Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 25 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nvdm'twr,: ty. Hptechstundcnr An Ä^üchentagen von 4 bis d Uhr nachlniktaftS; an Sonntagen von IN bis >3 llßr vormittags. Postadresse: JiidtscheS Belksvlatt, Wien, II Z. Vrsttltvetdr» wegen vergüteter ober gar nickt erfolgter ^iistellung erbitte» wir uns dringend. — Manuskripte werde» nicht zuruckgcstcllt. ^>stsparcasse»-6onto 847N37. Zn das -tbonnement kann man täglich eintrete». Ur. 25 Erscheint jeden Freitas unter Milwirlmug Vvr vom jiwlsu;rn VvlNsvrretn erwäijttrn Presc.rvmMii Non. Inserate übernehmen die Finne»: Z. idanneberg, M. 4»ltes, Haascnstei» <fc Vogler, Rudolf Masse, 9t. Lppelik, M. Pozsonyi, 9l. Sckalek in Wien, ferner alle 9lnnv»cen-Expcditioiien im Auslände. EtnzeL-NitMMek irr Wie» 8 kr. Wien, 4. Anglist 1899. Kbniininvntum: N>, Untere Huii.irtenltv.ilK' >->. 'AbomtcMentöyrciS: Für Svtcn ». ^«-sternkich-Ungaru Für daS grsannnte AnSland iammt Frau oziisiellnng. ianimt Fraiirozuslellimg. ::::: tfc .fl. 1 i Vierteljährig Ganzmbrig Halb,ädrig Vierteljährig langjährig.fl. Haibjäbrig ....... fl. i. Zähe gang. mm Der Wiener Gemeinderath hat gestern eine außerordentliche Sitzung abgehalten, in welcher der seit einigen Tagen schon bekannte Sladtrathsantrag unverändert angenommen wurde. Die Resolution. welche der Gemeinderath einstimmig annahm, erklärte die Durchführung des Ausgleiches mit Ungarn, sowie die Erhöhung der gewissen Consumsteuern auf Gnmd des § 14 als verfassungswidrig und fordert die Negierung auf, mit möglichster Beschleunigung den Neichsrath behufs Erlangung der verfassungsmäßigen Jdemnität eiuzuberufen. Mau wird nicht sehlgehen, wenn man diese Resolution als den vielleicht nicht allzuscharfen, aber ehrlichen Ausdruck der Volksbewegung betrachtet, die derzeit alle Kronländer Oesterreichs, Wien nicht ausgeschlossen, durchzieht. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, können wir Juden uns dem Proteste des Wiener Gemeinderathes nur voll und ganz anschließen. Aber ein anderes ist es, das für uns gleichfalls noch in Betracht kommt. Der Protest gegen die verfassungswidrige Anwendung des § 14 ist von der ch r i st l i ch - s o c i a l e u Partei erhoben. Von derselben Partei, deren hauptsächlichster Programmpunkt die Bekämpfung der Juden mit allen möglichen Mitteln bildet. Derselben Partei, welche die Anwendung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Bürgerrechte auf die Juden nicht nur bekämpft, sondern Ihatsächlich nach allen Seiten hin zu vereiteln sucht, derselben Partei, welche mittelst ungesetzlichen Vezirksschulrathserlasses, die Trennung der jüdisck)en von den christlichen Kindern in besonderen Classen herbeizuführen suchte, welche consequcnt jüdische Unterlehrer und Unterlehrerinnen trotz ausgezeichneter Qualification und langjähriger Dienstzeit präteriert. Derselben Partei, welche sich nicht entblodet, die Anstellung jüdischer Richter als eine voni Staate begangene unmoralische Thal bezeichnen. Wie einen Aaustschtag ins Gesicht müssen wir Juden es empfinden, dass diese Partei, die Tag für Tag an uns die schnödesten moralischen und materiellen Verbrechen begeht, die Tag für Tag, die in jeder ihrer Handlungen uns Juden gegenüber verfassungswidrig vorgeht, sich nun mit einemmale auf den Boden der Verfassung stellt, bei einem Ereignis, das wir Juden moralisch und materiell gleich schwer empfinden, wie alle übrigen Volker und Parteien. Es ist nothwendig, diese Constatierungen vorzunehmen. Nicht etwa deshalb, um