Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 25 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. August. 1809 Nr. 25 stchnng des jüdischen Volkes, sei es in der weitgehendsten Form, in Palästina, oder, was uns am nächsten liegt, hier in Mitteleuropa, ist imstande, gleichzeitig beide Fragen zu losen, wenn sie von einer Hand, einem Manne geleitet wird. Es gibt keine Judenrettnng ohne Judenthum, es gibt keine Zukunft für ein Volk ohne Anlehnung an seine geschichtliche Vergangenheit. Wir brauchen unser Volk nicht neu zu schassen. Nur neu beleben sollen wir es, neu beleben die Juden und das I u d e n t h u m. Vom Tage. Die Assimilation der Inden unter „Fackelbcleuchtung.^ Die Assimilationsfrage war schon öfters Gegenstand öffentlicher Erörterung. Z w e ck l o s war diese Erörterung stets, denn die Assimilationsfrage ist eine eminente Rassenfrage und die löst man nicht mit „Objecttvltät und Wohlwollen"; albern und ekelhaft werden diese Erörterungen, sobald sich irgendein „assimilationsfrenndlichcr Jude" damit befasst. Denn diese Speckes stellt sich immer auf eine gar hohe Warte, damit man sie „nix derkennen soll" und wird dann so abstoßend objectiv, dass man mit allem Grunde beu Wunsch hegen kann: „ . . . behütet uns vor unseren Freunden." In dem Blatte des Herrn Karl Kraus wird die Mischehe als Lösung des gordischen Knotens empfohlen. In sehr heiterer Art. Heiter einmal, weil es mit der Mischehe so ist, wie mit dem Heiratsproject, von dein der Bräutigam sagt: „Halb ist es fertig, ich will." Den Juden die Mischehe zu empfehlen, tu überflüssig; es mischt sich ja keine „anständige" christliche Familie mit ihnen. Ausnahmen zugegeben. Heiter ist auch die Art, tv i e die Mischehe propagiert wird. Zuerst muss man sich taufen lassen. Dieses Ei des Karl Kraus wird damit plausibel gemacht, dass die Taufe jenes caudiuische Joch nicht sei, für welche man sie von aliersher hält, „wenn sich freier Entschluss nicht im Interesse persönlicher Erleichterung und materieller Wohlfahrt, sondern in der Liebe zu künftigen Geschlechtern unter der Hand des Priesters beugt." Das erinnert an den Scharfrichter, der dem Delinquenten versicherte, das Köpfen thue nicht weh. —Und noch heiterer ist die Versicherung, dass Selbstzucht der Taufe vorausgehen müsse, weil „dem Taufmasser die pädagogische Gewalt über fertige Menschen mangle." Diese Einsicht ist wertvoll in einem Blatte, ans dem in jedem Capitel, in jeder Zeile, die von den Assimilationsfreunden als specifisch jüdisch bezeichnete, charakteristische Versicherung herausguckt: „nu, was sagt ez, was ich für e gescheidter Mensch bin!" Der Herausgeber des Blattes, der in jeder Nummer desselben unsichtbar zwischen den Zeilen steht, mit dem Daumen im Westenloch und der obigen Selbstbewunderung im geistvoll lächelnden Gesicht, beweist so mit diesem Zugeständnis, dass schlechtgetaufte Juden schlimmer d'ran sind, als nichtgetaufte. Er sollte sich mit solchen Gefühlssachen nicht abgeben, er, dem ein Witz höher steht, als die Bestrebungen eines großen Volkstheiles. Vielleicht ist die Assimilation später einmal Gegenstand e r n st e r Erörterungen; solche akademische Abhandlungen von gänzlich unbetheiligten Salon-Assimilanten können nicht ernst genommen werden. Die „Ostdeutsche Rundschau" bringt in ihrer heutigen Nummer folgende Notiz: Die Juden in derSocialdemokratie. Das „Jüdische Volksblatt" schreibt über das Verhältnis des Judentums zur Socialdemokratie: Fördern wir die Socialdemokratie, wo