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Jüdisches Volksblatt · 1899-07-28 · 24 (28.7.1899) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
24 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt L’S. Juli 1809 Nr. 24 zu verkörpern begann: von da ab wird die Spaltung immer größer und deutlicher. Die ersten Bemühungen, Palästina zu „erobern", sind weder den russischen „Bilöinisten" noch den rumänischen „Jirehuw"ianern gelungen. Man sah sich in beiden Ländern getäuscht und eine Art von Verzweiflung und Eutmuthigung ist über das jüdische Volk gekommen. In Rumänien war die ganze Bewegung während einer geivissen Zeit eingeschlafen, und in Russland ist sie fast zu einer Wohlthätigkeitsinstitution geworden. Der Baron E. Rothschild aus Paris hat die rumänischen Emigranten in Palästina colonisiert. Auch die russischen Inden haben Colonisationsversuche gemacht, da von der russischen Negierung gestattet wurde, dass zu diesem Zwecke ein Verein in Odessa sich bilde. Man freute sich mit jedem kleinsten Schritt nach dieser Richtung, doch die große Volksbewegung Härte nach und nach auf. Dem Volke ist nun die ganze Sache mehr oder weniger gleichgiltig geworden. In Rumänien hat die „Ienima" (Die Jugend) wieder die Assimilation bis zu deren äußersten Grenzen gepredigt und in Russland haben zwar die ..Chowewe Zion“ noch agitiert, aber selbst derjenige, der diesem Zwecke seinen Beitrag geleistet, hat es einfach als „Almosen" gethan. Und durch Almosen kann kein Volk hergestellt werden . . . Trotz alledem kann man dennocht aus zwei p o l itische Erfolge Hinweisen, welche die Bewegung speciell in Russland, unserem Volke gebracht hat, und zwar von beiden oberwähnten Lagern: Die Belebung der hebräischen Sprache einerseits und die Verbreitung der jüdisch-nationalen Idee andererseits. Die in hebräischer Sprache schreibenden Schriftsteller haben die ganze Bewegung mit den drei Ausgaben gekennzeichnet: Wiederaufleben des V o l k e s, des Landes unb der Sprache. Die ersten zwei Ausgaben zur Lösung zu bringen, liegt wohl nicht in ihrer Hand; dagegen haben sie die Macht, die Sprache wieder zum Äufleben zu bringen. Und wirklich ist in dieser Beziehung vieles geschehen/ Große Unternehmungen, Redactionen und Verlagsgesellschaften haben sich dort — und nicht ohne Erfolg — gebildet, Bücher, Werke, Broschüren, Originalarbeiten oder Uebersetzungen wurden und werden herausgegeben und mit anerkennender Bewunderung sehen wir, was dort alles geschaffen wurde. Abgesehen von zwei hebräischen Tagesblättern („Hamelitz" in Petersburg und „Hazfira" in Warschau) und von zwei großen Verlagsgesellschasten (Achiasaf und Tuschujah), welche Riesenarbeiten in hebräischer Sprache zum Erscheinen gebracht haben, haben sich auch verschiedene Privatverleger und kleinere Redaclionen gebildet, nicht minder hat sich auch das Lesepublicum vermehrt. In Palästina selbst wird die hebräische Sprache in den Schulen der Colonien bereits als Unterrichtssprache verwendet. Ja, noch mehr, die Zöglinge derselben benützen sogar schon die hebräische Sprache auch außerhalb der Schule als Umgangs-, als „Muttersprache" unter einander. Und die russischen Studenten verbreiten die jüdischnationale Idee in allen Universitäten Europas sowohl, als auch in den anderen Welttheilen, wo immer sie ihren Studien obliegen. In Berlin, Wien, Zürich etc. gründen sie überall Vereine, sinden sie neue Anhänger unter ihren Collegen und finden sich auch neue Männer von mächtigem Einfluss, welche sich später an die Spitze stellen. (Schluss folgt.) Vom Tage. Zum Mädchenmord in Polna brachten die gestrigen Abendblätter folgende Notiz: Aus Kuttenberg kommt uns eine Meldung zu, welche über die Verschiebung der Verhandlung gegen Hülsner Aufklärung gibt. Im Gasthause des Wenzel Machaczek in Kolm äußerte sich uänitich ein