Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 24 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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28. Juli 1899 Seite 5 Nr. 24 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatl werden und damit abermals ein Act religiöser Toleranz geschaffen werden. — Am 17. Juli eröffnete Charles Rothschild die neue Synagoge in Fieldgate Street, Whitechapel, mit großer Feierlichkeit. Der Oberrabiner hielt die Festrede. Amsterdam. Bei den letzten Wahlen sind in den hiesigen Stadtrath vier Juden neu gewählt worden. — Einer der besten Aerzte Hollands, Professor Dr. Stoikois, erhielt das Conunandeurkreuz des Ordens von Nassau-Oranien. Algier. Hier ist seit langem eingcftthrt, dass bei Gelegenheit des Nativnalfestes am 14. Juli die oberste Schulbehörde die besten Schüler jeder Anstalt durch Geschenk eines Sparcassenbuches auszeichnet. Die Antisemiten, die jetzt auch in der Schulbehörde das größte Wort führen, wollen aber den jüdischen Schülern diese Auszeichnung nicht zutheil werden lassen und kommen dabei manchmal seltsam in die Enge, wie folgender Fall lehrt: In einer Mädchenschule hatte die Vorsteherin fünf Kinder für diese Auszeichnung genannt, aber bei der Feststellung des Nationale ergab es sich, dass von diesen fünf nicht weniger als drei Jüdinnen waren. Daraufhin wandte sich die antisemitische Behörde an die Schulvorsteheriu mit dem Gesuche, ihr andere fünf Kinder zu nennen. Die Vorsteherin antwortete darauf, zwar seien die genannten fünf Schülerinnen die des Geschenkes würdigsten Kinder, da die Behörde indes noch andere Namen zu erhalten wünsche, so nenne sie diejenigen fünf Schülerinnen, die in ihren Leistungen den erstell fünf am nächsten kommen. Die Schulbehörde, sehr erfreut, prüfte die neuen fünf Namen, aber o weh! alle diese fünf sind Jüdinnen. Tableau! Algier. Die feste Haltung der Behörden hat in Algier schon merklichen Erfolg gehabt, denn die Antisemiten wagen, hierdurch eingeschüchtert, es nicht mehr, mit der gewohnten Art von Straßenkrawallen und Demonstrationen hervorzutreten. So sollte am 8. Juli eine antisemitische Riesenversannnlung im Velodrom von Mustapha stattfinden, in der alle Antisemitenführer sprechen sollten, allein die Negierung hat diese Versammlung verboten, und, ganz gegen ihre Gewohnheit, gaben sich die Antisemiten mit dieser Verfügung zufrieden. Ja sogar die Processe gegen die Führer der antisemitischen Plünderungen nehmen ungestört ihren Fortgang, während es früher versucht wurde, die Gerichte durch Demonstrationen einzuschüchtern; meistens sind die Verurtheilungeu zieinlich streng, um durch die empfindlichen Strafen die Leute von Wiederholungen der Krawalle abzuhalten. Jerusalem. Es ist nicht uninteressant, die Colonisationsversuche der christlichen Kirchen im heiligen Lande zu beobachten. So bemüht sich das Schneller'sche Waisenhaus seit vielen Jahren, eine landwirtschaftliche Ansiedlung in der Nähe von Namleh zu schaffen, der man den Namen Bir Salem gegeben hat. Obwohl dieselbe nur kleinen Umfang hat, und im Ganzen 8 Personen auf dem Gute leben, so erfordert dasselbe doch fortwährend erheblichen Zuschuss. In diesem Jahre betrug derselbe noch 5454'42 Mark, obwohl die Landwirtschaft schon ein Erträgnis von 4641/34 Mark lieferte. Im Ganzen hat Bir Salem, obwohl das Land nur gepachtet, nicht gekauft ist, schon einen Zuschuss von mehr als 100.006 Mark gekostet. Aus solchen Vergleichungen ersieht man erst, wie groß die Erfolge der jüdischen Colonien sind. Die Juden in Russland. Von Dr. E. H. Wie in allen slavischen Ländern, so fand auch in Russland im Laufe des späteren Mittelalters und in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit eine zahlreiche Ansiedelung von Juden statt, die aus den deutschen und romanischen Ländern und theilweise auch aus dem Oriente kamen, da ihre in Russland bereits ansässigen Glaubensgenossen wenigstens in leidlich guten Verhältnissen