den Kampf gegen die Regierung, der sich in Oesterreich erhoben, nur irgendwie schwächen zu wollen. Wir haben unserer Meinung über das Vorgehen der Regierung das letztemal klipp und Jakob der Bachnr und sein Weib. Skizze aus dem Ghetto. Jakob war ein kleines, dürres Männchen. Neben dem Noschhakohol (Vorsteher der Gemeinde) sah er aus wie die Heuschrecke neben dem Enaksohne. Der Roschhakohol war groß, feist und kurz von Athem, denn er beschäftigte sich nicht nur mit Gemeindeangelegenheiten, sondern auch mit einem ausgebreiteten Weinhandel. Ich brauche nicht zu sagen, dass Jakob das gleißende Gold der Erde versagt war. Dafür grub er in den Goldschächten der Thora und des Talmud. In diesen kannte er sich aus, wie Samuel in den Straßen Nehardeas. Wovon Jakob lebte? Eine national-ökonomische Frage, welche unser materialistisches Zeitalter mit Recht sofort nnfwirst. Leben muss der Mensch, und schon die Thora sagt, von Brot allein lebt er nicht. Jakob führte dies heilige Wort fast acl absurdum. Er lebte meist von Brot, denn mehr trug ihm seine Thora nicht. In diesem Punkte haben die Verhältnisse in Israel wenig AenderUngen erfahren. Da hatte es schon sein Weib — Gitl hieß sie, ihr Andenken sei gesegnet — besser. Sie handelte mit bunten Bändern, einem von den pntzsüehtigen Hannakinnen vielgesuchten Artikel. Und sie verdiente so viel, dass Jakob auf sein dürres Brot hie und da ein Stückchen Butter streichen konnte. Am Freitagabend und Sabbath gab es zur Ehre des Ruhetages auch manchmal ein Stückchen Fleisch, am Passah natürlich auch Wein, denn der Roschhakohol gab ihn an diesem Feste — man muss doch wohlthätig sein — den Armen etwas billiger. Ein Stuhl im Paradiese ist ihm dafür ohne Zweifel gesichert. Aber sagte ich nicht, Jakob habe den Beinamen „Bachnr", der Jüngling, geführt? Und doch hatte er ein Weib und war, als ich ihn kannte, schon an die Grenze der siebzig gelangt; dennoch nannte man ihn so im Ghetto. klar Ausdruck gegeben, allerdings nur für den Staatsanwalt, der diese Stelle coufiscierte. Wohl ober deshalb, um den Weg zu zeigen, der uns Inden in der geradesten Linie vorgezeichnet ist. Solange wir Juden uns nicht die Anwendung der staatsgruudgesetzlich gewährleisteten Rechte für uns erkämpft haben, solange fiub wir auch ohnmächtig tu unserem Vaterlande, in dem wir dieselben Pflichten erfüllen müssen, wie alle anderen Bürger. Solange wir Juden nicht als eine gesd)lvssene Organisation auf dem politischen Schauplatz erscheinen, als ein achtunggebietender politischer Machtfactor, solange wird es auch möglich sein, dass eilt und dieselbe Partei das Vorgehen einer Regierung als v e r f a s s n n g s widrig bekämpft und uns Juden unsere verfassungsmäßigen Rechte gesetzeswidrig zu ratrben sucht. Darum haben wir Juden in allererster Linie ein Ziel: Die Erkämpfung der verfassungsmäßigen Rechte, die man uns derzeit gesetzeswidrig vorenthült. Von dt A. B. (Schluss.) Die Agitation wurde von beiden Seiten stark genug betrieben. Alle Vorbedingungen wurden geschaffen, die Hindernisse aus dem Wege, Liberalismus und Assimilation, hatte die Zeit selbst beseitigt, und nun fehlte bloß mehr ein thatkräftig. , .Mann, der au die Spitze sich stellte, ein Mann, der im VoAe lebt, den Willen des Volkes begreift und dessen Gefühle zum Ausdrucke bringen kann. Ein Manu, der nach beiden Seiten arbeitet, der beide Fragen mit einem Schlage lost. Solch ein Mann könnte wirklich das ganze jüdische Volk hinter sich haben. Aber so glücklich waren wir Juden nicht. So wie jede Volksbewegung, zeugt auch die