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Jüdisches Volksblatt · 1899-07-28 · 24 (28.7.1899) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
24 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 28. Juli 1800 Nr. U „Der Jude übt in Südrussland namentlich in zwei Richtungen eine wichtige Culturmission ans", sagte mir ein Einheimischer. „Er giebt dem Muschik das Beispiel eines Familienlebens im höheren Sinne des Wortes und der Mäßigkeit im Genüsse des Branntweins." Ausländische Inden dürfen sich in Russland höchstens sechs Monate aufhalten, es sei denn, dass sie nachweisbar für eine protokollierte Firma reisen. Zum Staatsdienste werden in Russland gemäß Art. 7. des Ustaws über den Civildienst ans dem Jahre 1876 Juden überhaupt nicht zugelassen. Eine einzige Ausnahme ist in demselben Gesetze bezüglich jener Glaubensgenossen statuirt, welche akademischen Grade eines Doctors, Magisters oder Candidaten erlangt haben. Jüdische Aerzte finden auch Anstellung in den Ministerien des Innern und für Volksanfklärung. Was den russischen Juden besonders vortheilhast non den Andersgläubigen unterscheidet, das ist seine Fürsorge für die Ausbildung und den Unterricht seiner Kinder. Ta gibt es keine noch so kleine jüdische Gemeinde, welche nicht ihre eigene Schule hätte. Noch im zartesten Kindesalter wird der Junge in den „Cheder" geschickt, wo ihm die Elementarkenntnisse beigebracht werden. Es gibt nach den neuesten Zählungen in ganz Russland 5,149.860 Glaubensgenossen. Dieselben besitzen 6298 Synagogen mit 5658 Rabbinern. Tie Ausbildung der letzteren erfolgt theilweise in staatlichen Nabbiuerschuleu, deren es je eine in Wilna, Schitomir, Odessa, Kischincw, Wiuitza, Starokoustantinow und Berditschrw giebt. Kunst und Literatur. Eine jüdische Kunst. Von D. Cavaylion. „Le F I;im b e a ir\ I. Hatten die Juden eine Kunst? Besitzen sie überhaupt künstlerischen Sinn? Das ist eine in unserem Jahrhundert viel besprochene Frage. Doch scheint nur alles, was darüber schon gesagt wurde, bloß die Probe zu liefern, dass man nicht im Klaren sein wird, solange die Erklärung dessen, was „Kunst" eigentlich ist, in Schwebe bleibt. Acceptiert man jene, welche die Kunst als „Materialisation einer Empfindung hinstellt, dann ist die Kunst des Tr. N o s s i g eine jüdische. Eine kleine Ausstellung seiner Werke machte uns mit seinem „Ewiger Jude", dem besten von allen, eine „Maske Salomens", einem „Jüdischen Athleten", einem „Makkabäer, die Götzenbilder zertrümmernd", und endlich einem Porträtmedaillon des Tr. Nordau, bekannt. Wir wollen uns nicht bei einer Besprechung der Technik Nossigs aufhalten. Er beherrscht dieselbe meisterhaft. Jeder Muskel, jede Sehne ist an richtiger Stelle, zieht sich zusammen oder dehnt sich aus mit einer derartigen anatomischen Genauigkeit, dass es sogar Vater Farabvaif befriedigen würde. Dies ist bei den Christen sehr selten geworden. Sie gleiten immer mehr und mehr in einen gewissen Leichtsinn hinein, den sie „Eingebung" nennen. „Die Zeichnung", sagt Jngues, „ist die Ehre der Kunst". Und Tr. Nossig ist von peinlichster Gewissenhaftigkeit. IT. Das Nackte wird niemals jüdisch sein, oder wir rnüssten anfhören, Inden zu sein, wie es vor circa 200 Jahren der Fall war. Unsere Sitten sind die Kinder unserer Gesetze und unser Gesetz die Keuschheit; das Nackte aber ist und wird niemals keusch sein, weil der Boden der socialen Aesthetik die erschaffende Kraft ist. Man wird niemals eine Venns von 50 Jahren