Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1899-08-04 · 25 (4.8.1899) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
25 (4.8.1899)
Date
1899-08-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2432764-2432789--0230-2433753
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 25 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. August 1899 Seite 5 migen auf Grund englischen Gesetzes nur zulässig im eigenen Hause oder in der Synagoge, aber nicht in Mietsräumen. Daher verweigerte ein Beamter kürzlich die Eintragung einer Trammg, die in einem gemieteten Saale stattgesunden hatte. Auf die erhobene Beschwerde hat der Registrar General dann aber doch die gesetzlich erforderliche Eintragung angeordnet, jedoch dabei erklärt, dass nach dem Buchstaben des Gesetzes jener Beamte eigentlich im Rechte sei. London. Am 25. Juli fand eine Vorstellung der „Kinder des Ghetto", der dramatisierten Erzählung von Zangwill statt. Der Autor hat die Dramatisierung selbst besorgt unb auch die Einstudierung geleitet. Das Stück fand allgemein viel Beifall, doch bleibt es vorläufig bei dieser einen Aufführung, da Zangwill zuerst nach Amerika geht und dort sein Stück von einer speciell hierfür gebildeten Truppe spielen lässt. Die erste Aufführung wird drüben circa am 15. September in Washington stattfinden und dann eine Tournee durch die größten Städte Amerikas folgen. Mitte October wird in Herald Square- Theater in New-York eine größere Anzahl von Vorstellungen in Scene gehen, und erst dann wird auch in Europa eine Aufführung dieses Stückes wieder stattfinden. Boston. Die Hochschule in Boston hielt am 26. Juni ihre Examina ab, deren Resultate bemerkenswert sind wegen der großen Anzahl von jüdischen Studenten, die sich dabei auszeichneten. Von 140 Diplomierten waren nicht weniger als 40 Juden, während unter den 20 Durchgefallenen nicht ein Jude war. Von den prämiierten sechs Essays haben zwei jüdische Verfasser; endlich wurden von den neun, an die besten vertheilteu Franklin-Medaillen nicht weniger als drei den Juden zugetheilt. Es gereicht dem Judenthum zur großen Ehre, dass die kaum in Amerika eingewanderten russischen Juden schon solche Erfolge erzielen. Dublin. Noch vor zwei Jahrzehnten war die Zahl der Juden in Irland eine außerordentlich geringe, aber seitdem die Einwanderung der russischen Juden nach England so zugenommen hat, sind dieselben auch nach Irland hinübergekommen und haben dort ziemlich starke Gemeinden gebildet. Dublin und Corte sind die Hauptsitze derselben in diesem Lande. Besonders in Dublin bildet sich ein richtiges Ghetto, besonders in dem Stadttheile Portobello. Die Eingeborenen, soweit sie der englischen Hochkirche angehören, sehen diese neuen Concurrenten nicht sehr gern, obwohl sie ihnen officiell nichts in den Weg legen. Dagegen haben sie eine Missionsgesellschaft gebildet, um die Juden zur Taufe zu bewegen. Angeblich sollen im vorigen Jahre 28 Juden zum Christenthum übergetreten sein, nachdem mau für ihre Bekehrung beinahe 800.000 Mark ausgegeben hatte. Wahrlich, sehr theuere Christen! New-Uork. Die Baron Hirsch- Gewerbeschule hat am 12. Juli mit einer großen Feierlichkeit die ausgelernten Zöglinge entlassen. Es sind 35, alles Russen und Rumänen, .die als Zimmerleute, Bleigießer, Maler und Maschinisten heute ihr Diplom erhalten. Mit dieser Feierlichkeit war eine Ausstellung der Schülerarbeiten verbunden, die außerordentlich anziehend war. Besonders die Leistungen der Schüler in der Malclaffe erregten großes Aufsehen, am meisten eine mit Perlmutter ausgelegte Glasmalerei mit der Inschrift »Zum Andenken an unseren Wohlthäter Baron Hirsch". New-Uork. Die jüdische Einwanderung ist in diesem Jahre recht lebhaft und viel stärker als im Vorjahre. Im April kamen circa 2000, im Mai circa 3000 und im Juni circa 4000 jüdische Immigranten, und schon im Juli vom 1.