jüdische Männer von Bedeutung, welche der guten Sache sich widmen. Aber leider nur Männer, doch nicht einen Manu. Dr. Theodor Herzl kam ins Lager der Zionisten und übernahm sogleich das Commando. Seine Broschüre „Der Judenstaat" ist zur richtigen Zeit erschienen. Offen verkündete er, was fast in allen Herzen wimmerte. Er sprach scharf aus, was K a l i s ch e r, Hess und Gedalja zu früh verkündet und was die „C h ow e w e Zion" auch 'jetzt ^noch nicht frei zu gestehen gewagt. So findet die Broschüre auch bald weite Verbreitung. Es war des Verfassers Verdienst, dass er nicht beim Schreibtisch sitzen blieb. Er suchte seine Idee in Thaten umzusetzen, er versuchte dem Volkswillen ein Ziel nicht nur zu zeigen, sondern dasselbe auch zu verwirklichen. Die Leute im Ghetto hatten eben auch ihren Witz und ihre Ursprünglichkeit, es lag etwas Naives darin und war schwer zu definieren. Jakob führte einmal dieses Cognomen und dagegen lässt sich nichts sagen. Es gab doch viele Jakobs in der Gasse, da musste schon eine Unterscheidung genwcht werden. Manche nannten Jakob einen Philosophen und verglichen ihn "mit dem seligen Aristoteles. Merkwürdig ist, wie die Kunde von dem Stagiriten ins Ghetto gekommen war. Wird auch eine alte Ueberlieferung sein. Die Aussprüche Jakobs hatten ein lakonisches Gepräge, und wenn ein geflügeltes Wort dem Gehege seiner Zähne entgangen war, machte es rasch die Runde in der Gasse. Es waren aber auch diese Sätze von lapidarer Gewalt. Wenn Jakob manchen Reichen im Ghetto betrachtete, pflegte er zu sagen: „Unser Herrgott (Harrgett) ist ein großer Spassmacher." — Die Eingeweihten verstanden ihn. Einen Commentar zu diesem Worte können wir unschwer liefern; er meinte damit die Güter dieser Erde sind oft gar spassig vertheilt; in manchem Misthaufen findest Du einen Diamanten. Der Noschhakohol soll über diese Sentenz sehr aufgebracht gewesen sein. Er wusste wohl warum. Am nächsten Passah fiel der Wein schlecht aus. Ueber die Ehen des Ghetto hatte er seine eigenen Gedanken. „Der Schiddech (die Ehe) macht sich erst nach der Hochzeit (Chassene)." Ich glaube, auch heute noch wird man dem Ghetto-Philosophen rechtgeben, wenn man die Eheschließungen in Israel betrachtet. Jakob war fromm, muss ich dies erst besonders hervorheben? Er betete viel. Er fastete auch viel, ich glaube, sein ganzes Leben war ein großes Fasten. Nie hatte er wegen Ueberflusses zu klagen, aber auch nie wegen Hungers. Und doch hungerte er oft. Wenn er zu Beschnetdungsfesten (Sudes) oder Hochzeitsmahlen geladen wurde, zu Confirmationsbelustigungen oder Purimgelagen Die Bewegung wird stärker, das Volk strömte in Massen zu. Stillschweigend wird Herzl von allen als Führer anerkannt. Allein auch e r ist von a u ß e n gekommen. Er hat nie im jüdischen Volke und mit demselben gelebt. Unbewusst wirkt in ihm das jüdische Bewusstsein und unbewusst wirkt auf ihn die allgemein national-staatliche Idee, die Idee des neunzehnten Jahrhunderts. Beide Gefühle haben sich vereinigt und — so war der Judenstaat geworden. Und deshalb suchte er auch nur eine der beiden Fragen zu lösen, nämlich die der Juden. Um die Frage des Judenthums kümmert er sich nicht. Er kennt sie ja nicht. Der Zionismus ist bei ihm nur politisch geworden, und die Zionisten eine Art politische Partei. Daher auch die große Anzahl von Anhängern unter der Intelligenz Westeuropas. Und wenn uns die Analogie gestattet ist, möchten wir sagen: So wie der Antisemitismus seinem Namen und seiner Stellung als politische Partei zum großen Theil seine Verbreitung