darstellen. Voll ans dem Judcnthnm geschöpft, ist der „Einige Jude". Ter Vorgeschmack des nationalen Bodens hat diese specisische Kunst geschaffen. Tie Wahl des Sujets stimmt vollkommen mit unserer Uebergangsepoche überein. Es ist die nationale Kunst des Foeils. Ter „Jude" des Tr. Nossig ist Zionist. Er blickt vertrauensvoll, unverwandt ans sein Ziel. Das ist nicht mehr der klägliche, passive Jude des mittelalterlichen Ghetto. Sein Gesicht ist von Schmerzen zerrissen, seine Glieder sind hager von Entbehrnngen, seine elenden Lumpen zeugen von einem jahrhundertelangen Martyrium, und trotzdem gewinnt man den Eindruck, dass er am Ende angelangt sei. Sein Auge strahlt von Zuversicht und Stolz. Er hält seinen Stock wie ein Scepter, seine Haltung ist unbeugsam edel geblieben, jeder Zoll ein Lear. Bloß ein nationaler Jude, der sein Judenthum tief im Herzen trägt, konnte ein solches Werk schassen, das ein kostbares Zeugnis für die Zukunft ist. Ter Jude hält seine Bibel mehr wie ein Kind als einen Talisman. Man könnte sie ihm sehr leicht rauben. Nun war es aber nicht unsere Aufgabe, das „Buch" mitzutragen, sondern es vor dem Heidenthume zu bewahren. Die Identification zwischen der Bürde und ihrem Hüter entbehrt der historischen, rührenden Geberde. Tr. Nossig sollte noch nicht mit diesen ersten Versuchen die uns Erfolge scheinen, abschließen. Welches auch das Schicksal der jüdischen Kunst sein möge, wir glauben, dass die nationale Idee auf dieses Werkzeug der Propaganda nicht verzichten kann. III. Werkzeug? Dieser Ausdruck wird manchem prosaisch und utilaristisch Vorkommen. Man mag ein Werk noch so schätzen, den Schöpfer desselben noch so achten, die specielle künstlerische Ansfassung des Betrachtenden bricht immer wieder durch. Soll man es aussprechen? Hier, ganz aufrichtig? Nun wohl! Im Grunde unseres Herzens glauben wir nicht an die Kunst. Jawohl, ganz und gar nicht! Wir machen ihr sogar ihren Platz in der Culturgeschichte, ihren Ruf des sittlichen Einflusses streitig. Sie ist eine unterhaltende oder verderbliche Bildersammlung, und in moralischem Sinne eine anregende Textzngabe für die Schwachen. Was sind „die schönen Künste?" Ich will es Euch von einem Papste sagen lassen: „Die Bilder sind die Bücher der Unwissenden." Gezeichnet: Gregor der Große. Eine jüdische Kunst? Die hat ja immer existiert, nnd die Werke unserer Propheten, die Psalmen, sind Kunstwerke der idealsten Begeisterung! Es ist ein beschämender Jrrthnm, eine erniedrigende Unwissenheit, einen Vergleich zwischen dieser und der darstellendeil Kunst zu ziehen. Wohl ist alles, was Ausdruck der Seele ist, das Wort, der Marmor, der Thon, schon Kunst, die Malerei allein ist verschieden, und Moses hatte recht, so scharf die spröden Stoffe zu untersagen, denn sie sind der vollkommenen Entfaltung des Geistes bloß ein Hindernis und fesseln nur niedere Naturen, welche sie verdummen statt erheben. Das, was wir hier behaupten, entkräftet keineswegs unser Urtheil über Dr. N o s s i g. Im Gegentheil, es bestärkt eher unsere Theorie, denn seltsamerweise hat er selbst ein herrliches Sonett auf seinen „Ewigen Juden" gedichtet. So hat er unfreiwillig die Ohnmacht des Stoffes bezeugt, eine Idee vollkommen wiederzugeben, nnd gleicht den Unterschied mittelst des Wortes ans. IV. Wir müssen hier unterscheiden zwischen „Knust" überhaupt und „Schöne Künste" und versuchen, dies zu erklären. „Kulkst" ist der selbstische, männliche Ausdruck einer Ueberfülle von Lebenskraft, die „schönen Künste" sind der weibliche Ausdruck derselben, sei es durch die Natur des Klinstlers selbst, sei es durch die Umstände, die ihn verweiblichen. Aus dem Kunstwerke sprudelt die individualistische Begeisterung, das Gefühl der Einheit, ein Uebermaß von Stolz, welches die Einsamkeit erzeugt, der einsame Mensch wird zum Mikrokosmos, concentriert seine Bewunderung ans sich selbst und sucht sein Bild zu schaffen, um sich darin zu spiegeln. Wenn er männlich ist. so stellt er seine Umgebung, sein Volk, die Welt dar. Er ist Napoleon, Cäsar, Alexander, Moses. Er handelt. Sein Stoff sind die Menschen, seine Palette ist bunt gefleckt von Nationen, er befruchtet mit seinem Geiste. Wir dürfen in dieser Definition nicht den „Mann der Männer", den „König der Künstler" vergessen, Gott selbst, dessen Psychologie, wie sie uns die Bibel erhellt, mit mathematischer Genauigkeit an den Ursprung des Kunstwerkes, nach unserer Annahme, anschließt. Ist der Künstler weiblich, so wird er, anstatt sein Bild in der ganzen Menschheit zu zeichnen, dasselbe beschreiben, besingen; er wird es malen oder modeln. Er wird den Heldenfeiern, der er gerne gewesen wäre, wird ihn auf die Scene bringen, und, ganz wie sein Werk, ist es er und immer wieder er selbst; er lässt sich in Stellvertretung bewundern, als Nebenbuhler seiner eigenen Werke, während Gott direct bewundert werden will. — 9-2 — und die Leute freuen sich, anstatt zu weinen. Deshalb eben lehren sie auf die Erde zurück, trotzdem ihnen die Rückkehr schwer fällt, Ben Jehuda hüten sie es nicht, sie wären keine Engel!" — Ben- Maimon schwieg. Ben-Jehuda und alle anderen, die dort waren, freuten sich und dankten ihm, dass er ihnen ein so schönes Versprechen gegeben. Ben-Maimon frug: „Weiches Versprechen habe ich Euch denn gegeben?" Und Ben Jehuda erwiederte: „Diese Engel werden es dazu bringen, dass es auf der Erde weder Hunger, noch Streit, keine Dummen und auch keine Elenden geben werde, die da schreien und weinen, dass es ihnen schlecht gehe auf der Erde." Aber nicht nur Ben-Jehuda aus Jeschurum sondern auch sein Nachkomme Gedali aus Wolpa, freute sich des Versprechens Ben-Maimon's. Er veränderte sich zusehends. Die Füße in den staubigen Stiefeln, hatte er fest auf den Boden gestemmt, die Arme in den zerrissenen Aermeln erhob er gen Himmel. Das Gesicht war in die Höhe gerichtet, so, dass sein ergrauender Bart wie silberne Flügel über seinen dünnen H als ragte. Der Schein des Feuers siel auf seine Stirn und zeigte di e unzähligen Falten und Runzeln; in den verzückten Blicken leuchtet e mystische Extase! Plötzlich aber schlang sich ein Arm um diesen hageren, dünnen Hals, ei" paar rosige Lippen drückten sich in einem schallenden Kusse aus seinL Stirne. Es war Janek, der vom Tische aufgestanden war und sich langsam dem Herd genähert hatte,. wo er mit blitzenden Augen und gespannter Aufmerksamkeit der Geschichte des Juden gelauscht; jetzt stand er bei ihm und schlang mit einer kindlichen Bewegung die Arme um seinen Hals. Dann trat er zurück und blieb verlegen mit gesenktem Klopfe stehen. Es gährte etwas in dem Jungen. War *§ das tiefe Mitleid mit diesem armen Menschen, der mit solcher Begeisterung von den Erlösern der Welt sprach? War es die heiße Hoffnung, dass er selbst einmal solch ein Engel sein wird? An der Flurthüre erschien ein weiblicher Kopf, in einem rothen Tuche auf dem rothen Haare, flüsterte einen Augenblick mit Judwiga, die ihr entgegengesprungen war. Väterchen! Die