junger Mensch, der eben in einer Zeitung von der Ausforschung und Verhaftung des mitverdächtigten Berthold Fried las, er habe vor einigen Tagen mit diesem Fried gesprochen und derselbe habe ihm über den Mord an Agnes H r u; a wichtige Mittheilungen gemacht. Der junge Mensch — ist dies der 10jährige Handlungslehrling Otto Luftig — wurde zum Polizeiamte gebrächt, wo er seine Behauptung wiederholte und beifügte : „Da ich Jude bin, sind meine Angaben besonders wichtig." Daraufhin wurde L u st i g verhaftet und zuerst dem Bezirksgerichte Kolm, dann dem Kuttenberger Kreisgerichle eingeliefert. Hierdurch ist eine Ergänzung der Untersuchung eingetreten, welche den Aufschub der Verhandlung nothwendig machte. Unsere uralte/ Großmütter haben nicht mit Geld sich ihren Gefährten /-.laust, und unsere uralten Großväter haben nicht durch Heirat reich zu iverden getrachtet. In den Weingärten herrscht eitel Lust und Fröhlichkeit. Die Priester bestellen den Wein für den Tempel, die Kriegsobersten für das Militär, die Weinbauer und mit ihnen das gesammte Volk freuen sich der guten Lese. Die Jugend aber tanzt zum Gesang und singt zum Tanz, aller drückenden Wert'tagssorgen ledig, glücklich im Vollgenusse des schönen Tages, fröhlich sich beugend dem Gebote der Liebe. Das war der fünfzehnte Ab in Jerusalem, das war der herrlichste Feiertag, das schönste Volksfest, das je ein Volk gefeiert. Im Exil haben wir es vergessen. Kein Andenken ist uns geblieben, nicht im Hause und nicht in der Synagoge, und nur die schriftliche Tradition erzählt uns roehmüthig von dem Glanz des Festes der Liebe. linden A. Brandes. Angesichts dieser neuen Umstünde halten wir es nunmehr für ailgezeigt, nachstehenden Brief, den wir bereits seit 28. Mai in Händen haben, zn veröffentlichen: Sehr geehrter Herr R e d a c t e u r! Sie erweisen der gesummten, im besonderen der Polnaer Judenschaft eine Wohlthat, wenn Sie folgende Thatsachen an maßgebender Stelle Vorbringen: Wie bekannt, wurde als des Mordes verdächtig, der an der Näherin Agnes Hruza verübt wurde, der Jude Leopold Hülsner festgenominen und befindet sich bis her in Hast. Seine Verdächtigung gründet sich aus die lügenhaften Aussagen einiger Zeugen. Einen greifbaren Beweis hat man bis allher nicht. Wie weit das antisemitische Gesindel in seinen gewissenlosen Verleumdungen geht, beweisen folgende Zeugenaussagen: Einige seiner Freunde (Christen) wollen am Tage des Mordes zur kritischen Stunde mit Hülsner im Walde gewesen sein. Als sie sich anschickten zurückzukehren, hätte sich Hülsner geweigert es zu thun, und sei im Walde zurückgeblieben. Ein anderer Zeuge behauptet, Hülsner wäre (ebenfalls zur kritischen Stunde!), dem Mädchen nachgefolgt, als sie in ihr Heimatsdorf gieng. Das Mädchen Agnes Hruza hätte sich nun an ihn (den Zeugen) mit der Bitte gewendet, er möge sie von den Belästigungen Hülsners befreien. Ein dritter Zeuge gibt an, er habe Hülsner zur selben Stunde in Begleitung zweier fremder Juden an seinem Hause vorübergehen sehen. Die drei Orte nun, wo ihn die Zengen zu gleicher Zeit gesehen haben wollen, liegen ziemlich weit voneinander entfernt: Wie kann Hülsner sich also zur selben Zeit an jedem der Orte befinden??!! Wie kann er das einemal allein, das anderemal in Begleitung zweier fremder Inden gesehen worden sein und schließlich zur selben Zeit mit seinen Freunden sich im Walde befinden??!! — Eine noch crassere Beleuchtung dürfte die Schurkerei der hiesigen Antisemiten durch die Aussage einer Lehrersgattin, namens Müller, erfahren. Dieselbe gibt an, Hülsner am Tage des Mordes am Polnaer Hauptplatze mit einem circa 50 Centimeter langen und breiten Messer gesehen zu haben! Und das am helllichten Tage h! Dabei kennt ihn die Lehrerin gar nicht! — Das Hetzen der verschiedenen czechischen Blätter im Verein mit dem Gebrüll der