—8. wieder circa 1000. Da die Sommer- und Herbstmonate erfahrungsgemäß den stärksten Zuzug bringen, so dürfte in diesem Jahre die Einwanderung eine sehr namhafte Vermehrung erfahren. die wohl hauptsächlich auf die Steigerung der Euügranten aus Rumänien und Galizien zurückzuführen ist. Philadelphia. In der Nähe von Woodbine liegt die größte Farm, die ein jüdischer Besitzer in den Bereinigten Staaten sein eigen nennt. Mr. Rosen, der glückliche Eigenthümer derselben, hat 50 Acres Weizen, 60 Acres Roggen, 50 Acres Kartoffeln rc., und da ihm die Arbeitskräfte zu dieser Ernte fehlten, so wandte er sich an die Ackerbauschule in Woodbine und bat um Ueberlaffnug von einigen Schülern dieser Anstalt. Der Director derselben nahm die Gelegenheit gerne wahr, den Schülern tüchtige Uebung in diesen Arbeiten zu schaffen, und bewilligte daher die Bitte. Von der Entwicklung der Colonie Woodbin spricht auch die Thatsache, dass sich eine Bank dort gebildet hat, unter dem Namen „Wooclbine Loantand Investment Bank“, deren Capital fast ganz im Orte selbst gezeichnet wurde. Bloemfontain. Wie unsere ganze staatliche Organisation ganz jungen Datums ist, so ist selbstverständlich auch die Einwanderung der Juden hierher ganz jungen Datums. 1847 kam der erste Israelit Jsaac Naumann aus Hessen nach dem Gebiete des Oranje-Freistaates. Er hatte vorher schon zehn Jahre in Graaf-Reinet gewohnt, ehe er nach dem Orte übersiedelte, der ein Jahr später den Namen Bloemfontain erhielt. Sein Geschäft war das größte im Freistaate und er selbst kam zu namhaftem Ansehen bei seinen Mitbürgern, denn er wurde zweimal zum Bürgermeister gewählt und auch zum Director der Nationalbank. Im Jahre 1864 hatte sich schon ungefähr ein Dutzend Familien von Israeliten in Bloemfontain zusainmengefunden, als der Basuto-Krieg ausbrach. Einer von ihnen, Moritz Levy Seur, gieng als Freiwilliger mit und zählte zu den 300 Freiwilligen, welche unter dem Commandanten Wepener die Hauptveste der Basutos Tnaba Basigo erstürmten. Bis zum Jahre 1876 hatten Juden und Katholiken im Oranje-Freistaate unter Beschränkungen des Bürgerrechtes zu leiden, aber der Präsident John Brand hob die meisten derselben auf. Nur Lehrer und Staatsbeamte können beide, Katholiken und Juden, noch nicht werden, dagegen sind zwei Juden im Stadtrathe, ein anderer Friedensrichter rc. Im Jahre 1871 kam das erste Minjan zustande, das im Hause des oben genannten Baumany am Jom-Kippur abgehalten wurde. 1890 war die jüdische Bevölkerung von Bloemfontain bis auf 150 Seelen angewachsen und organisierte sich jetzt als Gemeinde, stellte einen Schauchet und Chassen an. Auch der Bau einer Synagoge ist begonnen worden und hofft man, sie zu diesen hohen Feiertagen zu vollenden. Präsident der Gemeinde ist jetzt Mr. Lewin. Johannesburg. (Zur confessionellen Gleichberechtigung im Transvaal.) Präsident Krüger hatte, seinem durch den Staatssecretär R e i tz den Juden gegebenen Versprechen gemäß, im Bolksraad den Antrag gestellt, die