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Jüdisches Volksblatt · 1899-07-28 · 24 (28.7.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
24 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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AM" Nach der Confiscation zweite Auflage. -MW Redaclion: ll/8, Nnkere Augarkenstratze 19. Sprechstunden: An Wochentagen von 4 bis 8 Uhr nachmittag-; an Sonntagen von 1v bis 13 Uhr vorniittagS. Postadresse: Jüdisches VolkSdltttt, Wien, H|3. Vrfchtverden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir u»S dringend. — Maunsertpte werden nicht znrürlg «stellt. Postsparcaflen-Conto »47037. In dar Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint reden Freitag rmkrr Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten, Presscommisswu. Inserate übernehmen die Firmen: I. Daiineberg, M. Xulei, Haasonstein ic Bögler, Rudolf Mosse, A. Oppelik, M. Pozsonyi, «. Schale! in Wien, ferner alle Aiiiionccn-Txpeditionen im Auslande. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. Administration: ll.» Untere Augartenftrahe 19. Abonnementspreis: Für Wien n. Oesterreich-Ungarn sammt Franoozustellung. Ganzjährig.fl. 4.— talbjährig.st. 8 — ierteljährig.fl. 1.— Für daS gesummte stlusland sammt Fraiicozustellttiig. Ganzjährig . ..fl. 4!» Halbjährig ....... fl. 2-25 Vierteljährig ..fl. I.I5 Ur. 24 Wien, 28. Juli 1899. * I. Jahrgang. Steuern und Wahlrecht. ßonfisciert 2 Gemfiscierö! Confiscierf 2 Das Octroi der neuen Steuer war vorauszusehen. An den Fingern konnte man es sich abzählen, dass es so kommen würde. Nichtsdestoweniger hat gerade die Partei, die zufolge ihrer Position in Wien den Kampf am schärfsten führen kann und muss, all ihre Kräfte in der Wahlrechtsbewegung angespannt und nicht nur eine gemeinsame Abwehrbewegung anscheinend unmöglich gemacht, sondern auch die Möglichkeit geraubt, die christlich-sociale Scheinopposition dem Volke recht deutlich klar zu machen. Was hat die Wahlrechtsbewegung der christlich-socialen Partei weiter viel geschadet? Was aber hätte es dieser Volkspartei schadeil fönneu, wenn inan hätte Nachweisen können, dass sie jetzt, wo es sich um Fragen von so weittragender Bedeutung handelt, ihr eigenes Volk verrathen habe? Steuern werden dem Volke aufgebürdet, die alle arbeitenden Stände, Bauern, Gewerbetreibende und Klein- Das Fest der Liebe. Ein C u l t u r b i l d, g e w i d m e t unseren modernen Töchtern. Wissen Sie, meine lieben Leserinnen, dass heute, am 15. Ab, ein Feiertag ist, und gerade Ihr Feiertag? Gewiss nicht. Im Elternhaus ist nichts davon zu sehen. Mau arbeitet wie alle Tage, man isst das alltägliche Mittagsmahl, nirgends die Spur einer besonderen FeierÜchkeit. Selbst in der Synagoge sieht es nicht festlich aus. Kein Gottesdienst mit Cantor und Chor, keine Predigt, man betet das gewöhnliche Wochengebet, nur der Tachnun wird ausgelassen. Dennoch ist der Tag ein Festtag, und hauptsächlich die jüdischen Mädchen sollten ihn feiern. Heute ist der 15. Ab. An diesem Tag schmückte Großmutter, als sie noch Mädchen war, sich mit ihrer schönsten Tracht und gieng hinaus in die Weingärten, um den Tag zu feiern mit Tanz und Gesang. „Unsere Großmutter? Irren Sie sich nicht? Von unseren Großmüttern erzählt man doch, dass sie so zurückgezogen lebten, dass sie nicht einmal mit dem Bräutigam verkehrten'? Dass sie sich vor einem fremden Mann versteckten? Und nun erzählen Sie, dass sie als Mädchen in öffentlichen Gärten mit jungen Leuten tanzten? Ist das ein Jrrthum oder ein Witz?" Weder das eine noch das andere. Nur ein kleines Missverändnis. Ich erzähle nicht von Großmutter hier im Exil, in dem wir den ganzen Sinn des Lebens verloren haben. Hier sorgten Großvater und Großmutter nur für das Leben nach dem Tode. Das irdische Leben, das ihnen doch nur Jammer und Elend bot, suchten sie zu verachten. Nicht von diesen Zeiten spreche ich. Erzählen will ich von Urgroßmutter, in der ganz alten Zeit, da bürger gleichmäßig belasten. Das Verfassungsleben Oesterreichs steht auf dem Spiel — und angesichts dieser Nothlage nirgends die Vernunft, die eine kluge Taktik gebieten würde. Und wir Juden '? Noch