hiesigen antisemitischen Bürger hat bewirkt, dass die Nachforschungen nach dem Mörder ganz einseitig geführt werden. — Schwerer Verdacht, und nicht unbegründeter, lastet auf dem Bruder der Ermordeten, Johann H r u z a. Er ist Maurer. Am Thatorte wurde ein Maurerschürzenzipfel gefunden, in dem das blutige Messer abgewischt worden war. Am Begräbnisse der Schwester trug Johann Hruza die rechte Hand in der Hosentasche und reichte allen, die ihn condolierten, die linke!! Die rechte war mit schweren Kratzwunden bedeckt. Hruza erklärte, er hätte sich das beim Aufsuchen des Leichnams seiner Schwester zugezogen, als er durch das Gebüsch schlüpfte. Die Kratzwunden an den Händen der Ermordeten beweisen, dass sie ihrem Mörder heftige Gegenwehr geleistet haben muss. An Hülsner wurde auch nicht ein Ritz auf der Haut bemerkt! Schließlich, und das ist das wichtigste Verdachtsmoment: hat Johann Hruza durch zwei Jahre mit seiner Schwester nicht verkehrt. Er hätte ihr 1000 fl. als Erbtheil des Vaters auszahlen sollen! Ein Lustmord liegt nicht vor! Seine Tante war am Tage des Mordes etwa um eine Stunde früher als ihre Nichte, Agnes H r u z a, denselben Weg von Polna nach Veönic, ihrem Heimatsdorfe gegangen. Sie sah am Rande des Waldes Brezina einen Mann Bäumchen abschneiden. Auf ihre Frage, wozu er das thue, sagte er, er wolle sich einen Peitschenstock machen. Würde nun das Weib sich mit einem fremden Manne im Walde in ein Gespräch einlassen?! Hülsner wurde am Tage seiner Festnahme der Tante Hruzas vorgeführt. Sie sagte, das sei er nicht, der die Bäumchen geschnitten habe. Nun behauptet sie beim Kreigerichte in Kuttenberg das Gegentheil, weigert sich aber, es zu beschwören! Sie sei zu alt, um zu schwören!! Als Beweis gegen Hülsner spielt ein Knüttel mit eingekerbtem H eine Rolle. Abgesehen davon, dass der Knüttel erst einige Tage später gefunden wurde, also auch hingelegt worden sein kann, um den Verdacht auf Hülsner zu lenken, kann das 11 doch ebenso H r u z a wie Hülsner heißen!! In den deutschen Dörfern der Umgebung Polnas wird allgemein Hruza verdächtigt. Einige Tage nach dem Tode der Schwester kaufte Hruza ein Bauernhaus. Ich weiß, dass der Verdacht zu persönlich ist, aber ist es recht, dass H r u z a, auf dem so schwere Verdachtsgründe lasten, frei herumgeht, während H ü l s n e r, dessen einziger Verdachtsgrund der ist, dass er nicht sein Alibi Nachweisen kann, schon 2 Monate im Gefängnisse sich befindet? Von Verdachtsmomenten Hruzas hat das Gericht schon lange Kenntnis, geschehen gegen ihn ist bisher nichts. Hruza ist ein Verwandter I a n d a s, der festgenommen wurde, sich aber wieder auf freiem Fuße befindet. Bekanntlich hat man bei ihm Blutspuren auf den Kleidern gesunden. Und im Delirium rief I a n d a oft den Namen Johann!! — Ich bitte Sie nochmals, sich der Sache anzunehmen, um die Erfinder der niederträchtigen Lüge vom Ritualmorde zu überführen. Es handelt sich um die Ehre des ganzen Judenvolkes und um die Befreiung eines Unschuldigen. Hochachtungsvoll (Der Name ist der Redaction bekannt.) 1'. 8). Ich lege eine Karte mit der Abbildung der Familie H r u z a bei. Welchen Zweck diese verfolgt, liegt auf der Hand. Der Inhalt dieses Briefes zeigt, dass in Polna noch andere Meinungen über den Mädchenmord verbreitet sind, als die bisher geltenden. Es wäre angezeigt, wenn die Kutte nberger Behörden anch nach dieser Richtung hin eifrigst recherchieren wollten. * * * Die k. k. ausschließlich privilegierte Liinderbttttk führt den Titel anscheinend mit Recht. Sie scheint wirklich das Privilegium zn haben, sich eigene Gesetze bestellen und abündern zn dürfen — wenn schon nicht für ganz Oesterreich, so doch für Galizien. Sie legt nunmehr die letzte Hand an ihr Werk in Boryslaw, dem Verderben, das sie den armen Menschen dort oben gebracht, fügt sie noch den