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Jüdisches Volksblatt · 1899-07-21 · 23 (21.7.1899) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
23 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. Juli 1890 Nr. 23 ange st eilten tag und lässt hiermit an sämmtliche Organisationen jüdischer Handlungsgehilfen die Einladung ergehen, denselben nach Kräften zu beschicken. Der Parteitag, dessen Zustandekommen in unser aller Interesse gelegen ist, soll uns zum erstenmale Gelegenheit bieten, einen Ueberblick über unsere Lage zu gewinnen und nach gemeinsamer Berothung und eingehender Discnssion darüber schlüssig zu werden, welche Schritte wir zur Förderung unserer nationalen und wirtschaftlichen Interessen zu unternehmen haben. Die jüdischen Handelsangestellten bilden in ihrer Gesammtheit einen integrierenden Bestandtheil der jüdischen Gesellschaft, und es erwächst ihnen daraus die Pflicht, jederzeit und mit allen Kräften für die politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung des jüdischen Volkes eiuzutreten. Bisher sind sie in keiner Weise dieser Verpflichtung nachgekommeu. Entweder sie gefallen sich in völliger nationaler Unthätigkeit und blicken mit empörender Gleichgiltigkeit über die Leiden unserer Stammesangehörigen hinweg, oder sie suchen ihr Heil in dem Anschlüsse an andere politische Parteien, die wohl den jüdischen Mitkämpfer dulden, solange sie ihn brauchen können, aber für das Judenthum als solches nicht das geringste Interesse haben. Trotz der großen Bedeutung, welche unser Stand für das gesummte Wirtschaftsleben besitzt, hat es derselbe noch immer nicht verstanden, sich jene Stellung im socialen Leben zu erringen, die ihm vermöge seiner Zahl und vermöge der ihm innewohnenden Intelligenz gebürt. An uns, den organisierten, stammesbewussten jüdischen Handlungsgehilfen, ist es daher gelegen, durch strammes Zusammenhalten und durch energisches Eintreten für unsere Standesinteressen uns, wenn auch nicht die Liebe, so doch wenigstens die Achtung aller anderen Stände zu erzwingen. Außer dieser Aufgabe hat der Parteitag eine nicht minder wichtige zu erfüllen. Ein großer Theil unseres Programmes soll unserer wirtschaftlichen Lage gewidmet sein. Dass die materiellen Verhältnisse, in denen wir leben, die denkbar schlechtesten sind, dass die Kräfte unserer Standesangehörigen oft in unverschämter Weise ansgebeutet werden, dessen sind wir uns schon längst bewusst, aber Abhilfe konnten wir bisher nicht schaffen. Bei uns wird viel geklagt und gejammert, aber zu einer entscheidenden That hat sich noch niemand aufgerafft. In dem Anschlüsse an unsere arischen College« glaubten wir das geeignete Mittel gefunden zu haben. Was hat uns aber das eingetragen? Nur die bittere Erfahrung, dass dem Juden gegenüber die Solidarität in Brüche geht. Wenn uns jüdischen Handlungsgehilfen geholfen werden soll, dann müssen wir selbst dazu schauen, und wenn wir uns nicht zur Selbsthilfe ermannen können, dann verdienen wir kein befferes Los! Deshalb, jüdische Handlungsgehilfen, rufen wir Euch zu: Organisieret Euch auf nationaler Basis! und richten noch einmal an Euch die Forderung: Seid eingedenk dessen, was Ihr in Eurem und im Interesse Eurer Genossen zu thun habt! Agitiert allerorten für die rege Betheiligung an unserem Parteitage, erscheinet so zahlreich als möglich! Nachfolgend geben wir das Programm bekannt: 1. Begrüßung. Wahl des Bureaus. Verlesung der Einläufe. 2. Die Lage der jüdischen Handlungsgehilfen. Stellungnahme zu wirtschaftlichen Fragen. Stellung zum Zionismus. 3. Organisation. 4. Parteipresse. 5. Stellenvermittlung. 