Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 26 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 11. August 1899 Seite 7 erkennbaren Typus, und trotzdem sie untereinander heiraten, sind ihre Enkel schon in nichts mehr von den französischen Juden zu unterscheiden. Auch die Gesundheitsverhältnisse der Inden sind denjenigen der Christen nicht merkbar überlegen. Wohl sind die durch Alkoholismus hervorgerufenen Krankheiten bei unseren Religionsgenossen viel seltener zu finden; dafür aber sind Nervenkrankheiten bedeutend häufiger als bei den Christen. Unsere Vorfahren mussten eben ihren Geist übermäßig anstrengen, um leben zu können, und da das moderne, bewegte, fieberhafte Leben nicht dazu angethan ist, unser Gehirn wieder in sein Gleichgewicht zu bringen, fühlen wir noch immer die Nachwirkungen davon. Wenn also Capitäu Dreyfus die körperlichen Leiden, welche man ihm nicht ersparte, überwand, so dankt er dies vielmehr seiner starken Constitution als feiner Abstammung. Doch ist der physische Schmerz ofmals weniger gefährlich als der seelische. Der Verlust seiner Ehre vermag einen Mann viel rascher zugrunde zu richten, als Krankheit oder Entbehrungen. Hier nun erkennen wir gerne an, dass die moralische Energie, deren der Verurthetlte von 1894 bedurfte, um die Schmach der Degradation zu ertragen, von seiner religiösen Abstammung herrührt, fiir den Juden sind nämlich „Ehre" und „Pflicht" synonym. Mochte auch der Capitän über die unverdienten Beleidigungen, mit welchen man ihn erdrückte, außer sich gewesen sein, im Grunde seiner Seele fühlte er sich nicht entehrt, lvcil er sich unschuldig wusste. Gewisse Leute wollen in seiner festen Haltung bei der Parade in der Ecole militaire Cynismns erblickt haben. Da er sich aber nichts vorzuwerfen halte, so glaubte er auch nicht, eme zerknirschte Haltung annehmen zu müssen. Er empfand weiriger! Scham als Trauer.! Bei vielen Christen deckt sich der Ehrbegriff mit dem j öffentlichen Rufe. Deshalb konnte sich das Duell bis auf unsere Tage erhalten, denn es handelt sich bei demselben nicht darum, wirtlich mmhig zu sein, sondern mnthig zu scheinen. Es ist eben kür manche Leute nicht das Wichtige, richtig zu handeln, sondern keinen Vorwurf z>r ertragen, mag er nun begründet oder unbegründet sein. Sie fühlen sich erst dann schuldig, wenn sie verurtheilt werden. Die jüdische Moral lehrt uns anders über diese Dinge urttjellen. Bei uns hängt die Tugend nicht von der Zustimmung anderer ab. Wenn wir nur das erfülle,?, was uns obliegt, dann können wir uns nie erniedrigt fühlen durch die Ungerechtigkeit des Schicksals oder die Böswilligkeit der Menschen. Diese Idee wusste Capitän Dreyfus mit der militärischen Disciplm zu vereinen. Als Soldat musste er den Willen seiner Chefs respectieren — aber er hielt es nicht für seine Pflicht, sich ihnen zuliebe schuldig zu erklären und fühlte sich deshalb durch die schändlichste und infamste Behandlung nicht erniedrigt. Und hierin zeigte Capitän Dreyfus, ohne es vielleicht selbst zu wissen, neben dem militärischen Geiste auch — den jüdischen Charakter. Eingesendet. Mfsaetion für Boryslaw. Wir erhalten folgende Zuschrift: Es gibt noch im Volke Israel viele Männer, die einen Theil ihrer irdischen Güter zur Linderung der Noth und drs unsagbaren Elendes unserer Stammesgenossen opferwillig hergeden, die den dem Antisemitismus zum Opfer Gefalleneil unter die Arme greisen und sie vor dem gänzlichen Untergange zu retten suchen, aber nicht alle dieser Männer wissen ihre materielle Hilfe so gut, so zweckmäßig, so edelmüthig anzubringen und zu verwenden, wie unsere reichen und mildthätigen Juden in Deutschland. Zur Begründung dieser Behauptung möge folgende Thatsache dienen: Jit Veuthen O.-S. wurde über Initiative des Holz- Industriellen Herrn Salo Grünfeld, eines überaus liebenswürdigen und wohlthätigen Mannes, für die hiesigen brot- und existenzlosen Bergarbeiter eine Hckfsaetion eingeleitet, ein Couritä eingesetzt, an dessen Spitze Herr Grünfeld als Obmann und die Herren Leopold Guttman (Mühlenbesitzer). Siegmund Goldstein (Holz-Industrieller) und der Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde, Herr Amtsgerichtsrath Levy, als Beiräthe fungieren. Diese Herren, die für die Juden in Galizien im allgemeinen und für jene in Boryslaw im besonderen sonst keine anderen Verpflichtungen, und mit ihnen nicht mehr Gemeinschaftliches haben, als dass sie sich zu ihren Stammesgenossen zählen, entwickeln ihre segensreiche Thätigkeit nach verschiedenen Richtungen