Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1899-07-28 · 24 (28.7.1899) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
24 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2432764-2432788--0219-2433741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 24 Wien, Freilag Jüdisches Volksblatt 28. Juli 1890 Seite 9 Verweilen wir hier und nehmen wir nun von hier den weiteren Ausgangspunkt an. Das Deficit des Jahres 1895 betrug also fl. 56.982, wahrend das Vermögen der Gemeinde zur selben Zeit sich buchhalterisch auf nur fl. 40.970 belief. Buchhalterisch deshalb, weil in dieser Summe einerseits eine vermeintliche, im nächsten Jahre auch ausgeschiedene Activpost von fl. 7.988, anderseits circa fl. 15.000, „vorderhand" nicht realisierbare Darlehen an verschiedene jüdische Vereine" als Activa enthalten waren. Doch soll von diesen, übrigens ja auch ganz unbeträchtlichen Facten ganz und gar abgesehen sein. Vielmehr soll und muss als wesentlichstes Moment vorerst die Frage aufgeworfen werden : W i e h a t die Cnltusgenieinde dieses Deficit gedeckt? Auf diese Frage gibt das allgemein zugängliche Quellenmaterial keine Antwort. Man muss sich dieselbe mühsam ans einem höchst ungenügenden Ziffermaterial zusammenrechnen, und wenn sie demgemäß falsch ausgefüllt und nur Anlass zu neuerlich falschen Schlüssen gibt, so möge der Cultnsvorstand darin eine ernste Mahnung finden, endlich mit dem System der abgeschmacktesten Bevormundung und Geheimniskrämerei zu brechen. Ein Gebar ungs deficit kann überhaupt gedeckt werden : Entweder durch Abschreibung vom V e r m ö g e n oder durch Aufnahme einer schwebenden Schuld oder durch Vortrag ans das neue Jahr. Hier muss vor allem die Frage in Betracht gezogen werden, ob die Cultusgemeinde ihr Deficit durch Vortrag weitergeschleppt hat oder nicht. Ans folgenden Gründen. Betrachten wir die Ergebnisse seit 1895. Sie lauten: Ueb erschoss Deficit 1895 . — fl. 50.082 1890 . — „ 30.288 1897 .fl. 16.500 — 1898 . — „ 40.210 Wer sich nun über die Vermögenslage der Gemeinde orientieren will, muss sich sofort fragen: Ist in dem Deficit z. B. des Jahres 1896 das des Jahres 1895 enthalten und so tu jeder» dieser Jahre? Denn, Wenn bem so ist, dann betrug zu Ende des Jahres 1898 das gesammte Deficit der Gemeinde bloß fl. 40.210. Wenn aber dem nicht so ist, wenn diese Deficite nur immer die Gebarungsabgänge jedes einzelnen Jahres darstellen, daun muss in der G e s a m m t g e b a r u n g der Gemeinde eine Unterbilanz von nicht unbeträchtlicher Höhe vorhanden lein. Ueber diese, doch sicherlich höchst wichtige Fragen schweigt sich die Rechnungslegung der Gemeinde gründlich ans. Wer aber auf Grund des von der Gemeinde herausgegebenen Materials darüber ins Reine kommen will, der gelangt mit dem höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit zu dem Schluffe, dass diese Deficite thatsächlich nur die Gebarungsabgänge der einzelnen Jahre darstellen, dass also demgemäß die Cultusgemeinde mit einer U n t e r b i l a n z arbeitet. Ueber Rabbinerseminare. Das Judenthum der Jetztzeit zeichnet sich im Gegensätze zu dem Judenthnme der Vergangenheit, welches neben seinem zeitweiligen Anlehnungsbedürfuisse an seine andersgläubige Umg ebung doch durch mancherlei originelle Schöpfungen, nicht zum wenigsten durch seine Religion, seine Daseinsberechtigung aufs eindringlichste vor aller Welt docnmentierte, durch eine einzigartige — Unoriginalitäl aus. Zwar kann es in gewisser Hinsicht als ein Vorzug des Judenthums betrachtet werden, dass es sich nicht halsstarrig gleichsam mit einer chinesischen Mauer umgeben, dass es vielmehr das Gute dort uahnr, tuo