0. Eventualia. Der Ausschuss. Anmeldungen sind an den Verein „Emnnah", Brünn, zu richten. Gesinnnngsfrenndliche Zeitungen werden um Abdruck gebeten. Von Dr. E. H. Judenstatisttt und Judenpolitik Manche von denjenigen, welche meine „Die Judenschaft ons der Erde" betitelt Artikelserie gelesen, mögen vielleicht unbefriedigt gefragt haben: Wozu das? Was frommt uns Juden der ziffernmäßige Nachweis unserer Bertheilung auf der gesammten Erde und in einem bestimmten Staate? Diesen Fragern will ich heute die Antwort geben. Wohl frommt es uns, zu wissen, wie st a r k wir sind! Die Judenstatistik unseres Heimatlandes Oesterreich-Ungarn soll es insbesondere darthun, dass es die unvernünftigste aller Taktiken, der schwerste und gefährlichste aller Fehler war, dass wir so lange zu selbstgewählter Ohnmacht uns verdammten. Es ist nicht wahr, dass die Juden allein nichts auszurichten vermögen, dass sie darauf angewiesen seien, von Thür zu Thür betteln zu gehen, um Unterstützung oder auch — Fußtritte zu erhalten, wenn sie nicht auf eine menschenwürdige Existenz verzichten wollen, Es ist nicht wahr, dass wir uns nicht selbst genug sind bei der Verfolgung der uns gebärenden Rechte, bei der Geltendmachung der Kräfte, über die wir verfügen. Die im Folgenden gelieferte kurze Statistik der Judenschaft Oesterreich- Ungarns soll zeigen, dass wir berechtigt sind, dem Gedanken an eine Selbsterhebung Raum zu geben, weil wir zum Bewusstsein unserer Stärke gekommen sind. Möge man es staunend erfahren, dass nicht nur die Deutschen, sondern auch wir Juden Gott fürchten und s o n st n jemand e n a u f d e r W e l t. Nun denn zu unserem Thema! Am 31. December 1869 gab es in Oesterreich 822.249 Juden und diese machten ziemlich genau 40 pro milk* der damaligen Gesammtbevölkerung Cisleithaniens aus. Ueber die einzelnen Kronlttnder waren dieselben folgendermaßen verbreitet: pro mille Zahl der Gesammtbevölkerung Niederösterreich .... 52.350 26 Oberösterreich. 720 1 Salzburg. 47 — Steiermark. 778 1 Kärnten. 30 — Krain. 51 — Küstenland. 4939 8 Tirol und Vorarlberg. . 358 — Böhmen. 89.933 18 Mähren. 42.899 21 Schlesien. 6142 12 Dalmatien ...... 279 1 Galizien. 575.918 106 Bukowina. 47.772 93 Die nächste allgemeine Zählung fand im Jahre 1880 statt. Am 31. December dieses Jahres hatte Oesterreich 20,394.980 Einwohner, wovon auf Niederösterreich 2,330.621 Köpfe entfiele». Juden lebten damals in diesem Kronlande 95.058, also über 40 pro mille der Bevölkerung. In Wien, dessen Einwohnerzahl an jenem Tage auf 726.105 Köpfe berechnet wurde, gab es 73.222 (fast 100 pro mille) Personen jüdischer Nationalität. Wiener-Neustadt zählte unter seinen 23.775 Inwohnern 349 (15 pro mille), Waidhofen a. d. Pbbs 34 (10 pro mille) Glaubensgenossen. In den 18 Bezirkshauptmannschaften des Kronlandes war die Vertheilnng der Juden folgende: Bezirkshauptmannschaft Zahl pro mille Amstetten. . . 161 der Bevölkerung. 2 Baden. 11 Bruck a. d. Leitha. . . 709 . 9 Groß-Enzersdvrf . . . 929 18 Hernals. . . 7048 35 Horn. . 297 8*5 Korneuburg . 15 » Krems. . 615 6 Lilienfeld. . . 64 3 Mistelbach. . . 1079 10 Neunkircheu. 7*5 Oberhollabrunn. 7*5 St. Pölten. . . 871 8*4 Scheibbs. . . 170 3*7 Sechshaus .. 27 Waidhosen a. d. Thaya . . . . . 493 6 Wiener-Neustadt (Umgebung) . . . 286 4*9 Zwettl. . . 234 5*7 — 86 — er gieng zu den unschuldig Leidenden, und gab ihnen alles, was er besaß. Einem gab er etwas von seinem Verstände, dem Andern etwas Geld, und den dritten streichelte er so, wie eine Mutter ihr krankes Kind. Aber das alles half ihm nichts, und die Traurigkeit bedrückte ihn so, dass er Gott um einen raschen Tod bat. Nu, Gott gab ihm nicht den Tod, schickte ihm einen tiefen Schlaf. Es träumte ihm, dass er mit dem ganzen Volke in der babylonischen Gefangenschaft sei, und dass einer zu ihm kam und sprach: Reb Uriel, rath' mir, wie ich in dem Geschäft vorgehen soll? und er wollte sprechen, aber die Zunge versagte ihm. Und ein zweiter kommt und sagt: Reb Uriel, lehre meinen Sohn in den heiligen Büchern lesen — und er wollte lehren, und konnte es nicht, weil er selbst das Lesen vergessen hatte. Und ein dritter kam und sagte: Reb Uriel, gib mir was zu essen — und er wollte geben, und konnte es nicht, weil sein ganzes Vermögen verschwunden war. Da schrie Reb Uriel fürchterlich, er erwachte und fühlte, dass er seinen Verstand und sein Vermögen noch besitze, da fiel er auf sein Antlitz und betete: Lieber Gott gieb mir den Tod noch nicht, ich bin zwar unglücklich, aber ich kann den Traurigen