es nur angeht, aber seien wir hierbei vorsichtig, damit die breiten Massen es nicht merken, dass die Socialdemokratie nur eine Judenschutztruppe ist und damit für die Gegner kein Anlass vorhanden sei, die betreffende Partei als Judenknechte, und wie dergleichen liebenswürdige Ausdrücke auch lauten, zu bezeichnen." ihren Gatten. Wie erröthete sie vor Freude, wenn die goldbehangene Vorstehersfrau und die vor Feistigkeit glänzende „Gabbeten" (Tempelvorstehers-Gattin) einander ihr Entzücken zuflüsterten. über Jakobs innigen Gesang. Dann hatte Gitl ihre großen Montente; darin fühlte sie sich reich in ihrer Armut. Wie leicht hatte es der Allmächtige, Jakob und Gitl glücklich zu machen. W i r machen es ihm jetzt nicht mehr so leicht. Einst widerfuhr Jakob aber besonders großes Glück Der Rabbi, er war schier achtzigjährig und von vielem Fasten und Beten und Lernen ermattet, fühlte sich infolge greisenhafter Schwäche nicht mehr imstande, das vornemste Gebet des Versöhnungstages, das Nella oder Schlussgebet zu verrichten. Und die Weisen und Vorsteher traten zu rascher Rathsversammlung zusammen, wem die wichtige und heilige Mission sollte übertragen werden, noch einmal an die Pforten der Barmherzigkeit zu pochen int heißen Gebete „ehe der Tag sich wendet, ehe die Sonne untergeht und sich wendet". Und das Los fiel Jakob zu. Da nun der Schames (Tempeldiener) zu ihm hintrat und ihm zuflüsterte: „Kohol (die Gemeinde) ist Euch Nella mechabed" (thut Euch die Ehre an, beim Schlussgebete vorzubeten), da leuchtete es in dem verwitterten Antlitze auf, wie wenn die Sonne das Gewölke verscheucht. In der Weiberschul aber stand ein Mütterchen, das schluchzte und freute sich zugleich in unsagbarer Wonne. Und als nun Jaakob das uralte, schöne Gebet in überlieferter Weise bald unendlich klagend, dann wieder himmelhoch jauchzend sang und sagte, da fühlte es die ganze Versammlung, das gieng aus dem Herzen und musste Gnade finden vor dem Weltenthrone. An diesem Abende war Jakob wirklich ein Bote der Gemeinde, er fühlte diese Würde, kein König hätte sie ihm ersetzen können. Mir war die Person Jakobs besonders theuer. Er ist mein erster Lehrer gewesen und hat mich eingeführt in jene Lehren, welche, matt sage was man tvolle, und ein junges Geschlecht sträube sich dagegen noch so heftig, die Die Stelle, welche die „Ostdeutsche Rundschau" in ganz gemeiner Weise gefälscht hat, ist dem Artikel: „Socialdemokratie und Judenthum" in Nummer 19 unseres Blattes entnommen und lautet wörtlich: Nein, im Gegentheile, wir fördern d'e Socialdemokratie, wo es nur angeht, aber exponieren wir uns nicht derart für sie, dass wir in ihr aufgehen oder gar — was für beide noch schlimmer wäre — sie in uns aufgeht. Denn — täuschen lvir uns darüber nicht — die Juden werden in jeder Bewegung, der sie sich rückhaltlos anschließen, durch ihre über das durchschnittliche Mittelmaß hiuausreichenden geistigen Fähigkeiten eine hervorragende Rolle spielen. Es ist dies eine Naturnothwendigkeit tute die, dass Oel auf dem Wasser schwimmt. Und das wird für die Gegner stets der willkommene Anlass sein, eben lvegen dieser Präpotenz des jüdischen Elementes die betreffende Partei als Jndenknechte und wie dergleichen liebenswürdige Ausdrucke noch 1 lauten, zu bezeichnen. Darum erhitzen wir uns nicht zu sehr für die Lehren n. s. w. Wir haben diesen Thatsachen nichts hiuzuzufügeil. Es ist gut, emmal schwarz auf weiß constatieren zu können, wie diese „Ostdeutsche Rundschau", die sich als