Spott des übermnthlgen Siegers hinzu. Hunderte von Menschen hat die Länderbank durch die Bestimmung der Bergpolizeioorschriften rücksichtlich der Schacht- und Grenzentfernnng von 60 und 60 Meter brotlos gemacht, trotzdem ihre eigene Grube auf Gruppe I kaum 22 Meter von der Grenze entfernt ist. Aber die Gesetze, die „zum Schutze des Lebens und der Sicherheit der Arbeiter" erlassen wurden, werden offenbar durch das Privilegium der Länderbank außer Kraft gesetzt. Denn dieser Tage hat, wie wir ans authentischer Quelle erfahren, die Länderbank ein Gesuch des Juhaltes überreicht, es möge für ihre Grube auf der Gruppe I, die der gesetzlichen B e st i m m u n g auf 60 Meter G r e u z e u t f e r u u n g nicht entspricht, die W e i t e r f ü h r n u g des Betriebes gestattet w e r d e n. Gleichzeitig hat d i e L ä n d e r b a u k noch einen z w e i t e u Schacht angelegt, der gleichfalls der gesetzlichen B est i m nt u it g nicht entsprich t. Das sind die Vorschriften zum Schutze des Lebens und der Sicherheit der Grubenarbeiter. Vae victis! Die Finanzen der Wiener jüdischen Gemeinde. (Von e i n e m M i t g l i e d e der S ch ä tz u n g s - C o m m i s s i o tu) IV. Das Quellenmaterial, auf das sich meine nachfolgenden Ausführungen stützen, ist: 1. Der im October 1896 erschienene Bericht des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien über seine Thätigkeit in der Periode 1890—1896. 2. Dr. Blochs „O e st e r r e i ch i s ch e Wochenschrift" Nr. 19, Jahrgang XIV, vom 7. Mai 1897. 6. Der im November 1898 erschienene T h ä t i g k e i t sbericht des Vor st an des über die Periode 1896—1897. 4. Dr. B l o ch s „O e st e r r e i ch i s ch e Wochenschrift" Nr. 20, Jahrgang XVI, vom 19. Mai 1899. Bevor ich in meiner Entwicklung weiter fortschreite, sei als Curiosum erwähnt, dass keine einzige dieser Quellen einen, auch noch so unvollständigen, Vermögensausweis enthält. Ja, bis zum Jahre 1898 wurden in der „Oesterreichischeu Wochenschrift" nicht einmal die vollständigen Gebarungsausweise veröffentlicht, sondern lediglich einige Ergebuisziffern, denen eine Unmasse von meist überflüssigen, weil unvollständigen und unverständlichen Zahlen folgte. Kein Wunder, dass man auf Grund solcher Ausweise zn den kühnsten Schlüssen gelangen kann! Zum besseren Verständnis muss ich bis auf das Jahr 1890 zurückgreifen und kurz die Ergebnisse bis 1895 wiedergeben. Am 61. December 1899 beliefen sich die Schulden der Cultusgemeinde *) auf.fl. 505.582, darunter schwebende Schulden als Deckung der Deficite 1888—1889 .„ 188.691, welchem Bedarfs ein mobiles Activum von „ 260 gegenüberstand. Am 12. März 1890 beschloss der Cultusvorstand, die Conversion dieser Schulden durch die Aufnahme eines Hypothekar-Anlehens bei der Bodencredit-Anstalt in der Höhe von.fl. 450.000 gegen 5°/0tge unkündbare Zins- und Amortisationsraten, zahlbar durch 50 Jahre in halbjährigen Decursivraten. Seit dieser Conversion bewegt sich die Gebarung der Cultusgemeinde bis zum Jahre 1895 innerhalb folgender Ziffern: Ueberschuss Deficit 1890 .fl. 2.659 **) — 1891 .„ 42.960 — Im Jahre 1892 erfolgte zilfolge Auftrages der Statthalterei in Ausführung des Gesetzes vom 2 t. März 1890, betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft, die Bereinigung der Bororte- Cultusgemeinden mit der Alt-Wiener zu einer einzigen Gemeinde. Die Finanzlage der Großgemeinde verschlimmerte sich von nun ab rapid. Die Gebarung weist ans: Ueberschuss Deficit 1892 .fl. 26.846 — 1896 .. 2.896 — 1894 .. — fl. 1.426 1895 .. — „ 56.062 *) Laut Quelle I . **) Buchhalterisch betrug der Ueberschuss fl. 11-672, doch konnte in die Bilanz infolge Deckung unberichtigt gebliebener Passiva, sowie wegen Mehraukaufskosten entlehnter Papiere nur dieser Betrag eingestellt werden.

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