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Jüdisches Volksblatt · 1899-08-04 · 25 (4.8.1899) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
25 (4.8.1899)
Date
1899-08-04
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. August 1899 Nr. 25 gehören, ist auch ganz minimal. In mittelalterlicher Zeit hat die Herstellung der Arzneimittel fast ausschließlich durch jüdische Hände stattgefunden und die Aerzte der meisten Fürsten waren Juden. Damals war nämlich der Arzt zugleich auch der Apotheker. Noch bei Shakespeare finden wir eine solche Persönlichkeit und speciell in »Romeo und Julie * wird der Apotheker als Jude dargestellt. Bor einiger Zeit hat nun in Wien die diesjährige Vollversammlung eines österreichischen Pharmaceutenverbandes stattgefunden, bei welcher Gelegenheit auch die inneren Verhältnisse des Apothekerstandes eingehend erörtert wurden. So kam auch die Judenfrage aufs Tapet. Mau hat ihr ein weites Feld eingeräumt und ist schließlich dahin gekommen, zu äußern, dass den Juden bei der Pharmaeie keine Zukunkt blühen könne. Diejenigen, welche also den Juden von der Erlernung des Apothekergewerbes abratheu, sind noch verhältnismäßig die »JudenfreuudeA Den äußeren Anlass bietet die Action der Apothekerbcsitzer, welche dahin geht, jetzt nach Schluss des Sommersemesters, die Eltern von Absolventen der sechsten Gymnasialclasse auf den Apothekerstand aufmerksam zu machen. So wurde an die Gymnasialdirectionen mit der Bitte um diesbezügliche Pnblicationen an die Schüler herangetreten. Sofort hat der bezeichnete Verband eine Gegenaction eingeleitet, welche mit rücksichtsloser Nacktheit die wahren Zustände in der Pharmacie enthüllt. Und in dem Bestreben, möglichst drastisch zu sein, wurde auch der jüdischen Pharmacenten gedacht. Nachdem die Judenfrage einmal entrollt war, wurde auch schonungslos auf ihr herumgeritten. Vor allem rvird den Zlpothekern gewissenlose Ausbeutung der Eltern ihrer Practikanten zum Borwurfe gemacht. „Das jüdische Geld nehmen sie gerne", heißt es dort, „aber wenn es sich darum handelt, einen jüdischen Assistenten gegen Gehalt eine Stellung zu bieten, dann ist dessen Confession ein Engagenrentshindernis." Es wurde zu weit führen, rvollte man all diese Auslassungen wörtlich wiedergeben. Doch genüge eine kurze Schilderung. Wenn ein Practikant ausgenommen wird, der für drei Jahre an Lehrmtb Kostgeld einige hundert Gulden bezahlen muss, so spielt das Moment, dass der betreffende ein Jude ist, keine Rolle. Der junge Mann, welcher sechs Gymnasialclassen absolviert hat, macht in den drei Jahren seiner Lehrzeit dem Apotheker einen Gehilfen entbehrlich und bringt außerdem noch bares Geld ins Haus. Er wird auch in den meisten Fällen dementsprechend anständig behandelt. Nur in den Großstädten, deren Gremien eine Schule besitzen, in welcher die Practikanten zur Tyrocinalprüfung herangebildet werden, lernt der jüdische angehende Apotheker eventuell die Feindseligkeit der christlichen Nächstenliebe kennen. Da sind immer ein paar Apothekersöhnlein, die in ihrem Bewusstsein von der Macht des Besitzes — die väterliche Apotheke erbt sich in der Regel auf Kinder und Kindeskiuder fort — entweder „christliche" oder „deutsche" Grundsätze predigen. Inzwischen kommt der junge Mann auf die Universität. Seit mehr als 10 Jahren besteht daselbst der Wiener Pharmaceutenverein unter dem Protectorate des Chemieprofessors Hofrath Dr. Adolf Lieben. Hofrath Lieben, der ein getaufter Jude ist, blieb auch Protector des Vereines, als er sich in einen „deutschen Pharmaceutenverein" verwandelte. Ueber das Deutschthum dieses Vereines genüge die Mittheilung, dass — abgesehen von dem Protector — der Obmann, Magister Odilo K r a k o w k a, weder durch seinen Namen, noch durch seinen Dialect die Germattisiernng Polens in Beweis bringen kann. Dass der deutsche Pharmaceutenverein alle jene Beneficicn und Stiftungen, welche dem liberalen Wiener Pharmaceutenvereine gemacht wurden, übernommen hat, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden. Hier stellt sich also dein Inden das erste Hindernis in den Weg. Er kann bei seinen engeren Fach- und Studieucollegen auf keinerlei Hilfe oder Unterstützung rechnen. Hat er aber den Magistergrad erlangt und sucht wieder eine Stelle, so wird ihm erst klar, dass seine Laufbahn eine verkehrte war. Die jüdischen Apotheker nehmen nur sehr selten auch jüdische Mitarbeiter, denn „eine Apotheke ist