Verfechterin aller urtentonischen Tugenden aufspielt, unter denen angeblich auch die Wahrheitsliebe enthalten sein soll, in der alle rperfidesten Weise bewusst lügt und fälscht. Geschäft nud Vergnügen. Die „dt. F. P." brachte dieser Tage eine im Reporterstil des „Extrablatt" gehaltene Schilderung des letzten Südbahnunglückes, von dem man, bei halbwegs empfindlicher Thränendrüse bis zur Wehmuth gerührt werden konnte. Und gleich darunter stand die „für die Leser gewiss interessante" Neuigkeit, dass die Unfallversicherung da und da, natürlich mit genauer Adresse, au einen der Versicherten sofort die Prämie conlantest ausgezahlt habe. So verbindet sich in der „N. F. P." Geschäft und Vergnügen. Natürlich meinen wir damit, dass der Bericht das Geschäft sei und die Reclamenotiz das Vergnügen, denn wir werden einem sv vornehmen Blatte nicht zumuthen, dass ihr eilt so schmerzlicher Bericht ein Vergnügen und die Reclamenotiz Geschäft sei. Allerdings kann man die letztere Notiz gleich als Quittung des Honorars für den Unfallsbericht ausehen; es dürfte sogar der „N. F. P." noch etivas übrig geblieben sein. Und das ist am Ende auch ein Vergnügen. Der Stndententag der jüdischnationalen Akademiker Galiziens. Der Studententag ist vorüber. Die galizifchen Akademiker können mit Stolz nttb Genugthuung auf denselben zurückblicken. Mit Stolz, dass er so ernst und würdevoll verlief, dass man mit Feingefühl jede Reibung zu vermeiden suchte, die zwischen den Vertretern und Anhängern beider Parteien so leicht entstehen könnten, rmd mit Genugthuung, weil es nicht bloß eine Versammlung war, in der geredet und discutiert, sondern in der gehandelt und beschlossen wurde. Der wichtigste 'Beschluss ist wohl die Organisation der Studentenverbindungen Galiziens. Bis jetzt gieng eine jede Vereinigung ihres Weges und sv kam es, da zwischen der einen und anderen Vereinigung oft eine Meinungsverschiedenheit herrschte, dass sich zwei Studentenverbinditngen entgegenarbeiteten, ohne sich überhaupt dieser Thatsache bewusst zu sein. Galizien ist noch das einzige Land Oesterreichs, wo sich der Student vermöge seines Bildungsgrades bei den Massen einer Autorität erfreut, wo er durch die Macht seines Wortes die Herzen für sich gewinnen kann. Zu diesem Beh'nfe ist eine stramme Organisation erforderlich, deren Anfänge auf dem Lemberger Stndententage bereits beschlossen wurden. Der Stndentenrag war sich seines Pflichtenkreises bewusst und berieth nur über Dinge, die in denselben gehörten. Missliebige Erscheinungen im Zionismus und Jndenthum sind Grundlage sind altes Wissens und aller Weisheit, in die Lehren der Thora. Noch erinnere ich mich daran, wie ich emporstieg aus steiler, hölzerner Treppe in seine Wohnstätte, Hühnersteige würde man eine solche Wohnung besser nennen. Im Sommer wars dort droben heiß, wie in der Sahara, im Winter kalt, wie bei den Samojeden. „Wenn der Harrgett", sagte Gitl. „einheizt, dann ist es warm, will er nicht, ist es kalt", und dann warf sie einen mitleidigen Blick auf den armseligen Ofen, der sich freilich mit der wärmespendenden Allmacht wenig messen konnte. Da saßen wir nun in der „Hühnersteige", wir mehr oder weniger wissensdurstige Jünger, und verirrten uns, die Hand auf das brennende Hirn gelegt, in den Labyrinthen der talmudischen Heilslehre. Aufrichtig gesagt, von dem Latein und Griechisch, das wir auf unserem Piaristen- Gymnasium lernten, hielt Jakob sehr wenig. Ob er recht hatte? — Wenn die Ferien kamen, in welchen jetzt