu Jahr, insbesondere - i _ Sch . . . Sch ... sch . .. zischte Froim. — Du hast jetzt nicht zu weinen. Du hast mich jetzt zu hören. Chaja wischte sofort die Augen mit der Hand ab, und das Herz begann in ihrer Brust zu zittern. Das ist schlecht — fuhr Froim fort, die hohe Stirne in Falten legend. — Deine Kinder hungern, und Dein Mann hungert und Du hungerst. Chaja schluchzte schmerzlich auf. In der That hatte sie immer Hunger gelitten; sie erinnere sich nicht, jemals satt gewesen zu sein... Sch ... sch .. . zischte Frorm abermals und nachdenklich. Du sollst jetzt nicht weinen. Du sollst mich anhören! Deine Kinder nagen ein zerissenes Kleid, Dein Mann trägt es, und Du trägst es auch. Chaja schrie schluchzend auf. Ach. ach, wie lange schon hatte sie keinen ganzen Schuh auf ihren armen, vor Ermüdigung geschwollenen Füßen . . . Wie lange schon trügt Abramek kem Hemd aus dem Leibe, und Hudes musste sich den ganzen vergangenen Winter ohne Rock durchquälen. Sch ... sch . .. sch! — beruhigte sie Froim durch beständiges Züchen. und als sie ganz stille wurde, sagte er: Du hast gesehen, wie ich Dich auf der Hälfte des kleinen Platzes und der Fundamente herumgeführt, von jenen zwei Grundscheiden diesen da. Dieses halbe Haus, welches auf der Hälfte des Fundamentes und des Bauplatzes ersteht, wird Dein Haus sein und Das Deiner Kinder. Er hob den hohen, rolhen Kopf empor und dehnte leicht Lippe und Wangen. Chaja fiel, wie bewusstlos zu Boden, Füße und Knie des Bruders mit Küssen bedeckend. Die Thräneu liefen wie Schlossen über ihr mageres, dunkles Gesicht, Stöhnen und Lachen erschütterten ihr Inneres und die dürren Hände drückten wie krampfhaft das an der leeren Brust hängende Kind an sich. Sie war einer Raserei nahe. Ihr Haus! Das ihre! Ihr eigenes Haus und das ihres Mannes uiib ihrer Kinder. Sie riss sich los und lief der Sinne wie beraubt, ohne auch nur jemanden auf dem Wege zu sehen, in ihre Stube. Ihr Haus! Das ihre! Ihr eigenes und unumschränktes Haus! Froim schritt keuchend auf dem Bauplatze bis in die späte Macht hin und wieder. Schluss folgt. Jakton. Von Marya Konopnieka. Autorisierte Uebersetzung von L. G. Und Froim hatte eine Schwester, Chaja, die an einen Talmudisten verheiratet war. Dieser saß über die Bücher geneigt, sich den ganzen Tag dabei schüttelnd, ohne zu fragen, woher er denn Brot nehmen und damit sich, seine Kinder und sein Weib ernähren solle. Und er besaß einen Haufen Kinder, die sich stets vermehrten. Aber über all dies wusste Chaja Bescheid. Erfahren hatten es ihre geschwollenen und wunden Füße, ihre zitternden und abgemagerten Hände, ihre von Gier entbrannten, schwalbengleich herumschmeifenden Augen, ihr vom beständigen Geplapper heiser gewordener Hals, ihre in der Unrast nie trocknende Stirn, ihre um der Sorge willen weder bei Tag noch bei Nacht ruhenden Gedanken. All dies hatte Chaja erfahren, der Typus einer kleinstädtischen, jungen und doch schon verwelkten Jüdin, die um einen Groschen ringend, mit einer kalten Kartoffel und einer Zwiebel oder einem Bretzel lebte, arbeitete, Kittder flebar, einem Verdienste bis in die benachbarten Dörfer, selbst um Mitternacht, nachlief, mit einem Häring und einem Pfund Brot einen Tag lang die Familie zu ernähren und obendrein noch einen Säugling an der vertrockneten Brust zu stillen wusste. Trotz dieser Aufbietung von Kräften wurde Chaja von der Noth geweckt und die Noth bettete sie nachts .zur Rübe; eine chronische Noth, die sich am ersten jedes Monats vergrößerte, au welchem zwei Rubel als Zins für die elende Stube gezahlt werden sollte«. Diese zwei Rubel waren der tragische Moment in Chajas Leben. Scholl am Vorabend des Tages lief sie zerstreut, fast der Sinne halb beraubt, umher, in der Berechnung der Eier sich irrend, die sie die Woche hindurch in den Dörfern zusammentrug, außerstande Rest zu geben, hungrig, durstend, kaum bekleidet und die älteren Kinder aus dem Wege stoßend, vergaß sie dem Säugling die Brust .zu reichen, wie dem Manne, drm Talmudisten, die Brodsuppe. Kein MM

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