doch kein Schnittwarengeschäft". Der Ehrenchrist muss da sein! Kann man denn einem christlichen Apotheker einen Vorwurf daraus machen, dass er keinen jüdischen Magister engagieren will? Gewiss nicht! Ein schwerer Vorwurf muss aber erhoben werden, (und das geschieht auch in der letzten Nummer des »Pharmaceutischer Reformer"), dass die mangelnde, objective Ehrlichkeit bei jüdischen Bediensteten so oft ins Treffen geführt wird, wenn es sich um das Engagement eines Juden handelt. Bekanntlich hat jeder mit dem Publicum verkehrende Assistent auch eine gewisse Geldgebarung über sich. Man muss nur die kleinliche Manier der Apothekerbesitzer kennen, um erfassen zu können, dass es so oft zwischen Besitzer und Angestellten, die immer denselben akademischen Grad und meistens auch die gleiche militärische Charge haben, zu Conflicten kommt. Es ist dies natürlich, da der Besitzer sich selbst sagen muss: „Ich zahle wirklich nur Hungerlöhne; meine Leute müssen mich bestehlen!" Dass letzteres wohl nie vorkommt, braucht nicht erst erwähnt werden. Wie oft aber ereignet sich, dass einem Stellesuchenden ins Gesicht gesagt wird: „Ich kann Sie nicht nehmen, weil Sie ein Jude sind. Sie persönlich nrögen der anständigste Mensch von der Welt sein, aber ich nehme principiell keinen Juden, weil man mit Juden immer schlechte Erfahrungen macht." Der Mann hat vielleicht noch nie einen Juden engagiert gehabt, gewiss noch keine Erfahrungen in dieser Hinsicht machen können, aber — sein Princip! Wenn man aus diesen Schilderungen die Lage der Juden bei der Pharmacie richtig beurtheilt, so muss man entschieden in die Actton eintreten, welche sich gegen den Zuzug von jungen Leuten zur Pharmacie richtet, umsomehr, als den betreffenden jungen Leuten, welche nach Absolvierung der sechsten Gymnasialclasse in die Apothekerlehre eintreten, später keine Gelegenheit mehr gegeben ist, einen anderen Beruf zu ergreifen, denn das Studium der Pharmacie schafft nur Halbbildung.. Darum muss auch eines Inserates gedacht werden. Der Apotheker B i t t n e r in Neunkirchen annonciert eine Stelle für einen Praktikanten. »Christ Bedingung!" Herr Bittner hat damit eclatant bewiesen, dass er kein Antisemit ist, denn unter den derzeitigen Verhältnissen vermeide der Jude die Pharmacie! Kunst und Literatur. Girre jüdische Kunst. Von D. d It itl) I i i) ti. V. Wenn unsere Theorie richtig ist — und sie ist richtig, weil wir die Bedeutung der .Kunst aus dem künstlerischen Impuls, nicht aber ans dem bearbeiteten Stoff ableiten — so ist es ganz merkwürdig, dass die Inden sich für Künstler-Witwen halten, weil sie bloß männliche und keine weiblichen Künstler hatten. Verzeiht uns unseren Mangel, meine Herren Christen, wir haben nun einmal keine Talente, wir haben nur — Genies. Welches andere Mittel könnte denn die Aufeinanderfolge der Anschaltungen, das Unfassbare, Unsichtbare der Natur, des Traumes so vollkommenwiedergeben als das Wort! So wie wir zum Pinsel oder zum Meißel greifen, ziehen die Unvollkommenheit der Werkzeuge, der Widerstand der Materie den Gedanken hinab, und je ätherischer derselbe ist, desto gröber und den Gesetzen der Physik hohnsprechender ist seine äußere Gestaltung. So bleibt eill Kunstwerk leider immer hinter der Inspiration des Künstlers zurück. Es ist ihm unmöglich, seine Empfindung in ihrer Totalität wiederzugeben — denn die Visionen des Geistes überschreiten die Grenzen der Materie. Dem entgeht kein Künstler, nicht eiirmal Gott, dessen „Werk" an allen Ecken intb Enden geflickt und überkleistert ist, Er erliegt eben auch, nach der Meinung Maimonides, der Widerspenstigkeit der Materie, dem ungetreuen Weib, wie Salomo sagt. Und auch sein Werk würde sich in der Flachheit verlieren, hätte es nicht eine Rüstung von edelstem Stahl in sich selbst — sein „ Wort" der Vernunft und Gerechtigkeit. An diesem Punkte stehen alle Künstler. Wie schaffen nun die ersten, die Ko-hi-noor der Gilde? Die Fülle ihrer künstlerischen Eingebung vermindert sich schon beim Heraustreten aus sich selbst, während der Ausführung haben sie bloß Ausrufe der Ohnmacht und des Schmerzes, das vollendete Werke rweckt ihren Ekel, ihren Abscheu vor der erzeugten Missgeburt. Und die anderen?