mit dem Glaubensbekenntnisse zusammenhängenden Beschränkungen der politischen Rechtsfähigkeit zu beseitigen und den Katholiken und Juden zu gestatten, in gleicher Weise wie die anderen Bekenntnisse das Wahlrecht a u s z u ü b e n, die Wahlbezirke im Bolksraad zu vertreten und Staatsbeamte werden zu können; der Bolksraad aber hat diese Anträge mit Majorität abgelehnt. Algier. Aus Algier wird schon wieder von einer Aufsehen erregenden Verhaftung gemeldet, die beweist, dass die französische Regierung fest entschlossen ist, schonungslos gegen die Antisemiten vorzugehen. Lucien C h a z e, der Generalrath von Mnstapha, war abends auf dem Jahresfeste von Elbiar in Gesellschaft von zwei Redaeteuren des „Antijuif" erschienen und dort infolge seines provoeatorischen Benehmens feftgenommen worden. Beim Betreten des Ballsaales drückte er sein Erstaunen darüber aus, dass das Orchester nicht die Marseillaise spiele und forderte in barschem Tone, dass dies sofort geschehe. Der Präsident des Festes machte ihn nun höflich darauf aufmerksam, dass die Veranstaltung einen streng privaten Charakter trage und jede Anspielung auf die Politik vermieden werde. Als Antwort auf diese Bemerkung schrie C h a z e: „Nieder mit den Juden!" und ließ derartige Drohungen laut werden, dass er von vier Gendarmen feftgenommen werden musste. — Noch vor wenigen Wochen wäre ein solcher Vorfall ohne Gefahr — für die Antisemiten möglich gewesen. Aus Marokko kommen wieder schlechte Nachrichten: In Ulad Tash ist ein jüdischer Pantoffelhändler mit seinem Sohn und Schwiegersohn beraubt und ermordet worden. Einige Paar Pantoffeln waren die ganze Beute, um deretwillen drei Personen ihr Leben lassen mussten. Die Behörden haben den Mörder ermittelt, das geraubte Eigenthum gefunden und confiseiert, aber von einer Bestrafung verlautet nichts. Der Jude in der Pharmaeie. Die Goldgrube mit dem Verdienst von 100°/g, wie die Apotheke gewöhnlich bezeichnet wird, mag von jeher ein Gegenstand des Neides sämmtlicher Geschäftsleute gewesen sein. Nichtsdestoweniger haben wir in Oesterreich nur wenige Apotheker, deren Besitzer Juden sind, die Zahl der ausübenden Pharmaceuten in dienender Stellung, welche zu den Juden halbgeschloffenen, goldig schimmernden Augen schweift in die Ferne über die Dächer der Häuser, selbst über das Dach der Synagoge ... Und doch ist dieser Name keineswegs ein ehrender. Groß und Klein weiß, dass „Jakton" einfach Thor bedeutet. Soviel, wie ein in sich gekehrter Narr und ein völlig Verrückter. Nicht selten geschieht es, dass mit dem Worte eine handvoll Sand, Koth, oder ein scharfer Stein nach ihm fliegt und ihn des Oefteren trifft. Sogar die „Chewra-Kadischa", die die Todten wäscht und begräbt, spuckt ihm vor die Füße, von den Mitgliedern des Kahals gar nicht zu reden. Sein Spitzbart erzittert nur leise und ein Lichtstreifen zuckt plötzlich über sein Gesicht, im Uebrigen zieht er, als ob es ihn gar nicht angienge, geraden Weges weiter mit dem Meerzeisigstock den Boden anstoßend. Man sagt, dass er selbst einmal der „Chewra-Kadischa" angehört und die Todten begraben. Aber der Verein hatte ihn ausgestoßen. Dasselbe thaten die „Chewra-schomri-schabas", die Freitag -abends ihre Rufer hinausschickt, damit sie an die Thüren klopfend, erinnere, dass es Zeit sei, das Sabbathlicht anzuzünden; und die „Chewra-talmud-thora", die die armen Kinder in den Cheder sendet und die „Chewra-ner-tumet", die