immer es zu finden war; aber oftmals war es nicht sowohl der Tiefgehalt dieser neuen Ideen, welchen es bei sich Eingang verschaffte, als vielmehr das Blendende und Schimmernde derselben, was seine fascinierende Wirkung auf das Judenthnm ausübte, es in seinen Bannkreis zog in dem Maße, dass es ungerecht in der Beurtheilung seiner eigenen Einrichtungen wurde, das Alte und Bewährte mit dem Schlechten und Unhaltbaren verwarf, weil es sich jenem neuen Jdeenkreise nicht einfügen wollte. Diese Thatsache wird der aus Schritt und Tritt bestätigt finden, ivelcher unsere heutigen religiösen Institutionen einer genaueren Prüfung ihrer Provenienz nach unterzieht. So kann es uns nicht Wunder nehmen, wenn auch jene Anstalten, die zur Heranbildung für Rabbiner bestimmt sind, ihre Gründung keineswegs einem tiefgefühlten Bedürfnisse der Judenheit zu verdanken haben, als vielmehr der Sucht, es hierin den anderen gleichzuthun. Schott der Name Seminar — wobei freilich Name und Begriff sich nicht vollständig decken — deutet in nicht misszuverstehender Weise ans seinen Ursprung hin, und selbst dort, wo man diesen Namen in „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" oder in „israelitisch theologische Lehranstalt" umwandelte, wollte man weniger denjenigen ein Zugeständnis machen, welchen dieser ominöse Titel als der Inbegriff alles specifisch Unjüdischen erschien, als denen, welche mit diesem Worte unwillkürlich eine schablonenmäßige Abrichtnng des Verstandes und Gemüthes verbanden. Sv schon in seiner Entstehung eine Art Zwitterding, hat das Seminar sich auch im Laufe der Jahre seine Position nicht zu festigen verstanden, Beweis hierfür schon der Umstand, dass z. B. die Wiener Judenheit von der Existenz eines Seminars in ihrer Mitte lange Zeit keine Ahnung hatte und erst burd) eine Reihe von Schmähartikeln, welche die verletzte Ehrliebe dem Redacteur eines jüdischen Wiener Blattes in die Feder dictierte, auf das Vorhandensein eines solchen aufmerksam gemacht wurde. Fragen wir uns nun, inwiefern der Zweck einer solchen Anstalt, Rabbiner heranzubilden — wir haben dabei speciell das Wiener Seminar im Auge — erreicht wird, so dürfte die Antwort hierauf sehr problematisch anssallen. Der Anstalt, welche durch die bekannte Munificenz der Wiener Größen in derlei Dingen eine gesicherte, materielle Unterlage erhalten — nur schade, dass diese zumeist ihren Professoren, wie dem Secretär (dessen Daseinsberechtigung niemandem so recht einleuchtcn will) zugute kommt — gebricht es zunächst an einem einheitlichen Hörermaterial. Das Gros derselben setzt sich nämlich aus Galizianern zusanmlen, die in den meisten Fällen mit so genügenden talmudischen Vorkenntnissen in das Seminar eintreten, dass sie einer Ergänzung derselben fast nicht bedürfen; es wäre denn, dass sie hier die in ihrer Heimat übliche Dialcctik und Pilpnlistik ein wenig abstreifcn lernen und sich eine mehr sach- und sinngemäße Behandlung des Talmud aneigien. Ihnen gegenüber steht eine Minorität von Hörern aus Mähren und Böhmen, welche (mit seltenen Ausnahmen) nur geringe jüdische Kenntnisse mitbringt, die sie aber, von den gleichzeitigen philosophischen Studien an der Universität zur Erlangung des Doctorgrades in Anspruch genommen, nicht gehörig zu ergänzen imstande ist. — Man wird dem vielleicht entgegenhalten, dass es doch noch andere Disciplinen außer dem Talmud geben müsse, welche zur Ausbildung eines künftigen Rabbiners herangezogen werden. Nun, das ist es eben, was speciell das Wiener Seminar von anderen gleicher Haltung in sehr fragwürdiger Weise auszeichnet. Es mag immerhin seine gewisse Berechtigung haben, dem Talinud als