leben. Man zog sie direct zur Colonisation des gegenüber dem übrigen Europa weit zurückgebliebenen Landes heran und, abgesehen von proselyrischen Behelligungen, durch die mau sie da und dort, von Zeit zu Zeit für die griechisch-orthodoxe Kirche zu gewinnen hoffte, ließ man ihnen bedeutende Begünstigungen zutheil werden. Da wendete sich im Jahre 1842 plötzlich das Blatt. Durch die Theilnahme der Judenschaft an den revolutionären Bestrebungen in Polen, hatten sich die Inden in den maßgebenden Kreisen missliebig gemacht, und als man manche von ihnen beim Betriebe des Schmnggelhandels au den Grenzen des Reiches ertappte, da hatte man den willkommenen Anlass gefunden, nunmehr drakonische Maßregeln gegen sie in Anwendung zu bringen. Im Mai des Jahres 1842 erschien ein Ukas, der die „Grenzjuden" ins Innere des Landes verwies; am 26. September desselben Jahres ward ihnen durch einen weiteren Ukas die Pflicht zur persönlichen Leistung des Militärdienstes auferlegt, die Möglichkeit, durch eine 'Abgabe sich von demselben zu befreien, entzogen. Im Jahre 1846 verbot man ihnen das Tragen 'der Nationaltracht. Immerhin war aber das Schicksal, das unsere Glaubensgenossen in Russland seit den Tagen Nicolaus I. getroffen hatte, noch ein erträgliches zu nennen, bis unter dem Czar Alexander HI. und dessen rechter Hand, dem Ober-Procureur Pobedonoszew, jene Willküracte der russischen Verwaltung geschaffen wurden, welche die dortige Judenschaft zu massenhafter Auswanderung zwangen. Den zurückbleibenden „Hebräern" ward ein bestimmter Rayon zum Aufenthalte angewiesen, welcher nach dem Passgesetze aus dem Jahre 1890 außer den ehemaligen polnischen Gouvernements die von Kiew, Tschernigow, Cherson, Taurien und Paltawa umfasst. In den übrigen Theilen des Reiches dürfen sich Juden nur temporär aufhalten; zur Niederlassung daselbst sind nur die im Folgenden aufgezählten Kategorien berechtigt. Schon durch den Ukas pom 1./13. März 1852 war eine strenge Eintheiümg der Juden nach Berufsclassen ge- -—---;---:- ■ rschaffen worden; die Verfolgungsmaßregeln während der Regierungszeit des letzten Czaren riefest M'' folgenden Zustände hervor. Außerhalb des „Hebräerrayoii^ ^dürfen Juden nur dann ansässig sein, wenn sie;j n- 1. Kaufleute erster Gilde sind..' diesen mit einem hohen Steuersätze belegten Angehörigen der jüdischen Nationalität ist es gestattet, sich mit ihrer Familie, einem Handlungsgehilfen und vier Dienstboten mosaischer Confession im ganzen Reiche, wo es ihnen beliebt, sich niederzulassen. 2. Dieselbe Begünstigung genießen jene „Hebräer", welche die akademischen Grade eines Doctors der Medicin oder Chirurgie, und jene, welche den Doctor-, Magister- und Candidatengrad an einer der übrigen Facultäten erlangt haben. Dieselben können außer ihrer Familie zwei Dienstboten mosaischer Confession in ihrem Hause beherbergen. Für den Fall, dass sie sich unter die Kaufmannschaft zweiter Gilde anschreiben lassen, dürfen sie auch einen Handlungsgehilfen mosaischer Confession halten. 3. Den unter 2. genannten sind alle jene gleichgestellt, welche den Lehrcurs an einer der übrigen höchsten Lehranstalten des Reiches absolviert haben. War für die Begünstigung der bisher genannten Kategorien von Juden Wohlstand und Intelligenz in erster Linie maßgebend, so ist es für die folgenden nur der Beruf. Es können 4. überall im Reiche Juden leben, welche Apothekergehilfen — Inhaber einer Apotheke dürfen Hebräer nicht sein—, Zahntechniker, oder Feldscher, und jene Jüdinnen, welche Hebammen sind. 5. Desgleichen haben das Recht zum ständigen Aufenthalte im ganzen Reiche jene Angehörigen der jüdischen Nationalität, welche Mechaniker, Branntweinbrenner, Bierbrauer und Handwerker sind und diese Professionen auch ausüben; 6. endlich diejenigen Juden, welche nach dem alten Recrutengesetze in den Militärdienst eingetceten waren und aus demselben verabschiedet worden sind. Es ist selbstverständlich, oass die aufgezählten Kategorien