Tag und Nacht eine Lampe in der Synagoge brennen lässt. Und dies alles hat Froim Porter durch seinen dummen Tod angerichtet. Durch seinen dummen und völlig ungerechten, ja -sogar verfluchten Tod. Froim Porter wohnte seit langem im Städtchen, er war Schneider von Beruf und legte das erworbene Geld bei Schleifmann an. Ursprünglich waren es nur einige Groschen, dann überstieg es die Zahl von 10 Gulden, bis es nach Jahren des Elends und der Arbeit die Höhe von Tausend und einigen Hundert erreichte. S ch l e i f m a n n bediente sich des Geldes, kaufte und verkaufte Ochsen, fuhr auf die großen Märkte und genoss Vertrauen rm Städtchen. Und Froim Porter war ein Witwer, dem längst seine Kinder, Söhne und Töchter, gestorben. Er blieb, allein zurück und tröstete seinen Waisenstand mit den erworbenen Groschen, wie wenn es seine Söhne und Enkel wären. Und mehr noch, denn er sah im Leben, wie Söyne und Enkel nur deshalb emporwachsen, um ihre Väter und Großväter zu verlassen um für sich selbst zu leben; und diesen blutigen Groschen trug er nur deshalb zusammen, dass er einmal Lurückkehrend sich in Süße wandeln und sein Alter stützen solle. (Schluss folgt.) G e d a l j r. Nach dem Polnischen der Elise Orzeszko. — Deutsch von Flora Landesberger. (Schluss.) In der Mitte einer Menge von Kleinigkeit kauerte Gedali am Boden, lebhaft drehte er sich nach allen Seiten, rollte grelle Perkale und Tücher auf, in den Fingern drehte er Blechfingerhüte, Stahlknöpfe, silberne Ringe. Judwiga und Janek saßen auch am Boden, wählten in den Waren und plauderten. Frau Korejba und Stefan standen hinter dem Hausierer, und besichtigten Herrenwesten und Tücher; die Knechte und Mägde steckten die Köpfe zusammen, sogar die alte Obermagd öffnete den zahnlosen Mund, guckte neugierig auf die Waren und bat um zwei Ellen Perkal auf eine Schürze. Gedali war jetzt weder Mystiker noch Poet. Für die Tücher die in Wahrheit einen Gulden kosteten, verlangte er 50 Groschen, für einen Fingerhut um 3 Groschen verlangte er 10, eine Kette Perlen taxierte er so hoch, als wäre sie Bernstein oder Korallen. Darauf erscholl Gelächter, es begann das Feilschen und Handeln. Stefan ärgerte sich und schrie, Frau Korejba sagte: „Aber Gedali, um Gotteswillen, was fällt Dir ein!" Ein anderer bat flehentlich, er möge 10 Groschen beim Ring Nachlassen. Janek rief: „Da hast Du Gedali, soviel Du verlangst, 40 Groschen für den Ball!" Sogar Tresor war aus seiner Ecke herausyekrochen, trotzdem man ihn fortwährend wegjagte, versuchte er doch rmmer wieder auf den Waren herumzusteigen. Plötzlich hörte man in all dem Gewirr die melodische Stimme Judwigas: Herr Tomkiewicz. bitte kaufen Sie dem armen Gedali etwas ab! Die Aufforderung war boshaft. Die Spatzen pfiffen's auf den Dächern, dass es keinen größeren' Geizhals in der ganzen Gegend gab, als den Verwalter aus Schumna. Äerlrebt in das Mädchen und ihre Mitgift, erhob sich der Bewerber rasch, er stieß die Bauern weg und sein langes Gesicht mit dem hinaufstehenden Schnurrbart beugte sich über den Kram. Die mit dem goldenen Ring geschmückte Hand wühlte in den Waren, er suchte und wählte. Er wollte der Angebeteten gefallen, ihrem Befehl Nachkommen, so kaufte er denn nach langem Zögern ein Paar Knöpfe um einen ganzen Gulden. Als er sich entfernte und an den Tisch zurückkehrte, stieß Judwiga den Bruder mit dem Ellenbogen an:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.