nicht vier Wochen sind verflossen, da haben einige unserer immerwährenden und zu langlebigen „Führer" im Namen des Freisinnes und Fortschrittes gegen die Wahlreform protestiert. Wo sind sie heute, diese Führer, die immer ein Herz sür den Freisinn, doch niemals den Muth für die Juden haben? Wollen sie etwa wieder als „ehrliche Fortschrittler" gegen das verfassungswidrige Vorgehen der Negierung protestieren? Nein, nein! Wenn sie unsere Führer sein wollen, dann mögen sie die Maske fallen lassen. Sie mögen zum jüdischen Volk kommen und das jüdische Volk wird protestieren. Denn wir Juden haben ein Anrecht an der Verfassung Oesterreichs, ein Recht, das im Jahre 1848 mit dem Blute von Juden erkauft wurde. Oder meinerr diese „Führer", dass das jüdische Volk von den neuen Steuern weniger bedrückt werde als irgendein Volk oder Stand? Sie mögen nur kommen und sehen, wie das jüdische Proletariat, dieses ganz specifische Proletariat, in erschreckendem Maße wächst, wie die wirtschaftliche Mittelstandseinheit des jüdischen Volkes immer mehr zu einer Einheit der Sorgen und der unzulänglichen Lebensführung wird. Aber sie werden nicht kommen, diese Führer. Sie werden wieder einmal irgendwo den Freisinn retten und die Verbindung mit dem Volk ängstlich meiden. Und wieder wird eine Gelegenheit zur selbständig politischen Regung des jüdischen Volkes unbenutzt vorübergehen. Denn noch ist keine jüdische Organisation geschaffen, welche gemeinsam mit den anderen Parteien in Wien ihre zweifellos gewichtige Stimme erschallen lassen könnte, welche die jüdisch-politischen Gemeinden Mährens zu bewegen vermöchte, dem Beispiele der nordböhmischen Gemeinden zu folgen. Nur auschließen kann sich vorläufig das jüdische Volk dem allgemeinen Protest, der derzeit Oesterreich durchbraust, auschließen dem Proteste gegen den Verfaffungsbruch, gegen die Austragung der neuen Steuern, welche die große Masse des jüdischen Volkes ebenso schwer bedrücken, wie die aller Völker Oesterreichs. Juden und Judenthum. Von R. A. B. V. In der jüdisch-nationalen Idee liegt wirklich die Lösung aller beiden Fragen: die der Juden und des wir noch lebten im eigenen Lande, auf eigenem Boden lebten nach unserer Sitte, zur Zeit, da wir noch König und Sprache besaßen, da noch heilige Priester unsere religiösen Pflichten besorgten, da das Volk noch lebte, wie ein Volk und das Leben verstand. Aus dieser guten, alten Zeit, will ich Euch, liebe Leserinnen, etwas erzählen. Rabbi Simon b e n G a m l i e l berichtet uns, dass kein einziger Feiertag in Jerusalem so herrlich ausfiel, wie der 15. Ab. Denn an diesem Tage wurden Volksfeste in den Weingärten veranstaltet, und alle Mädchen Jerusalems, von der Tochter des Königs bis zu der des ärmsten Arbeiters, alle in gleicher Tracht, zogen hinaus zum Tanz, alle, . ohne Unterschied des Standes, ohne Unterschied des Reichthums. Und — hören Sie die Kunde von jener Sitte, die wieder von der klugen Güte und dem socialen Empfinden unserer Volksinstitutionen zeugt. Alle Mädchen kamen in weißen Kleidern. Aber kein Mädchen durfte den Garten in ihrem eigenen Kleide betreten, ein ausgeliehenes musste sie tragen. „An diesem Tage lieh sich die Tochter des Königs das Kleid von der Tochter des Hohepriesters, die 'Tochter des Hohepriesters von der Tochter des Marschalls, imö so gieng es weiter bis zur Tochter des ärmsten Arbeiters, die wieder bei ihrer Freundin sich ein weißes Kleid auslieh. Alle kamen sie in die Gärten in fremdem, Kleidungsstück." Und kennen Sie, liebe Leserin, den Grund dieser Vorschrift? „Es sollen nicht jene Mädchen gekränkt und verletzt werden, die zu arm sinh, sich ein eigenes, weißes Festkleid anzuschoffen Und sich eines ausborgen mussten." Natürlich, in Europa, im neunzehnten Jahrhundert, herrschen andere Sitten bei großen Festlichkeiten. Die kein schönes Tanzkleid besitzt, kommt überhaupt nicht zum Fest, Judenthums. Jedermann findet in ihr, je nach seiner Weise, das, was e>' sucht. Daher die verschiedene Wirkung in jedem der Lager und die verschiedenen Endziele bei den „Zurückkehrenden" einerseits und bei den im Judenthume Auferzogenen andererseits. Die, welche ganz in europäischassimilatorischem