-Fragt sie nur einmal! Nehmen wir z. B. die „Jocoude". dieses „Kunstwerk aller Kunstwerke", oder Vinci, diesen sogenannten Unübertroffenen. Welche Armut der Kunst! Diese geheimnisvolle Dame hat euch gerührt? Da seid Ihr wirklich gut daran. Ich will Euch ein Mittel sagen, um Eure Nerven zu beruhigen: Legt Eure beiden Hände derart auf ihr Gesicht, dass es der Länge nach in zwei Theile ge- — 06 — Esel! — brummte sie leise. Ekelhafter Mensch — erwiederte Janek — ich erlaube es nicht, dass Du ihn heiratest. Die Nacht war finster, unzählige Sterne funkelten am Firmament, als Gedali wieder aus dem Gutshofe ins Freie schritt. Gleich hinter dem Thore bewillkommte ihn das Zirpen der Grillen. Im Gras und im Dickicht zirpten sie in einem Chor scharf durchdringend und so schnell, als müßten sie ihr Lied zu Ende singen, und noch zur Mitternacht verstummen. Am Weg unter den Weiden war es ganz schwarz; auf den weiten Feldern säuselte der Wind seine monotone Melodei. Bei der Scheune, die hinter dem Thore war, stand eine schlanke Pappel. Der Jude schritt zur Pappel, er legte das Paket ab, und rechnete flüsternd den Verdienst, des heutigen Abends. Er hatte ziemlich viel verkauft, einen halben Rubel verdient und war sehr zufrieden. Aber er fror und es hungerte ihn! Das macht nichts! Morgen wird ihn die Sonne wärmen und beim Schänker in Schumna wird er sich satt essen. Er hörte auf zu rechnen und blickte zu den Manen. Unter der Pappel hob er die Arme gen Himmel und betete das Abendgebet. Ich danke Dir, Herr der Welt, dass Du mein Volk auserwählt hast unter allen Völkern! Der Husten schüttelte ihn; unter dem löcherigen Hemd zitterte sein magerer Leib. Ich danke Dir Herr der Welt, dass Du mich so geschaffen wie es Dein Wille war. Einige Augenblicke später lag er unbeweglich, mit dem Kopf auf seinem Bündel, die Hände im nassen Gras. Vom Felde hörte man das Pfeifen Stefan's der die Erdäpfel und Erbsen bewachte. In der tiefen Finsterniß der Weidenallee schallten die Hufschläge der Pferde, mit denen Tomtiewicz nach Hause fuhr, sie entfernten sich immer mehr. Das Herrenhaus war in Schweigen gehüllt. Vom weiten vernahm man die Flöte der Hirten. Die Grillen zirpten nicht nicht mehr. Gedali schlief nicht. Er dachte noch vielleicht an den unerwarteten heutigen Verdienst, der eine süße Beere unter den Dornen seines Daseins bedeutete. Vielleicht sah seine krankhaft erhitzte Phantasie zwischen dem Sternenhimmel und der Erde die Engelmenschen, die hinauf giengen und herunter schritten, um Milde und Weisheit auf der Erde zu säen, auf der es einst keine Rot und keinen Haß keiue Klagen und keinen Jatnmernden denen es schlecht sei, geben werde! . . . Iakwn. Von Marya Konopmcka. Autorisierte U e b e r s e tz u n g vor: L. G. Nicht immer hatte er so geheißen. Groß und Klein erinnert sich im Städtchen, dass man ihn einmal Leib Rabinvwicz nannte. Diesen seinen ehemaligen Namen trug er jedoch keineswegs solch stolzen Hauptes, wie er heute seinen Spottname» trägt. Ist der Kasten mit dem Scheibenglas, den er den ganzen Tag auf seinem gekrümmten Rücken schleppt, leichter geworden? Haler von irgendwoher Kraft gewonnen? Man weiß es nicht; aber seine Gestalt scheint gleichsam ausgestreckt und gewachsen, er zieht den Gurt enger um den Chalat zusammen, schiebt sogar die Mutze immer mehr zurück, die schmale, schlanke und zarte Stirn und die geraden, schwarzen, hie und da bereits silbern schimmernden Haare entblößend. Sogar seine langen, hinter dem Chalat hervorlugenden Stiefel, scheinen heute anders auszusehen. In dem Städtchen herrscht manchmal ein Kolh, dass Gott erbarm und Leib ist rein und sauber, wie wemt er darin gar nicht waten, sondern für seine Person über auserlesene Steinchen schreiten würde. Die Leute verwundern sich einfach darüber. Ehemals sträubte sich sein dunkler, schütterer scharfgespttzter Bart kaum am Samstag so hoch empor, wie unter leisem Wortgeflüster in sich selbst erzitternd, kattm am Samstag bl'.ckten seine halbgeschlossenen, goldig glänzenden Augen so weit weg, und beharrlich vor sich hin . . . Jetzt ist er täglich ein solcher; täglich zieht er durch das Städtchen, wie wenn er ewige Feste in der Seele hätte, ob ihm auch das Brot nicht leicht wird und er es dürr und schwarz und voller Bitternis verzehrt. Und krümmt sich bisweilen seine Gestalt zusammen und senkt er den Bart, den Blick in den Koth des Städtchens ertränkend, da soll nur irgend ein halbwüchsiger Junge hinter einen: Kohlenstand oder atts einer dunklen Flur den Ruf „Jakton" waget:, gleich richtet sich Leib unter der Last seines Kastens empor und der Blick seiner »i

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