unsere jungen Leute an die See und in die Berge geführt werden, dann kamen wir bleichen Jünger der Thora mit unseren Zeugnissen zu Jakob; er warf einen flüchtigen Blick aus sie, während Gitl über einen großmächtigen Siddur geneigt saß, und nebenbei Erdäpfel schälte. Dann sagte Jakob im resignierten Tonfälle, in welchem doch etwas Selbstherrliches lag: „Dummheiten habt Ihr nun genug studiert, jetzt wollen wir Thora lernen". Und nun begann die Erholungszeit für tms, d. h. bei 95" Hitze das Studium des verwickelten alt-talmudischen Eherechts während f>—8 Stunden int Tage. Während wir lernten, und die gewundensten Fragen der Möglichkeit oder Nicht- Möglichkeit von Scheidungen . zwischen Ehegatten eifrig discutierten, murmelte Gitl in ihrem „Thillim" (Psalmen), sie betete für sich, ihren Gatten, uns, uub „dass die Menschen sich vertragen, denn es gibt viel Schlechtes und Zank und Streit unter beu Menschen, sie nehmen sich das Stücket Brot vom Munde weg". Jakob und Gitl gehörten freilich nicht zu diesen Menschen. Als ich an die Universität gietlg, vergaß ich Jakobs wohl nicht discutiert worden, doch ist ihre Existenz in Resolntionen festgenagelt uub eine Abhilfe den entsprechenden Competenzen anempfvhlen tvorden. Der erste Dag. Dienstag um 10 Uhr früh war der Sitzungssaal der Cnltnsgemeinden, der den Studenten zur Verfügtmg gestellt wurde, bereits gilt besetzt. Achtmidachzig Akademiker wertraten die verschiedenstett Städte Galiziens. Sie kamen ans Krakau, Lemberg, Jaroslan, Przemisl, Tarnopol, Zloczow, Sassow, Czortkow, Stanislan, Nen-Sandee, Brody, Kamionka-Strnmilowa, Kolomea, Rohatyn, Brzezany, Rzeszow, Stryj, Bnezacz, Drohobycz, Jeziesna nttb Zurawno. Den rückwärtigen Theil hinter der Barriere füllten die zahlreichen Gäste. Sind. Löwe »Herz (Lesehalle Lemberg) eröffnet den Stndententag. Er wies ans die alte Pflicht der akademischen Jugend hin, für ihr Volk za kämpfen und für dasselbe zu sorgen. Er bat ferner die Versammelten, nicht in den Kreis ihrer Berathungen Dinge zu ziehen, die in die Coinpetenz der Studeuteit nicht gehören, sich jeder Parteiströimmg, die jetzt das zionistische Lager gespalten, zn enthalten und nur für das Volk und die nationale Idee zn arbeiten. (Applaus.) Hierauf wird zur Wahl des Bureaus geschritten, und es werden per Acclamation gewählt: Erster Vorsitzender K r n h (Bar-Kochba Wien), zweiter Löwe nh e r z (Lesehalle Lemberg), dritter S ch a l i t (Haschachar Krakau), zn Schriftführern F ü l l e n b a u m, Schiffer, Berner. Nach Verlesung der Geschäftsordnung stellt Kann er (Bar-Kochba Wien) den Antrag, dem Actionscomitö in Wien telegraphisch einen Gruß zn entsenden, aber nur unter der Bedingung, dass der Atltrag einstinnnig angenommen wird, widrigenfalls er denselben zurückziehen wird. Da sich nun tatsächlich stud. Schreiber (Z. L. Lemberg) zn Worte contra meldet, so zieht der Antragsteller seinen Antrag zurück. Es folgt hierauf das Referat des stud. Schiffer (B.-K. Wien) über die Lage der Inden in Galizien. Referent hob in seinem Thema drei Momente hervor: 1. Die socialpolitische Lage; 2. die cnltnrelle Lage; 9. die innerpolitische Lage. Referent führt die Gründe an, die die ökonomische Lage der Juden tu Galizien von Tag zu Tag verschlimmern, sie sind äußerer und innerer Natur. Sowohl die reiche als auch die mittlere Classe leiden an Neid und Concnrrenz ihrer christlichen Nachbarn. Die ärmere Classe nagt am Hnngertuche. Während die ersteren zwei Clqssen hauptsächlich moralisch zn leiden