hin und leisten thatsächlich etwas Großes und Ersprießlichss. Sie beziehen aus Boryslaw Bergarbeiter und geben ihnen an ihren Sägewerken und Waldungen dauernde und lohnende Beschäftigung. Sie schicken jede Woche bedeutende Beträge zur Vertheilung an hungernde Arbeiterfamilien — und was besonders hervorzuheben ist — zur Beförderung von Frauen und Kindern zu ihrem im Jn- und Auslande weilenden Familienhaupte und zahlreicher > Familien zu ihre« Angehörigen, wodurch das Elend in diesem durch die so plötzlich herangebrochene Katastrophe weltberühmt gewordenen Boryslaw bedeutend verringert wird. — Im Laufe dieser Woche sind circa 50 Personen auf Kosten jenes Comites befördert und einer sicheren Existenz zugeführt worden. Wollten dem Beispiele dieser edlen Männer unsere Reichen in Oesterreich folgen, so wäre unseren unglücklichen Mitbrüdern in Boryslaw bald geholfen. Aus den jüdischen Organisationen. Prag. (Die 26. o r d e n t l i ch e G e n e r a l versa m m l u n g des israelitischen Landeslehrervereines in Böhmen), Verein der Rabbinen, Cantoren und Religionslehrer findet Heuer Sonntag den 13. und Montag den 14. August 1899 in Prag, Talmud-Thora-Schule, statt, mit folgendem Programm: 1. Begrüßung der Versammlung durch den Obmann; 2. Vorlage des Geschäfts-- und Cassaberichtes. 3. Wahl des Vorstandes. 4. Vortrag des Rabbiners M. H. Kahn, Reichenau a. K., über die neue Lesemaschine. 5. Vortrag des Rabbiners A. Stein: „Aus der jüdischen Geschichte." 6. Freie Anträge. — Eine zahlreiche Betheiligung wäre sehr erwünscht. (Das Exeeutiveomite des ungarischen israelitischen Handwerks- und Ackerdan-Bereinsl hielt gestern unter dem Vorsitz des Vicepräsidenten Ludwig Adler eine Sitzung, deren Gegenstand die Aufnahme von Handwerkszöglingen bildete. Laut dem Berichte des Secretärs beträgt die Zahl der Handwerkszöglinge 292, von denen im Laufe dieses Jahres 31 ihre Lehrzeit, beenden, so dass im Rahmen des für 300 Zöglinge präliminierten Vereinsbudgets 39 Plätze zu besetzen waren. Es lagen jedoch 92 Gesuche vor, so dass das Execntivcomito sich veranlasst fühlte, mit Rücksicht auf die vorzügliche Qnalification der meisten Bewerber und in Anhoffnung dessen, dass die im Interesse des Vereines eingeleitete Action dem Institute neue" Mittelzuführen werde, die Aufnahme von 59 Zöglingen zu beschließen, so dass sich der Stand der Vereinszöglinge auf 338 erhöhte. WMheilmrgen aus drm Publicum. (Für die Boryslawer Arbeitslosen) sind uns ferner zugegangen von Bielch, als Theilertrag des zionistischen Abiturienten-Commers fl. 5.—; von einem Nichtgenanntseinwollendeu (Beraun) fl. 6.50. Mit den bereits ausgewiesenen fl. 45°96 zusammen fl. 57'46. Wir sind gerne bereit, weitere Spenden entgegenzunehmen und in jeder Nummer auszuweisen. Am 19. d. M. findet in Ki erlin g ein Schnlkränzchen statt, dessen Reinerträgnis zur Beschaffung von Winterkleidern, Beschnhung und Schulbüchern für Kinder dürftiger Eltern verwendet wird. Der Ort lvird von Jahr zu Jahr in gesteigerten! Maße zu Beginn der Sommersaison von unseren Glaubensgenossen wegen seiner angenehmen Lage als Erholungsort ausgesucht. Unter diesen jüdischen Sommerparteien befinden sich auch viele Familien, deren Kinder den Rest des obligaten Schulunterrichtes in Kierling selbst genießen, und es muss ganz besonders betont werden, dass von Seite der löblichen Schulleitung alles gethan wurde, um den Eltern diese Erleichterung zu ermöglichen, und es bat» sich auch niemals noch der Grund zur allergeringsten Klage über Znrückfitznng und mindere Behandlung der jüdischen Kinder ergeben. In voller Anerkennung dieser, in unserer Zeit ganz besonders rühmenswerten Unparteilichkeit glauben wir unsere aufrichtige Dankbarkeit für die Erziehung, welche nufere Kinder hier unentgeltlich genießen, nicht würdiger bezeugen zu können, als dass wir, die wir bei Bethätigung des Wohlthätigkeitssiunes niemals zurückstellen, für das schöne Gelingen des geplanten Festes das Möglichste beitragen icnd dies durch Erzielung eines recht hohen Neinerträgnisses und zahlreiche Betheilignng an dem Feste an den Tag legen. Mehrere Kierlinger Sommerparteien. Köln Staub mehr 115 . hei Anwendung von Binder’s echt amerikanischem Fussboden-Oel mit antiscp6scher Wnkung. Gänzlich« Vertilgung des Staubes ans allen YVoiimamnen, Comp oiis. Kaffeehäusern, R f-lauianls, Fabriken, Schulen, Bahnhöfen etc. etc. . E ufai-hste Behandlung, überraschende: Erfolg. Piospecle gratis und franco. FM- Preis per Kilo 48 kr. 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