Hauptgegcnstand den breitesten Raum im Studienplan znzuweisen, aber was schwerlich von allen Seiten gebilligt werden kann, ist, dass der Homiletik, sowie der Pflege des Midrasch, beide Hanpterfordernisse eines jeden Rabbiners, eine ganz besonders stiefmütterliche Behandlung zntheil wird, wahrend andererseits die subtilsten Einzelheiten, die irgend ein obscnrer Forscher ans geschichtlichem Gebiete zutage fördert, die eingehendste Würdigung erfahren, wie es ebensowenig gntgeheißen zu werden vermag, wenn statt einer einfachen Bibelexegese oder gesnndcik Erklärung der Religionsphilosophie sich eine auf das Minutiöseste eingehende philosophische Kritik breit macht, mit Heranziehung aller möglichen Sprachen, die mit dem Verständnis des Gegenstandes selbst absolut nichts gemein hat. Das mag vielleicht für den einen oder den anderen Hörer von besonderem Interesse sein, aber dann darf es nicht als ein obligates Colleg abgehalten werden, noch viel weniger zum Gegenstände einer eingehenden Prüfung in einer Weise gemacht werden, als ob von dem Bestehen derselben die Erlangung einer. Geschichtsprofessur, bezw. einer Lehrkanzel für orientalische Sprachen abhängen würde. Wenn ans solche Weise das Seminar seine Hörer nicht mit dem nöthigen rabbinischen Wissen ausstattet, so erzieht es diese dafür durch die Art der Verabreichung seiner nicht allzu reichlichen materiellen Unterstützungen zu kriecherischen, unterwürfigen Naturen, untergräbt systematisch jedes auf wahren, inneren Wert basierende Standesbewusstsein, jede Vornehmheit der Gesinnung, jede Festigkeit des Charakters, Eigenschaften, die heute mehr denn je einen Rabbiner zieren sollten, und leistet somit auch nach dieser Richtung bin nicht das, was man sich ursprünglich von ihm versprochen hatte. Berücksichtigen wir endlich seine von Jahr zu Jahr abnehmende Frequenz, eine Erscheinung, die nicht als letzte Ursache die kümmerlichen Aussichten nach beendigtem langjährigem, mühevollem Studium anfweisen kann, so müssen wir zu dem Schlüsse kommen, dass das Seminar — wenn anders es noch eine Existenzberechtigung beansprucht — im besten Falle als Stätte für die Pflege der jüdischen Wissenschaft dienen könnte, woselbst ein jederWissensdurstigeohue Unterschied Zutritt haben sollte, Universitätshörer jeder Gattung sich eingehend Belehrung und Aufklärung auf den verschiedensten Gebieten jüdischen Denkens verschaffen könnten, eine Institution, die namentlich bei der heutigen jüdisch-nationalen Strömung, ins richtige Fahrwasser gebracht, sicherlich prosperieren würde. — Was aber dann als Bildungsstätte für den künftigen Rabbiner zu gelten hätte? Im gewissen Sinne keine. Der eine oder der andere, welcher vermöge seiner jüdischen Vorbildung, die unschwer während der Gymnasialzeit zu erlangen ist, wie infolge seiner sonstigen Anlagen den inneren Drang in sich verspürt, diesem ernsten Beruf sich zu widmen, der möge immerhin das Seminar frei besuchen, aber auch außerhalb desselben einem anhaltenden Talmudwie Midraschstudium obliegen, wobei ihm imurer noch soviel Zeit abfalleu wird, sich durch Lectüre und durch Besuch bestimmter Vorlesungen an der Universität ohne ausgesprochene Endabsicht den nöthigen Grad allgemeinen Wissens anzueignen, worauf er sich nach Ablauf einer Reihe von Jahren einer Rabbinerprüfnng vor einer ad hoc zusammengesetzten Prüfungscommission, nach Art der Staatsprüfungen, zu unterziehen hätte. Die zahlreich vorhandenen Bethausvereine, wie sie jede Großstadt aufzuweiseu vermag, bieten ihm reichlich Gelegenheit, sein Rednertalent ausznbilden. — Und das Doctorat der Philosophie? Dies wäre freilich ein Factor, welcher bei dem