fast ausschließlich — namentlich im nördlichen Russland in den Städten leben. Die Bestimmungen sind ungemein hart; denn alle oben nicht aufgezählten, also beispielsweise auch jene Glaubensgenossen, welche ein Studium an einer Hochschule betreiben, sind vom ständigen Aufenthalte außerhalb des Hebräerrayons ausgeschlossen^Auf dem Lande wohne» infolge dessen im nördlichen Russland mch sehr wenige Juden, zumeist als sogenannte Arrendare, als /Pächter russischer Großgrundbesitzer, welche in der Regel einn- Branntweinbrennerei betreiben. Ganz anders ist dies in Südrussland, wo es nicht nur ganze Städte gibt, die von Juden gegründet und fast ausschließlich bewohnt sind, sondern wo auch auf dem Lande unsere Glaubensgenossen in großer Zahl leben. Der Getreidehandel, der Verkehr mit dem Orient und mit dem Auslande überhaupt liegt in ihrer Hand. — u — Die Hausfrau lachte über diesen letzten Wunsch aus vollem Halse. Ah, du verfluchter Jud! Was sagt man dazu! Krank und Plappert wie ein Mühlenrad! Dann gieng sie sich die Waren anzusehen. Bei Tische blieben nur Korejba und Tomkiemicz. Sie sprachen von dem neuen Stalle, den Korejba diesen Herbst zu bauen beabsichtigte. Sie stritten ein wenig, denn Tomkiewicz rieth dem Nachbar, den Stall mit Brettern zu decken, der alte Landwirt aber war für Stroh. Wer weiß, ob er den Stall in diesem Jahr bauen werde. Es wird viel kosten, und er ist ja kein Capitalist. Er hat ein schönes Stück Erde, aber wenig Bargeld, und die Ernte schien Heuer nicht die beste; nächstes Frühjahr muß er Stefan zum Militär ausstatten. Er seufzte laut. Vor dem Herde war es laut und belebt. Das Feuer flammte stark, damit man alles besser besichtigen könne. Es war heiß wie in der Hölle, aber niemand achtete darauf. Alle waren dort an alles gewöhnt. Zwei junge Knechte, zwei Mägde und die alte Obermagd waren leise hereingeschlüpft und bildeten mit der Familie des Hausherrn eine neugierige heitere Gruppe. (Schluss folgt.) UlJ h ■■rjfm ■ ■; vA : tfi ii(> Gedaljr. Nach de« Polnischen der Elise O r z e s z k o. — Deutsch von Flora L a ir d e S b er g e r. Bei uns steht geschrieben. In der alten Stadt Jeschurum saß auf einem hohen Stuhl, in der hohen Schule, bqr große Rabb r, Moses Ben-Maimon, um ihn herum saßen tausend, vielleicht 'zehntausend seiner Jünger. Er sprach zu ihnen arabisch, griechisch, in verschiedenen Sprachen; denn er war ein solcher Mann, der kein Volk hasste, und wo er die Weisheit fand, schätzte er sie, als wäre sie jüdische Weisheit. Als er zu sprechen aufgehört, erhob sich sein bester Schüler Ben-Jhuda, und sagte: „Rabbi, ich. verstehe eine Sache in der Bibel nicht! Vielleicht wirst Du sie mir erklären?" Und was verstehst Du nicht? srug Ben Maimon. — Ben Jehuda. erwiderte: §Jch verstehe nicht, wer die Engel waren, die unseren Vorfahr Jacob geträumt haben, dass sie auf Leitern in den.Himmel stiegen und wieder auf die Erde zurückkehrten?" Ben-McMyn dachte nach und sagte: „Diese Engel sind große Männer, die immer besser und weiser werden, d. h. sich immer mehr in die Höhe heben. Es ist schwer diese Höhe zu erklimmen, aber sie fühlen die Kraft in sich, dorthin zu gehen, wo sie sehr viel gewinnen können .. 1 Mögen sie Propheten, oder Gelehrte, oder Wohlthäter der Menschen heißen, sie alle sind diese Engel die auf den Leitern in den Himmel steigen. So sprach Ben-Maimon, aber Ben-Jehuda gab sich noch/''nicht zstfrieden und frug: „Und warum gehen sie hinauf und herütsieilH Weün sie in der Höhe sein wollen, warum bleiben sie nicht dort, und gehen wieder zurück auf die Erde?" Ben-Maimon schüttelte das weiße Hauvt, wie ein Löwe seine Mähne, und sagte: „Wenn sie in der Höhe bleiben, und nicht mehr auf die Erde zurückkehrten, so^ wären sie keine Engel! Sie aber, nehmen oben sehr viel Süßigkeit unv'Licht zusammen und säen diese Schätze dann auf der Erde. Und wö/'sie säen, dort wächst ein besseres Getreide, es entsteht kein Streit, hntzmkische Ruhe herrscht, .1!'