Mägde und Knechte wollen die Waren des Hausierers sehen. Jst's erlaubt? Es wäre vielleicht erlaubt, aber Du willst ja gewiß nicht? scherzte der alte Korejba, Judwiga faltete die Hände und schaute flehend den Vater an. Sie wünschte es sehnlich, die Waren des Hausierers zu sehen. Hast du Westen? srug Stefan, aus seinem Nachdenken ausfah rend und näher tretend. Mach Dein Bündel auf, Jud, wenn Fräulein Judwiga es so haben will, brühte Tomkiewicz. Oh! Er ließ sich nicht bitten. Rasch, als fühle er sich verjüngt, elastisch, als sei er nie krank gewesen, sprang er vom Sessel - auf und hockte sich auf den Boden nieder, mit vor Freude zitternden Händen löste er die Schnur des Paketes. Welch ein Glück! Er kam als erhaschter Dieb hierher, er fürchtete, gestoßen,, geschimpft, vielleicht zu Gericht geschleppt zu werden; und jetzt, nicht nur dass man ihn nach ein paar rauhen Worten zum Sitzen einlud und menschlich mit ihm verkehrte, hieß man ihn noch seine Waren zeigen. ... Er wird vielleicht verlaufen, verdienen. . . Heute ist Mittwoch, übermorgen muß er zu den Kindern zurückkehren... es fehlt noch ein Rubel zu den drei. Verdienst! Verdienst auf Brod und Blutegeln für sich, auf Brod, Erdäpfeln und Lumpen für seine Kinder! Der Mystiker, der vom irdischen Paradiese träumte, der unbewusste Poet, mit dem Kopfe voller Legenden, der Lungenkranke, der mit aphatischer Resignation seine Leiden ertrug — verschwanden, an ihre Stelle trat ein Hausierer, lebhaft, dienstfertig, mit rascher Zunge und forschendem Blick. Herrenwesten? natürlich Hab' ich welche! warum soll ich sie nicht haben? Fränleinchen, vielleicht ein blaues Band? Junger Herr, wünschen Sie vielleicht Manschettenknöpfe? Ich Hab' Nadeln, Knöpfe, verschiedene Sachen, sehr schöne Perkale, goldene Ringe, Fingerhüte, Zwirn, Bändel. . . Spitzen Man hörte die Heiserkeit nicht mehr. Hej! Gedali! rief Korejba halb scherzhaft — was wird denn mit diesen Erbsen sein, die du mir aufgegessen? Ha? Wollen wir jetzt davon reden? Oh! Jetzt fürchtete sich Gedali nicht mehr. Elastischen Schrittes trat er an den Tisch, und sagte verschmitzt lächelnd: Verzeihen der gnädige Herr, ich weiß da auch ein Geschichtchen. König Salomon halte große Reichthümer, fuhr Gedali fort, und Josel der Hirt war sehr arm. Einmal kam Josel Schabbes in den Palast des Königs, er schaute sich um, ob ihn niemand sah, und nahm sich ein Stückchen .Kugel vom Tische. Aber ein Freund des Königs sah ihn wie er das Stück Kugel nahm, er führte ihn vor Salomon. Korejba, der das verschmitzte Antlitz des Juden sah, brach in schallendes Gelächter aus. Ha, ha, Gedali die Geschichte hast Du selbst eomponierl! Ich seh' das aus deiner Miene. . . Das steht nicht geschrieben . ., Aber in Deinem Kopfe steht's: König Salomon strafte ihn nicht für die Kugel, sondern er gab ihm noch Mehl zu dem Lokschen; was, ja? — Richtig, gnädiger Herr! via, so will ich heute König Salomon sein; lassen wir die Erbsen . . . wegen der alten Bekanntschaft; Nichts Böses soll Dir geschehen, im Herbst, wenn ich Gelegenheit nach Wolpa haben werde,. will ich ein halbes Fass Kartoffeln für Deine Kinder schicken. Der Jude warf sich auf die Hand Korejbas und küsste sie. Der gnädige Herr soll so glücklich sein, wie ich es ihm wünsche! Er soll sich ein zweites solches Gut kaufen! Nu, der Herr soll noch hundert solche schöne Söhne und Töchter haben, wie die jungen Herren und das Fräulein . . .

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