Rigorosmus unserer heutigen Cultusvorstände, gemäß dem sie gleichsam als conditio sine qua non bei Ausschreibungen von Rabbinerstelleu vor allem den Nachweis des rechtmäßig erlangten Doctortitels verlangen, allerdings jeden Neformvorschlag in Bezug auf einen anderen als bisherigen Bildungsgang eines Rabbiners illusorisch machen müsste. Indes muss zugegeben werden, dass dieser jedweder zwingenden Nothwendigkeit entbehrende Brauch —bei der Behörde genügt bekanntlich der bloße Nachweis der bestandenen Matura — zum großen Theil auch in der Eitelkeit der bereits im Amte befindlichen Rabbiner seine Begründung findet, welche fast eine Beleidigung darin erblicken, mit dem einst die höchste Auszeichnung im Judenthnm repräsentierenden Titel „Rabbiner" angesprochen zu werden, und einzig und allein das Prädicat „Herr Doctvr". ---- vielleicht im unbewussten Gefühl ihrer Unzulänglichkeit als Rabbiner — als ihrer würdige und geziemende Anrede gelten lassen wollen. Das Judentum hat sich bisher genug in leeren Aeußerlichkeiten bewegt, dass es endlich einmal beginnen , sollte, sich zu verinnerlichen. Und so nüchtern und praktisch unsere Zeit auch angelegt sein mag, so sehr auch der Verband in ihr die Oberherrschaft zu führen scheint, so gibt es doch mitunter Momente, wo auch Herz und Gemüth die ihnen gebürenden Rechte beanspruchen. Und darum wird auch die Religion die dominierende Rolle behalten, die sie seit Jahrtausenden inne hat. In der Hand des Rabbiners liegt cs nun, ihr wieder einen Ehrenplatz im Herzen der Menschen zu erobern; damit er dies aber imstande sei, muss sein Bildungsgang ein anderer tvie der bisherige werden, auf dem Ehrlichkeit in der Gesinnung. Festigkeit in der Ueberzeugung, gepaart mit gediegenem jüdischen Wissen zu erlangen ist. Fines. Inland. Wien. (Clericale Geschäfte), lieber den Verdacht, die Geschäfte der Clericalen zu besorgen, sind wir wohl erhaben: sollten jedoch diese Zeilen die nicht beabsichtigte Wirkung einer Rcclame und eine ungeahnte Weiterverbreitnng des besprochenen Werkes zur Folge haben, so mögen uns die betheiligteu Kreise dies verzeihen, aber warum sollten denn wir an einem freudigen Ereignisse nicht theiluchmen? Wie ein von der Geschäftsstelle des Illustrierten Kloster-Schematismus herausgegebenes Reclameblatt ineldet, geht das 19. Jahrhundert zu Ende. Das ist nun nicht ganz neu, neu dagegen ist die Idee, den Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Herausgabe eines Kloster-Schematismus zu feiern, eines Adressbuches, welches die in Oesterreich-Ungarn, Bosnien, Deutschland und der Schweiz befindlichen Klöster, Ordenshäuser, Pensiouate, Missionshäuser sowohl ihrer Zusammengehörigkeit als auch ihrer Thätigkeit nach geordnet bekanntgibt. Offenbar entspricht die Herausgabe dieses Werkes einem tiefgefühlten Bedürfnisse, da dasselbe zur richtigen Wertschätzung des klösterlichen Einflusses auf unser Culturleben beitragen soll, oder wie die Schrift besagt: „Wir wollen damit dem Leser die richtige Anschauung beibringen von der Bedeutung und von dem Antheile, welchen unsere klösterlichen Institute an der culturellen Entwicklung der Nationen genommen haben. Wir wollen zeigen, wie in der katholischen Kirche Christus lebt und wie er noch immer Tausende und Tausende ehrlvürdige Männer und Frauen zu sich zieht, welche .... ohne jeden irdischen Lohn ihr Leben nur dem Wvhle ihrer Mitmenschen aufopferu". Wie es scheint, schließt sich diesem löblichen Thun die Geschäftsstelle selbst nicht an, da sie für das Büchlein 8 fl. verlangt. Mit diesem, wie wir glauben, ziemlich irdischen Lohn begnügt sie sich jedoch nicht, sondern lädt auch die Geschäftswelt