haben, so wird die untere Schichte des jüdischen Volkes handgreiflich misshandelt. Dadurch leidet ihr Selbstbewusstsein. Sie finden keinen anderen Ausweg, als sich der Regierung in allen Fällen gefällig zu zeigen, weshalb sie dieselbe zn ihren Wahlmachinationen in Galizien verwendet. In Bezug ans den zweiten Punkt hebt Redner die große Zahl der jüdischen Analphabeten (mit Ausnahme des Hebräischen) hervor und erklärt die Gründe, durch welche sie bedingt ist. Redner bespricht hierauf das geistige Proletariat in Galizien und endlich den Hang zur Bildung sogar bei den Orthodoxen, wobei er die einstigen galizifchen Capacitäten der modernen hebräischen Literatur aufzählt. Es werden hierauf die Chadttrim, Baron Hirsch-Schulen und die öffentlichen Anstalten besprochen, bei welch letzteren die hebräische Sprache äußerst stiefmütterlich behandelt wird. An die cnltnrelle Lage knüpfte der Referent einen kurzen Ueberblick der confessionetten Angelegenheiten an. Es werden die Missstände der Cultnsgemeinden und die an. dauernden Streitigkeiten zwischen der orthodoxen und reformierten Partei besprochen. Bei der innerpolitischen Lage unterscheidet Redner drei Gruppen: Assimilierte, Socialdemokraten und Zionisten. Die Verbreitung des Svcialismns erklärt sich leicht durch das massenhafte Elend des Landes, doch wird auch der Nachtheil desselben für das Jndenthum hervorgehoben, da die Socialisten auf jüdische Interessen keine besondere Rücksicht nehmen. Bei der Erwähnung der zionistischen Partei kommt c—hi wii iwn iirowMwraragtagganitwTarmfWwuBqmmmffwriiwniwrmL r-»«wwu« nicht, und immer, wenn die selige Ferienzeit mich wieder ins Ghetto führte, besuchte ich den frommen Manu, meinen ersten Lehrer. Er betete, fastete und hungerte wie ehemals, uub Gitl verkaufte bunte Bänder tmd sagte ihr „Thillim". „Es ist viel Weisheit in der Welt," sagte Jakob, wenn ich ihm von meinen Studien erzählte, „aber alles steht schon im Talmud." Gitl nickte. „Schick' uns Dein Licht und Deine Wahrheit, sie sollen uns geleiten," murmelte sie dann ihr Psalmwort her. Sie hatten ihre Welt, diese Ghetto-Leute, sie war eng und beschränkt, aber für sie doch eine weite Welt. Die heiligen Tage waren wieder gekommen, und Jakob, der die Achtzig überschritten, — „er war zum Alter der Stärke gelangt", wie er gerne zu sagen pflegte — betete wieder für seine Gemeinde mit alter Stärke und Kraft. Man wollte diesmal in seinen Gebeten besondere Lieblichkeit finden und rief ihm zum Schlüsse des Gottesdienstes ein gar kräftiges „Er vermehre Deine Stärke" zu. Jakob nahm es mit einem seligen Lächeln hin. Er spürte wohl, dass auch für ihn die Stunde gekommen sei. Gitl empfieng ihn zuhause mit heißen Segenswünschen und einem süßen und wohlriechenden „Zimmes" (Gemüse, bestehend aus Kohl tmd Birnen. Der Roschhakohol aber hatte zunt Neujahrstage süßen Wein gespendet. Er hatte in diesem Jahre ein gutes Geschäft gentacht, und da muss man den „Zehent" geben. „Es gibt doch gute Menschen," sagte Jakob zu Gitl, „der Heilige, gepriesen sei sein Name, segne sie." Gitl nickte in stummer Scheu, als wollte sie sagen: „Sollen denn alle meine Gebete umsonst sein'?" Jakob trank inzwischen bedächtig von dem Weine. „Ich muss mir Kraft verschaffen für Nella. denn es ist mir wieder die große Ehre zutheil geworden, zum Schlüsse des Jom-Kippur zu beten." Nella kam. Ermattet vom Boten und Fasten stand die Gemeinde da, Männer und Woiber, Greise und Kinder. Ein heißer Athem gieng durch die Räume der kellerartigen