Geiste ausgewachsenwaren, in ihrer Kindheit von Juden und Judenthum nichts vernommen haben und nur durch Antisemitismus, durch Zurückgcsetztwerden, durch Verfolgungen re., mit einem Worte: durch äußere Ursachen, zu-der jüdisch-nationalen Idee kamen und zu denen auch von außen die Begeisterung für diese Idee gelangt ist, die suchen in dem Worte „Palästina" eine Lösung der Juden frage. Sie calculieren: „Die Verfolgung kann nur dann aufhören, wenn wir als „Volk" leben werden und, um dieses Leben zu erreichen, müssen wir einen „Judenstaat" besitzen. Sprache und Volksgmst, Literatur und Judenthum soll dort für sich selbst werden oder auch nicht werden. — Wir suchen materielle Hilfe." . Ganz anders denken die, welche, nn Judenthume erzogen worden sind, den jüdischen Geist mit der Muttermilch eingesaugt haben. Bei diesen "kommt die jüdischnationale Idee vom Innern der Seele, von der Tiefe des Herzens, und sie suchen im Worte „Palästina" eine Lösung der Frage des Judenthums. Sie sagen: „Wenn auch die Judenfrage schon gelöst sein sollte, alle unsere politischen und bürgerlichen Rechte überall im weitesten Sinne hergestellt sein sollten)' auch dann hätten wir noch immer nicht die Lösung der Frage des I u d e n - th ums, einen Centralpunkt sür unser geistiges Leben, eine Verbindung specifischen Denkens und eine Fortsetzung unserer geschichtlichen Entwicklung. Und das finden wir in Palästina." Wie heterogen diese beiden Anschauungen auch sind, sie kommen doch beide zu einem und,Demselben Resultat. Sie unterstützen sich daher gegenseitig , und so kam es, dass wir am Anfänge der Bewegung nicht einmal einer Polemik begegneten. Erstere fanden in den hebräischen Schriftstellern David G o r d o n, Perez S m o l e n s k i und anderen gute Vorkämpfer und Volksagitatoren für ihre Sache; letztere wieder freuten sich „der verirrten Schafe, die zu der Herde z u r ü ck k e h r t e n." Wohl sahen sie ganz gut ein, dass diese Rückkehr keine Reaction im Sinne des religiösen Fanatismus sei: Sie meinten, dass vielmehr ein ganz neuer Weg geschaffen worden sei, die schon verloren gegebene „Intelligenz" wieder den „Juden" und folgerichtig auch dem „Judenthume" näher. zu bringen. Und so giengen sie Hand in Hand, bis die Idee sich ein armes Mädchen bleibt zuhause. Bei uns in Jerusalem war das anders. Das sociale Leben hat andere Formen gezeigt. Es herrschte nicht dieser erdrückende Unterschied zwischen Aristokratie und Volk, zwischen Reich und Arm. A l l e waren gleich auf diesem Volkfeste, alle, von der Prinzessin bis zur Handwerkerstochter. Und nur, um nicht ein einziges Mädchen zu kränken, damit auch die Aermste sich nicht bedrückt fühle, ein Kleid zu leihen, zu diesem Zwecke wurde diese Sitte eingeführt. Und fröhlich und heiler gieng es zu auf diesem Feste! Die Töcbter Jerusalems tanzten und sangen, junge Männer mit ihnen, und „viele Bündnisse fürs Leben wurden bei dieser Gelegenheit geschlossen." Heiratsvermittler haben damals noch nicht existiert, Man hat noch nicht gehandelt mit jungen Menschenherzen. Die Poesie des Festes wurde niemals durch solche Misstöne gestört. Denn dieser Tag war der Liebe gewidmet. Frei brachten die jungen Leute ihre Gefühle zum Ausdruck, alle Herzen athmeten Lust und Liebe, alle Seelen haben sich verstanden. Ein altes Document überliefert uns auch den Inhalt der Lieder, welche die Mädchen sangen. Die Schonen unter ihnen sangen : „Lieber Junge! Sieh' nur unsere Schönheit! Nur die Schönheit ist des Preises wert." Die aus adeligem Stamme also: „Lieber Junge! Vergänglich ist die Schönheit! Sieh' nur auf den Stamm! denn Kinder sind des Weibes Stolz, und Kinder müssen sich auf Familientraditionen stützen." Die aber weder schön noch aus adeligem Stamme waren, die sangen: „Lieber Junge! Was Herzenslieb' ist, ist schön. Wonach Dein Herz gelüstet, das wähle." Merkwürdig! Von allem sangew-die Mädchen Jerusalems, von Schönheit, von Adel und von Liebe. Nur nicht v o n N e i ch t h u m, v o n G e ld u n d M i tgift. Die alten Hebräer wussten eben noch nicht, dass bei einem Herzensbund Geld eine Rolle spielen kann. Md •sSLi

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