zur Insertion ein, denn wie sie sagt, eine so günstige Gelegenheit, um ein Inserat in die Kreise des hohen Adels und C l e r u s, sowie in k l ö st e r l i ch e Institute, an S p i t a l l e i t u n g e n rc zu bringen, kommt nicht wieder. Es ist wirklich erfreulich dass sich der Clerus mit dem hohen Adel identificiert, und der Wink mit dem Zannpfahl ist recht verständlich. In Deutschland und der Schweiz scheint aber der clericale Weizen doch nicht so recht zu blühen, denn dort sind die Geschäftsstellen aufgehoben — nur in Oesterreich scheint es den Herren nothwendig, sich noch bekannter zu machen, als ob man ihren Geschäftsgeist nicht schon zur Genüge kennen würde. Wien. („Habt ihr denn keine F ä u st e?") Der bekannte Pater Abel, der durch seine wüsten Hetzereien gegen die Juden, durch seine Schimpfereien von der Kanzel herab genügend berüchtigt ist, erinnerte in seiner letzten Einleitungspredigt in der Augustinerkirche an die jüngste Arbeiterpromenade auf der Ringstraße. Trotz strömenden Regens seien die Arbeiter massenweise auf Commando aufgezogen und wie begossene Pudel nach Hause gekommen. „Es galt ja eine Demonstration zu machen; dasselbe müßt Ihr thun, christliche Männer, Ihr müßt auch demonstrieren, Ihr dürft nicht so furchtsam und zaghaft sein. Habt Ihr denn keine Fäuste. Bei der Gemeinheit, welche jetzt vorherrschend ist, kann es ja leicht geschehen, dass man zur Abwehr von Fäusten Gebrauch machen muss. Ich sage dies absichtlich. Es kann ja geschehen, dass dreißig bis vierzig Kerle auf mich eindringen und mich tüchtig „durchplesckien" (Gelächter), aber ich werde die Schläge quittieren und ebenfalls mit der Faust dreinhauen" .... Der würdige Priester scheint seinen Zuhörern auch in der Kirche die Vergnügungen eines Theaters bieten zu wollen, reizt aber gleichzeitig die Leute zu Gewalthätigkeiten und Nächstenhass auf. Wien. (Hofrath Eduard Straß er.) Mit einem getauften Juden müssen wir uns heute in wenigen Zeilen au dieser Stelle befassen, nicht wegen der Bedeutung seiner Person, sondern weil sein Lebensweg in gewissem Sinne typisch ist für die Stellung der Juden in Oesterreich, besonders aber für diejenigen unter ihnen, die in diesem Staate der „Gleichberechtigung aller Confessioneu" sich dem Dienste des Staates widmen wollen. Diese Woche starb in Baden bei Wien plötzlich der pensionierte Hofrath der Czernowitzer Statthalterei, Herr Eduard Straß er. Er war als Jude geboren, und seine Laufbahn ist in mannigfacher Hinsicht bemerkenswert. Er war der erste Jude, der sich in Oesterreich dem politischen Dienste widmete. Sein Schritt erregte begreiflicherweise unter seinen Glaubensgenossen großes Aufsehen, aber auch eine gewisse Bestürzung, da er einer frommen Familie entstammte und man allgemein seinen Eintritt in den Staatsdienst mit dem Uebergange zur katholischen Kirche für gleichbedeutend hielt. Umso größer war die Verwunderung, als Straßer erklärte, dass er absolut nicht dieAbs i ch t habe, a u s d e in I u d e n t h u m auszutreten. Wirklich avancierte er als ausgezeichneter Jurist und außerordentlich brauchbarer Verwaltungsbeamter trotz seiner Zugehörigkeit zum Judenthnm mit einer überraschenden Schnelligkeit, bis zum Range eines Bezirkscommissärs. Ein Bezirkscvmmissär steht im Range einem Hauptmanne. gleich. Von da an aber trat eine Panse ein — Straßer wartete so lange, bis er eiusah, dass es ohne Taufe überhaupt nicht weitergehen werde. Da vollzog er seinen Uebertritt zum Protestantismus und erstieg nach unb nach alle Stufen der Beamtenhierarchie bis hart an die oberste Grenze. Dort aber Mm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.