Freuden bereiten! . .. . Und einer unserer großen Rabiner — er hieß Ben - Akiba — sagte, diese Geschichte zeige, dass wenn Jemand unglücklich ist, und sich sehr kränkt, so soll er nur genau zusehen, und er wird unter den ihn umgebenden Dornen süße Beeren entdecken. Sieh! — sagte Korejba — wie klug Du bist, Gedali, so viele Geschichten kannst Du auswendig! Und bei Gott, sie sind gar nicht schlecht. Deine Geschichten, wenn's auch Jüdische sind. Setz' dich nur, setz' Dich, jetzt werden wir von den Erbsen reden. Durch die ihm bewiesene Huld erfreut, andererseits durch die Erwähnung der Erbsen geängstigt, lächelte Gedali, seine Augen flackerten unruhig, er neigte sich tief und stotterte; daß er sich nicht die Freiheit nehme.... es schade nichts.... er werde stehen.... Judwiga aber sprang auf, ergriff einen Sessel, stellte ihn neben den Juden und sagte mit einem reizenden Lächeln ihrer rothen Lippen: Bitte sich zu setzen! Die Füße müssen Ihnen schon weh thun vom stehen! Bitte, aber bitte, Platz zu nehmen! Das „aber bitte" bezog sich auf die Bewegung die der Jude machte, das rothe Händchen küssen zu wollen. Setz Dich schon, zum Kuckuck! rief Korejba befehlend. Erschreckt, setzte sich der Jude sofort. Er saß in der Nähe des Feuers; man konnte es genau bemerken, wie seine Füße und Hände zitterten, sein Athem rasch und pfeifend gieng, die Augen aber waren so eingesunken, dass sie, wie zwei schwarze Sterne, in dem wachsgelben, mageren Gesichte glänzten. Wie schlecht Du aussiehst! Man legt besser Aussehende in den Sarg wie Dich, — flüsterte Korejba. — Bist Du krank V Krank, gnädiger Herr, sehr krank! — 89 — Er erzählte, dass er seit dem Brande seines Hauses und dem Tode seiner Frau zu husten angefangen und kraftlos geworden sei, seit zwei Jahren gehe es ihm immer schlechter. Es preßt ihm auf der Brust und schwach sei er, schrecklich! Wenn er nicht krank wäre, könnte er mehr gehen und mehr verdienen, vielleicht könnt' er auch ein besseres Geschäft führen. Aber das ist so eine Krankheit, die alle Kräfte raubt.... Nu, sollen die Herrschaften selbst sehen.... Er räusperte sich, spie auf seine Hand und zeigte sie den Anwesenden; sie war voll Blut. Heilige Jungfrau! — entsetzte sich die Hausfrau! Judwiga bedeckte die Augen mit der Hand. Tomkiewiez wandte sich ab, spuckte vor Eckel aus und packte seine Mütze; die Augen des alten Korejba aber feuchteten sich. Oh, wie gut erinnerte er sich an die glänzenden Zeiten Gedali's, den Laden seiner Frau, die Reise, die er in seiner Briczka nach Stonin gemacht — und er bedauerte ihn sehr. Als Sohn der Armuth und der schweren Arbeit, kannte er die Noth und seine Seele war in dem rauhen Körper weich geblieben. Lungensucht oder was anderes? — fragte er halblaut — warum, zum Kuckuck curierst Du Dich nicht, Jude? Ich war beim Doctor. Und was sagte Dir der Arzt? Was? er sagte, ich soll jeden Tag Fleisch essen, viel Milch trinken, wenig gehen, und mir jede Woche Blutegeln setzen lassen. Ein Lächeln lief über sein Gesicht. Fleisch essen und Milch trinken kann ich nicht, weil das zuviel kostet . . . Gehen muß ich viel, weil das zu meinem Geschäft gehört... so folge ich dem Doctor in Einem,... ich lasse mir jede Woche Blutegeln setzen, ... das kostet nur einen Gulden... nu. . . so viel kann ich auf meine Cur allsgeben.... Jesus! — verwunderte sich Frau* Korejba, wie könnt Ihr denn bei dieser Krankheit so viel gehen? Er hörte auf zu lachen und erwiederte einfach: Ich gehe doch! In diesen Augenblick kam Judwiga, die vor einigen Sekunden das Zimmer verlassen hatte, mit einem großen Topfe herein, sie näherte sich dem Juden. — Hier ist Milch! sagte sie, und reichte ihm beit Topf. Gedalis Augen leuchteten. Er sah auf den Topf, der bis zum Rande mit noch warmer Milch gefüllt war, und schüttelte verneinend den Kopf: Ich danke Fräulein. Ich darf nicht. Was? Ist das trefe? — rief Tomkiewiez lachend. Ich darf das nicht.. . . Vielleicht Butterbrod? frug Janek. Gedali sagte nichts mehr, er schüttelte nur den Kopf.

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