zu verdanken hat, so hat auch der Name: Zionismus als Parteibenennung viel mitgeholfen zu seiner Verbreitung. Einst schämten sich die Juden nicht, einfach Juden zu heißen, die Judenfeinde nicht, einfach Hass zu predigen. In der modernen Zeit schämen sich beide offen zu bekennen, der, dass er Jude ist, der andere, da er H a s s im Herzen trägt. Und da kommen die diplomatischen Ausdrücke ihnen zu Hilfe. Antisemitismus — das ist eine politische Partei im Lande, und ihr können auch Freidenker und Gelehrte augehören, Zionismus wieder — das ist eine politische Bestrebung eiltet' jüdischen Partei, und jeder kann sich frei Zionist nennen. Aber ohne Judenthum gibt es auch keinen Zionismus. Die Lösung der zweiten Frage durch die Zionsidee, oder kürzer, der c u l t u r e l l e Zionismus, hat unter den besser denkenden Kopsen Russlands und Galiziens Anhänger gefunden. Und U. G ünzberg (Achad - haam) ist sein bedeutendster Vorkämpfer. Auch er erstrebt Palästina — aber als Centralstelle jüdischer Cultur. Auch er ist für die Colonisation, aber mit dem als Bedingung aufgestellten Plan von hebräischen Schulen, ja sogar einer hebräischen Universität in Jerusalem. Er tritt in der letzten Zeit in der von ihm redigierten Monatsschrift „H a s ch i l o a ch" offen gegen den politischen Zionismus auf. Es ist jetzt nicht am Platz, den Zionismus und dessen Spaltungen eingehend zu besprechen. Wir wollten hier nur beweisen, dass beide Fragen, die der Juden und die des Judenthums, im jüdisch-nationalen Gedanken ihre Lösungen suchen und finden müssen. Aber beide gleichzeitig und von einander abhängig. Die Wiederauferbei den Reichen, da pflegte er sich gütlich zu thun; aber nicht zuviel, er hatte Anstand. Jakob hatte aber auch ein gutes Herz. Er theilte sein Stückchen Brot mit den Armen. Denn, gestehen wir es nur, es gab noch Aermere im Ghetto, als Jakob war, Aermere im Geiste, Aermere in der Tasche. Wieder eine Sentenz Jakobs: „Man soll nie über sich, nur stets unter sich schauen." Und Gitl, sein Weib, fügte fromm hinzu: „Der Heilige, gepriesen sei er, soll hüten noch vor Aergerem." Es lag viel Stärke, viel Mark in diesen Ghetto-Naturen. Wie hätten sie auch sonst den Kampf gegen das hohläugige Elend aufnehmen können, das sie allenthalben umstarrte? Wir verstehen jene Naturen heute schwer, ein tiefer Abgrund scheidet das heutige Judenthum von dem des Ghettos. Wir wollen immer mehr zu sein scheinen als wir sind, und sind doch so — wenig. Aber Jakob hatte auch einen Ehrgeiz. Ohne diesen ist noch wenig Großes erstanden in der Welt, und auch in den engen Mauern des Ghettos strebte man nach Ehre und Großem. Jakob wollte nämlich als großer „Baal-Tephilla" gelten, d. h. als bedeutender Vorbeter. Er betete natürlich nicht für Geld vor. Seine Kunst gieng nach Brot nicht. Ihm war die Ehre alles. Am Morgen der Neujahrstage und des noch heiligeren Versöhnungstages vorbeten zu dürfen, die süßen Triller und langgedehnten Klagetöne emporsenden zu können zum Vater der Barmherzigkeit, und wenn sie dann bei dem schmerzlichen „Gott, voll des Rechtes, der da hört die Klagen und sieht die Thränen am Tage des Gerichtes" oben in der „Weiberschül" schluchzten und anfschrieen im wehmüthigen Schmerze, oas war für Jakob der Gipfel der Seligkeit. „Rothschild ist nicht so reich, dass er mir diese Freude ersetzen könnte," sagte er dann zu Gitl, feinem Weibe, wenn die Männer ihm nach dem Gottesdienste ein kräftiges „Er vermehre Deine Kraft" allwärts zuriefen. Und Gitl fühlte sich noch mehr geehrt in ihrem uud durch s mi WO: